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Schornstein-Sprengung in Ibbenbüren: 275 m sind gefallen

22. Februar 2026

Sprengung des 275 Meter hohen Schornsteins des ehemaligen Steinkohlekraftwerks in Ibbenbüren.
Sprengung des 275 Meter hohen Schornsteins des ehemaligen Steinkohlekraftwerks in Ibbenbüren. Foto: picture alliance/dpa | David-Wolfgang Ebener
Schwerpunktverlagerung statt Spektakel: Wie Experten den 275-m-Schlot in Ibbenbüren kontrolliert zu Boden brachten.
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Am 22. Februar 2026 um 11 Uhr endete in Ibbenbüren ein Kapitel Industriegeschichte. Der 275 m hohe Schornstein des 2021 stillgelegten Steinkohlekraftwerks ist gefallen. Kühlturm und Kesselhaus sind bereits im April 2025 verschwunden. Nun verschwand auch die letzte weithin sichtbare Landmarke. Der Schlot stand auf dem bis zu 176 m hohen Schafberg. Bei klarer Sicht war er bis nach Münster und Osnabrück zu erkennen. Für viele war er Orientierungspunkt.

Technisch betrachtet war die Sprengung der logische Schlusspunkt eines mehrjährigen Rückbaus. Strategisch markiert sie den Wandel: Auf dem Gelände soll eine Konverterstation des Übertragungsnetzbetreibers Amprion entstehen. Sie wird Teil des Offshore-HGÜ-Systems BalWin2. Ab 2030 sollen bis zu 2000 MW Windstrom aus der Nordsee ins nordrhein-westfälische Netz fließen. Übergabe des geräumten Areals: Sommer 2026.

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Vom Grundlastkraftwerk zum Netz-Knoten

Das Kraftwerk ging 1985 ans Netz. Es lieferte zuletzt 838 MW. Versorgt wurde es lange mit Anthrazit aus der benachbarten Zeche. Der Kessel war zeitweise der größte Schmelzkammerkessel weltweit. Rauchgasentschwefelung und moderne Filtertechnik kamen Ende der 1980er Jahre hinzu. 2020 erhielt der Block im Rahmen des Kohleausstiegs einen Zuschlag nach dem Kohleverstromungsbeendigungsgesetz. Seit Juli 2021 ist Schluss.

Eigentümerin des Geländes ist seit 2023 die Hagedorn Unternehmensgruppe. Ihr Auftrag: Rückbau, Altlastensanierung, Recycling. Nach der Sprengung bleiben rund 35.000 t Bauschutt. Das Material wird zerkleinert, getrennt und weitgehend wiederverwertet. Es dient unter anderem der Geländemodellierung für den Neubau.

Sprengen heißt: Schwerpunkt verlagern

Die eigentliche Sprengung dauerte Sekunden. Die Vorbereitung lief Monate. „Doch die Vorbereitungen dafür laufen seit Wochen und Monaten“, sagte Bülent Akgöl von Hagedorn gegenüber der WELT.

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Das Prinzip für die Sprengung ist einfach: Man schwächt gezielt tragende Bereiche, sodass sich der Schwerpunkt des Bauwerks kontrolliert verlagert. Der erfahrene Sprengtechniker Eduard Reisch formulierte es einmal so: „physikalisch geht es ja nur um eine Schwerpunktverlagerung“.

Bei einem 275-m-Schornstein reicht es nicht, nur das Fundament zu lösen. Hier sitzen Ladungen an drei Ebenen: am Sockel sowie in etwa 110 m und 190 m Höhe. Die Stahlbetonkonstruktion knickt dadurch definiert ein und „faltet“ sich beim Fallen in sich zusammen. Ziel ist eine kompakte Fallzone.

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Anders die beiden Nebenanlagen. Die etwa 60 m hohe Rauchgasentschwefelungsanlage und die rund 50 m hohe Entstickungsanlage werden am Fundament geschwächt. Sie kippen in festgelegter Richtung um.

1204 Bohrlöcher und 600 kg Sprengstoff

Für die Zündung waren 21 Expertinnen und Experten im Einsatz. Sie bohrten allein in den Schornstein 1204 Löcher. Insgesamt kamen rund 600 kg Sprengstoff zum Einsatz. Das klingt nach viel. Entscheidend ist jedoch nicht die Masse, sondern die präzise Verteilung und zeitlich abgestimmte Zündung.

Die Sprengladungen zündeten in Millisekunden versetzt. So entstand die gewünschte Bewegungsfolge. Würde man alles gleichzeitig zünden, verlöre man die Kontrolle über die Fallrichtung.

Staub, Druckwelle, Streuflug: Risiken minimieren

Bevor gebohrt wurde, entfernten Fachkräfte schadstoffhaltige Bauteile wie asbestbelastete Komponenten. Sicherheit geht vor Tempo.

Rund um die Fallzone entstand ein etwa zehn Meter hoher Erdwall. Container bilden zusätzliche Barrieren. Netze und Vliesmatten hängen an Gerüsten. Sie fangen Bruchstücke ab und reduzieren den sogenannten Streuflug.

Eine Besonderheit in Ibbenbüren sind 170 mobile Wasserbecken mit je 4 m³ Inhalt. Sie werden zeitgleich mit der Hauptsprengung ausgelöst. Das aufschießende Wasser bindet Staubpartikel direkt am Entstehungsort. Gerade bei trockener Witterung ist das ein wirksames Mittel.

Trotzdem bleibt Vorsicht. Rund 200 Anwohnerinnen und Anwohner müssen ihre Häuser vorübergehend verlassen. Auch eine Einrichtung mit etwa 400 Bewohnerinnen und Bewohnern wird geräumt. Ordnungsamt und Polizei richten einen Sperrbereich ein. Evakuierung ist ab 7 Uhr, Freigabe nach Abschluss der Kontrolle.

Warum Sprengen und nicht Schneiden?

Beim Kühlturm wählten die Rückbauprofis 2025 einen anderen Weg. Ein Stahlseil mit 8 cm Durchmesser legten sie um den Turm. Schwere Maschinen zogen es zusammen, bis die Konstruktion kollabierte. Der Grund: asbesthaltige Stützen.

Beim Schornstein wäre ein mechanischer Rückbau über Monate nötig gewesen. In dieser Höhe bedeutet das enorme Gerüst- und Kranleistungen. Zudem steigt das Risiko durch lange Exposition. Unter Abwägung von Sicherheit, Dauer und Emissionen gilt die Sprengung hier als effizienteste Methode.

Für die Stadt ist der Abriss emotional

In der 50.000-Einwohner-Stadt ist der Abriss emotional. Der Schornstein prägte 40 Jahre das Tecklenburger Land. Gleichzeitig steht der Standort heute für eine neue Rolle im Energiesystem.

Aus einem Grund- und Mittellastkraftwerk wird ein Umrichterstandort für Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung. Ein Konverter wandelt Gleichstrom aus Offshore-Leitungen in netzkonformen Wechselstrom um. Er koppelt Windparks mit dem 380-kV-Netz, das hier bereits vorhanden ist. Wo einst jährlich 1,4 Mio. t Kohle verfeuert wurden, folgt bald 2000 MW Windanschlussleistung.



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