Crans-Montana: Machte eine Wunderkerze die Keller-Bar zur Falle?
Analyse der Brandkatastrophe von Crans-Montana: Wie eine Wunderkerze und bauliche Mängel in der Keller-Bar „Le Constellation“ zur tödlichen Falle wurden.
Der Morgen nach der Silvesterkatastrophe. In Crans-Montana, dem Ort der Explosion, sind Polizisten im Einsatz.
Foto: picture alliance/KEYSTONE | ALESSANDRO DELLA VALLE
Die Neujahrsnacht im Schweizer Kanton Wallis endete in einer Katastrophe. Im Zentrum des Skiortes Crans-Montana zerstörte eine heftige Explosion gegen 1:30 Uhr die Bar „Le Constellation“. Das Gebäude erlitt durch die Detonation und das anschließende Feuer massive Schäden, dutzende Menschen starben, viele wurden verletzt. Die Rettungskräfte standen vor einer enormen Herausforderung. Bundespräsident Guy Parmelin spricht von einer der schlimmsten Katastrophen in der Geschichte des Landes.
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🇨🇭🔥🎉 EN IMAGES – Une vidéo montre le tout début de l’incendie au bar « Le Constellation » à Crans-Montana (VS), au moment où le plafond s’enflamme. 20 Minuten) pic.twitter.com/ZfcoZt73WL
— SuisseAlert (@SuisseAlert) January 1, 2026
Mindestens 40 Todesopfer
Die Bilanz ist erschütternd: Italiens Außenminister Antonio Tajani berichtet von 47 Todesopfern. Er sei den ganzen Tag mit den Schweizer Behörden in Kontakt gestanden. Die Schweizer Polizei sprach bei einer Pressekonferenz um 17:15 Uhr von etwa 40 Toten und 115 Verletzten. Viele der Betroffenen erlitten schwerste Verbrennungen.
Während die Rettungskette mit zehn Helikoptern und 40 Krankenwagen massiv ausfiel, rückt nun die Ursachenforschung in den Fokus. Erste Berichte von Augenzeuginnen und Augenzeugen geben Hinweise auf den Auslöser. Die Aussagen deuten darauf hin, dass eine vermeintliche Kleinigkeit das Inferno auslöste.
Die Zündquelle: Eine Wunderkerze am Champagner?
Zwei junge Französinnen, Emma und Albane, entkamen der Bar und berichteten dem Sender BFMTV von ihren Erlebnissen. Laut ihrer Schilderung trug eine Kellnerin eine Champagnerflasche durch den Raum. An der Flasche war eine Wunderkerze als Dekoration befestigt. Eine der Frauen sagte gegenüber dem Sender: „Eine davon wurde zu nahe an die Decke gehalten, die daraufhin Feuer fing. Innerhalb weniger Sekunden stand die gesamte Decke in Flammen. Alles war aus Holz“.
Diese Beobachtung deckt sich mit den Aussagen von Axel und Nathan, zwei weiteren Gästen. Auch sie berichten BFMTV, dass eine Wunderkerze auf einer Flasche das Feuer auslöste. Die brennbare Deckenverkleidung aus Holz fungierte dabei als Beschleuniger. Auf die Journalistenfrage, ob eine Champagnerflasche mit einer Wunderkerze den Brand ausgelöst haben könnte, sagt die Generalstaatsanwältin Beatrice Pilloud: „Das Drama ist erst ein paar Stunden her – im Moment kann ich zum Hergang noch nichts sagen.“ Auch die Frage, ob die Treppe für die Flucht zu eng war, will sie zu diesem Zeitpunkt nicht beantworten.
Sollte es so gewesen sein: In einem geschlossenen Raum führt eine solche Brandlast zu einer extrem schnellen Brandausbreitung. Die physikalische Energie, die bei der Verbrennung trockener Holzverkleidungen frei wird, ist enorm. In Kombination mit den aufsteigenden Brandgasen entstand eine Situation, die Fachleute als kritisch einstufen.
Die Architektur der Falle: Enge Ausgänge und Panik
Die Bar im Untergeschoss war zum Zeitpunkt des Unglücks gut besucht. Schätzungen von Gästen gehen von rund 200 Personen aus, darunter viele junge Menschen zwischen 15 und 20 Jahren. Als das Feuer ausbrach, entstand sofort eine Panik. Die baulichen Gegebenheiten verschärften die Lage massiv. Eine der Augenzeuginnen berichtete BFMTV: „Die Ausgangstür war angesichts der Anzahl der anwesenden Personen ziemlich klein. Jemand hat eine Scheibe eingeschlagen, damit die Leute hinausgehen konnten“.
Für Fachleute ist dies ein bekannter Schwachpunkt. In der Schweiz regeln die Richtlinien der Vereinigung Kantonaler Feuerversicherungen (VKF) den Brandschutz. Für Versammlungsstätten mit über 100 Personen sind zwingend zwei voneinander unabhängige Rettungswege vorgeschrieben. Diese müssen eine ausreichende Breite aufweisen, um eine schnelle Evakuierung zu ermöglichen.
Wenn 200 Menschen gleichzeitig versuchen, durch eine einzige, schmale Tür zu fliehen, kommt es unweigerlich zu Stauungen. Axel schilderte die dramatischen Szenen: „Wir waren in einem Keller und versuchten, rauszukommen. Ich musste einen Tisch hinlegen und mich dahinter verstecken, um mich nicht zu verbrennen. Die Leute versuchten rauszukommen, es herrschte Chaos“.

Menschen fliehen nach einer tödlichen Explosion während der Silvesterfeierlichkeiten in Crans-Montana.
Foto: picture alliance / ROPI | Fotogramma
Branddynamik und der „Flashover“ im Keller
Das Brandereignis im „Le Constellation“ wird von den Behörden als „embrasement généralisé“ beschrieben. Dieser Fachbegriff bezeichnet den Übergang eines Entstehungsbrandes zu einem Vollbrand des gesamten Raumes. In Untergeschossen ist dies besonders gefährlich. Da Wärme nach oben steigt, sammeln sich die heißen Brandgase unter der Decke. Erreicht die Hitze schließlich etwa 500 bis 600 Grad Celsius, entzünden sich nahezu alle brennbaren Materialien gleichzeitig. In der Bar in Crans-Montana, in der viel Holz verbaut war, könnte das katastrophale Folgen gehabt haben.
In dieser Phase steigt die Temperatur im Raum schlagartig an. Ein Überleben ist ohne Schutzausrüstung kaum mehr möglich. Der Rauch fungiert zudem als Sichtbarriere. Da die Bar im Keller lag, wirkte der Treppenaufgang wie ein Kamin. Er zog den Rauch nach oben und erschwerte die Flucht zusätzlich. Wer nicht in den ersten Sekunden den Ausgang erreichte, war den Flammen und den giftigen Gasen schutzlos ausgeliefert. „Die Flammen waren nur einen Meter von uns entfernt. Wären wir nicht geflohen, wären wir mit Sicherheit auch verletzt worden“, gaben Emma und Albane zu Protokoll.

Das Gebäude, in dem während der Neujahrsfeierlichkeiten ein Feuer ausbrach, bei dem Menschen ums Leben kamen und verletzt wurden.
Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Police Cantonale Valaisanne
Technische Versäumnisse und rechtliche Folgen
Die Ermittlungen der Kantonspolizei Wallis und der Staatsanwaltschaft laufen auf Hochtouren. Generalstaatsanwältin Beatrice Pilloud stellte bereits klar: „Es handelt sich zu keinem Zeitpunkt um einen Angriff“. Stattdessen rücken die Betriebssicherheit und die Einhaltung technischer Standards in den Fokus.
In unterirdischen Räumen ist eine Rauch- und Wärmeabzugsanlage (RWA) nach VKF-Standard oft vorgeschrieben. Solche Anlagen sollen den Rauch absaugen und eine raucharme Schicht am Boden erhalten. Falls die Anlage im „Le Constellation“ vorhanden war, konnte sie die schnelle Ausbreitung an der Decke offenbar nicht verhindern. Zudem stellt sich die Frage, warum im Innenraum Pyrotechnik in Form von Wunderkerzen verwendet wurde. In einer Umgebung mit hoher Brandlast und vielen Menschen ist dies ein kalkulierbares Risiko, das hier zur Katastrophe führte.
Ob es wirklich technische Versäumnisse gab, wollte die Staatsanwalt bei der Pressekonferenz am Nachmittag weder verneinen noch bejaen. Auch hier wurde auf laufende Ermittlungen verwiesen.
Einordnung der Rettungsmaßnahmen
Trotz der schwierigen Bedingungen waren die Einsatzkräfte in wenigen Minuten vor Ort. Frédéric Gisler, Kommandant der Kantonspolizei Wallis, lobte die Solidarität der Helfenden. Dennoch konnten viele Opfer nur noch tot geborgen werden. In den Krankenhäusern im Wallis herrschte Ausnahmezustand. Die Intensivstationen waren innerhalb kürzester Zeit ausgelastet, weshalb Verletzte in die gesamte Schweiz verlegt wurden.
Staatsratspräsident Mathias Reynard betonte die Schwere des Ereignisses: „Dieser Abend hätte ein Moment des Feierns und des Zusammenkommens sein sollen, aber er wurde zu einem Albtraum“. Für den Tourismusort Crans-Montana, der zu 20 % von internationalen Gästen besucht wird, bedeutet dieses Unglück eine Zäsur.
In den kommenden Wochen müssen Gutachten klären, wer die Verantwortung für die baulichen Mängel und den Umgang mit Zündquellen trägt. Die Kombination aus einer brennbaren Holzarchitektur, unzureichenden Fluchtwegen und einer vermeintlich harmlosen Wunderkerze schuf eine tödliche Kettenreaktion.
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