Keine Zeit für Weiterbildung? Wie Sie trotzdem wichtige, neue Fähigkeiten lernen
Nur rund die Hälfte der deutschen Arbeitnehmer bildet sich weiter, meist sind es die Hochqualifizierten mittleren Alters. Andere sehen die Vorteile nicht oder scheuen den zeitlichen Aufwand. Dabei helfen neue Methoden.
Lebenslanges Lernen hat in Deutschland einen schlechten Ruf. Nach einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung aus dem vergangenen Jahr planen nur 50,7 % der Beschäftigten, in diesem Jahr eine Weiterbildung zu besuchen. Dabei hatte sich die Bundesregierung eigentlich vorgenommen, die Marke bis 2030 auf 65 Prozent zu steigern. Stattdessen sinkt sie.
Für Ute Leber, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsfeldforschung, ist das auch ein Symptom der wirtschaftlichen Lage. „Bis zur Corona-Pandemie haben wir stabile Weiterbildungsquoten gesehen“, sagt sie. Seit aber die Energiekrise ab 2022 das Wirtschaftswachstum in Deutschland gestoppt hat, sparen Betriebe wie Beschäftigte an Weiterbildung.
Ein Problem sieht die Fachfrau darin, dass beide Seiten die Vorteile oft nicht sehen. So gäbe es seit jeher ein deutliches Gefälle bei der Frage darin, wer überhaupt Weiterbildungen besucht. Wer einen höheren Bildungsabschluss hat, ein höheres Einkommen, ein mittleres Alter und in einem Großkonzern arbeitet, der erwirbt eher neues Wissen als der geringqualifizierte Handwerksgehilfe vom Land. Letztere „haben oft Angst vor Weiterbildung“, sagt Ute Leber.
Schlechte Erfahrungen, oft noch aus der Schule, spielen hier eine Rolle. In der Bertelsmann-Umfrage gaben auch viele an, sich davon kaum einen Gehaltssprung oder eine Beförderung zu versprechen und deswegen den zeitlichen wie finanziellen Aufwand zu scheuen.
Warum der Weiterbildungsmarkt in Deutschland unübersichtlich ist
Dass Weiterbildung nicht automatisch in einer besseren Bezahlung mündet, bestätigt die Expertin. Daten des IAB zeigen, dass die Gehälter danach kaum steigen. Was aber steigt, ist die Arbeitszufriedenheit und die Sicherheit des Arbeitsplatzes. Trennt sich ein Betrieb von Mitarbeitern, erwischt es in der Regel zuerst die geringer Qualifizierten. Wer Weiterbildungen vorweisen kann, bleibt also länger an Bord. „Das ist gerade für Menschen mit niedrigem Einkommen wichtig“, erklärt Leber. Schließlich trifft sie eine Wirtschaftskrise wie die aktuelle als erstes.
Allerdings macht es Deutschland willigen Arbeitnehmern wie Arbeitgebern auch nicht leicht, sich fortzubilden. „Der Markt ist hierzulande sehr intransparent“, sagt Leber. Sie rät Arbeitnehmern deswegen, bei Interesse an Weiterbildung zuerst den Chef anzusprechen, um auszuloten, welche Kurse oder Zertifikate das Unternehmen von sich aus anbietet. Ist da nichts passendes dabei, gibt es seit 2024 die Online-Plattform Mein-Now.de der Bundesagentur für Arbeit, auf der Sie passende Bildungsangebote in Ihrer Region und Branche finden können, sowie viele weitere Informationen.
Die Kosten dafür kann der Arbeitgeber übernehmen, es gibt aber auch Förderangebote der Bundesagentur für Arbeit. Ein neues Projekt versuchen manche Gewerkschaften und das Bundesinstitut für Berufsbildung. Sie bilden Interessiere zu Weiterbildungsmentoren aus, die dann in ihrem Betrieb auf geeignete Kandidaten zugehen und diese beraten können. Mittlerweile gibt es mehrere hundert solcher Mentoren in Deutschland.
Weiterbildung jenseits von Kursen und Zertifikaten
Ute Leber verweist auch darauf, dass „Weiterbildung“ ein sehr weit gefasster Begriff ist. „Wenn Sie einen Kollegen um Rat bei einer Aufgabe fragen, ist das im Prinzip auch schon Weiterbildung“, sagt sie. So etwas gehört dann zum Feld des „informellen Lernens“. Dazu gehört etwa auch, wenn Sie sich selbst mit Online-Videos oder -Tutorials oder neuerdings mit Hilfe einer KI neue Fähigkeiten aneignen.
Damit gibt es aber zwei Probleme: Erstens lässt sich informelles Lernen statistisch kaum erfassen. Zweitens gibt es dafür keine Zertifikate oder Urkunden. Sie können also schlecht nachweisen, das Sie etwas Neues gelernt haben. „Leider sind Zertifikate auf dem Arbeitsmarkt heute aber immer noch sehr wichtig“, sagt Leber.
Mit all diesen Trends steht Deutschland nicht allein. Die OECD beobachtete in den vergangenen Jahren sinkende Weiterbildungsquoten in fast allen entwickelten Ländern. Die Gründe sind ähnlich den oben beschriebenen in Deutschland. Zeit und Kosten werden als höchste Hürden genannt. „Arbeitgeber spielen eine kritische Rolle“, schreiben die Autoren des OECD-Reports „Trends in Adult Learning“ deswegen. Wo Betriebe selbst ein Interesse daran haben, ihre Mitarbeiter fortzubilden, klappt es besser. Besonders hilfreich sei das in Branchen, die etwa durch die Digitalisierung einen gravierenden Wandel durchmachen.
Bildungsurlaub: Ein unterschätztes Instrument der Weiterbildung
Als mögliche Lösung schlägt die OECD ein politisches Instrument vor, dass es in Deutschland schon seit 1974 gibt: Bildungsurlaub. Je nach Bundesland darf man sich dabei zwischen fünf und zehn Arbeitstage pro Jahr oder alle zwei Jahre freinehmen, um in dieser Zeit eine Fortbildung zu besuchen. Nur Bayern und Sachsen bieten dies nicht an, letztere wollen ihn aber ab 2027 einführen. In der Zeit des Bildungsurlaubs erhält man weiter den vollen Lohn.
In manchen Bundesländern, etwa Rheinland-Pfalz und Mecklenburg-Vorpommern, wird der in dieser Zeit durch das Land subventioniert. Für Teilzeitangestellte gilt der Bildungsurlaub anteilig. Mit einer 50-Prozent-Stelle kann man also 2,5 statt 5 Tage nehmen. Bildungsurlaub wird in Deutschland noch immer kaum in Anspruch genommen. Die Teilnahmequote liegt bei bescheidenen ein bis zwei Prozent der Arbeitnehmer pro Jahr und Bundesland.
Online-Weiterbildung in Deutschland: Chancen und Grenzen
Was ebenfalls die Hürden für Weiterbildung senkt, ist das Internet. Nicht erst, aber gerade seit Corona werden viele Kurse auch online angeboten. Dabei entfallen schon einmal An- und Abreise, allerdings auch der persönliche Kontakt zu Dozenten und Mitschülern.
„Mittlerweile gibt es sehr gute digitale Weiterbildungsangebote“, sagt Ute Leber. Diese Form benötigt aber auch etwas mehr Selbstdisziplin. Und auch hier kann das Angebot Interessierte am Anfang überfordern. „Es gibt so viele Anbieter und Zertifikate, dass es für jeden schwer durchschaubar ist.“
Deswegen wollen auch viele Unternehmen neue Wege gehen. Laut einer Umfrage der Haufe-Akademie, einem Anbieter für Weiterbildung, wollen 82,5 % der Unternehmen KI-gestützte Fortbildungen für ihre Mitarbeiter anbieten. Das kann zum Beispiel über Online-Plattformen geschehen, die so etwas übergreifend anbieten. Der Vorteil, den viele der befragten Personalentwickler darin auch sehen: KIs können Stärken und Schwächen eines einzelnen Teilnehmers viel schneller erkennen als ein menschlicher Dozent und die Inhalte der Weiterbildung darauf abstimmen. Bei einem herkömmlichen Kurs ist das kaum möglich.
Zudem sollen mehrtägige Kurse immer häufiger durch Microlearning ersetzt werden. Das sind kurze Blöcke von maximal 15 Minuten, in denen Sie als Arbeitnehmer einen kurzen Wissenshappen hinzugewinnen sollen. Der Vorteil: Solche Mikro-Blöcke lassen sich schnell in den Arbeitsalltag integrieren.
Auch interessant: Re-skilling als Firewall gegen Jobverlust
Ein Beitrag von: