Hamburgs Wasserstoff-Tunnel: So entsteht die H2-Leitung unter der Hafenbahn
In Hamburg gräbt sich gerade eine Mini-Bohrmaschine unter der Hafenbahn durch. Sie macht Platz für die nächste Wasserstoffleitung der Hansestadt.
Über 106 m Länge gräbt sich derzeit eine Vortriebsmaschine von einem 13 m tiefen Startschacht unter der Hafenbahn in Altenwerder durch.
Foto: © Hamburger Energienetze
In Hamburg-Altenwerder bohrt sich gerade eine Tunnelvortriebsmaschine in rund 12 m Tiefe durch das Erdreich. Dabei unterquert sie die Gleise der zentralen Hafenbahn. Mit einem Durchmesser von nur 80 cm ist der Bohrkopf relativ klein, doch der Prozess ist ein entscheidender Schritt für Hamburgs Wasserstoff-Infrastruktur. Durch den 106 m langen Tunnel soll eine Wasserstoffleitung verlaufen, die Industriebetriebe im Hafen mit klimaneutralem Gas versorgt.
Die Hamburger Energienetze GmbH errichtet hier als Bauherrin einen der ersten Abschnitte des Hamburger Wasserstoff-Industrie-Netzes (HH-WIN). Das Netz gilt als eines der ambitioniertesten Wasserstoffprojekte Deutschlands – und eines der wenigen, die immer noch im Zeitplan liegen.
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Warum ein Tunnel unter der Hafenbahn?
Die geplante Wasserstoffleitung muss in Altenwerder von Südosten kommend mehrere Gleise der Hafenbahn-Hauptachse kreuzen. Diese Strecke ist eine der zentralen Güterverkehrsadern im Hamburger Hafen. Eine offene Baugrube hätte den Bahnbetrieb über Wochen oder Monate unterbrochen – keine Option für eine Infrastruktur, die 24/7 zur Verfügung stehen soll.
Aus diesem Grund griffen die Ingenieurinnen und Ingenieure der Hamburger Energienetze zu einem sogenannten Mikrotunnelvortrieb. Dafür errichteten sie zunächst einen Start- und einen Zielschacht aus Betonpfahl-Ringwänden mit über 7 m Durchmesser, die fast 13 m in die Tiefe reichen. Damit liegen sie weit unterhalb der Gleisanlagen. Der Bahnbetrieb kann so während der Baumaßnahme regulär weiterlaufen, teilte der Netzbetreiber am 25. März mit. Auch die nahegelegene Straße Vollhöfner Weiden bleibe in beiden Richtungen befahrbar.
Ein Kran hob die Vortriebsmaschine nach Vollendung der Schächte in den Startschacht, von wo aus sie sich nun horizontal durchs Erdreich arbeitet. Hinter dem Bohrkopf werden Stahlbetonrohre mit Hydraulikpressen in den Bohrkanal getrieben. „Mit Tunnelvortrieben wie in Altenwerder bauen wir schonend für den im Hafen wichtigen Güterverkehr“, erklärte Michael Dammann, der technische Geschäftsführer der Hamburger Energienetze.

Mini-Trude: 80 cm statt 14 m
In Hamburg ist der Begriff „Tunnelvortrieb“ mit dem Namen Trude verbunden. Die Schildvortriebsmaschine mit dem eingängigen Spitznamen (ein Akronym für „Tief Runter Unter Die Elbe“) bohrte Ende der 1990er-Jahre die vierte Röhre des Elbtunnels. Ihr Bohrkopf maß 14,20 m im Durchmesser, die Maschine wog über 2.000 t und fraß sich mit durchschnittlich 6 m pro Tag durch 2.560 m Elbe-Erdreich. Das Schneidrad steht heute als technisches Denkmal im Museum der Arbeit in Barmbek.
Die Vortriebsmaschine in Altenwerder ist mit ihren 80 cm Durchmesser und 106 m Strecke eine Mini-Version der alten Trude. Doch das Prinzip ist dasselbe: Ein Bohrkopf gräbt sich horizontal durch den Untergrund, während hinter ihm sukzessive der Tunnel entsteht. Und der Auftrag ist nicht weniger bedeutend: Wo Trude einst den Autoverkehr unter der Elbe durchleitete, soll ihre kleine Schwester nun den Weg für Hamburgs Wasserstoff-Zukunft ebnen.
Mehr als nur ein Rohr
Durch den Tunnel wird dabei nicht nur die eigentliche Wasserstoffleitung verlegt. Auch Strom- und Messkabel sollen unter der Hafenbahn hindurchgeführt werden. Sie übernehmen die digitale Steuerung und Überwachung des gesamten Wasserstoffnetzes. Bis Sommer 2026 sollen die Leitung nach Altenwerder inklusive Tunnel fertig sein.
Was steckt hinter HH-WIN?
Der Tunnel in Altenwerder wird nur ein Teil von HH-WIN, dem eigenständigen Wasserstoff-Verteilnetz südlich der Elbe. In der ersten Ausbaustufe soll es rund 40 km umfassen, langfristig sollen es 60 km werden. Das Netz verbindet die im Bau befindliche 100-MW-Elektrolyseanlage auf dem Gelände des ehemaligen Kohlekraftwerks Moorburg mit den industriellen Abnehmern im Hafen, darunter der Leichtmetall-Produktion Altenwerder und dem Luftfahrt-Standort Finkenwerder. Auch die Hafenlogistik selbst kann das Gas gebrauchen: Die Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) testet Brennstoffzellen-Fahrzeuge für schwere Containergeräte.
Allein in der ersten Phase sollen jährlich 580.000 t CO₂ eingespart werden. Im Vollausbau könnte HH-WIN laut den Hamburger Energienetzen rund 6,4 TWh Erdgas durch grünen Wasserstoff ersetzen. Das entspräche einer Reduktion von 1,4 Mio. t CO₂ pro Jahr, knapp 9 % der gesamten Hamburger Emissionen. Finanziert wird HH-WIN unter anderem aus IPCEI-Mitteln des Bundes in Höhe von 126 Mio. €. Der Tunnel unter der Hafenbahn in Altenwerder ist übrigens nur einer von mehreren Bauabschnitten. Auch an anderer Stelle im Hafengebiet laufen Arbeiten, etwa unter der Autobahn A 7.
Das Netz soll vollständig ins deutsche Wasserstoff-Kernnetz integriert werden und perspektivisch auch nördlich der Elbe wachsen. Erweiterungscluster für Industriegebiete von Hammerbrook bis Billbrook und von Langenhorn bis Lokstedt sind bereits in der Planung. Seit Anfang 2026 hat der Netzbetreiber die Vermarktung aufgenommen: Auf der Homepage können Industrieunternehmen verbindlich Transportkapazitäten reservieren. Dabei gilt das Prinzip „wer zuerst kommt, mahlt zuerst“.
Puzzlestück in Hamburgs Klimastrategie
HH-WIN ist eines von mehreren Großprojekten, mit denen Hamburg seine Klimaneutralität erreichen will. Im Oktober 2025 war dieses Ziel per Volksentscheid von 2045 auf 2040 vorgezogen worden. Neben dem Wasserstoffnetz ist auch die 100-MW-Elektrolyse in Moorburg ein Teil der Klimaprojekte der Stadt, genau wie etwa die industrielle Abwärmenutzung bei Aurubis oder der Einsatz von Brennstoffzellenbussen bei der Hamburger Hochbahn.
Als Gasnetz Hamburg im Jahr 2022 mit der konkreten Netzplanung für HH-WIN begann, hatte der Wasserstoff-Hype gerade seine Hochphase. Damals war HH-WIN eine von vielen Ankündigungen und Projektskizzen in den nahezu überfluteten Fachmedien. Doch heute gräbt sich tatsächlich eine Vortriebsmaschine unter der Hafenbahn durch. In der deutschen Wasserstoff-Landschaft, wo viele Projekte versanden oder auf Eis gelegt werden, ist das schon eine Meldung wert.
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