Tech Impact Festival 2026: Warum Deutschlands KI-Strategie ein neues Fundament braucht
Tech Impact Festival 2026 zeigt: Ohne starke Infrastruktur, Re-Skilling und klare KI-Strategie droht Deutschland im globalen Wettbewerb zurückzufallen.
VDI-Präsident Lutz Eckstein gab eine Keynote zum Thema Inspiration und Innovation für die Mobilität der Zukunft.
Foto: Tim Stockhausen
Wenn beim Tech Impact Festival 2026 ausgerechnet dem Digitalstaatssekretär die Internetverbindung abbricht, zeigt sich das Problem deutlich: Ohne robuste Infrastruktur, Rechenzentren und konsequentes Re- und Upskilling bleiben Deutschlands KI-Ambitionen unzureichend umgesetzt.
Unter dem Motto „Bridging the Innovation Gap“ vereinte das RWTH Tech Impact Festival am 25. und 26. März bis zu 1500 Teilnehmende aus Wissenschaft, Industrie, Start-ups und weiteren Innovationsbereichen unter einem Dach.
Inhaltsverzeichnis
- Realitätscheck auf der Bühne
- Arbeitswelt im radikalen Wandel
- Die Qualifizierungslücke als strukturelle Gefahr
- Deutschland 2050: Visionen, Talente und globale Ambitionen
- Erst das Fundament, dann das KI-Dach
- Strategie und Organisation: Das Hub-und-Spoke-Modell
- Use-Cases: Vom Fachbereich zum langfristigen Betrieb
- Das Daten-Dilemma auflösen
- Der globale Wettbewerb: Wilder Westen vs. hungriger Osten vs. die regulierte Mitte
Realitätscheck auf der Bühne
Den Auftakt des Festivals machte der aus Berlin zugeschaltete Thomas Jarzombek, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung. Gleichzeitig lieferte er direkt und unfreiwillig den vermutlich ehrlichsten Moment der gesamten Veranstaltung: Während er über digitale Infrastruktur und die Macht der Rechenzentren sprach, brach plötzlich seine Verbindung ab. Ein lautes Lachen ging durch die Menge. Ein Sinnbild für die digitale Infrastruktur in Deutschland. Doch genau dieser Vorfall unterstrich seine Botschaft besser als jede gezeigte PowerPoint-Folie:

Auf dem Tech Impact Festival spricht man von künstlicher Intelligenz als persönlichen Coach und vom massiven Umbruch der Arbeitswelt, aber man spürt eben auch, dass das Fundament an vielen Stellen noch gewaltig wackelt. Jarzombek nutzte diesen Vorfall für sich und ließ keinen Zweifel daran, dass exzellente Forschung an Universitäten wie der RWTH allein nicht ausreicht, wenn die anschließende Skalierung mangels moderner Infrastruktur und Kapital in den USA stattfindet.
Er betonte, dass ohne massive Investitionen in moderne Data Center und eine resiliente digitale Infrastruktur jede noch so innovative Software-Vision ein „Luftschloss“ bleibt. Werden Start-ups in kritischen Wachstumsphasen nicht hierzulande finanziert, verlagern sich sowohl Patente als auch hochqualifizierte Fachkräfte ins Ausland.
Arbeitswelt im radikalen Wandel
Ebenso eindringlich machte Jarzombek klar, dass der KI-Umbruch die Arbeitswelt nicht nur oberflächlich verändern, sondern fundamental „durcheinanderbringen“ wird. Berufsbilder, wie wir sie heute kennen, lösen sich auf und setzen sich neu zusammen.
Sein zentrales Credo: Jeder und jede kann und muss sich im Bereich KI weiterbilden. Eine abgeschottete digitale Elite dürfe es in Deutschland nicht geben. Das Wissen über Nutzung und Wirkung von Algorithmen müsse in die Breite der Gesellschaft getragen werden.
Die Qualifizierungslücke als strukturelle Gefahr
Adrian Willig, Direktor des VDI, lieferte dazu die passende Einordnung. Er machte deutlich, dass der Erfolg des Standorts Deutschland untrennbar mit einem radikalen Umdenken in der Weiterbildung verknüpft ist. Während Jarzombek die politische Ebene ansprach, betonte Willig die Dringlichkeit für die Ingenieurwelt:
„Die Innovationslücke zu schließen, heißt auch, die Talentlücke zu schließen. Wir brauchen mehr junge Ingenieurinnen und Ingenieure. Und wir begeistern die nächste Generation mit einfachen Botschaften: Die Zukunft braucht dich. Ingenieurwesen gibt Menschen die Chance, echte Probleme zu lösen, sich gebraucht zu fühlen und neue Wege zu gehen. “

Willig warnte davor, dass der Fachkräftemangel zur größten Innovationsbremse wird, wenn man nicht massiv in die bestehende und aufkommende Belegschaft investiert. Er sieht im Strukturwandel eine riesige Chance, sofern es gelingt, Talente gezielt in Wachstumsbereiche wie die Energie- und KI-Technik zu überführen.
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Deutschland 2050: Visionen, Talente und globale Ambitionen
In der anschließenden Keynote griff Bita Fesidis, Geschäftsführerin des Fachbeirats Technik im Dialog beim VDI, diese Forderung nach breiter Teilhabe auf und stellte die VDI-Initiative „Deutschland 2050“ vor. Innovation, so ihre These, lässt sich nur vorantreiben, wenn fünf Ebenen gleichzeitig zusammengedacht werden: Gesellschaft, Regulatorik, Wirtschaft, Individuum und Technologie.
Ihre Vision: Deutschland als zukünftiges „Mekka der Medizin“. Sie warnte davor, Zukunftsfelder wie die Neurotechnologie kampflos internationalen Akteuren, wie beispielsweise Elon Musk zu überlassen. Um global mithalten zu können, müsse die exzellente Forschung, die hierzulande betrieben wird, endlich konsequent skaliert und mehr Vertrauen in europäische Lösungen aufgebaut werden.
Entscheidend dafür sei der Faktor Mensch. Fesidis forderte eine konsequente Schließung der Talentlücke. Innovationsfähigkeit und Fachkräfteentwicklung sind für sie untrennbar verbunden. Massives Up- und Re-skilling sei daher notwendig, um den Anschluss nicht zu verlieren.
Eine von ihr zitierte Studie zeigt, dass vielen Ingenieurinnen und Ingenieuren dies bereits bewusst ist. Rund 80 % erwarten, ihre Fähigkeiten in den nächsten drei Jahren grundlegend erweitern zu müssen.
Erst das Fundament, dann das KI-Dach
Dass Deutschland bei der KI-Anwendung noch Hausaufgaben zu erledigen hat, belegte Alexander Keuper von der Complexity Management Academy mit einer Studie zum Reifegrad von KI im Ingenieurswesen. Sein Vergleich war ebenso simpel wie einleuchtend: „KI ist wie ein Hausbau. Die Künstliche Intelligenz ist das Dach – aber damit fängt man nicht an. Zuerst muss man das Fundament gießen.“ Wer seine eigenen Daten nicht vernünftig digitalisiert und strukturiert hat, wird an der Skalierung von KI-Anwendungen scheitern.
Die Studie unterscheidet dabei vier Reifegrade, in denen sich Unternehmen aktuell bewegen:
- Beginner: Erste Berührungspunkte, aber keine Struktur.
- Pilot: Vereinzelte Inselprojekte ohne Gesamtzusammenhang.
- Scaler: Systematische Ausrollung von KI-Lösungen.
- Achiever: KI ist integraler Bestandteil.
Strategie und Organisation: Das Hub-und-Spoke-Modell
Ein Kernergebnis der Studie: Top-Performer bringen ihre Unternehmens- und KI-Strategie konsequent in Einklang. Dabei setzen die meisten erfolgreichen Unternehmen auf ein Hub-und-Spoke-Modell. Hierbei werden Methodenkompetenz und IT-Infrastruktur zentral in einem „KI-Hub“ oder Competence Center bereitgestellt, während die eigentliche Umsetzung dezentral in den Fachbereichen erfolgt. „Mit zunehmendem Reifegrad wandern immer mehr Kompetenzen direkt in die Abteilungen“, so die Studie. Pragmatismus schlägt hierbei Mammutprojekte: Kurze Zeithorizonte und schnelle Proof-of-Concepts sind der Schlüssel, um intern Vertrauen für die Technologie aufzubauen.
Use-Cases: Vom Fachbereich zum langfristigen Betrieb
Bei der Auswahl von Anwendungen gilt es, echte „Schmerzpunkte“ im Ingenieurswesen zu identifizieren. Die Studie betont, dass Ideen direkt aus dem Arbeitsalltag der Mitarbeitenden kommen müssen. Ein entscheidender Erfolgsfaktor ist dabei der Use-Case Owner aus dem Fachbereich: Er verantwortet die Anwendung von der ersten Idee bis zum langfristigen Betrieb.
Bei der Frage „Make-or-Buy“ ist die Empfehlung klar: Eigenentwicklungen sollten nur dort stattfinden, wo sie einen echten strategischen Wettbewerbsvorteil generieren. Für Standardaufgaben greift man besser auf bestehende Lösungen zurück.
Das Daten-Dilemma auflösen
Um das volle Potenzial zu entfalten, müssen Unternehmen ihre internen Datensilos aufbrechen. Die kontinuierliche Investition in eine hochwertige Dateninfrastruktur ist laut Keuper kein optionales Projekt, sondern die Lebensversicherung für den KI-Erfolg. Zudem rücken technologische Betriebskonzepte wie Machine-Learning-Operations (MLOps) in den Fokus, um den nachhaltigen Erfolg und die Wartbarkeit von KI-Modellen sicherzustellen.
Keupers abschließendes Fazit in Aachen war dann doch sehr deutlich: Viele Unternehmen wollen direkt zum „Achiever“ aufsteigen, vernachlässigen aber die Basis und hängen dann lange beim „Beginner“ herum.
Der globale Wettbewerb: Wilder Westen vs. hungriger Osten vs. die regulierte Mitte
Dass dieser Weg zu den „Achiever“ kein Spaziergang wird, verdeutlichte Lutz Eckstein, Präsident des VDI, in seiner scharfen Analyse der globalen Rahmenbedingungen. Er zeichnete das Bild einer Welt im technologischen Dreikampf: Während die USA als „Wilder Westen“ mit wenig Barrieren voranstürmen und China als „hungriger Osten“ mit enormem Drang nach Innovation agiert, droht Europa sich als „am meisten Reguliert und höchst komplex“ selbst auszubremsen.
Eckstein warnte eindringlich vor den Folgen: „Die Industrie reagiert bereits und wandert Richtung China und USA ab, während Sanktionen das weltweite Geschäft zusätzlich erschweren.“

Er bestätigte den Punkt, dass exzellente Grundlagenforschung allein – wie sie an Universitäten wie der RWTH stattfindet – nicht ausreicht. „Universitäten können Prototypen entwickeln, aber für die Skalierung und Marktreife brauchen wir ein funktionierendes Ökosystem aus Start-ups und Kapital“, so Eckstein.
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