Salpetersäure läuft aus Lkw: Warum Krefeld jetzt höchste Alarmstufe hat
06. November 2026

Ein umgekippter Tankwagen sorgt in Krefeld für einen Großeinsatz. Salpetersäure tritt aus, die A57 ist gesperrt, Spezialkräfte untersuchen die Luft auf Schadstoffe. Warum ist die Chemikalie so gefährlich – und weshalb lässt sich der Lastwagen nicht einfach bergen?
Ein mit Salpetersäure beladener Lastwagen ist in der Nacht zu Freitag (6. November) in Krefeld umgekippt. Die stark ätzende Flüssigkeit tritt aus dem Tank aus. Rund 150 Einsatzkräfte versuchen, das Leck abzudichten und die Säure abzupumpen. Die Stadt hat die höchste Warnstufe „Extreme Gefahr“ ausgerufen.
Der Unfall ereignete sich nahe der Auffahrt Krefeld-Zentrum zur A57 an der Berliner Straße. Der Lastwagen liegt in einem Graben und ist für die Feuerwehr nur schwer zu erreichen. Nach Angaben des WDR läuft die Säure über den Fülldeckel aus. Der Fahrer wurde verletzt und ins Krankenhaus gebracht.
Die Behörden haben rund um die Unfallstelle einen Bereich mit einem Radius von 1.000 m abgesperrt. Für die Bevölkerung gilt eine eindringliche Warnung. In ihrer über das bundesweite Warnsystem verbreiteten Mitteilung schreibt die Stadt Krefeld:
„Wenn Sie sich im betroffenen Bereich befinden, begeben Sie sich sofort in geschlossene Räume. Schließen Sie Fenster und Türen. Schalten Sie die Lüftungs- und Klimaanlagen ab.“
Eine gesundheitliche Gefährdung kann nach Angaben der Stadt nicht ausgeschlossen werden. Die Warnstufe bedeutet allerdings nicht, dass im gesamten Sperrgebiet bereits gefährliche Schadstoffkonzentrationen nachgewiesen wurden. Die Messungen laufen noch.
Warum ist Salpetersäure so gefährlich?
Salpetersäure ist eine der wichtigsten Grundchemikalien der Industrie. Sie wird beispielsweise zur Herstellung von Düngemitteln, Sprengstoffen und bei der Metallbearbeitung eingesetzt. Ihre chemische Formel lautet HNO₃.
Die farblose bis gelbliche Flüssigkeit ist stark ätzend. Bereits direkter Hautkontakt kann schwere Verletzungen verursachen. Noch gefährlicher wird es, wenn säurehaltige Nebel oder giftige Reaktionsprodukte eingeatmet werden.
Denn Salpetersäure hat eine weitere Eigenschaft: Sie ist ein starkes Oxidationsmittel. Sie kann mit anderen Stoffen reagieren, dabei Wärme freisetzen und unter bestimmten Bedingungen Brände fördern. Selbst brennbar ist die Säure nicht.
Besonders wichtig sind drei Gefahren:
- Verätzungen: Die Säure greift Haut, Augen und Schleimhäute an. Beim Einatmen können auch die Atemwege geschädigt werden.
- Giftige Stickoxide: Bei Reaktionen mit bestimmten Metallen oder bei der Zersetzung der Säure können gesundheitsschädliche Gase entstehen, darunter Stickstoffdioxid.
- Heftige Reaktionen: Vor allem konzentrierte Salpetersäure kann mit organischen Materialien und anderen unverträglichen Stoffen stark reagieren.
Die möglichen Stickoxide sind für die Feuerwehr besonders problematisch. Sie können tief in die Lunge gelangen. Bei hoher Belastung droht ein Lungenödem, also eine gefährliche Flüssigkeitsansammlung in der Lunge. Beschwerden können auch erst Stunden nach dem Einatmen auftreten. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) beschreibt solche verzögert auftretenden Lungenschäden ausdrücklich.
Wie gefährlich die Situation in Krefeld tatsächlich ist, hängt unter anderem von der ausgetretenen Menge und der Konzentration der Säure ab. Beides war am Freitagmorgen noch nicht bekannt. Auch die Frage, welche Schadstoffe in welcher Konzentration in die Umgebungsluft gelangt sind, ist bislang nicht abschließend beantwortet.
Warum lässt sich der Tankwagen nicht einfach bergen?
Die Feuerwehr steht vor einem schwierigen Problem: Der Tankwagen liegt auf der Seite in einem Graben, während weiterhin Säure austritt. Bevor das Fahrzeug geborgen werden kann, müssen die Einsatzkräfte die Gefahrstofffreisetzung unter Kontrolle bringen.
Nach Angaben der Feuerwehr versuchen sie deshalb zunächst, den undichten Fülldeckel abzudichten und die auslaufende Säure aufzufangen. Anschließend soll die verbliebene Flüssigkeit abgepumpt werden.
Das ist technisch anspruchsvoll. Salpetersäure greift viele Materialien an. Pumpen, Schläuche, Dichtungen und Auffangbehälter müssen deshalb für die jeweilige Säurekonzentration geeignet sein. Hinzu kommt, dass die Einsatzkräfte spezielle Chemikalienschutzanzüge und Atemschutz benötigen. Auch die Lage des Fahrzeugs erschwert die Arbeiten. Die Feuerwehr muss an den Tank gelangen, ohne die Freisetzung weiterer Säure zu verursachen.
Ein weiteres Problem ist die mögliche Belastung des Bodens. Gelangt Salpetersäure ins Erdreich, kann sie dort den pH-Wert stark senken und mit Bodenbestandteilen reagieren. Bei einer späteren Neutralisation können zudem Nitrate zurückbleiben. Ob und in welchem Umfang der Boden an der Unfallstelle betroffen ist, wurde bislang nicht mitgeteilt.
Spezialfahrzeuge untersuchen die Luft auf Schadstoffe
Zur Unterstützung der Feuerwehr Krefeld wurden ABC-Spezialkräfte aus Solingen, Wuppertal und Remscheid angefordert. Nach Angaben des regionalen Nachrichtenportals Blaulicht Solingen wurde dafür das überörtliche Messkonzept „ÜMessen 2“ aktiviert.
Dahinter steckt ein abgestimmtes Verfahren, mit dem sich Feuerwehren bei größeren Gefahrstofflagen gegenseitig unterstützen. Spezielle ABC-Erkundungsfahrzeuge untersuchen die Umgebung auf mögliche chemische Belastungen. Die Messungen sollen zeigen, ob und wo gesundheitsgefährdende Stoffe in der Luft vorhanden sind. Die Ergebnisse helfen der Einsatzleitung, die Gefahrenzone festzulegen und Schutzmaßnahmen anzupassen.
Nach dem Bericht von Blaulicht Solingen entstand durch die Gefahrstofffreisetzung und die Wetterbedingungen ein Nebel. Die Feuerwehr versuchte, ihn mit Wasser niederzuschlagen und so die Ausbreitung über die Luft zu begrenzen.
Entscheidend sind dabei auch die Windverhältnisse. Sie beeinflussen, wohin sich freigesetzte Gase oder Aerosole bewegen. Aus dem Sperrradius allein lässt sich deshalb nicht ableiten, wie groß die tatsächlich belastete Fläche ist.
Der Einsatz erinnert an eine grundsätzliche Herausforderung der chemischen Sicherheit: Nicht nur die Menge eines Gefahrstoffs ist entscheidend, sondern auch sein Verhalten unter bestimmten Bedingungen. Wie schwerwiegend die Folgen falsch eingeschätzter Stoffeigenschaften sein können, zeigt beispielsweise die Explosion im Currenta-Entsorgungszentrum in Leverkusen. Dort führte eine nicht ausreichend erkannte selbstzersetzende Eigenschaft eines Abfalls zu einer Katastrophe mit sieben Toten. Die beiden Unfälle haben allerdings unterschiedliche Ursachen und Abläufe.
Schon 2001 gab es in Krefeld einen schweren Salpetersäure-Unfall
Dass Salpetersäure bei einem Unfall weitreichende Folgen haben kann, musste Krefeld bereits vor 25 Jahren erleben. Am 21. November 2001 havarierte das Tankschiff Stolt Rotterdam am Rhein bei Krefeld-Uerdingen. Es hatte rund 1.800 t Salpetersäure mit einer Konzentration von 68 % geladen. Beim Entladen trat Säure durch eine undichte Leitung aus.
Die Flüssigkeit reagierte mit Stahlteilen des Schiffes. Dabei entstanden giftige nitrose Gase, die sich als Gaswolke ausbreiteten. Das Schiff geriet in Brand und lief auf Grund. Die Rheinschifffahrt musste unterbrochen werden. Der damalige Unfall ist sogar im Katastrophenschutzplan der Stadt Krefeld dokumentiert. Dort dient er als Grundlage für ein Szenario zur Freisetzung gefährlicher Stoffe.
Mit dem aktuellen Lkw-Unfall lässt sich die Havarie nicht unmittelbar vergleichen. Sie zeigt aber, weshalb die Einsatzkräfte bei austretender Salpetersäure mögliche chemische Reaktionen besonders berücksichtigen müssen.
A57 gesperrt – Bergung dauert mehrere Stunden
Der Chemieunfall hat auch erhebliche Auswirkungen auf den Verkehr. Die A57 wurde zwischen Krefeld-Oppum und Krefeld-Gartenstadt in beiden Richtungen gesperrt. Mehrere Straßen im Stadtgebiet sind ebenfalls betroffen.
Auch im Bahnverkehr kommt es zu Ausfällen und Einschränkungen. Vier Schulen und zwei Kindertagesstätten in Krefeld bleiben am Freitag geschlossen.
Wie lange die Bergung dauert, ist noch unklar. Die Feuerwehr muss zunächst die austretende Säure unter Kontrolle bringen und die Gefährdung für die Umgebung beurteilen.
Offen sind außerdem die Unfallursache und die Frage, warum der Fülldeckel undicht wurde. Ob ein technischer Defekt, eine Beschädigung beim Umkippen oder andere Umstände dafür verantwortlich sind, steht bislang nicht fest.
Für die Bevölkerung im betroffenen Bereich gelten bis zu einer amtlichen Entwarnung die Anweisungen der Stadt Krefeld. Aktuelle Informationen veröffentlicht das bundesweite Warnportal.
Quellen
- Stadt Krefeld / Bundeswarnportal – amtliche Gefahrenmeldung vom 6. November 2026
- WDR / Tagesschau – Unfall mit Salpetersäure legt Verkehr in Krefeld lahm
- Blaulicht Solingen – ABC-Spezialkräfte und überörtliches Messkonzept
- ILO/WHO – Internationale Gefahrstoffkarte Salpetersäure, Konzentration über 70 %
- BfR – Ärztliche Mitteilungen bei Vergiftungen, Gefahren durch Salpetersäure, S. 27
- Stadt Krefeld – Katastrophenschutzplan mit Dokumentation der Havarie von 2001, S. 61























