A44 bei Jackerath 08.01.2026, 07:30 Uhr

Rotorblatt eingeknickt: Wie kam es zur Windrad-Havarie?

Rotorblatt-Bruch an Nordex-Anlage: Wie eine Fernsteuerung die Gefahr für die A44 bannte. Experten suchen nach der Ursache für das Strukturversagen.

Ein Fahrzeug der Feuerwehr steht vor einem Windrad bei dem ein Flügel beschädigt ist

Ein Fahrzeug der Feuerwehr steht vor einem Windrad bei dem ein Flügel beschädigt ist.

Foto: picture alliance/dpa/Justin Brosch | Justin Brosch

Die Sichtbarkeit war durch dichtes Schneetreiben eingeschränkt, als die Einsatzkräfte am Mittwochmorgen die Autobahn 44 am Kreuz Jackerath erreichten. Nur etwa 200 Meter neben der Fahrbahn bot sich ein ungewöhnliches Bild: Ein massiver Flügel einer Windkraftanlage war abgeknickt. Er hing in einer bedrohlichen Position am Turm herab. Da tonnenschwere Trümmerteile jederzeit auf die Autobahn hätten stürzen können, reagierte die Polizei gegen 10:30 Uhr sofort. Sie sperrte die wichtige Verkehrsader komplett.

Der Vorfall ereignete sich auf dem Gelände des Energiekonzerns RWE, direkt an der Abbaukante des Braunkohletagebaus Garzweiler. In diesem Bereich steht der Windpark Bedburg A44n. Die Anlage ist ein Modell des Herstellers Nordex. Der Schaden betrifft ein Projekt, das sich noch in einer sensiblen Phase befindet. „RWE hat die Anlage noch nicht abgenommen und übernommen“, erklärte ein Sprecher des Energieunternehmens dazu. Damit liegt die Verantwortung für die Sicherheit und die technische Analyse derzeit noch primär beim Hersteller.

Warum die Autobahn gesperrt werden musste

Ein abgeknickter Rotorflügel stellt eine unberechenbare Gefahr dar. Die Feuerwehr unter der Leitung von Einsatzleiter Guido Garbe legte deshalb einen Sicherheitsradius von 400 Metern um die Havariestelle fest. Dieser Radius war notwendig, da herabstürzende Teile bei Wind keine senkrechte Falllinie verfolgen. „Wo geht das hin? Da weiß man nicht genau, durch den Wind, wo genau wird das landen? In diesem Bereich liegt die BAB44, die ist zurzeit voll gesperrt, weil das natürlich eine Riesengefahr ist, wenn das Ding runterkommt und dann zufälligerweise auch auf die Autobahn geht“, beschrieb Garbe die Situation vor Ort.

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Die Fachleute standen vor einer schwierigen Entscheidung. Ein manueller Abbau des beschädigten Flügels mit einem Kran war unter den gegebenen Witterungsbedingungen und aufgrund des Zeitaufwands nicht möglich. Zudem hätten sich Personen für die Montage in den unmittelbaren Gefahrenbereich begeben müssen. Die Feuerwehr hoffte zunächst darauf, dass der Flügel durch die Schwerkraft oder den Wind kontrolliert abfällt.

Die rettende Drehung per Fernzugriff

Am späten Nachmittag gelang den Technikern von Nordex ein entscheidender Schritt. Sie griffen per Fernsteuerung auf die Steuerungssysteme der Anlage zu. Trotz des massiven Schadens am Rotor ließ sich das Maschinenhaus, die sogenannte Gondel, bewegen. Die Fachleute drehten die gesamte Anlage um 180 Grad.

Durch dieses Manöver zeigt das beschädigte Blatt nun nicht mehr in Richtung der Autobahn. Ein Sprecher von Nordex bestätigte am Abend, dass man selbst bei einem vollständigen Abbruch nun nicht mehr davon ausgehe, dass Trümmer die Fahrbahn erreichen könnten. Gegen 17:00 Uhr gab die Autobahnpolizei die Strecke wieder für den Verkehr frei. Der Flügel hängt jedoch weiterhin in seiner instabilen Lage. Nordex muss nun einen Plan entwickeln, wie das Bauteil sicher demontiert werden kann.

Die Suche nach dem Fehler in der Struktur

Für Ingenieurinnen und Ingenieure stellt sich nun die Frage nach der Ursache. Ein solches Schadensbild ist bei modernen Anlagen äußerst selten. Die Rotorblätter bestehen in der Regel aus Verbundwerkstoffen wie glasfaserverstärktem Kunststoff (GFK) oder kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff (CFK). Diese Materialien sind auf eine Betriebsdauer von mindestens 20 Jahren ausgelegt. Sie müssen extreme Lastwechsel und Fliehkräfte verkraften.

Normalerweise überwachen Sensoren im Inneren der Blätter und am Turm die Vibrationen und Lastzustände. Bei kleinsten Unregelmäßigkeiten oder Unwuchten schaltet das System die Anlage sofort ab. Warum diese Sicherungsmechanismen den Schaden in Bedburg nicht verhindern konnten, ist nun Gegenstand der Untersuchung. Nordex hat hierfür eine spezielle Taskforce eingerichtet. „Wir können bestätigen, dass ein Rotorblatt an einer Windenergieanlage im Windpark Bedburg am Tagebau Garzweiler beschädigt ist“, teilte RWE kurz nach dem Vorfall mit.

Faktoren am Tagebau Garzweiler

Die Ursachenforschung wird verschiedene Aspekte beleuchten müssen. Da die Anlage unmittelbar an der Kante eines Tagebaus steht, untersuchen die Fachleute auch die Bodenbeschaffenheit und mögliche Setzungen. Ebenso könnten spezielle Windverhältnisse an der Abbaukante eine Rolle gespielt haben. Turbulenzen treten dort häufiger auf als in flachem Gelände.

Bisher gibt es keine Hinweise auf äußere Einwirkungen oder Sabotage. Vieles deutet auf ein lokales Strukturversagen hin. In Deutschland sind derzeit über 30.000 Windräder in Betrieb. Havarien wie in Bedburg bleiben statistisch gesehen eine Ausnahme, ziehen jedoch aufgrund der hohen Sicherheitsanforderungen in der Branche immer umfangreiche Gutachten nach sich.

Gibt es Konstruktionsfehler?

Die beteiligten Unternehmen müssen nun klären, ob es sich um einen Materialfehler in der Produktion oder um einen Montagefehler handelt. Solange diese Fragen nicht beantwortet sind, wird die Anlage im Windpark Bedburg stillstehen.

Einen ähnlichen Fall hatte es im Jahr 2024 im Kreis Gütersloh gegeben. Damals knickte ebenfalls ein Rotorblatt ab, Teile davon stürzten zu Boden. Es soll sich damals ebenfalls um eine Nordex-Anlage gehandelt haben. Ende September 2024 hatte ein Sturm mit rund 80 km/h das Windrad beschädigt. Was eigentlich nicht hätte passieren dürfen.

(mit Material der dpa)

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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