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OHB und Rheinmetall gründen Joint Venture – und die kleinen Satellitenbauer protestieren

11. Juni 2026

OHB aus Bremen baut bislang vor allem Unikate - wie den abgebildeten Wettersatelliten. In Zukunft will OHB eine große Zahl Bundeswehrsatelliten bauen.
Satellitenproduktion bei OHB in Bremen. Der Bau der Konstellation Satcombw-4 würde das Unternehmen vor neue Herausforderungen stellen. Foto: picture alliance / photothek/Thomas Trutschel
Bei OHB ist man sich sicher, dass man den milliardenschweren Auftrag für die Bundeswehr-Satellitenkonstellation Satcombw-4 bekommt. Die mittelständischen Satellitenbauer sehen das anders.
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OHB und Rheinmetall haben am Donnerstag, den 11. Juni, die Gründung ihres Gemeinschaftsunternehmens bekannt gegeben. Das Joint Venture soll OHB Rheinmetall Space Networks GmbH heißen, in Bremen seinen Sitz haben und den Großauftrag für das Bundeswehrsatellitennetzwerk Satcombw-4 gewinnen. Das teilten die beiden Unternehmen auf der Berliner Luft- und Raumfahrtmesse ILA mit.

Satcombw-4 gilt als größtes Weltraumprojekt in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland; das Weltraumkommando der Bundeswehr nennt einen Kostenrahmen von 8 Mrd. € bis 10 Mrd. €.

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Inhaltsverzeichnis

Die ersten Satelliten sollen 2029 im Orbit sein. Wie viele genau, ist noch unklar. Quellen aus der Satellitenindustrie sprechen von einer dreistellligen Zahl. Mit weniger als 200 Satelliten wird es schwierig, einen Dienst aufzubauen, ist zum Beispiel zu hören.

Eine derartige Zahl von Satelliten zu starten, ist ambitioniert. „In drei Jahren sollen die ersten Satelliten im Orbit sein – der Zeitdruck ist enorm“, sagte Sabine von der Recke aus dem OHB-Vorstand im Gespräch auf der ILA. „Wenn der Zeitplan eingehalten werden soll, müssen wir bald loslegen.“ Das sei der Grund dafür, das Joint Venture nun auch formal zu gründen.

Wie stellen sich OHB und Rheinmetall die Arbeitsteilung vor?

OHB würde als Satellitenbauer das Weltraumsegment verantworten, also die Integration der Satelliten. Laut Bundeswehr soll Satcombw-4 in der finalen Ausbaustufe eine große dreistellige Anzahl von Satelliten umfassen. Rheinmetall will das Bodensegment inklusive der Empfangsgeräte in der Truppe liefern.

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Auch Airbus soll Teil des Konsortiums sein. OHB und Airbus haben eine Zusammenarbeit im Weltraumsegment vereinbart, die allerdings noch nicht ausdefiniert ist. „Es wird eine gerechte Arbeitsteilung mit Airbus geben“, sagt von der Recke. Klar ist nur: Airbus bleibt in einer untergeordneten Rolle. „Das Joint Venture von OHB und Rheinmetall ist in der Zusammenarbeit der Chef, und Airbus der Zulieferer“, sagt von der Recke.

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Hat OHB Erfahrung im Bau von großen Satellitenkonstellationen?

Kein deutsches Unternehmen hat bislang solche Stückzahlen gebaut, auch nicht OHB. Einzig der Airbus-Konzern hat diese Erfahrung vorzuweisen: Airbus hat in den USA annähernd 650 OneWeb-Satelliten gefertigt. Für Satcombw-4 sucht die Bundesregierung aber einen deutschen Hauptauftragnehmer (Prime Contractor, oder kurz: Prime).

OHB hat in den vergangenen Jahren Galileo-Satelliten gebaut, allerdings in viel kleineren Stückzahlen als bei Satcombw-4. Im vergangenen Jahr hat das Bremer Unternehmen den Elektronikhersteller Technisat im Vogtland übernommen – ein strategisches Investment mit dem Zweck, Know-how in der Serienfertigung ins Unternehmen zu holen.

Ob die Satelliten im Vogtland gebaut werden sollen – oder im Bremer Stammwerk, steht noch nicht fest. „Wir schauen uns verschiedene Standorte an, die für eine neue Serienproduktion infrage kommen“, sagt die OHB-Vorständin von der Recke.

Steht schon fest, dass das OHB-Rheinmetall-Joint-Venture den Auftrag für Satcombw-4 erhält?

Auf der ILA sind auf diese Frage unterschiedliche Antworten zu hören. Für OHB ist der Fall klar. „Für uns steht fest, dass die Zuständigkeit für das Raumsegment bei OHB liegt“, sagt die OHB-Managerin von der Recke. Allerdings gibt es bislang keinen Vertrag. Insidern zufolge könnte sich die Auftragsvergabe auch noch bis Anfang 2027 hinziehen.

Eine Gruppe von mittelständischen Satellitenbauern stellt diese Version in Frage. Das Unternehmen Berlin Space Technologies (BST) zum Beispiel erwartet, dass der Auftrag offen ausgeschrieben wird – mit Chancen auch für mittelständische Satellitenbauer wie BST. „Wir rechnen damit, dass die Konstellation ausgeschrieben wird, eine Direktvergabe ohne eine echte Beteiligung von KMU (kleine und mittelständische Unternehmen, Anm. d. Red.) würde für zu viel Ärger in der Satellitenbranche sorgen“, sagt Martin Becker, Assistent des BST-CEOs.

BST zufolge fehlt die Erfahrung im Gewichtssegment von Satcombw-4 allen Satellitenbauern gleichermaßen – auch den großen. „Niemand hat in Deutschland bislang eine Konstellation mit Satelliten der 500-kg-Klasse gebaut. Wir fangen alle an einem ähnlichen Punkt an“, sagt Becker.

Das Verteidigungsministerium hat für den Zeitraum bis 2030 35 Mrd. € für militärische Raumfahrtprojekte bereitgestellt. Die Bundesregierung fordert, dass Mittelständler und Start-ups eingebunden werden, wenn die Gelder genutzt werden.

„Die Bundesregierung hat deutlich gemacht, dass sie nicht nur eine Satellitenkonstellation haben will, sondern dass mit den Investitionen auch ein Ökosystem aufgebaut werden soll“, sagt die OHB-Vorständin Sabine von der Recke.

Welches Vergabemodell fordern die mittelständischen Satellitenbauer?

Unternehmen wie BST fordern eine Vergabe in Tranchen nach dem Modell der US-Behörde Space Development Agency. Diese hat die Satelliten für ihr Netzwerk im erdnahen Orbit in Tranchen ausgeschrieben, bei denen eine Vielzahl von Anbietern zum Zuge kamen. Also: Nicht ein Satellitenbauer fertigt 200 Satelliten, sondern mehrere Hersteller liefern je zehn bis 15 Satelliten.

Für Martin Becker von BST ist das eine Risikominimierung. „Der Staat sollte nach heutigem Stand niemandem zutrauen, bis 2029 eine stabile dreistellige Zahl Satelliten der 500-kg-Klasse in einem Projekt alleine zu bauen“, sagt Becker. „Alles auf einen Hersteller zu setzen, gleicht einer Milliardenwette. Auf mehrere Hersteller zu setzen, macht daraus mehrere Millionenwetten. Für die Bundesrepublik ist klar: Wir werden nicht alle scheitern.“

Das Hauptargument für das Tranchenmodell ist aber die Fairness.

Warum finden die KMU eine Vergabe in Tranchen fairer?

Aus zwei Gründen. Erstens: Mittelständische Betriebe wie BST fühlen sich häufig „in der Mitte gefangen“. Sie sind keine Start-ups mehr und können nicht auf Wagniskapital zählen. Sie sind aber auch keine Konzerne und kriegen keine Bankkredite in Milliardenhöhe. Die Tranchenvergabe wäre ein barrierearmer Marktzugang für Unternehmen wie BST. „Ohne Tranchenvergabe können wir nie in die Riege der Primes aufsteigen und die deutsche Raumfahrtindustrie bleibt eine Zwei-Klassen-Gesellschaft“, sagt Becker.

Der zweite Grund hat mit der Designhoheit über die Satellitentechnik zu tun. Der Prime Contractor kann sehr weitreichend entscheiden, welche Standards genutzt werden und welche Komponenten verbaut werden. In der Regel die eigenen, so schildern es KMU. Für die kleineren Satellitenbauer bleiben in dieser Darstellung allenfalls wenig lukrative Sub-Aufträge übrig. „Bislang bleibt uns allzu oft die Rolle der verlängerten Werkbank. Bei Satcombw-4 wollen wir komplette Satelliten bauen“, sagt Becker. BST will 2027 nahe Berlin eine Fabrik mit einer Fertigungskapazität von 300 Satelliten pro Jahr in Betrieb nehmen.

Bei der Tranchenvergabe wäre es denkbar, dass nicht ein Unternehmen die Gestalt der Satelliten vorgibt. Stattdessen könnte die Bundeswehr eine Pluralität im Design zulassen, solange die Schnittstellen passen und die Spezifikationen erfüllt sind. In den Worten von Martin Becker: „Es ist egal, ob die Satelliten rund oder eckig, blau oder schwarz-weiß kariert sind, solange sie ihren Zweck erfüllen.“

Bei näherem Hinsehen wenig. Starlink stellt mit Zehntausenden Satelliten Breitbandinternet zur Verfügung. Satcombw-4 bindet mit einem Bruchteil der Flotte Truppen, Schiffe, Flugzeuge, Drohnen und Fahrzeuge über verschlüsselte Kanäle an. Es handelt sich also um zwei völlig unterschiedliche Konstellationen.

Über die Gestalt der Satcombw-4-Satelliten ist wenig bekannt; Details sind aufgrund der militärischen Nutzung meist eingestuft. Klar scheint aber zu sein, dass die Satelliten viel Kapazität und Leistung benötigen werden. Vereinfacht gesagt, gibt es in der Satellitenkommunikation zwei Varianten: Entweder die Antenne auf dem Boden ist groß, dann kann der Satellit kleiner sein. Oder der Satellit hat eine große Antenne, weil die Empfangsgeräte klein sein müssen. Im militärischen Kontext sind viele Empfangsgeräte leicht und klein: Eine Drohne kann keine schwere Antenne tragen.

Der Aufbau von Satcombw-4 erfordert viele Raketenstarts. Gibt es dafür die Raketen?

Konstellationssatelliten werden in Batches gestartet, bei der Amazon-Konstellation sind es zum Beispiel 32 Satelliten pro Rakete. Eine ähnliche Größenordnung ist auch für Satcombw-4 denkbar. Je schwerer und größer die Satelliten, desto weniger passen in die Oberstufe. Das kombinierte Startgewicht aller Satelliten inklusive des Dispensers, an dem sie in der Oberstufe aufgehängt sind, darf 20 t nicht überschreiten. So viel Nutzlast kann die Ariane 6 in der Variante mit vier Feststoffboostern (A64) in einen erdnahen Orbit transportieren.

Der Raketenbauer ArianeGroup weist Berichte zurück, denen zufolge es nicht genügend Ariane-6-Raketen für den Start zusätzlicher Satellitenkonstellationen gibt. „Wenn die Satcombw-4-Satelliten in etwa denen der Amazon-Konstellation ähneln, dann können wir sie bis 2029 starten. Wir sind gut gebucht, aber wir haben freie Kapazitäten“, sagte Jens Franzeck, Chief Industrial Officer der ArianeGroup, im ILA-Interview. Demnach ist das möglich, ohne dass der Raketenbauer zusätzliche Produktionskapazitäten für die Ariane 6 aufbauen muss.

Lesen Sie auch unsere Reportage: Einblicke in den Hochlauf der Ariane-6-Fertigung

Laut ArianeGroup sind annähernd zwei Jahre Vorlauf nötig, um für die Satcombw-4-Starts eine passende Flugsoftware zu programmieren und um neue Dispenser zu entwickeln.



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