Elektroschrott-Recycling: Mikroben lösen Palladium effizienter als Chemie
Mikroben recyceln Palladium aus Elektroschrott effizienter als Chemie: Fraunhofer-Forschende setzen auf Bioleaching für nachhaltige Rohstoffrückgewinnung.
Biologisches Recycling für Elektroschrott: Das Fraunhofer IGB nutzt Bakterien und Algen zur Metallrückgewinnung.
Foto: Smarterpix / logoff
Millionen Tonnen Elektroschrott landen jährlich im Müll. Doch was wir wegwerfen, ist für die Industrie pures Gold – oder besser gesagt: Palladium und Neodym. In alten Smartphones oder Laptops stecken Rohstoffe, die für moderne Elektronik unverzichtbar sind.
Palladium sichert die Leitfähigkeit in Kontakten, Neodym treibt als Magnetmaterial Elektromotoren und Windkraftanlagen an. Bisher ist die Rückgewinnung dieser Metalle mühsam und verbraucht Unmengen an Chemikalien. Das Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik IGB in Stuttgart testet deshalb eine Alternative, die ohne klassische Säurebäder auskommt: Mikroorganismen übernehmen die Arbeit.
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Bakterien als Bergleute im Reaktor
Das Fachwort für diesen Prozess lautet Bioleaching. Dabei nutzen Forschende gezielt den Stoffwechsel von Kleinstlebewesen. Im Projekt „RüBioM“ kommt unter anderem der Bakterienstamm Pseudomonas aeruginosa zum Einsatz. Die Fachleute geben die Mikroorganismen auf den zerkleinerten Elektroschrott. Dort produzieren die Bakterien organische Säuren und spezielle Verbindungen, die Metalle gezielt aus dem Material lösen.
Im Vergleich zur Pyrometallurgie, dem Einschmelzen bei hohen Temperaturen, oder der Hydrometallurgie mit konzentrierten Säuren, läuft dieser Prozess moderat ab. Das senkt den Energiebedarf massiv. Sobald die Metalle in einer wässrigen Lösung vorliegen, folgt der zweite Schritt: Mikroalgen binden die Metallionen an ihrer Zelloberfläche. Diese Biosorption funktioniert wie ein biologischer Schwamm, der die wertvolle Fracht aus dem Wasser filtert.
Was im Labor funktioniert – und was nicht
Die Ergebnisse hängen stark vom jeweiligen Metall ab. Bei Palladium schlägt die Biologie die Chemie bereits heute in Teilbereichen.
„Die Ergebnisse der Machbarkeitsstudie sind ermutigend“, sagt Projektleiter Dr. Lukas Kriem. „Beim Bioleaching war die Freisetzungsrate mehr als 13 % höher als bei vergleichbaren chemischen Methoden. Mithilfe der Biosorption konnten wir sogar über 30 % des gelösten Palladiums entfernen.“
Diese Werte stammen aus kontrollierten Versuchen. Sie belegen das Prinzip, zeigen aber auch die Grenzen auf. Bei Neodym sieht die Bilanz anders aus. Hier ist das biologische Verfahren bisher weniger effizient als die etablierte Chemie. Seltene Erden liegen oft in stabilen Bindungen vor, die Mikroorganismen nur schwer aufbrechen können.
Skalierung: Die Hürden der Praxis
Ob eine Methode industriell relevant wird, entscheidet sich außerhalb des Labors. Das Team testete den Ansatz deshalb in einem Festbettreaktor. Hier strömt die Lösung durch ein Bett aus E-Schrott-Granulat. Dabei zeigten sich typische ingenieurtechnische Herausforderungen:
- Ungleichmäßige Strömungen: Die Flüssigkeit erreicht nicht alle Materialstellen gleichermaßen.
- Biofilme: Die Mikroorganismen setzen Oberflächen zu und verstopfen Poren.
- Prozessstabilität: Biologische Systeme reagieren empfindlich auf Temperaturschwankungen oder wechselnde Schrottzusammensetzungen.
Trotzdem gelang die Mobilisierung von Palladium im Technikmaßstab. Der Nachweis der Skalierbarkeit ist damit erbracht, auch wenn der dauerhafte Betrieb noch Optimierung benötigt.
Kein Ersatz für Chemie – sondern ein Baustein
Die Daten deuten nicht darauf hin, dass die Biologie die Chemie kurzfristig ablöst. Klassische Verfahren bleiben bei Geschwindigkeit und Durchsatz überlegen. Interessant wird der biologische Ansatz jedoch als Ergänzung. Mikroorganismen könnten als „Spezialeinheit“ bestimmte Metalle selektiv vorab extrahieren, bevor die klassische Chemie den Rest übernimmt. Solche kombinierten Prozessketten versprechen eine höhere Gesamteffizienz.

Strategische Rohstoffsicherheit
Für Europa ist das Thema politisch brisant. Kritische Metalle stammen oft aus wenigen, geopolitisch sensiblen Regionen. Anfällige Lieferketten machen eine heimische Kreislaufwirtschaft notwendig. Elektroschrott ist dabei eine strategische Reserve.
Kriem resümiert: „Manchmal liegt der Schatz nicht tief unter der Erde, sondern direkt in unserer Schublade.“
Ausblick: Vom Prototyp zur Anlage
Der nächste Schritt umfasst die wirtschaftliche Bewertung und die Stabilisierung der Prozesse unter realen Bedingungen. Auf der IFAT 2026 in München präsentiert das Fraunhofer IGB den aktuellen Stand (4. bis 7. Mai, Halle B2, Stand 115). Dort suchen die Fachleute den Austausch mit der Abfallwirtschaft, um die Methode zur Industriereife zu führen. Ob Biomining ein Spezialfall bleibt oder zum Standard wird, klärt sich in den kommenden Jahren im Feldversuch.
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