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Mehr Gift in Kinderspielzeug als in Autoreifen

10. Dezember 2010

Spielzeug darf 1000 Mal mehr krebserregende Kohlenwasserstoffe enthalten als Autoreifen. Deutschland will Kinder mit der EU-Chemikalienverordnung Reach besser vor diesen giftigen Substanzen schützen. Doch die EU-Kommission zögert.
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Die EU schützt Kinder unzureichend vor krebserzeugenden polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) in Spielzeugen, meint das Bundesinstitut für Risikoforschung (BfR). In der neuen Spielzeugrichtlinie, die im Sommer 2009 in Kraft trat, hat die EU zwar für Schwermetalle Grenzwerte festgelegt, für krebserregende PAK aber fehlen Obergrenzen.

Die EU verweist im Gesetz stattdessen auf die Chemikalienverordnung Reach und die sogenannte CLP-Verordnung zur Einstufung, Kennzeichnung und Verpackung von Stoffen und Gemischen.

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Nach Reach dürfen Gemische für Verbraucher bis zu 0,1 % eines Stoffes enthalten, der krebserregend, erbgutverändernd oder fortpflanzungsgefährdend ist (also bis zu 1 g/kg). Für einige sehr gefährliche Stoffe gelten nach der CLP-Verordnung niedrigere Grenzwerte. So darf kein Produkt mehr als 0,01 % an krebserzeugendem Benzo(a)pyren (BaP) enthalten (also bis zu 0,1 g/kg).

BaP-Gehalte von 0,01 % können gefährlich sein, meint das BfR. Spielen Kinder eine Stunde mit derart belastetem Spielzeug, können sie so viel BaP über die Haut aufnehmen, dass sie ein erhöhtes Risiko haben, an Krebs zu erkranken.

„Grenzwerte für krebserregende Stoffe müssen sich jedoch am technisch Machbaren und nicht am Chemikalienrecht orientieren“, fordert daher Monika Büning, Chemikalienfachfrau des Verbraucherzentrale Bundesverbandes (vzbv).

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Büning betont, die Schutzbarrieren des Körpers von Babys und Kindern sind weniger stark ausgebildet als bei Erwachsenen. Sie nähmen alles in den Mund und hielten manche Spielzeuge stundenlang in den Händen. Seit 1980 habe zudem die Zahl der Neuerkrankungen von Kindern an Krebs um 17 % zugenommen. Da die Gründe dafür unklar seien, müsse jede Möglichkeit genutzt werden, den Kontakt von Kindern mit Giften zu vermeiden, so Büning.

Verwundert zeigt sich Büning darüber, dass Spielzeuge 1000 Mal mehr BaP enthalten dürfen als Autoreifen: Die EU-Reifenrichtlinie von 2005 begrenzt den BaP-Gehalt in Weichmacherölen auf 1 mg/kg. Da Autoreifen etwa zu 10 % aus diesen Ölen bestehen, enthalten sie bis zu 0,1 mg BaP/kg. Die Richtlinie begrenzt zusätzlich den Gehalt an acht krebserregenden PAK in Weichmacherölen auf 10 mg/kg. Auch Lebensmittelverpackungen dürfen nicht mehr als 0,2 mg BaP/kg enthalten.

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Die Bundesregierung hat die EU-Kommission im Juni aufgefordert zu handeln. Die Brüsseler Behörde soll vorrangig nicht die Spielzeugrichtlinie nachbessern, sondern den Einsatz krebserregender PAK mithilfe der EU-Chemikalienverordnung Reach in allen Verbraucherprodukten weitgehendst beschränken. Kein Spielzeug, kein Werkzeuggriff und kein Plastikschuh soll ab Sommer 2011 mehr als 0,2 mg an acht krebserregenden PAK pro kg enthalten (s. Kasten). Das ist die analytische Untergrenze.

„Wir wollen PAK in allen verbraucherrelevanten Bereichen, wo eine Exposition nicht auszuschließen ist, verbieten“, erklärt Lars Tietjen, Chemikalienfachmann im Umweltbundesamt.

Reach erlaubt, den Einsatz krebserregender Chemikalien schnell zu beschränken. Leitet die EU-Kommission in den nächsten Wochen ein Schnellverfahren ein, können krebserregende PAK ab Sommer 2011 in Verbraucherprodukten auch aus nicht-EU-Staaten quasi untersagt sein.

Werden PAK im Schnellverfahren verboten, kann nur die Kommission aktiv werden. Will ein EU-Staat den Einsatz gefährlicher Stoffe in einem Standardverfahren beschränken, dauert es mindestens ein Jahr länger. Die EU-Kommission hat aber noch nicht entschieden, ob sie krebserregende PAK in Verbraucherprodukten verbieten will. Die Bundesregierung wird derweil ungeduldig.

Dabei erscheint der deutsche Vorschlag umsetzbar. Das BfR hat Analysedaten von rund 5300 Spielzeugen, Plastikschuhen, Werkzeuggriffen und anderen Verbraucherprodukten ausgewertet. Die Daten stammen vom TÜV Rheinland, von Verbraucherverbänden, von Länderbehörden und aus dem eigenen Institut. Einige Proben zeigten zwar sehr hohe PAK-Werte, in 90 % der Produkte aber ließen sich keine PAK nachweisen. Mit anderen Worten: PAK-freie Alternativen sind verfügbar.

Der Deutsche Verband der Spielzeugindustrie (DVSI) mit Sitz in Stuttgart hat nichts dagegen, die acht krebserregenden PAK erstmals schärfer zu regulieren. Der Verband warnt aber davor, alle PAK über einen Kamm zu scheren. Es gebe auch für Menschen harmlose PAK wie Fluoranthen und Phenanthren.

RALPH AHRENS



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