Rohstoffbörsen 20.07.2012, 11:00 Uhr

Rohstoffhandel: Asien hat den höchsten Rohstoffbedarf

Der Bedarf an physischen Rohstoffen ist zurzeit in Asien am größten. Neben China gehören auch Indien, Japan und Korea zu den Top-Nachfragern. Gehandelt wird allerdings vornehmlich im Westen. So liegen die großen Rohstoffbörsen in Chicago, New York und London. Bis jetzt.

Im Juni machte die Hong Kong Exchanges & Clearing (HKEx) der London Metal Exchange (LME) ein Angebot. Knapp 1,4 Mrd. £ bieten die Chinesen den Aktionären der LME für eine Übernahme. Eine Wertpapierbörse will also eine Rohstoffbörse kaufen.

China will Einfluss auf den Rohstoffhandel erhöhen

Den Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) überrascht das nicht. Er vermutet dahinter eine Strategie. „Nachdem China einen sehr starken Zugriff auf die physischen Rohstoffe vorgenommen hat, will sie jetzt anscheinend in einem zweiten Schritt ihren Einfluss auch auf die Handelstätigkeit erhöhen, die momentan noch sehr stark im Westen stattfindet“, sagt Matthias Wachter, Leiter der Abteilung Sicherheit und Rohstoffe im BDI.

Klar ist, auch wenn in Asien mit China, Indien, Südkorea und Japan vier der größten Rohstoffnachfrager sitzen, befinden sich die etabliertesten Rohstoffbörsen in Chicago, New York und London: Das sind zum einen die Börsen der CME Group – also die Chicago Mercantile Exchange, das Chicago Board of Trade, die New York Mercantile Exchange und die New York Commodities Exchange. Hier werden Energierohstoffe, Agrarrohstoffe und Metalle gehandelt. Zum anderen sind das die Intercontinental Exchange (Energierohstoffe, Agrarrohstoffe) und die London Metal Exchange (Industriemetalle).

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Sollten die Aktionäre der LME für eine Übernahme stimmen, hätte die HKEx damit eine der etabliertesten Rohstoffbörsen unter ihre Kontrolle gebracht. Ein Szenario, das Wachter sehr kritisch sieht: „Die HKEx ist ein Finanzmarktakteur, der nicht diese Industriebindung hat wie die LME. Wir befürchten, dass die Gewinnmaximierung stärker in den Vordergrund treten würde.“ Dies könnte bedeuten, dass aus Kostengründen auf eine tägliche Preisermittlung verzichtet und zu einer wöchentlichen bzw. monatlichen übergegangen wird. Auch wäre es möglich, dass die Gebühren erhöht werden.

Die Schwelle für einen Verkauf ist allerdings sehr hoch. So ist eine Einwilligung von über 75 % des stimmberechtigten Kapitals erforderlich.

Die Gewichte im Rohstoffhandel verschieben sich in Richtung Asien

Doch nicht nur durch eine mögliche Übernahme der LME könnten sich die Gewichte im Rohstoffhandel nach Asien verschieben.

„Die Bedeutung der asiatischen Börsen wird immer größer“, betont Eugen Weinberg, Chef-Rohstoffanalyst der Commerzbank. Bei Metallen spielten insbesondere die chinesischen Börsen eine immer größere Rolle. „Die LME ist zwar immer noch die wichtigste Metallbörse, aber die Shanghai-Börse schließt auf. Hier steigen die Umsätze von Jahr zu Jahr deutlich stärker als an der LME.“

Bei den agrarischen Rohstoffen, gewinnen nach Weinberg, sowohl die indischen als auch die chinesischen Börsen an Bedeutung. Grund ist hier, wie bei den Metallen, dass die Nachfragen und der physische Handel in Asien sehr stark gewachsen sind.

Was aufstrebende Börsen im Bereich der Energierohstoffe betrifft, sieht Sven Heiligtag, Rohstoffexperte bei McKinsey, die Dubai Mercantile Exchange (DME), die Dubai Gold & Commodities Exchange (DGCX) und die Singapore Exchange (SGX) auf dem Vormarsch. Ursache sei, die erhöhte Nachfrage Chinas und das erhebliche Angebot des Mittleren Ostens und Afrikas.

Generell ist die Einführung neuer Börsen schwierig, da die Marktteilnehmer und die Liquidität bereits an den etablierten und über Jahre gewachsenen Börsen sind. Das Modell, eine Rohstoffsorte an einer Börse zu handeln und nicht an mehreren, hat nach Carsten Sürig, Leiter des Sektors Energy & Materials bei McKinsey, starke Vorteile. „Es gewährleistet, dass durch die dortige Konzentration von Anbietern, Nachfragern und Liquidität ein besseres Marktgleichgewicht, eine höhere Liquidität und Markttransparenz und damit ein unverfälschter Preis entstehen könnte.“

In Asien wächst der Rohstoffhandel in neu entstehenden Rohstoffbörsen

Dass im asiatischen Raum neue Rohstoffbörsen aufsteigen, lässt sich laut Heiligtag nicht nur durch starke physische Nachfrage und regionale Spezifika erklären. Neue Rohstoffbörsen entstünden auch dort, wo neue Rohstoffe gehandelt und damit neue Märkte bedient werden. „Der Mittlere Osten hat andere Sorten von Öl, China hohen Bedarf z. B. an Eisenerz.“ Hier entstehen neue Börsen, da diese in dieser Form noch nicht getradet werden“, so Heiligtag.

Was die Zukunft der Rohstoffbörsen betrifft, rechnen die beiden McKinsey-Rohstoffexperten damit, dass im asiatischen Raum weitere Börsen entstehen und wachsen werden. Die Chicago Mercantile Exchange, die Intercontinental Exchange und die London Metal Exchange würden aber weiter die größten bleiben. Unter welcher Flagge die LME dann stehen wird, werden allerdings die Aktionäre entscheiden.

Ein Beitrag von:

  • Christoph Böckmann

    Redakteur VDI nachrichten. Fachgebiete: Wirtschaft, Konjunktur, Geldpolitik.

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