Nachts übernehmen Roboter: Wie Automatisierung den Personalmangel in der Pflege lindern soll
Für Nachtschichten und Feiertage findet die Pflege kaum noch Personal. Ein Robotikhersteller will deshalb tagsüber Mensch und Maschine zusammen arbeiten lassen und nachts die Roboter. Was auf dem Smart Health Automation Summit in Düsseldorf sonst noch gezeigt wurde und warum Roboterprojekte in Kliniken oft Jahre brauchen.
Transportroboter wie dieser können Personal im Krankenhaus bei zeitaufwendigen logistischen Tätigkeiten entlasten. Das war ein Thema auf dem Smart Health Automation Summit 2026 in Düsseldorf.
Foto: Martin Ciupek
Beim Einsatz von Robotern fragen sich viele Menschen: Wo bleibt da noch die Menschlichkeit?
Die Gegenfrage: Wie menschlich können Pflegekräfte und ärztliches Personal noch agieren, wenn sie arbeiten wie Roboter? Zudem ist ihr Alltag geprägt von ungeplanten Störungen im Tagesablauf und der Pflicht zur Dokumentation. Des Weiteren ist abzusehen, dass ein zunehmender Pflegebedarf in Deutschland mit immer weniger Personal bewältigt werden muss. Dafür sorgt der demografische Wandel.
In Düsseldorf ging es diese Woche auf dem Smart Health Automation Summit um Lösungen für dieses Problem, das zusätzlich noch mit hohen Kosten für das Sozialsystem verbunden ist. Denn damit wächst auch der Kostendruck auf die Träger von Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen. Automatisierung und KI-Einsatz kommen in Deutschland aber nur schleppend in die Praxis.
Inhaltsverzeichnis
- Automatisierung in der Pflege: KI und Roboter bleiben in Deutschland oft ungenutzt
- Vereinfachte Diagnosen mit KI-Unterstützung liefern wichtige Daten
- Robotik und KI in der Pflege
- Anschaffung von Robotern läuft in der Pflege anders als in der Industrie
- Von der Transportlösung bis zum humanoiden Roboter: Es gibt viele Hilfen
- Hybride Roboterkonzepte: Am Tag mit dem Pflegepersonal und nachts autonom
- Roboter entlasten Personal bei Transportaufgaben: Eine Frage des Trainings
Automatisierung in der Pflege: KI und Roboter bleiben in Deutschland oft ungenutzt
Geht es nach dem Mediziner und Krankenhausmanager Jochen A. Werner, liegt das eigentliche Problem des deutschen Gesundheitswesens in der Ablehnung längst verfügbarer neuer Technologien. Das zeige sich schon daran, dass in Deutschland 71 % der Arztpraxen noch Faxgeräte nutzten. In Österreich habe man die längst abgeschafft.
Werners Credo: „Viele Verfahren, die uns heute noch selbstverständlich erscheinen, stammen aus einer Zeit, in der es keine besseren Alternativen gab.“ Das sei inzwischen anders. Durch den Einsatz von KI ließen sich heute viele Diagnosen beschleunigen und verbessern. In China gebe es längst Glasboxen für schnelle Untersuchungen und Diagnosen an öffentlichen Orten. Für ihn stellt sich deshalb die Frage: „Wann begreifen es andere Länder, dass das funktioniert?“
Immerhin sieht er auch in Deutschland erste Ansätze in diese Richtung. Gleichzeitig verändere sich die Rolle von Arztpraxen und Apotheken, wenn Drogeriemärkte wie DM nun Labortests und Brillengeschäfte wie Fielmann ein medizinisches Augen-Check-up anbieten. Laut der Optikkette nutzen bereits „mehr als 500.000 Kundinnen und Kunden“ diese Dienstleistungen. Die Werbung verspricht eine schnelle Diagnose und frühzeitige Erkennung von Veränderungen, verweist aber zur Behandlung an Fachärzte.
Vereinfachte Diagnosen mit KI-Unterstützung liefern wichtige Daten
Werner sieht in der breiten Verfügbarkeit solcher Untersuchungen einen wesentlichen Vorteil für die Verbesserung der digitalisierten Diagnose. „Da ist ein Datenvolumen in so einem Konstrukt“, stellt er fest. Fachkliniken für Augenheilkunde sollten über Kooperationen nachdenken, empfiehlt er.
Zudem plädiert der Mediziner für einen stärkeren Einsatz der Robotik, insbesondere bei zeitaufwendigen Transporten, z. B. von Betten und Medikamenten. Er hat eine klare Vorstellung von der Pflege der Zukunft: „Die Maschine übernimmt den Weg, die Zuwendung übernimmt der Mensch.“ Deshalb ist er der Überzeugung: „Robotik wird bis 2038 fester Bestandteil des Gesundheitswesens.“
Anschaffung von Robotern läuft in der Pflege anders als in der Industrie
Das würde Carsten Busch, Verkaufsleiter bei Denso Robotics Europe, freuen. Er sagt: „Die Technologie für den breiten Einsatz von Robotik in Krankenhäusern ist heute bereits verfügbar.“ Die größten Hürden sind nach seiner Erfahrung jedoch nicht technischer Natur, sondern liegen in komplexen Entscheidungsprozessen, regulatorischen Anforderungen und begrenzten Budgets. Dadurch dauerten Projekte vom ersten Konzept bis zur Umsetzung häufig sechs Jahre oder länger. Das sei ein wesentlicher Unterschied zu Industrieprojekten.
Busch weiter: „Gleichzeitig sehen wir, dass Investitionen oftmals vorrangig in OP-Robotik fließen, während Servicerobotik zur Entlastung des Pflegepersonals auf den Stationen noch nicht die gleiche Priorität erhält.“ Dabei böten autonome mobile Roboter und kollaborative Robotersysteme erhebliche Potenziale, um logistische Aufgaben zu automatisieren und wertvolle Zeit für die direkte Patientenversorgung freizusetzen. Auch Busch zeigt sich aber überzeugt: „Künstliche Intelligenz wird diese Entwicklung weiter beschleunigen und Robotik im Gesundheitswesen einfacher, wirtschaftlicher und breiter nutzbar machen.“
Von der Transportlösung bis zum humanoiden Roboter: Es gibt viele Hilfen
Für Wassim Saeidi, Geschäftsführer der United Robotics Group (URG) aus Stuhr in Norddeutschland, kommen sowohl mobile Robotiksysteme als auch humanoide Roboter zur Unterstützung im Gesundheitsbereich infrage – orchestriert über eine Software-Plattform. Er unterscheidet dabei klassische Anwendungen wie den Materialtransport im Krankenhaus oder im Labor von Anwendungen in Pflege- und Inklusionsheimen. „Wenn man von einem demenzkranken Menschen immer das Gleiche hört und es gleichzeitig Störungen im Pflegealltag gibt, die dringend behoben werden müssen, dann ist das für alle belastend“, beschreibt er die dortige Herausforderung.

Der Einsatz von Robotern bedeutet für ihn deshalb keinen Verlust an Menschlichkeit in der Pflege. Der Roboter höre sich beim dementen Patienten alles geduldig an und sei sogar in der Lage, an vergangene Dialoge anzuknüpfen. „Dafür setzen wir unseren humanoiden Roboter ein“, erklärt Saeidi. Der frage auch nach, ob Patienten etwas zu trinken benötigen, oder beurteile, ob jemand z. B. nach einem Sturz dringend Hilfe brauche.
Hybride Roboterkonzepte: Am Tag mit dem Pflegepersonal und nachts autonom
Der URG-Geschäftsführer plädiert dabei für hybride Konzepte, bei denen die Roboter tagsüber unterstützen und zu anderen Zeiten die Hauptarbeit übernehmen. Seine Begründung: „Für die Tagespflege finden Sie noch Personal. Bei Spät- und Nachtschichten und dem Einsatz an Feiertagen ist die Bereitschaft dagegen deutlich geringer.“
Auch wirtschaftlich lasse sich der Robotereinsatz in Pflege und Laborautomation dadurch gut umsetzen. „In dem Moment, wo ich zwei verschiedene Szenarien einbaue, ist das für uns ein hybrides Verfahren. Tagsüber unterstützen und begleiten wir. Wir bringen Mensch und Roboter zusammen. In der Spät- und Nachtschicht arbeiten die Roboter dann mit mehr Autonomie“, beschreibt er das Konzept. Das sei auch auf andere Szenarien und Arbeitsabläufe übertragbar.
Roboter entlasten Personal bei Transportaufgaben: Eine Frage des Trainings
Im Krankenhausbetrieb koste insbesondere der Transport von Betten, aber auch von Material viel Zeit, die für die Arbeit an und mit Patienten fehle. Auch hier können Roboter bereits heute helfen. Spannend wird es für Saeidi beim Einsatz von Roboterflotten. Er verdeutlicht: „Wir haben den Robotern beigebracht zu lernen, was unterwegs passiert, und die Intelligenz im Flottenverbund zu teilen.“
Die URG hat laut Saeidi zudem eine eigene Softwareplattform entwickelt, mit der Roboter verschiedene Fähigkeiten trainieren können. Diese werde beispielsweise vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) eingesetzt, um Roboterarme für autonome Einsätze im Orbit zu trainieren. „Man braucht dabei keine 9900 Skills. 20 oder 15 können schon reichen“, erklärt er. Das „Gehirn“ des Roboters werde dafür trainiert. Entscheidend sei es dann, die Fähigkeiten beim Einsatz in der richtigen Reihenfolge abzurufen. „Die gleiche Technologie bringen wir ins Krankenhaus, die Pflege und das Labor“, unterstreicht er.
Bis er selbst alt und eventuell pflegebedürftig ist, wünscht sich Saeidi Drohnen-Schuhe. Damit will er mobil bleiben. Denn er möchte mit seiner Frau weiterhin seine Kinder besuchen können. Auch mit künftigen Enkelkindern möchte er noch selbst spielen können und das keinem Roboter überlassen.
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