Inferno in Crans-Montana: Die Physik hinter dem Flashover
40 Tote in Schweizer Bar: Expertinnen und Experten untersuchen Brandursache und Baumängel im „Le Constellation“. Alles zur Physik des Unglücks.
Der Morgen nach der Silvesterkatastrophe. In Crans-Montana, dem Ort der Explosion, sind Polizisten im Einsatz.
Foto: picture alliance/KEYSTONE | ALESSANDRO DELLA VALLE
Der Beitrag analysiert die physikalischen Hintergründe der Brandkatastrophe in der Bar „Le Constellation“ in Crans-Montana. Im Fokus steht das Phänomen des Flashovers, bei dem sich Brandgase unter der Decke sammeln und eine schlagartige Durchzündung des gesamten Raumes verursachen. Neben der Branddynamik beleuchtet der Text die baulichen Mängel, unzureichende Fluchtwege gemäß VKF-Standards und die fatale Rolle einer Wunderkerze als Zündquelle.
Inhaltsverzeichnis
- Wie konnte es zu einer solchen Katastrophe kommen?
- Die Zündquelle: Eine fatale Dekoration
- Thermodynamik im Untergeschoss: Der Weg zum Flashover
- Wenn Architektur zur Falle wird
- Versagte die Rauch- und Wärmeabzugsanlage?
- Die medizinischen Folgen extremer Hitze
- Rechtliche Einordnung und Ermittlungsstand
Wie konnte es zu einer solchen Katastrophe kommen?
Die Neujahrsnacht im Schweizer Kanton Wallis sollte für hunderte junge Menschen der Höhepunkt des Jahres werden. Doch gegen 1:30 Uhr verwandelte sich die Bar „Le Constellation“ im Zentrum des Skiortes Crans-Montana in einen Ort des Grauens. Eine heftige Explosion und ein anschließendes Feuer zerstörten das Gebäude nahezu vollständig.
Die Bilanz der Nacht ist erschütternd: Mindestens 40 Menschen verloren ihr Leben, 115 weitere erlitten teils schwerste Verletzungen. Während Rettungskräfte mit zehn Helikoptern und 40 Krankenwagen versuchten, das Chaos zu bewältigen, rückt für Ingenieurwesen und Brandschutztechnik nun eine zentrale Frage in den Fokus: Wie konnte ein kleiner Entstehungsbrand innerhalb von Sekunden zu einer derartigen Katastrophe führen?
Die Zündquelle: Eine fatale Dekoration
Augenzeuginnen und Augenzeugen berichten von einer vermeintlichen Belanglosigkeit, die das Inferno einleitete. In der gut besuchten Bar, in der sich schätzungsweise 200 Personen aufhielten, servierte das Personal Champagner. Zur Dekoration steckten Wunderkerzen an den Flaschen.
Die jungen Französinnen Emma und Albane beobachteten die Szene unmittelbar vor dem Ausbruch. Gegenüber dem Sender BFMTV sagten sie: „Eine davon wurde zu nahe an die Decke gehalten, die daraufhin Feuer fing. Innerhalb weniger Sekunden stand die gesamte Decke in Flammen. Alles war aus Holz“.
Diese Schilderung deckt sich mit den Aussagen weiterer Gäste. Axel und Nathan, die ebenfalls vor Ort waren, bestätigten die Beobachtung. Die brennbare Deckenverkleidung aus Holz wirkte in diesem Szenario wie ein massiver Brandbeschleuniger.
Zwar hält sich die Generalstaatsanwältin Beatrice Pilloud mit abschließenden Urteilen zurück und verweist auf die laufenden Ermittlungen, doch die physikalische Beweislage deutet auf eine klassische Brandlast-Problematik hin. In einem geschlossenen Raum führt die Verbrennung trockener Holzverkleidungen zu einer enormen Freisetzung von Energie.

Menschen fliehen nach einer tödlichen Explosion während der Silvesterfeierlichkeiten in Crans-Montana.
Foto: picture alliance / ROPI | Fotogramma
Thermodynamik im Untergeschoss: Der Weg zum Flashover
Das Brandereignis im „Le Constellation“ beschreiben die Behörden als „embrasement généralisé“. In der Brandschutztechnik ist dieser Vorgang als Flashover bekannt. Um die Dynamik in der Bar zu verstehen, müssen Sie die räumliche Situation betrachten: Die Bar befand sich im Untergeschoss. Dies ist für die Brandentwicklung ein kritischer Faktor. Da Wärme physikalisch bedingt nach oben steigt, sammeln sich die heißen Brandgase direkt unter der Decke.
In dieser Phase entsteht eine thermische Schichtung. Während am Boden die Temperaturen noch moderat bleiben können, staut sich unter der Decke eine extrem heiße Gasschicht an. Erreicht diese Schicht eine Temperatur von etwa 500 bis 600 Grad Celsius, tritt ein kritischer Punkt ein.
Die Brandschutzsachverständige Sandra Barz erklärte das Phänomen im ARD-„Brennpunkt“ so: „Und bei dem richtigen Mischungsverhältnis und bei einer immer höher werdenden Temperatur ist das eine Durchzündung, eine Feuerwalze, die komplett alles gleichzeitig in Brand nimmt, ohne dass es durch eine Flamme berührt wird.“
Bei einem Flashover entzünden sich nahezu alle brennbaren Materialien im Raum gleichzeitig durch die reine Strahlungswärme der Brandgase. Die chemische Zersetzung der Einrichtung setzt weitere brennbare Gase frei, die das Feuer füttern. Innerhalb kürzester Zeit steigt die Temperatur im Raum auf 1000 bis 1200 Grad Celsius an. Ein Überleben ist in dieser Umgebung ohne professionelle Schutzausrüstung ausgeschlossen.
Wenn Architektur zur Falle wird
Die baulichen Gegebenheiten in Crans-Montana verschärften die Lage massiv. Die Bar im Keller verfügte laut Augenzeugenberichten nur über unzureichende Rettungswege. Eine der Überlebenden schilderte gegenüber BFMTV die dramatische Situation: „Die Ausgangstür war angesichts der Anzahl der anwesenden Personen ziemlich klein. Jemand hat eine Scheibe eingeschlagen, damit die Leute hinausgehen konnten“.
In der Schweiz regelt die Vereinigung Kantonaler Feuerversicherungen (VKF) die Brandschutzstandards sehr präzise. Für Versammlungsstätten, die mehr als 100 Personen fassen, sind zwingend zwei voneinander unabhängige Rettungswege vorgeschrieben.
Diese müssen zudem eine Breite aufweisen, die eine schnelle Evakuierung der maximal zulässigen Personenzahl ermöglicht. Wenn 200 Menschen – meist im Alter zwischen 15 und 26 Jahren – gleichzeitig versuchen, durch eine einzige schmale Tür zu fliehen, kommt es unweigerlich zu lebensgefährlichen Stauungen.

Das Gebäude, in dem während der Neujahrsfeierlichkeiten ein Feuer ausbrach, bei dem Menschen ums Leben kamen und verletzt wurden.
Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Police Cantonale Valaisanne
Versagte die Rauch- und Wärmeabzugsanlage?
Ein weiterer technischer Aspekt ist die Rauch- und Wärmeabzugsanlage (RWA). In unterirdischen Räumen ist eine solche Anlage nach VKF-Standard oft obligatorisch. Ihr Zweck ist es, Brandgase aktiv abzusaugen, um eine raucharme Schicht am Boden zu erhalten und die thermische Belastung der Bauteile zu senken. Im Falle des „Le Constellation“ konnte eine eventuell vorhandene RWA die schnelle Brandausbreitung an der Decke offenbar nicht verhindern.
Der Treppenaufgang zum Erdgeschoss wirkte zudem wie ein Kamin. Er zog den dichten Rauch nach oben und schnitt vielen Gästen den einzigen bekannten Fluchtweg ab. Wer den Ausgang nicht in den ersten Sekunden erreichte, war verloren. „Die Flammen waren nur einen Meter von uns entfernt. Wären wir nicht geflohen, wären wir mit Sicherheit auch verletzt worden“, gaben Emma und Albane zu Protokoll.
Die medizinischen Folgen extremer Hitze
Die medizinischen Teams in den Krankenhäusern des Wallis und der gesamten Schweiz standen vor einer herkulischen Aufgabe. Die Verletzungen durch einen Flashover sind verheerend. Neben klassischen Brandwunden leiden die Betroffenen unter Inhalationstraumata durch die giftigen Gase. Bei der Verbrennung in der Bar sank der Sauerstoffgehalt laut Experten vermutlich auf unter 4 %. In Kombination mit der extremen Hitze führt dies zu sofortigen Schäden der Atemwege.
Wassim Raffoul, Chefarzt des Spitals Morges, berichtete dem Sender RTS von Patientinnen und Patienten, deren Körperoberfläche zu mehr als 60 % verbrannt ist. Solche Verletzungen erfordern monatelange Behandlungen und führen oft zu lebenslangen Beeinträchtigungen. Hinzu kommen Quetschungen und Knochenbrüche, die durch die Massenpanik im engen Treppenraum entstanden sind. Da die Intensivstationen im Wallis schnell an ihre Grenzen stießen, wurden Opfer bis nach Zürich, Genf und sogar ins Ausland verlegt.
Rechtliche Einordnung und Ermittlungsstand
Die Generalstaatsanwältin Beatrice Pilloud stellte bereits klar, dass es sich bei dem Ereignis nicht um einen Angriff handelte. Die Ermittlungen konzentrieren sich nun auf die Betriebssicherheit und die Verantwortlichkeiten. „Unsere Hauptthese ist, dass der gesamte Raum Feuer gefangen und das zu einer Explosion geführt hat“, so Pilloud. Die Polizei wertet derzeit auch Mobiltelefone aus, die am Brandort gefunden wurden, um den genauen zeitlichen Ablauf zu rekonstruieren.
Im Fokus stehen dabei drei zentrale Punkte:
- Die Nutzung von Pyrotechnik: Warum wurden in einem Raum mit hoher Brandlast und hoher Personendichte Wunderkerzen verwendet?
- Die Kapazität: War die Bar mit 200 bis 300 Gästen überbelegt?
- Bauliche Mängel: Entsprachen die Fluchtwege und die RWA-Anlage zum Zeitpunkt des Brandes den aktuellen VKF-Richtlinien?
Staatsratspräsident Mathias Reynard betonte die Zäsur, die dieses Unglück für den Tourismusort bedeutet. Crans-Montana, ein Ort, der zu 20 % von internationalen Gästen lebt, muss sich nun den kritischen Fragen zur Sicherheit seiner Infrastruktur stellen. Bundespräsident Guy Parmelin sprach von einer der schlimmsten Katastrophen in der Geschichte der Schweiz. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz äußerte seine Bestürzung über die Tragödie im Nachbarland.
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