Alle Großprojekte auf Eis: Darum scheitert der Wasserstoff im Saarland
Im Saarland wurden alle Wasserstoff-Großprojekte gestoppt. Was ist schiefgelaufen, und was bedeutet das für die riesige Stahlindustrie an der Saar?
Die Dillinger Hütte ist eines der größten Stahlwerke in Deutschland. Künftig soll hier mit Wasserstoff statt Kokskohle gearbeitet werden.
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Drei große Wasserstoffprojekte waren im Saarland geplant: In Völklingen, Saarlouis und Perl sollten Elektrolyseure mit einer Gesamtkapazität von über 300 MW entstehen und jährlich rund 70.000 t grünen Wasserstoff produzieren. Daraus wird voraussichtlich nichts, wie die Saarbrücker Zeitung diese Woche berichtete.
Gleichzeitig entstehen in Lothringen, direkt hinter der französischen Grenze, drei Wasserstofffabriken: Thionville, Carling und St. Avold stehen in den Startlöchern. Das Saarland wird seinen Wasserstoff künftig wohl aus Frankreich beziehen (müssen) – oder mit Wasserstoff aus Indien, wenn der kürzlich unter Merz‘ Ägide geschlossene Uniper-Deal Früchte trägt.
| Projekt | Betreiber | Leistung | Kapazität | Status |
| Hydrohub Fenne (Völklingen) | Iqony/Steag | 52 MW | 8200 t/Jahr | Gestoppt |
| Saarlouis | RWE | 200-400 MW | bis zu 50.000 t/Jahr | Gestoppt |
| Perl | Lhyfe | 70 MW | 11.000 t/Jahr | Gestoppt |
Wie konnte die H2-Strategie des kleinen Bundeslands mit der großen Stahlindustrie so kolossal scheitern, obwohl sein Wasserstoffbedarf potentiell gigantisch ist? Wir schauen uns alle drei Projekte und suchen nach den Gründen.
Inhaltsverzeichnis

Der Elektrolyseur sollte am Iqony-Kraftwerksstandort in Völklingen-Fenne entstehen.
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Völklingen: Stopp trotz Millionenförderung
Der Essener Kraftwerksbetreiber Iqony (ehemals Steag) plante seit 2019 auf dem Gelände des bestehenden Kraftwerks in Völklingen-Fenne einen PEM-Elektrolyseur mit 53 MW Leistung. Zunächst war eine Fertistellung bis 2023 geplant, dann sollte die Anlage ab 2027 jährlich etwa 8.200 t grünen Wasserstoff für die regionale Industrie und den Mobilitätssektor produzieren. Ein typisches Projekt der frühen Zeit des Wasserstoff-Hypes.
Die Bedingungen schienen hier besonders gut: ein Brownfield-Standort mit vorhandener Infrastruktur, Netzanschluss, Pipelineanbindung. Auch die Abwärme des Elektrolyseurs sollte ins saarländische Fernwärmenetz eingespeist werden. Im Februar 2024 verlieh die EU-Kommission dem Projekt den IPCEI-Status (Important Project of Common European Interest). Es folgte ein Zuwendungsbescheid über 100 Mio. € von Bund und Land.
Abgerufen wurde bisher kein Cent. Iqony hat das Projekt im Herbst 2025 auf Eis gelegt. Auf der Unternehmenswebsite heißt es: „Unter den aktuellen Rahmenbedingungen ist eine Projektrealisierung derzeit nicht möglich.“ Das Unternehmen nennt mehrere Gründe: fehlende verlässliche Abnahme-Routen, keine angemessene Risikoteilung, verzerrte Wettbewerbsbedingungen zwischen Deutschland und Frankreich – und die hohen deutschen Strompreise. Die Erzeugung von Wasserstoff mittels Elektrolyse sei prozessbedingt sehr stromintensiv, die Strompreise in Deutschland zählten zu den höchsten weltweit.
Ganz aufgegeben hat Iqony den Hydro Hub aber nicht: Man befinde sich „in guten, konstruktiven Gesprächen“ über eine Modifikation der Förderung, so das Unternehmen. Das Projekt ist also vielleicht nur im Tiefschlaf.

Hochofen der ROGESA Roheisengesellschaft Saar auf dem Gelände der Dillinger Hütte.
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Saarlouis: (Kein) Wasserstoff für die Stahlindustrie
Das ambitionierteste H2-Projekt an der Saar plante RWE in Saarlouis: ein Elektrolyseur mit 200 bis 400 MW Leistung, der jährlich bis zu 50.000 Tonnen Wasserstoff produzieren sollte – mehr als die Hälfte der Gesamtkapazität aller drei saarländischen Projekte. Der geplante Abnehmer: die Dillinger Hütte, die für ihre Pläne zur grünen Stahlproduktion dringend Wasserstoff benötigt.
Doch die Stahl-Holding-Saar, zu der die Dillinger Hütte gehört, entschied sich anders. Statt der ursprünglich angedachten 50.000 t bestellte sie lediglich 6.000 t pro Jahr – und zwar beim französischen Unternehmen Verso Energy, das gerade einen Elektrolyseur im lothringischen Carling baut. Ein RWE-Sprecher erklärte gegenüber der Saarbrücker Zeitung: Da der Stahlerzeuger 2025 einen deutlich niedrigeren Wasserstoffbedarf kommuniziert habe als bislang angenommen, sei das Projekt nicht mehr wirtschaftlich gewesen.
Die grenzüberschreitende Pipeline mosaHYc, die den Wasserstoff aus Frankreich nach Dillingen transportieren soll, wird nach aktuellem Stand trotzdem gebaut. Die Netzbetreiber Creos Deutschland und die französische GRTgaz investieren 110 Mio. € in das 90 km lange Netz. Immerhin: Eine H2-Infrastruktur. Nur wird sie wohl französischen statt saarländischen Wasserstoff transportieren.

Wasserstoff wird bald über die französische-deutsche grenze transportiert – aber voraussichtlich nur in eine Richtung.
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Perl: Von der Euphorie ins Schweigen
Im Juli 2023 herrschte in Perl Aufbruchstimmung. Das französische Unternehmen Lhyfe kündigte den Bau eines 70-MW-Elektrolyseurs an, der täglich 30 t Wasserstoff produzieren und in die mosaHYc-Pipeline einspeisen sollte. Geplanter Baubeginn: 2027.
Bürgermeister Ralf Uhlenbruch sprach damals vom Grundstein für einen neuen Wirtschaftszweig, neue Arbeitsplätze und weitere wichtige Investitionen im Dreiländereck. Luc Graré, bei Lhyfe verantwortlich für Zentral- und Osteuropa, stellte wettbewerbsfähigen grünen Wasserstoff für die Industrie im Saarland.
Zweieinhalb Jahre später ist davon so gut wie nicht übrig. Auf Anfrage der Saarbrücker Zeitung äußerte sich Lhyfe nicht zum Projektstopp, und auch in einem Interview mit Ingenieur.de über Lhyfes Deutschland-Strategie fand der Standort keine Erwähnung. Dabei baut Lhyfe als eines der wenigen Unternehmen in Deutschland wirklich aktiv Elektrolyseure: In Schwäbisch Gmünd ist seit Oktober 2025 ein 20-MW-Elektrolyseur im Einsatz.
Wer hat schuld?
Das Scheitern der drei Projekte hat eine politische Debatte ausgelöst. Das saarländische Wirtschaftsministerium unter Jürgen Barke (SPD) verwies gegenüber der Saarbrücker Zeitung auf die unterschiedlichen Rahmenbedingungen: In Frankreich liegt der Industriestrompreis laut einer Erhebung von Eurostat aus dem Jahr 2024 bei etwa 8 Cent pro kWh, in Deutschland bei rund 15 Cent.
Hinzu kommt das EU-Recht, das Atomstrom als klimafreundlich einstuft und damit französischen Strom- und Wasserstoffproduzenten einen Vorteil verschafft. Barke forderte von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) bessere Rahmenbedingungen. Die Bundesregierung habe mehr Pragmatismus und weniger Ideologie versprochen, so Barke – gerade beim Wasserstoff müssten nun Taten folgen.
Die Saar-Grünen sehen die Verantwortung dagegen auch beim Land. Der für die Wasserstoffproduktion eingesetzte Strom müsse aus regionalen erneuerbaren Energien stammen, sagt Anne Lahoda, stellvertretende Landesvorsitzende, in einer Pressemitteilung vom 15. Januar. Genau daran scheitere es im Saarland seit Jahren. Mit rund 1.168 MW Photovoltaik und etwa 565 MW Windkraft reiche die installierte Leistung bei Weitem nicht aus. Statt die Verantwortung auf Bund und EU zu schieben, müsse Wirtschaftsminister Barke jetzt selbst liefern.
Hoffen auf französischen Wasserstoff
Wer auch immer nun schuld ist: Selbst wenn alle drei Projekte realisiert worden wären, hätten sie zusammen nur etwa 70.000 t Wasserstoff pro Jahr produziert. Der Bedarf der saarländischen Stahlindustrie mit ihren 14.000 Beschäftigten liegt aber perspektivisch bei bis zu 120.000 t jährlich. Das Wirtschaftsministerium prognostiziert für die gesamte Saar-Wirtschaft sogar einen Bedarf von 350.000 t bis 2032.
Die Hoffnung ruht also vorerst auf den französischen Nachbarn – und dass die geplante Pipeline mosaHYc bald günstigen Wasserstoff aus Lothringen liefert. Für einen Industriestandort, der seine Zukunft auf grünen Stahl setzt, ist das keine optimale Ausgangslage.
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