Diagnostik neu gedacht 25.02.2026, 16:11 Uhr

Durchgetaktet bis zum letzten Gewerk: So entstand Roches Hightech-Labor

Roche eröffnete in Penzberg ein 300-Mio.-Diagnostikzentrum. 630 km Kabel, 2,5 Mio. Proben, 70 % weniger Energieverbrauch.

Roche Hightech-Labor in Penzberg

Rund 300 Millionen Euro investierte das Unternehmen in den Hightech-Neubau für die Diagnostikforschung und -entwicklung. Künftig arbeiten dort rund 1000 der insgesamt mehr als 7700 Mitarbeitenden am Standort.

Foto: Roche

35.000 m² Fläche, rund 300 Mio. € Investition, Platz für etwa 1000 Mitarbeitende. In Penzberg hat Roche eines der modernsten Entwicklungszentren für In-vitro-Diagnostik in Betrieb genommen. Der Neubau ist mehr als ein weiteres Laborgebäude. Er ist ein Infrastrukturprojekt für die Medizin der kommenden Jahre.

Im Februar 2026 wurde das Zentrum im Beisein von Politik und Unternehmensführung offiziell eröffnet. Mit dabei waren unter anderem Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, Bundesinnenminister Alexander Dobrindt und Forschungsministerin Dorothee Bär.

Diagnostik als Hebel der Medizin

Weltweit leben mehr als 3,5 Milliarden Menschen mit chronischen oder neurodegenerativen Erkrankungen. Alzheimer, Multiple Sklerose oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen entwickeln sich oft über Jahre unbemerkt. Genau hier setzt Roche an.

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„Mit ihnen können Ärztinnen und Ärzte über eine Blutprobe bereits kleinste Veränderungen bei Betroffenen frühzeitig nachweisen und Therapien passgenauer auswählen“, sagt Thomas Schinecker, CEO der Roche-Gruppe.

In Penzberg entstehen Tests für Neurologie, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Infektionskrankheiten und personalisierte Medizin. In-vitro-Diagnostik bedeutet dabei: Analysen außerhalb des Körpers, meist aus Blutproben. Rund 70 % aller medizinischen Entscheidungen basieren auf diagnostischen Ergebnissen. Gleichzeitig fließen nur etwa 3 % der Gesundheitsausgaben in diesen Bereich. Diese Diskrepanz zeigt, wo Potenzial liegt.

Investitionsoffensive mit Signalwirkung

Seit 2020 hat Roche mehr als 3,5 Mrd. € in deutsche Standorte investiert. Etwa die Hälfte davon ging nach Penzberg. Der Neubau ist Teil einer langfristigen Strategie.

„Unsere Investition in Penzberg ist ein klares Bekenntnis zum Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort Deutschland“, sagt Schinecker. „Indem wir Forschungsideen schneller in die Marktreife überführen, stärken wir gezielt die Wettbewerbsfähigkeit Europas und leisten einen wichtigen Beitrag zur resilienten Gesundheitsversorgung in einem zunehmend volatilen globalen Umfeld.“

Das Zentrum versteht sich als Baustein einer europäischen Pharma- und MedTech-Strategie. Roche fordert zugleich verlässliche politische Rahmenbedingungen, schnellere Genehmigungen und Planungssicherheit. Große Investitionen brauchen stabile Prozesse.

Atrium des Roche Innovationszentrums
Helle, offene Strukturen, kurze Wege und verbindende Brücken fördern den fachbereichsübergreifenden Austausch. Ein raumprägendes Kunstwerk, das sich über alle Ebenen spannt, unterstreicht den Charakter des Gebäudes. Foto: Roche

Lean Construction: Jeder Tag verplant

Ein solches Projekt entsteht nicht nebenbei. Roche beauftragte das auf Bau- und Projektmanagement spezialisierte Unternehmen Drees & Sommer SE mit dem Construction Management.

Ein rund 30-köpfiges Team koordinierte Planung, Vergaben, Bauausführung und Inbetriebnahme. Digitale Planungsmethoden wie Building Information Modeling (BIM) liefen von Anfang an mit. Dabei entsteht ein digitales Abbild des Gebäudes, das alle Gewerke integriert – von der Tragstruktur bis zur Medientechnik.

Projektleiter Adrian Schwarz beschreibt den Ansatz so: „Alle Projektschritte haben wir auf den Tag genau durchgetaktet und auf einer Projekttafel für alle transparent visualisiert.“
Und weiter: „Wir haben die Bau- und Terminabläufe so koordiniert, dass alle Gewerke nahtlos ineinandergreifen konnten – Angefangen bei der Planung über die Abläufe auf der Baustelle bis hin zum Vorbereiten des späteren Betriebs.“

Statt klassischer Bauabfolge setzte das Team auf Lean Construction Management. Ziel: Verschwendung vermeiden, Schnittstellen sauber definieren, Engpässe früh erkennen. Gerade in Laborgebäuden mit hoher technischer Dichte entscheidet die Koordination über Termine und Kosten.

630 Kilometer Datenkabel

Der Neubau ist datengesteuert. Rund 630 km Datenkabel wurden verlegt. Das entspricht ungefähr der Strecke von Penzberg nach Berlin. Über 4400 Sensoren erfassen Energieverbrauch, Gerätestatus und Arbeitsplatzbelegung in Echtzeit.

Laborgeräte melden digital, ob sie belegt sind. Automatisierte Transportsysteme bewegen Proben durch das Gebäude. Hochdurchsatz-Pipettiersysteme übernehmen wiederkehrende Arbeitsschritte. Ziel ist nicht nur Geschwindigkeit, sondern Reproduzierbarkeit. Diagnostik muss exakt sein.

Herzstück ist der sogenannte „Cube“. Dabei handelt es sich um ein vollautomatisiertes Probenlager. Bis zu 2,5 Millionen biologische Proben lagern dort bei –80 °C. Forschende rufen sie per Knopfdruck ab. Lange Vorlaufzeiten entfallen. Die Qualität bleibt konstant.

Diese Infrastruktur verkürzt Entwicklungszyklen. Reagenzien, also chemische Substanzen für Tests, werden digital geplant, automatisiert produziert und parallel geprüft. Entwicklungszeiten sinken. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gewinnen Zeit für Analyse und Interpretation.

Büroflächen Roche Innovationszentrum
Im Sinne des Activity-Based-Workings bieten sie unterschiedliche Arbeitszonen – von klassischen Meetingräumen und Schreibtischarbeitsplätzen bis hin zu sogenannten Hide-away-Zonen für konzentrierte Fokusarbeit. Foto: Roche

Neue Arbeitswelten im Labor

Roche hat nicht nur Technik neu gedacht, sondern auch Räume. Statt klassischer Abteilungsstrukturen setzt das Zentrum auf prozessbasierte Laborwelten. Teams arbeiten bereichsübergreifend. Geräte werden gemeinsam genutzt.

Kurze Wege fördern Austausch. Ein Atrium, verbindende Brücken und offene Zonen strukturieren das Gebäude. Auch die Büros folgen einem tätigkeitsbasierten Konzept. Es gibt Bereiche für konzentriertes Arbeiten und solche für Diskussion.

Diese Architektur soll Silos vermeiden. Diagnostik entsteht heute interdisziplinär: Biochemie trifft Datenanalyse, Automatisierung trifft klinische Anwendung.

Holz-Hybrid und Niedertemperaturnetz

Technik allein reicht nicht. Der Neubau senkt den Energiebedarf im Vergleich zu früheren Laborgebäuden um rund 70 %. Der Betrieb erfolgt nahezu CO₂-frei.

Der Bürotrakt entstand in Holz-Hybridbauweise. Über sieben Geschosse kombiniert die Konstruktion Holz mit tragenden Betonelementen. Holz speichert CO₂ und reduziert die graue Energie im Bau.

Ein Niedertemperaturnetz nutzt Abwärme aus bestehenden Anlagen am Standort. Ergänzt wird es durch eine Photovoltaikanlage mit 130 kWp auf dem Dach. Ein intelligentes Energiemanagement verteilt Lasten bedarfsgerecht.

Laborlandschaft Roche Innovationszentrum
Prozessbasierte Laborwelten ersetzen klassische Abteilungsstrukturen und ermöglichen fachübergreifende Zusammenarbeit sowie die gemeinsame Nutzung von Equipment. Foto: Roche

Politik setzt auf Biotechnologie

Die politische Prominenz bei der Eröffnung war kein Zufall. Markus Söder sagte: „Roche ist ein Powerhouse für Innovation. Das ist ein starkes Bekenntnis für Penzberg, den Landkreis Weilheim-Schongau und ganz Bayern.“

Alexander Dobrindt betonte: „Das neue Diagnostik-Innovationszentrum in Penzberg steht für den Sprung in die Zukunft der Diagnostik: Forschung, Fortschritt und Verantwortung aus Deutschland für Patienten weltweit.“

Und Dorothee Bär erklärte: „Diagnostik ist der Ausgangspunkt der modernen Medizin. Je genauer die Diagnostik, desto personalisierter die Therapie.“

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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