Fadenriss beim Aufbau der Wasserstoffwirtschaft
Der Hochlauf des Wasserstoffmarktes krankt, einzelne Maßnahmen helfen nicht. Eine Studie des Branchenverbands BDEW schlägt Alarm.
Der Hochlauf des Wasserstoffmarktes krankt, einzelne Maßnahmen helfen nicht. Eine Studie des Branchenverbands BDEW schlägt Alarm.
Foto: picture alliance/dpa/Lars Penning
Kirsten Westphal, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des Branchenverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) sprach auf der Messe E-World in Essen von einem „Fadenriss“. Ihr Thema: Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft. Warum „Fadenriss“? Nun, in der Initialphase für die deutsche Wasserstoffwirtschaft, in dem für manche Leuchtturmprojekte der Weg frei geräumt wurde, da klappt es noch. Aber von hier aus weiter, ab dem Jahr 2027? Der weitere Hochlauf stockt, das ist sichtbar. Wie kann er dennoch gelingen, fragte sich der BDEW. Und da erwähnte Westphal den drohenden „Fadenriss“.
Der Verband hatte das Beratungsunternehmen CapGemini beauftragt, zu untersuchen, wie sich denn die Risiken entlang der Wertschöpfungskette von Wasserstoff minimieren ließe. Damit der Wasserstoffhochlauf gelingen möge. Angesichts der Studie konstatierte Westphal eine „fehlende Integration entlang der gesamten Wertschöpfungskette“. An Einzelheiten liegt es nicht mehr. Mediziner hätten wohl ein multipes Organversagen diagnostizieren. Klingt nicht gut. Und läuft darauf hinaus, dass – falls die Politik sich nicht schnell entscheidet, diese Initialphase quasi zu verlängern – ja, dann droht der „Fadenriss“.
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Warum die Politik bei der Wasserstoffwirtschaft bald vor einem Scherbenhaufen stehen könnte
BDEW und Beratungsunternehmen wollten für die Studie keine Risikoabschätzung am grünen Tisch. „Wir haben zum ersten Mal die Risiken gemeinsam mit den Industrieunternehmen bewertet und priorisiert“, betonte Torben Schuster, Vice President von Capgemini Invent, in Essen bei der Vorstellung der Studie. Die Risiken seien „immer noch die altbekannten. Wir sprechen immer noch von Produktionsrisiko, Absatzrisiko und Transportrisiko, aber vor allem auch dem ordnungspolitischen Rahmen“.
Folgerung: die EINE Maßnahme gibt es nicht, um das Gesamtrisiko beim Wasserstoffhochlauf entscheidend zu minimieren. „Ich habe da nicht die eine Stellschraube, dann läuft alles wie geölt. Sondern es ist wirklich ein komplexes System und erfordert auch die gesamtpolitische Aktion. Und darin sehen wir aber auch die Chance.“ Die liege vor allem in den Unternehmen, die sich engagierten. „Die sind alle positiv“, so Schuster. Das gerade diese motivierten „so ein bisschen die Lust“ verlieren, wollte er zwar nicht sagen. „Aber da müssen wir, glaube ich, wirklich als Gesellschaft und vor allem politisch Taten folgen lassen. Es geht um Kraftwerksstrategie, Erneuerbarenausbau, aber auch Wasserstoff.
Wie EWE heftig in Wasserstoff investierte und sich jetzt fragt, wie es weitergeht

Der Oldenburger Energiekonzern EWE engagiert sich in der Wasserstoffwirtschaft. das Bild zeigt im brandenburgischen Rüdersdorf eine Baustelle. Dort errichtet EWE in 1000 m Tiefe eine Testkaverne zur Speicherung von 100% Wasserstoff.
Foto: Andreas Prinz/EWE
Eines dieser positiven engagierten Unternehmen in Sachen Wasserstoff ist der Oldenburger Energiekonzern EWE in Niedersachsen. Mit dem Zuschlag zum Einzelprojekt „Clean Hydrogen Coastline“ im Rahmen des 7,9 Mrd. € schweren IPCEI-Wasserstoff-Programms (IPCEI: Important Project of Common European Interest) im jahr 2021 stemmt das Unternehmen seitdem ein 800-Mio.-€-Invest. „Das können wir aber aus drei wesentlichen Gründen“, erklärte Geert Tjarks, Leiter Geschäftsfeldentwicklung Wasserstoff bei der EWE Gasspeicher GmbH bei der vorstellung der Studie von BDEW und CapGemini:
- die Förderung, die EWE von Bund und Land bekommen, 500 Mio. € insgesamt.
- im Rahmen des IPCEI-Programm werden die Wertschöpfungsstufen synchron hochgefahren. „Wir sind alle zeitgleich gestartet. Das war im Grunde darauf ausgelegt, von der Erzeugung bis zum Kunden, also über Transport und Speicherung synchron die Wertschöpfungsstufen hoch zu fahren“, erklärte Tjarks.
- IPCEI-Projekte profitieren von regulatorischen Ausnahmen. Weder muss EWE die Zusätzlichkeit bei RFNBO einhalten, noch Stromnetzentgelte zahlen. RFNBO steht für „Renewable Fuels of Non-Biologic Origin“. Mit Zusätzlichkeit ist hier gemeint: Die Stromerzeugungsanlagen, die den Strom für die RFNBO-Produktion erzeugen, müssen neu sein bzw. zusätzlich gebaut werden. Das hat die EU festgelegt.
„Alles das sind Faktoren, die dazu geführt haben, dass wir in unserer Risikobetrachtung für diese erste Projektphase in der Lage waren, zu investieren“, sagte Tjarks. Nur wenn er sich die Geschäftsfeldentwicklung in der jetzt kommenden zweiten Phase des Wasserstoffhochlaufs ansieht, beschreibt er die Lage so: „Wir laufen sozusagen aus dem Fenster raus, wo genau diese Dinge alle sehr, sehr gut zusammenpassen. Die Koordinierung der Wertschöpfungstufen ist dann eben nicht mehr so gut gegeben“. Und die Ausnahmen bei der Zusätzlichkeit bei RFNBO und der Befreiung von Stromnetzentgelten – vielleicht. Es gibt Unsicherheiten, welche Kosten zu kalkulieren sind. Damit, das macht Tjarks deutlich, stehe EW nicht alleine: „Alle Projekte, die nach IPCEI kommen, laufen genau aus diesem Fenster raus. Und genau die sehen diese ganzen Risiken und sind dann eben nicht in der Lage zu investieren“. Genau das habe die Studie aus seiner Sicht „ganz gut herausgearbeitet“.
Der Wasserstoffhochlauf braucht schnell eine Langfristperspektive
„Ich glaube nicht, dass es fünf vor zwölf ist“, sagte CapGemini-Experte Schuster, „ich glaube, der Business Case wird einfach immer schlechter“. Er verweist darauf, dass Deutschland jedes Jahr zwischen 80 Mrd. € bis 100 Mrd. € für fossile Brennstoffe ausgebe. „Der Preis wird wahrscheinlich mit zunehmendem CO2-Preis und größerer Abhängigkeit nicht kleiner“. Die neuen Gaskraftwerke, die jetzt geplant seien, „die müssen irgendwann auch mit Wasserstoff laufen können. Sonst haben wir diese Abhängigkeit immer. Wir werden das Ziel CO2-Neutralität nicht erreichen. Das finde ich immer so ein bisschen absurd in der Diskussion. Der Weg ist doch jetzt ganz klar vorgezeichnet, den wir gehen wollen. Darum müssen wir in diesen Wasserstoff investieren“. Man könne diesen Weg jetzt noch zehn Jahre weitergehen und warten, aber irgendwann müssse man reagieren. Oder man könne den durchaus holprigen Wasserstoffpaf jetzt weitergehen. „Das macht einfach den Business Case besser“, so Schuster.
Für Tjarks ist im gesamten System zu wenig Flexibilität. „Aus meiner Sicht versucht man politisch Punktlösungen zu kreieren. Man versucht gleich von Anfang an, perfekte Lösungen auf den Tisch zu legen. Das bedeutet im Grunde für uns: so wenig Flexibilität wie möglich“. Nein, der EWE-Wasserstoffexperte wünscht sich nicht keine, erwüsncht sich eine atmende Reguliereung: „Jetzt schon das Ziel bis 2045 regulativ zu 100 % abzubilden, das würgt alles ab“. Es brauche Flexibilität „bei gleichzeitiger Setzung von Leitplanken“. Vor allem die RFNBO-Kriterien – nicht nur die Zusätzlichkeit, sondern auch der Zeitplan zum Beispiel – führen seiner Meinung nach dazu, dass viele Unternehmen für die zweite Phase des Wasserstoffhochlaufs ab 2027 zurückhaltend sind. Allerdings: Das ist EU-Recht. Die Bundesregierung müsse daher „hier Verhandlungen über eine anpassung des Delegierten Rechtsakti führen“, heißt es als Maßnahme in der Studie. Nach einer schnellen Umsetzung klingt das nicht.
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