Unterirdische Kernkraft: Dieses Start-up will Atomreaktoren vergraben – und hat 18,5 GW Nachfrage
Ein US-Start-up will Atomreaktoren in kilometertiefe Bohrlöcher versenken. Jetzt liegen konkrete Anfragen in Höhe von 18,5 GW vor, vor allem für Rechenzentren. Wie tragfähig ist der Plan?
Mehr als eine Baustelle ist es bislang nicht: der Spatenstich am Standort Parsons, Kansas, im Dezember 2025.
Foto: Deep Fission
Diese Woche trat UN-Generalsekretär António Guterres in London vor die Presse und verlangte von den großen KI-Konzernen, die Umweltbilanz ihrer Rechenzentren offenzulegen – und sich zu verpflichten, die Serverhallen bis 2030 mit Ökostrom zu betreiben. Parallel zeigt eine neue UN-Studie, dass Rechenzentren im Jahr 2025 schon mehr Strom verbraucht haben als alle Staaten der Erde bis auf zehn. Bis 2030 dürfte sich ihr Anteil auf knapp 3 % des globalen Verbrauchs verdoppeln.
Nur: Sauberer Strom allein dürfte diesen Hunger kaum stillen. Die Internationale Energieagentur (IEA) rechnet damit, dass Erneuerbare bis 2030 nur etwa die Hälfte des zusätzlichen Bedarfs decken können. Der Rest kommt aus Gas, Kohle und Kernkraft.
In diese Lücke drängen neue Anbieter mit kühnen Ideen – die wohl kühnste stammt von einem US-Start-up. Nur einen Tag nach Guterres‘ Appell meldete Deep Fission am 24.6. Anfragen über bis zu 18,5 GW, vor allem von Rechenzentren. Die Kalifornier wollen komplette Atomreaktoren über Kabel fast 2 km tief in der Erde versenken. Wie soll das funktionieren, und wie sinnvoll ist es?
Inhaltsverzeichnis
Das Atomkraftwerk im Bohrloch
Die Idee von Deep Fission, 2023 vom Vater-Tochter-Team Richard und Elizabeth Muller in Berkeley gegründet, stellt das traditionelle Kraftwerksdesign vom Kopf auf die Füße. Statt einen Reaktor an der Oberfläche mit meterdicken Hüllen aus Stahl und Beton zu umgeben, soll ein kompakter Druckwasserreaktor an einem Kabel in ein rund 1,6 km tiefes Bohrloch hinabgelassen werden.

Der verwendete Reaktortyp selbst ist nicht neu. Es handelt sich um dieselbe Technik, die weltweit in den meisten Kernkraftwerken und in Atom-U-Booten steckt. Betrieben wird er laut Deep Fission mit schwach angereichertem Uran.
So arbeitet der Reaktor in der Tiefe

Ein Druckwasserreaktor muss sein Kühlwasser auf über 300 °C erhitzen, ohne dass es verdampft. Das geht nur unter hohem Druck. Oberirdische Reaktoren erzeugen ihn mit einem teuren, dickwandigen Stahlbehälter. Deep Fission will diesen Druck anders herstellen – durch die Tiefe selbst. Das funktioniert so:
- Deep Fission überlässt diese Arbeit der Physik: Pro 10 m Wassertiefe steigt der Druck um rund ein Bar. In 1.600 m Tiefe lasten so allein durch das Gewicht der gefluteten Wassersäule etwa 160 Bar auf dem Reaktor – das entspricht dem Druck, den sonst der Stahlmantel liefern muss. Erst die Tiefe macht den Reaktor also betriebsfähig.
- Bei etwa 315 °C Kerntemperatur erhitzt die Kernspaltung Wasser, der Dampf steigt durch Rohre an die Oberfläche und treibt dort eine herkömmliche Turbine an. Das Prinzip der Energieübertragung hat sich Deep Fission von der Geothermie abgeschaut.
- Muss der Reaktor inspiziert werden, soll er sich in ein bis zwei Stunden nach oben ziehen lassen. Die einzigen beweglichen Teile seien die Steuerstäbe und das Kühlmittel, schreibt Deep Fission.
Ein einzelner Reaktor soll nach Angaben des Unternehmens rund 15 MW elektrische Leistung liefern. Das ist wenig im Vergleich zu den gut 1,3 GW eines großen Meilers. Dafür lässt sich das Konzept theoretisch leichter skalieren: mehr Löcher, mehr Reaktoren. Mit rund 100 Bohrlöchern auf weniger als 3 ha ließen sich so theoretisch 1,5 GW erreichen.

Für wen das interessant ist
Ein Großteil der 18,5 GW-starken Nachfrage geht auf Rechenzentren zurück. Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) dürfte sich der weltweite Verbrauch von Rechenzentren bis 2030 auf rund 945 TWh verdoppeln. In den USA, dem Zentrum des KI-Booms, stehen die Serverhallen dann für fast die Hälfte des gesamten Zuwachses beim Stromverbrauch – mehr als die Aluminium-, Stahl-, Zement- und Chemieindustrie zusammen.
Das größte Problem für die Betreiber ist dabei, einen Anschluss an das Netz zu erhalten. Ein neues Rechenzentrum steht in zwei bis drei Jahren, der Anschluss ans Stromnetz dauert oft länger – in manchen Regionen sind die Warteschlangen für Netzanschlüsse Jahre lang. Wer im KI-Wettlauf nicht warten will, baut sein Kraftwerk lieber selbst, direkt neben den Servern und unabhängig vom öffentlichen Netz. Branchenintern heißt das „behind the meter„: Strom, der gar nicht erst durchs Netz fließt.
Deep Fission verspricht ein deutlich schnelleres Tempo: ein Reaktor soll innerhalb von sechs Monaten fertig sein.
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Schneller und planbarer Strom?
Zudem soll die Grundlast planbar und stabil sein, was ein Vorzug gegenüber der Versorgung mit volatiler Sonnen- und Windenergie wäre. Auch die Stromgestehungskosten sollen mit 5 bis 7 US-Cent pro kWh relativ niedrig liegen. Belegt ist davon bisher nichts – es sind die Zielwerte eines Unternehmens, das noch keinen einzigen Reaktor betreibt.
Trotzdem zieht das Versprechen bereits Interessenten an. Die gemeldete Nachfrage stieg laut dem Unternehmen von 12,5 GW im Oktober 2025 auf jetzt 18,5 GW, darunter ein gemeinsames Vorhaben über 2 GW mit dem Rechenzentrumsentwickler Endeavour.
Klar ist aber auch: Der unterirdische Reaktor ist nur eine von mehreren Antworten auf die Stromfrage – und längst nicht die erprobteste. Die wichtigsten Optionen im Überblick:
| Stromquelle | Prinzip | Reife / Zeithorizont | Der Haken |
| Erneuerbare (Wind, Solar) | Strombezug über Abnahmeverträge (PPAs) oder eigene Parks am Standort | Verfügbar; laut IEA rund 50 % des Nachfragezuwachses bis 2030 | Schwankende Einspeisung, braucht Speicher und Netzausbau |
| Erdgas (Turbinen, Motoren) | Eigenes Kraftwerk am Rechenzentrum, oft „behind the meter“ | Verfügbar; v. a. USA, Turbinen aber bis 2028 ausgebucht | Fossil, hoher CO₂-Ausstoß |
| Wasserstoff-BHKW | Blockheizkraftwerk mit 100 % H₂ als Ersatz für Diesel-Backup | Pilotphase (z. B. Innio 3 MW, mit Microsoft und Google) | Grüner Wasserstoff, teuer und knapp |
| Kernkraft / SMR | Kleine modulare Reaktoren für CO₂-arme Grundlast | Erste kommerzielle SMR laut IEA erst um 2030 | Genehmigung, Kosten und Zeitpläne weitgehend unbewiesen |
Ein 20-cm-Loch und viele offene Fragen
Bislang steht nur ein einziges, rund 20 cm breites Erkundungsloch in Parsons, Kansas. Der eigentliche Reaktor bräuchte einen Schacht von etwa 76 cm Durchmesser – gebohrt ist der noch nicht.
Auch der Zeitplan ist bereits gerissen. Im US-Förderprogramm des Energieministeriums galt ursprünglich der 4. Juli 2026 als Ziel, an dem die ersten drei Reaktoren kritisch werden sollten. Nach Recherchen US-amerikanischer Medien gehört Deep Fission nicht zu denen, die das schaffen; das Unternehmen nennt inzwischen keinen festen Termin mehr und lässt sogar offen, ob es überhaupt in den kommerziellen Betrieb kommt. Hinzu kommen regulatorische Hürden:
- Für den kommerziellen Betrieb braucht es eine Genehmigung der US-Atomaufsicht NRC. Den Antrag will Deep Fission erst im ersten Halbjahr 2027 stellen.
- Das Recht in Kansas untersagt dem Unternehmen derzeit, Strom direkt an Abnehmer wie Rechenzentren zu verkaufen. Man sucht mit einem Versorger nach einer Lösung.
- Wie Wartung, Rückbau und Endlagerung abgebrannter Brennelemente fast 2 km unter der Erde funktionieren sollen, ist nicht abschließend geklärt. Kritiker verweisen zudem auf nahe Grundwasserleiter.
Die Idee, Atomreaktoren in den Fels zu senken und den Druck der Tiefe für sich arbeiten zu lassen, ist bestechend. Aber sie steht und fällt nicht mit Absichtserklärungen, sondern mit dem ersten Reaktor, der technisch funktioniert und regulatorisch abgesichert ist. Bis dahin gilt: spannende Technik, offener Ausgang.
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