Bauen im Fels: Was Petra über antike Technik verrät
Wie baut man eine Stadt im Fels? Petra liefert Antworten: präzise Planung, ausgeklügelter Wasserbau und angepasste Technik.
Antike Ingenieurskunst in der Wüste: Petra zeigt, wie die Nabatäer mit Stein, Wasser und Organisation eine Metropole schufen.
Foto: Smarterpix / luisapuccini
Die Petra liegt im Südwesten Jordaniens. Vor rund 2500 Jahren machten die Nabatäer aus einem trockenen Felsbecken ihre Hauptstadt. Das war kein spontanes Wachstum, sondern das Ergebnis harter Planung. Petra, damals Raqmu genannt, lag an einer der wichtigsten Handelsachsen zwischen Arabien, Ägypten und dem Mittelmeer. Weihrauch, Gewürze und Metalle flossen durch die Stadt. Mit ihnen kamen Wissen, Werkzeuge und Baustile.
Was heute wie spektakuläre Kulisse wirkt, war für die Erbauer vor allem funktional. Schutz, Wasser, Kontrolle. Die Stadt entstand zwischen dem 4. Jahrhundert v. Chr. und dem 2. Jahrhundert n. Chr. In dieser Zeit entwickelte sich Petra von einer Karawanenstation zu einem urbanen Zentrum mit Tempeln, Märkten, Wohnquartieren und Infrastruktur.
Inhaltsverzeichnis
- Geologie als Verbündeter
- Die Logik der Felsarchitektur
- Werkzeuge, Präzision und temporäre Gerüste
- Petra ist mehr als Fels
- Erdbeben im Blick
- Wasser als Schlüsseltechnologie
- Hochwasserschutz im Fels
- Druckwasser mit Bleirohren
- Stilmix statt Einheitsarchitektur
- In der Antike sahen die Fassaden anders aus
- Stadtplanung und soziale Organisation
- Niedergang und heutige Risiken
Geologie als Verbündeter
Die Lage war strategisch. Petra liegt in einem von Sandsteinklippen umschlossenen Tal. Der wichtigste Zugang führte durch den Siq, eine enge, über einen Kilometer lange Felsschlucht. Wer hier hineinwollte, musste langsam gehen und konnte leicht kontrolliert werden.
Entscheidend war aber auch das Gestein. Die Region besteht aus sehr alten Sandsteinformationen. Diese sind stabil, zugleich gut zu bearbeiten. Genau diese Mischung machte es möglich, ganze Fassaden direkt aus dem Fels zu schlagen. Die Nabatäer nutzten gezielt Schichten mit günstiger Zusammensetzung. Bereiche mit höherem Eisen- und Quarzanteil verwittern langsamer. Dort finden sich bis heute scharfe Kanten und sogar Meißelspuren.
Die Logik der Felsarchitektur
Petra wurde nicht aufgebaut, sondern herausgearbeitet. Diese subtraktive Bauweise folgt einer klaren Logik. Die Arbeit begann oben und ging nach unten. Zuerst schufen die Handwerker eine schmale Plattform an der Felskante. Von dort arbeiteten sie sich schrittweise abwärts.
Das hatte mehrere Vorteile. Holz war in der Region knapp. Große Gerüste wären teuer gewesen. Durch die Top-down-Methode diente der noch unbearbeitete Fels als Arbeitsfläche. Fehler im Gestein ließen sich früh erkennen. Wurde eine Schicht brüchig, passte man das Design an.
Unvollendete Gräber belegen dieses Vorgehen. Oft sind obere Zonen bereits fein ausgearbeitet, während darunter nur grobe Flächen existieren. Das ist kein Abbruch aus Zeitmangel, sondern ein Einblick in den Bauprozess.
Werkzeuge, Präzision und temporäre Gerüste
Die Werkzeuge entsprachen dem Standard der hellenistischen Welt. Spitzhacken für den Grobabtrag. Meißel in verschiedenen Formen für Details. Zahnmeißel erzeugten die typischen parallelen Linien, die viele Fassaden strukturieren.
Lange war umstritten, ob zusätzliche Gerüste genutzt wurden. Heute gehen viele Forschende davon aus, dass zumindest bei komplexen Fassaden wie dem Al-Khazneh temporäre Kragarmkonstruktionen eingesetzt wurden. Darauf deuten rechteckige Löcher in vertikalen Reihen hin. Sie dienten wohl als Aufnahmen für Holzbalken. So ließen sich vorspringende Details über längere Zeit sicher bearbeiten, ohne massive Holzbauten errichten zu müssen.
Petra – Bau & Technik auf einen Blick
- Bauzeit: ca. 4. Jh. v. Chr. – 2. Jh. n. Chr.
- Baumaterial: lokaler Sandstein (Felsarchitektur + Mauerwerk)
- Zentrale Bautechnik: Top-down-Felsbearbeitung (von oben nach unten)
- Niederschlag: < 150 mm/Jahr
- Wassersystem: offene Kanäle (Brauchwasser), Terrakotta-Rohre (Trinkwasser), punktuell Druckleitungen aus Blei
- Speicher: > 800 Zisternen und Reservoirs
- Hochwasserschutz: Dämme + Umleitungstunnel am Siq
- Erdbeben-Vorsorge: Holzeinlagen im Mauerwerk (elastische Zwischenschichten)
- Einwohnerzahl (Schätzung): bis zu 40.000
Petra ist mehr als Fels
Ein großer Teil der Stadt bestand aus klassischen Steinbauten. Dazu zählen der Große Tempel, das Qasr al-Bint oder das Theater. Für sie wurden Hunderttausende Steinblöcke aus nahegelegenen Brüchen gewonnen.
Die Arbeiter trennten die Blöcke mit der Graben-und-Keil-Technik. Anschließend transportierten sie das Material auf Schlitten über Rampen. Um Gewicht zu sparen, bearbeiteten sie die Steine oft schon im Steinbruch grob vor. Das reduzierte Aufwand und Risiko beim Transport.
Erdbeben im Blick
Petra liegt in einer seismisch aktiven Region. Erdbeben gehörten zur Realität. Die Baumeister reagierten darauf. Im Qasr al-Bint fanden Forschende horizontale Holzbalken im Mauerwerk. Diese Holzeinlagen wirkten wie elastische Zwischenschichten. Sie konnten Bewegungsenergie aufnehmen und Spannungen reduzieren.
Zusätzlich schnitten die Erbauer große Terrassen direkt in den Fels, bevor sie darauf bauten. So entstand ein gleichmäßiger Untergrund, der Setzungen verhinderte. Diese Kombination erhöhte die Standfestigkeit deutlich.

Fassade des Urnengrabs in Petra.
Foto: Smarterpix / vvoennyy_1
Wasser als Schlüsseltechnologie
Ohne Wasser gäbe es Petra nicht. Der Jahresniederschlag liegt unter 150 mm. Trotzdem versorgten die Nabatäer zeitweise bis zu 40.000 Menschen. Möglich wurde das durch ein fein abgestimmtes System aus Kanälen, Rohren, Zisternen und Dämmen.
Wasser aus Quellen wie Ain Musa floss über Kilometer in die Stadt. Für Trinkwasser nutzte man geschlossene Leitungen aus Terrakotta. Sie hatten konische Enden und wurden gesteckt. Das Gefälle war exakt berechnet. Etwa 2,8 Grad sorgten für gleichmäßigen Durchfluss, ohne gefährlichen Druck.
Offene Kanäle führten Brauchwasser. Absetzbecken filterten Sedimente. Über 800 Zisternen speicherten das Wasser im Stadtgebiet. Viele davon waren verputzt und abgedeckt, um Verdunstung zu reduzieren.
Hochwasserschutz im Fels
Petra war nicht nur trocken, sondern auch gefährdet. Sturzfluten konnten durch den Siq direkt in die Stadt schießen. Die Nabatäer bauten daher ein Umleitungssystem. Ein Damm am Eingang des Siq leitete Flutwasser in einen Tunnel, den Al-Mudhlim. Von dort floss es kontrolliert in ein benachbartes Wadi ab.
Dieses System schützte Gebäude und sicherte den Zugang für Karawanen. Ohne diesen Schutz wäre die Stadt regelmäßig beschädigt worden.
Druckwasser mit Bleirohren
Eine aktuelle Studie liefert neue Details zur Wasserversorgung. Forschende untersuchten das Aquädukt Ain Braq im Süden der Stadt. Dabei kartierten sie mehrere Leitungen, Becken und Zisternen. Besonders auffällig ist eine rund 116 m lange Bleileitung.
Bleirohre waren im Freien selten. Hier dienten sie dem Transport von Druckwasser. Das war nötig, um Wasser über steiles Gelände nach oben zu führen. Die Rohre bestanden aus verschweißten Segmenten. Sie leiteten das Wasser vermutlich zum Az-Zantur-Kamm. Von dort floss es weiter in zentrale Stadtbereiche.
Später wurde dieses System stillgelegt. Die Stadt wechselte zu Terrakotta-Leitungen. Sie waren günstiger und leichter zu reparieren. Der Befund zeigt, dass die Wassermanager Technik bewusst anpassten. Leistung, Kosten und Wartung mussten zusammenpassen.
Stilmix statt Einheitsarchitektur
Petra war kulturell offen. Die Architektur spiegelt das. Frühe Gräber sind schlicht, mit klaren geometrischen Formen. Später kamen Säulen, Giebel und Skulpturen hinzu. Das Al-Khazneh kombiniert korinthische Elemente mit ägyptischen Motiven und lokalen Traditionen.
Mit der Zeit änderte sich der Stil erneut. Spätere Monumente wie Ad-Deir wirken abstrakter. Figuren treten zurück. Architektur wird Symbol. Das deutet auf religiöse Verschiebungen hin, nicht auf technischen Rückschritt.

Antikes nabatäisches Theater in Petra.
Foto: Smarterpix / vvoennyy_1
In der Antike sahen die Fassaden anders aus
Heute dominiert nackter Sandstein. In der Antike sah Petra anders aus. Viele Fassaden waren verputzt und bemalt. Pigmentanalysen zeigen Rot aus Hämatit, Gelb aus Limonit und Ägyptisch Blau. Gips diente als Bindemittel.
Besonders gut erhalten sind Wandmalereien in Little Petra. Sie zeigen Pflanzen, Ornamente und Figuren. Die Oberflächen waren geglättet und glänzten. Petra war keine „Felsenruine“, sondern eine farbige Stadt.
Stadtplanung und soziale Organisation
Petra folgte einem Plan. Eine Kolonnadenstraße verband Markt, Tempel und Wohnbereiche. Große Plätze strukturierten das Zentrum. Auf dem Plateau vor Ad-Deir schufen die Erbauer eine ebene Fläche für Prozessionen. Dort liegt auch ein großes kreisförmiges Wassersystem, das Speicher und Hochwasserschutz kombinierte.
Solche Projekte erforderten Organisation. Wahrscheinlich arbeiteten spezialisierte Gruppen unter zentraler Kontrolle. Für ein Monument wie das Al-Khazneh rechnet man mit drei bis vier Jahren Bauzeit. Da viele Projekte parallel liefen, war Petra dauerhaft eine Großbaustelle.
Niedergang und heutige Risiken
Ein starkes Erdbeben im Jahr 363 n. Chr. beschädigte Wasserleitungen und Gebäude. Handelsrouten verlagerten sich. Die Stadt verlor an Bedeutung. Später wurde sie weitgehend aufgegeben.
Heute bedrohen Erosion und Tourismus die Substanz. Salzverwitterung greift den Sandstein an. In stark besuchten Räumen steigt die Luftfeuchte deutlich an. Berührungen beschleunigen den Materialverlust. Konservierungsprojekte setzen daher wieder auf Wasser. Sie reparieren antike Leitungen, um Feuchtigkeit gezielt abzuleiten, und überwachen instabile Felswände.
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