Kraftwerksstrategie: Macht es Reiche am Ende doch wie Habeck?
Zweieinhalb Jahre Verhandlungen, zwei Regierungen – und am Ende ein Plan, der dem ursprünglichen Entwurf erstaunlich ähnelt. Was hat das lange Ringen eigentlich gebracht?
Das Gaskraftwerk Irsching wurde mehrfach modernisiert.
Foto: picture alliance / SvenSimon | Frank Hoermann / SVEN SIMON
Nach zweieinhalb Jahren Debatte hat Deutschland eine Kraftwerksstrategie. Am 16. Januar haben sich das Bundeswirtschaftsministerium und die EU-Kommission auf die Eckpunkte geeinigt. Damit endet ein langer Spießrutenlauf.
Noch in diesem Jahr sollen Kraftwerke mit einer Gesamtleistung von 12 GW ausgeschrieben werden – fast genau so viel, wie Robert Habeck bereits 2024 geplant hatte. Die Anlagen sollen spätestens 2031 ans Netz gehen, müssen wasserstofffähig sein und bis 2045 emissionsfrei laufen. Parallel will die Bundesregierung ab 2032 einen Kapazitätsmarkt einführen, der langfristig für Versorgungssicherheit sorgen soll.
Wie ist dieses Ergebnis einzuordnen? Wir schauen uns die wichtigsten Stationen der Kraftwerksstrategie an. Dabei zeigt sich: Die aktuelle Fassung ähnelt der Ursprungsidee in erstaunlich vielen Punkten.
Inhaltsverzeichnis
- Der ambitionierte Anfang (Sommer 2023)
- Die erste Einigung (Februar 2024)
- Das Kraftwerkssicherheitsgesetz (Juli 2024)
- Das Ampel-Aus (November 2024)
- Neustart unter Schwarz-Rot (Ab Mai 2025)
- Die finale Einigung im Überblick
- Was hat das Ringen gebracht?
- Wie geht es weiter?
- Fragezeichen bei Finanzierung und Zeitplan
- FAQ: Die Kraftwerksstrategie
Der ambitionierte Anfang (Sommer 2023)
Im Zuge der ambitionierten Energiewende-Politik der Ampel wurde 2023 eine Frage immer lauter: Wie lässt sich die Stromversorgung in Deutschland jederzeit garantieren? Denn zwar gibt es immer mehr Grünstrom, doch Wind und Sonne liefern nicht auf Knopfdruck. Gleichzeitig sollen alte Kohlekraftwerke bis 2038 vom Netz.
Doch wenn an trüben, windstillen Wintertagen – in einer sogenannten Dunkelflaute – der Strom knapp wird, braucht es flexible Kraftwerke für die Notversorgung. Genau diese sollten gebaut werden.
Im August 2023 stellte der damalige Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck erste Pläne zum Ausbau vor. Sie umfassten den Bau wasserstofffähiger Gaskraftwerke mit insgesamt 23,8 GW Leistung bis 2035. 8,8 GW davon sollten durch Neubauten entstehen, 15 GW durch die Umrüstung bestehender Anlagen.
Das Ministerium unterschied zudem drei Kategorien von Kraftwerken:
- „Wasserstoff-Sprinter“ sollten sofort mit Wasserstoff laufen und frühzeitig an das erst kurz zuvor beschlossene Wasserstoffkernnetz angeschlossen werden.
- „Hybrid-Kraftwerke“ würden erneuerbare Energien mit lokaler H₂-Speicherung verbinden und
- „H₂-Ready-Kraftwerke“ könnten zunächst Erdgas nutzen, bevor sie später auf Wasserstoff umgestellt werden.

Am Standort des Braunkohlekraftwerks Weisweiler bei Aachen plant RWE ein neues H2-ready-Gaskraftwerk.
Foto: picture alliance/dpa | Oliver Berg
Die erste Einigung (Februar 2024)
Nach zähen Verhandlungen einigte sich die Koalition im Februar 2024 erstmals auf die Kernelemente ihrer Kraftwerksstrategie. Vor dem Hintergrund des im November 2023 erfolgten Urteils des Bundesverfassungsgerichts, demzufolge nicht genutzte Kredite aus den Corona-Finanzpaketen keine Grundlage für den Klimatransformationsfonds (KTF) bilden dürfen, markierte der finale Entwurf eine klare Kursänderung.
- Zunächst wurde die Zielmarke deutlich niedriger angesetzt. Statt der anfangs vorgesehenen 23,8 GW sollten nur noch Gaskraftwerke mit einer Gesamtleistung von 10 GW ausgeschrieben werden.
- Zudem verschob die Regierung den Zeitraum für die Umstellung nach hinten: Die H₂-ready-Kraftwerke sollten erst bis 2040 vollständig auf Wasserstoff umgestellt werden.
- Die für Neubau und Umstellung geschätzten Kosten von rund 16 Mrd. € wollte man weiterhin aus dem KTF finanzieren. Allerdings war davon nach dem Urteil aus Karlsruhe wenig übrig.
Das Kraftwerkssicherheitsgesetz (Juli 2024)
Im Juli 2024 wurde die Strategie in ein Kraftwerkssicherheitsgesetz (KWSG) überführt und erneut überarbeitet. Die Zielkapazität setzte das Ministerium dabei auf 12,5 GW fest. Zudem wurde sie als Zweisäulen-Modell restrukturiert:
Erste Säule:
- 5 GW neue H₂-ready-Gaskraftwerke
- 2 GW H₂-ready-Modernisierungen bestehender Anlagen
- 500 MW reine Wasserstoffkraftwerke („Wasserstoffsprinter“)
- 500 MW Langzeitspeicher
Zweite Säule:
- 5 GW neue Gaskraftwerke
Das Ampel-Aus (November 2024)
Am 11. September 2024 leitete die Bundesregierung die formelle Konsultationsphase für das KWSG ein, die bis zum 23. Oktober lief. Die erste Ausschreibung war für Anfang 2025 geplant.
Doch erneut kam alles anders. Im November 2024 zerbrach die Ampel an der Frage, wie der Bundeshaushalt 2025 zu finanzieren sei. Das KWSG blieb liegen, und die Ausschreibungen fielen aus.

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche hat sich bei der Kraftwerksstrategie von ihrem Vorgänger Robert Habeck inspirieren lassen.
Foto: picture alliance / dts-Agentur | –
Neustart unter Schwarz-Rot (Ab Mai 2025)
Nach den Neuwahlen kam im Mai 2025 die Große Koalition aus CDU/CSU und SPD ins Amt. Das Thema Kraftwerke war damit aber nicht vom Tisch.
In ihrem Koalitionsvertrag kündigte die GroKo eine „zügige Überarbeitung“ der Kraftwerksstrategie an. Mit „bis zu 20 GW an Gaskraftwerksleistung bis 2030″ plante sie zunächst sogar eine größere Kapazität als die Ampel. Statt den elaborierten Habeck-Entwurf zu übernehmen, wollte die neue Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) mit Brüssel neu verhandeln.
Es folgten monatelange Gespräche mit der EU-Kommission. Insider klagten bereits, dass die Kraftwerksstrategie alle anderen Themen im Ministerium überschatte. Im November 2025 schien eine Einigung nah, doch dann zogen sich die Verhandlungen weiter. Am 16. Januar 2026 kam es schließlich zum Durchbruch.
Die finale Einigung im Überblick
| Eckpunkt | Zielwert |
| Ausschreibungsvolumen | 12 GW |
| Davon mit Langfristkriterium | 10 GW (müssen länger am Stück laufen können) |
| Davon technologieoffen | 2 GW (Batteriespeicher, Biogas o.Ä.) |
| Inbetriebnahme | Bis 2031 |
| Geplante weitere Ausschreibungen | 2027 und 2029/2030 |
| Klimaneutralität | 2045 |
Was hat das Ringen gebracht?
Das Ergebnis fällt bescheidener aus als von Reiche zu Beginn der Legislaturperiode angestrebt. Die Grünen betonten bereits die Nähe des finalen Entwurfs zu Habecks Plänen: „Was Frau Reiche und Herr Merz jetzt als große Idee verkaufen, hätte man bereits Anfang letzten Jahres haben können“, so Katrin Uhlig, Mitglied im Wirtschafts- und Energieausschuss des Bundestags, gegenüber der Rheinpfalz. Das „monatelange Chaos“ sei „vermeidbar“ gewesen und hätte lediglich „einer unnötigen Selbstinszenierung“ gedient.
Ein Blick auf die Zahlen gibt ihr zunächst Recht: Im Juli 2024 wollte die Ampel 12,5 GW ausschreiben, jetzt sind es 12 GW. Auch die Grundstruktur ähnelt sich: wasserstofffähige Gaskraftwerke, Inbetriebnahme Anfang der 2030er, Dekarbonisierung bis 2045.
Die Unterschiede liegen eher im Detail. Habecks Entwurf sah feste Umstellungstermine auf Wasserstoff vor, Reiche setzt stattdessen auf Anreize. Überhaupt legt ihr Modell einen stärkeren Fokus auf Technologieoffenheit. Mit dem Kapazitätsmarkt führt sie zudem ein Instrument ein, das im ursprünglichen Plan keine zentrale Rolle spielte.
Reiche betont in einer Presseerklärung auch diese Neuerungen: Ihre Strategie setze „den Startpunkt für einen umfassenden, technologieoffenen Kapazitätsmarkt“ und sichere Versorgungssicherheit und Klimaschutz gleichermaßen.

Das Gaskraftwerk Duisburg-Huckingen wird von der RWE betrieben.
Foto:
Foto: picture alliance / Jochen Tack | Jochen Tack
Wie geht es weiter?
Für ein finales Aufatmen ist es zu früh, denn das Beihilfeverfahren ist noch nicht abgeschlossen. Die EU-Kommission muss das Fördermodell nun nach Vorlage des Gesetzentwurfs final genehmigen. Die ersten Ausschreibungen sollen dann im Sommer starten.
Bereits ab 2027 plant die Bundesregierung zusätzliche Ausschreibungen für die „vorzeitige Dekarbonisierung“. Dabei sollen Differenzverträge die höheren Brennstoffkosten bei einer frühen Umstellung auf Wasserstoff abfedern. Ziel ist, 2 GW bis 2040 und weitere 2 GW bis 2043 auf Wasserstoff umstellen. So läge man noch vor der anvisierten Klimaneutralität im Jahr 2045.
Ebenfalls 2027 soll der Kapazitätsmarkt eingeführt werden, der ab 2032 greift. Dann würden Kraftwerksbetreiber nicht nur für gelieferten Strom bezahlt, sondern auch für das Bereithalten von Kapazität.
Fragezeichen bei Finanzierung und Zeitplan
Gaskraftwerke, die nur bei Dunkelflauten einspringen, werfen kaum Gewinne ab. Deshalb scheuen Energieversorger und Banken bislang Investitionen. Als Geldgeber bleibt der Staat, um Bau und Betrieb zu subventionieren.
Noch ist offen, ob die Kosten aus dem Bundeshaushalt kommen oder über eine Umlage auf den Strompreis finanziert werden. In der Branche rechnet man mit jährlichen Förderkosten im mittleren dreistelligen Millionenbereich. Über die gesamte Laufzeit könnte sich das auf einen zweistelligen Milliardenbetrag summieren.
Auch den Zeitplan kann man mit einem Fragezeichen versehen. Der Chef des Turbinenherstellers Christian Bruch sprach gegenüber der dpa von einem „Fotofinish“ für das Zieljahr 2031, also einem Rennen, das sich nur haarscharf gewinnen lässt.
Denn: Für große Gasturbinen, wie sie in neuen Gaskraftwerken zum Einsatz kommen, liegen die Lieferzeiten derzeit bei vier Jahren. „Und es sieht nicht so aus, als würden sich die Lieferzeiten in den nächsten 18 Monaten entspannen“, so Bruch.
FAQ: Die Kraftwerksstrategie
Warum überhaupt neue Gaskraftwerke?
Wind- und Solaranlagen liefern wetterabhängig Strom. In Dunkelflauten müssen flexible Kraftwerke einspringen. Mit dem Kohleausstieg bis spätestens 2038 fehlt diese Reserve zunehmend. Daher sollen frühzeitig neue Gaskraftwerke ausgeschrieben werden, die flexibel arbeiten.
Wie viel Kapazität wird ausgeschrieben?
Zunächst 12 GW im Jahr 2026. Weitere Ausschreibungen folgen 2027 und 2029/2030.
Wann gehen die neuen Kraftwerke ans Netz?
Die Anlagen aus der ersten Ausschreibung sollen spätestens 2031 in Betrieb gehen.
Müssen die Kraftwerke auf Wasserstoff umstellen?
Ja, alle Anlagen müssen „H₂-ready“ sein und bis spätestens 2045 emissionsfrei betrieben werden. Anreize für eine frühere Umstellung gibt es ab 2027.
Wer finanziert den Bau?
Die Kraftwerke werden staatlich gefördert. Ob über den Bundeshaushalt oder eine Stromumlage, ist noch offen.
Wo sollen die Kraftwerke stehen?
Vor allem im Süden Deutschlands, wo der Bedarf an flexibler Stromerzeugung am größten ist.
Was ist ein Kapazitätsmarkt?
Ein Mechanismus, bei dem Betreiber auch für das Bereithalten von Kapazität und nicht nur für gelieferten Strom bezahlt werden.
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