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PFAS im Skiwachs: Verbotenes Tempo auf Kosten der Umwelt

18. Februar 2026

Snowboarder Masaki Shiba bei Olympia
Masaki Shiba bei den Olympischen Spielen: Sein Board wurde nach dem Rennen wegen nachgewiesener PFAS-Rückstände im Wachs disqualifiziert. Foto: picture alliance / EXPA / APA / picturedesk.com | EXPA/Johann Groder
Drei Wintersportler wurden bei Olympia wegen PFAS-Rückständen im Skiwachs disqualifiziert. So funktioniert das neue Fluorverbot.
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Als der japanische Snowboarder Masaki Shiba nach seinem Lauf im Parallel-Riesenslalom bei den Olympischen Spielen in Mailand auf die Anzeigetafel blickte, war sportlich alles in Ordnung. Kurz darauf war sein Wettkampf vorbei. Nicht wegen eines Fehlstarts. Auch nicht wegen verbotener Substanzen in seinem Blut. Sondern wegen seines Boards. Bei der Kontrolle wurden Spuren von PFAS im Wachs nachgewiesen. Die Folge war die Disqualifikation.

Shiba schrieb später auf Instagram: „Ich bin mit dem gleichen Board und dem gleichen Wachs angetreten und wurde nie positiv getestet.“ Zwei südkoreanische Skifahrerinnen traf es ebenfalls. In allen Fällen lautete der Vorwurf: Verwendung von fluorhaltigem Wachs.

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Dieses Vorgehen des IOC bedeutet einen Bruch im Wintersport. Denn fluorierte Wachse galten jahrzehntelang als Standard im Profizirkus.

Inhaltsverzeichnis

Warum Fluor Ski und Snowboard schneller macht

Werfen wir einen Blick auf die Physik: Wenn ein Ski oder Snowboard über Schnee gleitet, entsteht durch Druck und Reibung ein dünner Wasserfilm. Dieser Film wirkt als Schmiermittel. Wird er jedoch zu dick, entsteht Kapillarsog. Der Ski oder Snowboard „klebt“ am Schnee.

Fluorierte Wachse setzen genau hier an. PFAS – per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen – senken die Oberflächenenergie der Skibasis. Wasser perlt stärker ab. Der Kontaktwinkel steigt deutlich. Eine unbehandelte Polyethylen-Basis erreicht typischerweise rund 92° bis 97°. Hochfluorierte Wachse bringen Werte von 115° bis über 120°. Bei reinen Fluorformulierungen sind sogar über 125° möglich.

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Das Resultat: weniger Haftung, weniger Reibung. Unter nassen Bedingungen nahe 0 °C kann die Gleitgeschwindigkeit um bis zu 4 % steigen. Im Weltcup entscheidet das über Podium oder Mittelmaß. Besonders bei feuchtem, schmutzigem Schnee war Fluor lange konkurrenzlos.

Ewigkeitschemikalien mit Nebenwirkungen

PFAS verdanken ihre Leistungsfähigkeit der extrem stabilen Kohlenstoff-Fluor-Bindung. Sie ist eine der stärksten kovalenten Bindungen in der organischen Chemie. Genau das macht die Stoffe problematisch. Sie sind hitzebeständig, wasserabweisend und praktisch nicht abbaubar.

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In Alltagsprodukten wie Outdoor-Bekleidung, Teppichen oder Antihaftpfannen kommen sie ebenfalls vor. Doch im Wintersport gelangen sie direkt in sensible Ökosysteme.

Studien zeigen erhöhte PFAS-Werte in Schnee, Böden und Gewässern rund um Skipisten. In schwedischen Skigebieten fanden Forschende unterschiedliche PFAS-Verbindungen in der Schneeschmelze. Eine Untersuchung beim Engadin Skimarathon verfolgte C6- bis C14-Carbonsäuren vom Startbereich bis in angrenzende Seen. Selbst zwei Kilometer entfernt lagen die Werte noch über dem Hintergrundniveau.

In Park City, Utah, wurden elf PFAS-Verbindungen im Trinkwasser nachgewiesen. Die Region deckt große Teile ihrer Wasserversorgung aus alpinen Einzugsgebieten. Die Aufbereitung erfordert teure Aktivkohle- oder Umkehrosmoseanlagen.

PFAS reichern sich zudem im Körper an. Sie stehen im Zusammenhang mit Störungen des Immunsystems, erhöhtem Cholesterin, Leber- und Nierenschäden sowie bestimmten Krebsarten.

Hohe Belastung in der Wachskabine

Besonders exponiert waren Skitechnikerinnen und -techniker. In den Wachsräumen werden mehrere Schichten mit Bügeleisen bei über 150 °C eingebrannt. Dabei entstehen Dämpfe und ultrafeine Partikel.

Eine skandinavische Studie aus dem Jahr 2010 ermittelte bei Weltcup-Technikern durchschnittliche PFOA-Blutwerte von 112 ng/ml. Einzelne erreichten bis zu 535 ng/ml. Zum Vergleich: In der Allgemeinbevölkerung liegen typische Werte zwischen 2 und 5 ng/ml.

Die Belastung schwankte saisonal. Während der Wettkampfphase stiegen die Konzentrationen deutlich an. Auch ambitionierte Freizeitsportlerinnen und -sportler zeigten erhöhte Werte, wenn sie regelmäßig mit Fluorwachsen arbeiteten.

Verbot und Null-Toleranz-Regel

Die Internationale Ski- und Snowboardföderation (FIS) führte ab der Saison 2023/24 ein vollständiges Fluorverbot im Wettkampf ein. Die Regel gilt auch bei Olympischen Spielen. Maßstab ist „nicht nachweisbar“.

Möglich macht das eine portable Fourier-Transform-Infrarotspektroskopie mit abgeschwächter Totalreflexion, kurz ATR-FTIR. Geräte wie das Bruker Alpha II drücken einen Diamantkristall auf die Skibasis. Infrarotlicht dringt wenige Mikrometer in die Oberfläche ein. Charakteristische Absorptionsbanden der C–F-Bindung lassen sich eindeutig identifizieren. Das Ergebnis liegt in weniger als einer Minute vor.

Ein striktes Protokoll regelt die Anwendung: regelmäßige Leistungsqualifizierung, Reinigung des Kristalls mit Isopropanol, Kalibrierung gegen Referenzbibliotheken. Wird der Grenzwert überschritten, folgt die Disqualifikation. Die neuen Kontrollen verändern auch den Materialmarkt.

Regulatorischer Druck wächst

In der EU ist PFOA bereits im Rahmen des Stockholmer Übereinkommens verboten. PFHxA, ein häufig genutzter C6-Ersatzstoff, unterliegt ab 2026 strengen REACH-Grenzwerten von 25 ppb für Salze.

In Frankreich ist PFAS in Skiwachs seit Januar 2026 vollständig verboten. Der Ansatz folgt dem Verursacherprinzip. In den USA setzen Bundesstaaten wie Washington Grenzwerte für Gesamtfluor in Produkten fest.

Parallel prüft die Europäische Chemikalienagentur ein umfassendes PFAS-Verbot für ganze Stoffklassen. Sollte es kommen, betrifft es weit mehr als den Wintersport.

Können fluorfreie Wachse mithalten?

Hersteller reagieren mit neuen Rezepturen. Moderne Kohlenwasserstoffmischungen, Graphit-Additive, keramische Partikel oder synthetische Polymere sollen die hydrophoben Eigenschaften verbessern. Pflanzliche Wachse und biologisch abbaubare Alternativen drängen ebenfalls auf den Markt.

Unter kalten, trockenen Bedingungen erreichen viele fluorfreie Produkte nahezu das frühere Leistungsniveau. Bei extrem nassem Schnee bleibt eine Lücke. Der Innovationsdruck ist hoch. Top-Serien kommen inzwischen nahe an frühere Low-Fluor-Produkte heran.

Gleichzeitig müssen Altlasten beseitigt werden. Alte Skier, Bürsten und Werkzeuge können kontaminiert sein. Profiteams ersetzten komplette Bürstensätze und reinigten Wachsräume gründlich. Mehrstufige Heißschabzyklen mit fluorfreien Paraffinen helfen, Rückstände aus dem Belag zu entfernen.

Ein kleiner Anteil mit großer Symbolwirkung

Gemessen am globalen PFAS-Markt von rund 28 Mrd. US-$ im Jahr 2023 ist Wintersport nur ein kleines Feld. Aber eines mit großer Wirkung. Denn hier werden die Stoffe nicht indirekt freigesetzt, sondern ganz konkret auf Schnee aufgebracht – ausgerechnet in sensiblen Hochgebirgsregionen und oft nahe von Trinkwassereinzugsgebieten.

Die Umstellung auf fluorfreie Wachse zeigt Wirkung. Die Belastung in Wachsräumen sinkt, und auch im Schnee rund um Starts und Servicezonen lassen sich Rückgänge nachweisen. Trotzdem bleibt ein langer Schatten: PFAS bauen sich kaum ab. Rückstände in alten Wachsen, Bürsten, Wachsräumen und Böden können noch Jahre später auffallen. Sanierung ist damit keine schnelle Reparatur, sondern eine Langstrecke.

Der Fall Shiba steht deshalb für mehr als eine Disqualifikation. Er zeigt, dass Leistung heute neu bewertet wird: Nicht nur Geschwindigkeit zählt, sondern auch die Folgen für Umwelt und Gesundheit.



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