Erneuerbare Energien 11.07.2013, 10:30 Uhr

Herkunftsnachweise für Grünstrom werden an der Börse gehandelt

Die Leipziger Energiebörse European Energy Exchange (EEX) will mehr Transparenz in den europaweiten Handel mit Herkunftsnachweisen für Wasser- und Windkraft bringen. Doch die bloße Umetikettierung von Graustrom bleibt bei näherer Betrachtung unglaubwürdig. Sie bringt keinen echten Fortschritt für die Marktintegration von Ökostrom, der in Deutschland physisch erzeugt wird und über Netzengpässe transportiert werden muss.

Beim europaweiten Handel mit Ökostrom will die Leipziger Energiebörse European Energy Exchange (EEX) mehr Transparenz in die Herkunftsnachweise für Wasser- und Windkraft bringen.

Beim europaweiten Handel mit Ökostrom will die Leipziger Energiebörse European Energy Exchange (EEX) mehr Transparenz in die Herkunftsnachweise für Wasser- und Windkraft bringen.

Foto: Ökoinstitut

Die EEX hat am 6. Juni den Terminhandel mit Grünstrom-Herkunftsnachweisen gestartet. Das erste und zunächst einzige Geschäft wurde zwischen dem dänischen Energie- und Zertifikatehändler Danske Commodities und dem österreichischen Energieversorger Steweag-Steg abgeschlossen. Dabei wurden 5000 Herkunftsnachweise über je 1 MWh nordeuropäische Wasserkraft gehandelt, die im Dezember 2014 zum Preis von 0,20 € je Zertifikat zu liefern sind.

Mit dem Kauf eines solchen Herkunftsnachweises können Energieversorger nachweisen, dass 1 MWh Strom aus erneuerbaren Energien erzeugt wurde. Der Handel am EEX-Terminmarkt ist dabei nicht an die physische Stromlieferung gekoppelt.

Zertifikate werden in Zentralregistern erfasst

Vielmehr handelt es sich, ähnlich wie beim Emissionsrechtehandel, um ein europäisches Zertifikatesystem. Die Zertifikate werden ähnlich wie beim Handel mit Kohlendioxidzertifikaten in Zentralregistern erfasst und nach dem Einsatz entwertet.

Die EEX hat diesen Handel mit drei Produkten gestartet. Das sind erstens Herkunftsnachweise für Strom aus Wasserkraft in der skandinavischen Region mit Norwegen, Schweden, Finnland und Dänemark, und zweitens in der alpinen Region mit Schweiz, Österreich und Deutschland. Das dritte Produkt sind Zertifikate für Windkraft aus der Nordseeregion mit Deutschland, Dänemark, den Niederlanden und Belgien.

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Die Grünstromeigenschaft wird mithilfe der Zertifikate z. B. von Strom aus Wasserkraft in Norwegen auf deutschen Graustrom übertragen, der zu einem großen Teil aus Kernenergie bzw. Kohle gewonnen wird. Er kann nun als „Grünstrom“ oder „Ökostrom“ deklariert und so an umweltbewusste Kunden verkauft werden. Durch das Zertifikatesystem wird garantiert, dass eine zertifizierte MWh erneuerbarer Energie tatsächlich erzeugt wurde und dass ihre Grünstromeigenschaft nur einmal vermarktet wird.

In den vergangenen Jahren hat sich schon ein schwunghafter außerbörslicher Handel mit den Grünstrom-Herkunftsnachweisen entwickelt. Wie aus Unterlagen der EEX hervorgeht, wurden im Jahr 2012 europaweit Zertifikate für mehr als 200 TWh Grünstrom gehandelt. Die EEX etabliert nun erstmals einen Börsenhandel dafür. „Wir werden durch dieses börsliche Angebot wesentlich mehr Transparenz in diesen Markt bringen“, kündigte Vorstandschef Peter Reitz an. Dies soll dadurch erreicht werden, dass die EEX einen diskriminierungsfreien Zugang zum Börsenhandel sicherstellt und die Preise und Mengen des Handels allgemein zugänglich veröffentlicht.

Umetikettieren von Strom durch Herkunftsnachweise bei näherer Betrachtung unglaubwürdig

Das Umetikettieren von Strom durch Herkunftsnachweise erweist sich allerdings bei näherer Betrachtung als unglaubwürdig. So wird die physikalische Wirklichkeit des Stromtransports dabei weitgehend ausgeblendet. Denn norwegische Wasserkraft kann tatsächlich nur sehr begrenzt nach Deutschland transportiert werden, weil es auf dem Weg dorthin mehrere Netzengpässe gibt. Im deutschen Stromnetz sind außerdem viele konventionelle Kraftwerke nötig, um die Frequenz stabil zu halten.

Im System der Grünstrom-Herkunftsnachweise bleibt aber auch eine große Informationslücke: Der Wasserkraftstrom in Norwegen, der seine Grünstromeigenschaft an deutschen Graustrom verloren hat, müsste nun eigentlich deutlich als Strom aus Kernenergie und Kohle gekennzeichnet werden. Nur dann gäbe es möglicherweise einen Anreiz für norwegische Stromkunden, einen Aufpreis dafür zu bezahlen, dass ihrem Strom die Grünstromeigenschaft nicht entzogen wird. Dieser Zusammenhang dürfte in Norwegen, wo der Strom zu 95 % aus Wasserkraft erzeugt wird, allerdings nur schwer zu vermitteln sein.

Das Öko-Institut Freiburg, das die europäischen Systeme für Herkunftsnachweise und Stromkennzeichnung ausführlich untersucht hat, verweist darauf, dass norwegische Stromrechnungen einen indirekten Hinweis auf den sogenannten „Residualmix“ erhalten. In diesem Residualmix, der von der norwegischen Regulierungsbehörde veröffentlicht wird, sind die Anteile der einzelnen Energieträger am nationalen Stromverbrauch aufgeführt.

Die Erzeugungsattribute für deutschen Strom aus Kernenergie und Kohle, der durch norwegische Zertifikate grüngefärbt wurde, gehen über ein europaweites Berechnungsverfahren in diesen „Residualmix“ ein. Daher werden dem norwegischen Stromverbrauch bereits 45 % Kernkraft und 32 % Strom aus fossilen Brennstoffen zugerechnet. Nur noch 23 % entfallen auf erneuerbare Energien. Außerdem hätten norwegische Stromversorger im Jahr 2012 für ihre Kunden 15 TWh Grünstrom-Herkunftsnachweise entwertet, berichtet Öko-Institut-Mitarbeiter Dominik Seebach. Das entspricht knapp 12 % des norwegischen Stromverbrauchs, der bei 130 TWh lag.

„Welchen Aufpreis Endkunden für ein erneuerbares Stromprodukt zahlen müssen und welche ökologischen Qualitätsansprüche hier gestellt werden, ist leider nicht transparent“, räumt Seebach ein.

Deutsche Leitungen reichen nicht aus

Vor allem aber bringen Grünstrom-Herkunftsnachweise aus Norwegen keinen Fortschritt für die Marktintegration des Ökostroms, der in Deutschland physisch erzeugt wird und über örtliche wie regionale Netzengpässe transportiert werden muss. So wird ostdeutscher Windstrom bereits in großem Maßstab über polnische und tschechische Leitungen nach Süddeutschland transportiert, weil die deutschen Leitungen dafür nicht ausreichen.

Regionale Netzbetreiber in Brandenburg und Sachsen-Anhalt berichten, dass sie zunehmend Ökostromanlagen herunterregeln müssen, damit die Leitungen nicht überlastet werden. Doch ein Produkt für die physische Lieferung von Ökostrom, das dieses regional begrenzte Überangebot gezielt vermarktet und dabei die bestehenden Netzengpässe berücksichtigt, hat die Branche bisher nicht entwickelt. Auch bei der EEX ist dies in absehbarer Zeit nicht zu erwarten: „Ein physisches Grünstromprodukt ist bis auf Weiteres nicht geplant“, hieß es auf Anfrage.  

Ein Beitrag von:

  • Stefan Schroeter

    Stefan Schroeter verfasst fachjournalistische Berichte über die Energiewirtschaft.

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