75 Mrd. € Anschubhilfe 11.03.2026, 20:00 Uhr

Boom der Energiepreise macht Kernenergie in Europa wieder salonfähig

Gezeitenwechsel in Brüssel: Die Stromerzeugung aus Kernenergie von derzeit 15 % soll wieder auf einen Wert von 30 % wie im Jahr 1990 hochgefahren werden.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen spricht auf dem Nukleargipfel in Paris. Foto: picture alliance / abaca | Liewig Christian/Pool/ABACA

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen spricht auf dem Nukleargipfel in Paris.

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„Ich glaube, dass es für Europa ein strategischer Fehler war, der Kernenergie als einer zuverlässigen bezahlbaren Quelle für emissionsarmen Strom den Rücken zu kehren“, sagte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Dienstag beim Atomgipfel in Boulogne-Billancourt bei Paris. Angesichts dessen, dass wir in den letzten Jahren eine weltweite Renaissance der Kernenergie erlebt hätten: „Und Europa will an dieser Renaissance teilhaben“, betonte sie. Die EU zog außerdem die für den heutigen Mittwoch avisierte Vorstellung eines Energiepakets vor, denn darin spielt die Kernenergie wieder eine größere Rolle.

In dem Energiepaket geht es zudem um ein Bürgerenergiegesetz, das die Energiepreise für EU-Bürger senken soll, den Energienetzausbau und den Schutz kritischer Infrastrukturen vor Cyberattacken. Auch stellte die EU erste Maßnahmen zur Mobilisierung von Finanzmitteln vor, um die Energiewende zu beschleunigen. Generell legt die Europäische Investitionsbank eine Anschubfinanzierung für neue Energietechnologien von 75 Mrd. € in drei Jahren auf. Die Beschleunigung der Umstellung auf saubere Energie – wozu die EU auch Kerntechnik zählt – ist laut EU „für die Sicherung der strategischen Unabhängigkeit, Wettbewerbsfähigkeit und langfristigen nachhaltigen Entwicklung Europas von entscheidender Bedeutung“.

EU will SMR-Reaktoren Schlüsselrolle bei Energiewende einräumen

Von der Leyen erklärte, das Ziel für die Europäische Union laute, die Forschung und den Bau von SMR-Reaktoren (SMR: Small Modular Reactors) bis zu Beginn der 2030er-Jahre zur industriellen Anwendungsreife zu bringen. Die neuartigen kleinen modularen Reaktoren sollen neben den herkömmlichen Kernreaktoren eine Schlüsselrolle bei einer flexiblen, sicheren und effizienten Energieversorgung spielen. Hierzu legte die EU-Kommission am gleichen Tag bei ihrer Sitzung in Straßburg eine neue europäische Strategie für kleine modulare Reaktoren vor. Dabei gilt Frankreich mit 57 Kernreaktoren am Netz als Innovationstreiber bei SMR-Reaktoren.

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Auf Einladung von Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron nahmen 40 Staaten und Organisationen sowie neun Staats- und Regierungschefs am Atomgipfel vor den Toren der französischen Hauptstadt teil. Seit Jahren tritt Macron für sein Land als Lobbyist in Sachen SMR als zukunftsweisende Technologie bei den Treffen der 27 EU-Staats- und Regierungschefs auf. Standen während des ersten fünfjährigen Mandats von Kommissionschefin von der Leyen mit dem Primat des europäischen Green Deal die erneuerbaren Energien im Fokus, hat sich zu Beginn der zweiten Amtszeit das Blatt gewendet.

Der chinesische SMR Linglong One, nach dem Abschluss von Tests in Dalian. Auch in der EU sollen solche Reaktoren entwickelt, gebaut und eingsetzt werden. Foto: picture alliance / Xinhua News Agency | Zhang Boqun

Deutsch-französischer Streit um Einbeziehung der Kernenergie als grüne Technologie währte lange

Zu Zeiten der Ampelkoalition in Berlin kam es zwischen den französischen und deutschen Partnern links und rechts des Rheins im Jahr 2023 zu Zerwürfnissen. Das bezog sich darauf, Kernenergietechnologien in die EU-Finanzierung als kohlenstoffarme Technologie im Rahmen der Taxonomie-Verordnung mit Nachhaltigkeitssiegel als grüne Investition einzustufen. Durch die damalige Aufnahme in die Taxonomie wurden private Investitionen und auch staatliche Finanzierungen von AKW-Projekten möglich.

Jedoch hielt sich die Europäische Investitionsbank (EIB) mit einer direkten Finanzierung von Atomprojekten bisher zurück. Dies soll nun anders werden. Angesichts der globalen Versorgungsunsicherheiten bei Primärenergie seit dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine und dem entbrannten militärischen Konflikt im Iran hat sich auch in Europa ein Umdenken breitgemacht.

„Wir brauchen die Kernenergie, weil sie eine Quelle von Fortschritt, Wohlstand und Unabhängigkeit ist“, erklärte Macron beim Atomgipfel und forderte neue Finanzierungsquellen aus dem EU-Budget. Es gelte, „diese Projekte besser zu finanzieren, sowohl konventionelle als auch innovative Atomvorhaben“.

EU will Genehmigungen grenzübergreifend harmonisieren

Um die Entwicklung der Mini-Atomkraftwerke voranzutreiben, will die EU-Kommission künftig Genehmigungsvorschriften über Grenzen hinweg harmonisieren. Eine derartige Kooperation sei von entscheidender Bedeutung, weil das Geschäftsmodell der modularen Reaktoren auf Skalierung angewiesen sei.

„Wenn der Einsatz einer Technik sicher ist, muss es einfach sein, sie überall in Europa einzusetzen“, betonte Kommissionschefin von der Leyen beim Atomgipfel.

Schon vor dem Ölpreisschock durch den anhaltenden Krieg im Iran stehen die hohen Energiepreise bei der EU-Kommission auf der Agenda. Mit dem vorgestellten Energiepakt versucht die EU-Kommission nun gegenzusteuern. Sie hat ein Maßnahmenbündel für bezahlbare Energie für europäische Verbraucher und die Wirtschaft vorgelegt und tritt für einen grundlegenden Wandel bei der Energieerzeugung sowie beim Ausbau der Energieinfrastrukturen in der EU ein.

EU will mit neuem Energiepaket Investitionslücken für saubere Energien schließen

Die vorgelegte Investitionsstrategie für saubere Energie sieht vor, die Lücke zwischen verfügbarem privaten Kapital und den erforderlichen Investitionen zu schließen. So soll das Risiko von Projekten verringert und private Finanzmittel für Netze, innovative Technologien für saubere Energien sowie Maßnahmen für Energieeffizienz stärker mobilisiert werden.

„Da Energie seit Langem als geopolitisches Instrument genutzt wird, ist die Entwicklung einer starken europäischen Nuklearindustrie nicht nur eine wirtschaftliche Chance, sondern auch von wesentlicher Bedeutung für die Dekarbonisierung unserer Industrie und die Stärkung der Energieunabhängigkeit Europas“, brachte es Teresa Ribera, Exekutiv-Vizepräsidentin für einen sauberen, fairen und wettbewerbsfähigen Wandel, bei der Pressekonferenz in Straßburg auf den Punkt. Um dies zu erreichen, beabsichtige die Kommission, mit Unterstützung des Innovationsfonds eine Garantieaufstockung zu entwickeln, um das Investitionsrisiko zu verringern.

Europäische Investitionsbank lobt 75 Mrd. € für Energievorhaben aus

Die Kommission wird diese Strategie in enger Partnerschaft mit der Europäischen Investitionsbank-Gruppe umsetzen, die beabsichtigt, in den nächsten drei Jahren mehr als 75 Mrd. € zur Unterstützung der Ziele der Energiewende bereitzustellen. So plant die EIB-Gruppe, einen Investitionsfonds von bis zu 500 Mio. € für strategische Infrastrukturen aufzulegen.

Mit dem Bürgerenergiepaket schlägt die Kommission konkrete Maßnahmen vor, um die Energiekosten zu senken und Bürgerinnen und Bürger in die Lage zu versetzen, eigene saubere Energie zu erzeugen. Um Energiearmut zu bekämpfen, sollen die Verbraucher von einem schnelleren Anbieterwechsel, niedrigeren Steuern und Abgaben auf ihre Stromrechnungen profitieren. Auch bei der Abfassung und Aufstellung von Energierechnungen und -verträgen soll mehr Transparenz Einzug halten.

In Deutschland trifft der angestrebte Brüsseler Paradigmenwechsel auf ein geteiltes Echo

Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) begrüßt das Bürgerenergiepaket. Es sei „grundsätzlich ein richtiger Schritt“. Die Bürgerbeteiligung erhöhe die Akzeptanz für die Energiewende, schaffe mehr Transparenz über Energiepreise und entlaste Verbraucher finanziell – wo nötig durch die EU-Mitgliedstaaten.

Allerdings: „Eine Privilegierung einzelner Gruppen, wie jetzt bei den Netzentgelten in Bezug auf Energy-Sharing angedacht, würde die Kosten für andere Verbraucher erhöhen.“ Kurzfristig und konkret ließen sich die Verbraucher hingegen entlasten, indem man die Steuern und Abgaben auf Strom auf das europäische Mindestmaß senke.

„Mini-Atomkraftwerke sind unsicher, teuer und bisher nichts weiter als Powerpoint-Fantasien“, kommentiert die atompolitische Sprecherin der Grünen/EFA im EU-Parlament, Jutta Paulus. „Man fühlt sich fast wie bei Weihnachten bei den Hoppenstedts – viel Tamtam, ein bisschen Lametta, und am Ende verpufft alles.“ Kein einziges Modellprojekt sei bisher in der EU zugelassen, die Bauzeiten seien unsicher und nicht geeignet, Strom in den nächsten Jahrzehnten zu liefern. Die Klimaziele für 2030 und 2050 könnten damit nicht erreicht werden, so Paulus. Hinzu komme die Abhängigkeit von speziell angereichertem Uran, das größtenteils aus Russland stamme.

Netzinfrastrukturen erfordern Milliardeninvestitionen in wenigen Jahren

Bereits im Dezember 2025 legte die EU-Kommission mit der Vorlage eines Netzpakets zur Modernisierung der Energieinfrastruktur der EU einen neuen Budgetrahmen für den Ausbau grenzüberschreitender Netzinfrastrukturen vor. Die EU weitet jetzt auch die finanzielle Unterstützung für die Infrastruktur aus.

Im Rahmen des mehrjährigen Finanzrahmens 2028 bis 2034 schlägt die EU-Kommission eine fünffache Aufstockung des CEF-Haushalts für Energie von 5,84 Mrd. € auf 29,91 Mrd. € vor, um die finanzielle Unterstützung für Infrastrukturprojekte auszuweiten.

Paris und Brüssel marschieren bei Forschung und Entwicklung von Kernenergie inzwischen im Gleichschritt. Das war nicht immer so, ist aber dem aktuellen globalen Kontext von Krisen und steigenden Energiepreisen geschuldet. Dem strategischen Ziel der Energieversorgungssicherheit wird erneut Priorität eingeräumt.

Ein Beitrag von:

  • Friedrich A. Thomas

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