KI im Klassenzimmer: Verlernen künftige Ingenieure das Denken?
89 % der Lehrkräfte halten KI-Kompetenz für unverzichtbar, 42 % fürchten eine Verdummung der Schüler. Was dieser Widerspruch für künftige Ingenieure bedeutet.
Viele Lehrer und Lehrerinnen nutzen KI zur Vorbereitung auf den Unterricht. Viele fürchten aber, dass KI die Schüler und Schülerinnen verdummt.
Foto: Smarterpix/AndreyPopov
Künstliche Intelligenz ist an deutschen Schulen angekommen – allerdings unter höchst unterschiedlichen Voraussetzungen. Nach einer Bitkom-Umfrage verwenden 58 % der Lehrkräfte in den Sekundarstufen I und II KI für schulische Zwecke. 6 % tun dies täglich, weitere 24 % mindestens einmal pro Woche. Zwei Drittel der Befragten betrachten KI überwiegend oder eher als Chance für die schulische Bildung, 29 % sehen darin überwiegend oder eher ein Risiko.
Besonders aufschlussreich ist ein Widerspruch in den Ergebnissen: 89 % der Lehrkräfte sind überzeugt, dass alle Schülerinnen und Schüler den Umgang mit KI lernen sollten. Gleichzeitig sagen 42 %, KI führe zur Verdummung der Lernenden. 36 % stimmen sogar beiden Aussagen zu: Sie halten KI-Kompetenz für notwendig und fürchten dennoch negative Folgen für die geistige Eigenleistung.
Inhaltsverzeichnis
- Bitkom: Es geht um das "Wie"
- Warum KI-Kompetenz für künftige Ingenieure entscheidend wird
- So nutzen Lehrer künstliche Intelligenz im Unterricht
- KI soll Lehrkräfte entlasten – doch viele fühlen sich unsicher
- Schulen brauchen mehr Fortbildungen zum Umgang mit KI
- Deutsches Schulbarometer warnt vor Verlust wichtiger Kompetenzen
- Kritisches Denken und Problemlösen bleiben im KI-Zeitalter unverzichtbar
- Private KI-Accounts schaffen Datenschutzrisiken an Schulen
- Wie der Einsatz von KI geregelt ist
- Bundesländer setzen auf eigene Schnittstellen
- Digitale Ausstattung deutscher Schulen bleibt lückenhaft
- Berufsschulen werden zum Testfeld für künstliche Intelligenz
- Wie sich Prüfungen und Leistungsbewertung durch KI verändern müssen
- VDI fordert KI-Kompetenz für angehende Ingenieure
- VDI sieht Weiterbildungsbedarf
- Future Skills 2030: AI Literacy und Data Literacy werden Kernkompetenzen
- Schulen müssen KI-Nutzung und eigenständiges Denken verbinden
- Methodik: So wurden die Lehrkräfte für die Studien befragt
Bitkom: Es geht um das „Wie“
„Es geht nicht mehr darum, ob in Schulen KI eingesetzt wird, es geht um das Wie“, sagt Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst. „Richtig eingesetzt, kann KI das Lernen und den Schulalltag verbessern. Sie darf aber das eigenständige Denken nicht ersetzen.“
Schulen müssten deshalb Chancen und Grenzen der Technik sowie einen verantwortungsvollen Umgang mit ihr vermitteln. Nach Ansicht des Bitkom gehören KI-Kompetenzen fest in die Lehrpläne.
Warum KI-Kompetenz für künftige Ingenieure entscheidend wird
Damit berührt die Studie eine Frage, die für den technischen Nachwuchs besonders relevant ist: Lernen Jugendliche weiterhin, Probleme selbstständig zu analysieren, Lösungswege zu entwickeln und fehlerhafte Resultate zu erkennen? In Ingenieurberufen reicht es nicht, mithilfe eines Sprachmodells eine plausible Antwort zu erzeugen.
Berechnungen, Konstruktionen und Simulationen müssen nachvollziehbar und überprüfbar sein. Wer später Verantwortung für Maschinen, Produktionsanlagen oder digitale Systeme trägt, muss KI-Ergebnisse fachlich beurteilen und mögliche Fehler erkennen können.
So nutzen Lehrer künstliche Intelligenz im Unterricht
Bislang dient KI an Schulen vor allem dazu, ihre Funktionsweise zu vermitteln. 44 % aller befragten Lehrkräfte setzen die Technik ein, um sie der Schülerschaft zu erklären. 43 % verwenden KI zur Wissensvermittlung im Unterricht. Zur Vorbereitung des Unterrichts greifen 26 % darauf zurück, 23 % individualisieren damit Unterrichtsmaterialien.
Jede fünfte Lehrkraft nutzt KI zur Kontrolle von Aufgaben und Prüfungen, 15 % zur Vorbereitung von Tests oder Klassenarbeiten. 13 % stellen Hausaufgaben, bei denen KI ausdrücklich eingesetzt werden soll.
KI soll Lehrkräfte entlasten – doch viele fühlen sich unsicher
Die Technik entlastet laut Bitkom-Umfrage bislang erst einen Teil des Kollegiums: 32 % sagen, KI erleichtere ihnen bereits den Arbeitsalltag. Gleichzeitig fühlen sich 58 % im Umgang mit ihr noch unsicher. Wintergerst fordert deshalb: „Lehrkräfte müssen Zugang zu KI-Tools bekommen und entsprechend geschult werden.“
Schulen brauchen mehr Fortbildungen zum Umgang mit KI
Der Weiterbildungsbedarf zeigt sich auch jenseits der KI. Im Schuljahr 2025/2026 hat sich laut Bitkom rund die Hälfte der Lehrkräfte zum Einsatz digitaler Technologien und Medien fortgebildet. 78 % sprechen sich dafür aus, regelmäßige Weiterbildungen zu digitalen Themen und Methoden verpflichtend zu machen.
„Viele Lehrkräfte wollen ihre digitalen Kompetenzen ausbauen, doch in einem ohnehin angespannten Schulalltag fehlt dafür häufig die Zeit“, sagt Wintergerst. Nach Ansicht des Bitkom müssen Digitalkompetenzen im Lehramtsstudium, im Referendariat und in der berufsbegleitenden Weiterbildung verankert werden.
Deutsches Schulbarometer warnt vor Verlust wichtiger Kompetenzen
Die Bitkom-Ergebnisse passen zu Befunden des im Juni 2026 veröffentlichten Deutschen Schulbarometers der Robert Bosch Stiftung. Danach verwenden 64 % der befragten Lehrkräfte KI zur Erstellung von Unterrichtsaufgaben, 58 % nutzen sie für die Unterrichtsplanung. Mehr als die Hälfte wünscht sich Fortbildungen zur KI-Nutzung.
Zugleich beurteilen viele Lehrkräfte die möglichen Auswirkungen auf die Lernenden skeptisch. 62 % erwarten eher negative Folgen für die Problemlösefähigkeit. Jeweils 67 % befürchten Nachteile für das kritische Denken sowie für soziale und kommunikative Fähigkeiten. Dabei handelt es sich allerdings um Einschätzungen der Lehrkräfte – nicht um einen wissenschaftlichen Nachweis, dass KI diese Kompetenzen tatsächlich verschlechtert.
„Lehrkräfte leisten heute weit mehr als reinen Fachunterricht – und damit dürfen wir sie nicht allein lassen“, sagt Katharina Thoren, Bildungsexpertin der Robert Bosch Stiftung. Neben Fortbildungen benötigten Schulen nach Einschätzung der Stiftung auch Unterstützung durch multiprofessionelle Teams.
Kritisches Denken und Problemlösen bleiben im KI-Zeitalter unverzichtbar
Für die technische Bildung entsteht daraus eine doppelte Aufgabe: Schülerinnen und Schüler müssen lernen, KI-Werkzeuge kompetent zu bedienen. Gleichzeitig dürfen sie das eigenständige Denken, Rechnen und Entwickeln von Lösungswegen nicht an die Technik delegieren.
Gerade bei mathematischen, naturwissenschaftlichen und technischen Aufgaben ist nicht nur das Ergebnis entscheidend. Lernende müssen auch erklären können, wie es zustande gekommen ist, welche Annahmen zugrunde liegen und an welchen Stellen eine KI möglicherweise falsche oder erfundene Angaben geliefert hat.
Private KI-Accounts schaffen Datenschutzrisiken an Schulen
Die Bitkom-Studie macht zudem ein Ausstattungsproblem sichtbar. Nicht einmal jede zweite Lehrkraft erhält von ihrer Schule eine KI-Lizenz oder einen entsprechenden Account. Insgesamt 26 % verwenden auch oder ausschließlich private KI-Zugänge für schulische Zwecke. Damit entsteht eine Art Schatten-KI: Lehrkräfte greifen auf vorhandene Werkzeuge zurück, weil offizielle Lösungen fehlen oder nicht ausreichen.
Das wirft Fragen zum Datenschutz, zum Schutz personenbezogener Daten und zum Umgang mit vertraulichen schulischen Informationen auf. Der Bitkom fordert deshalb einen gemeinsamen KI-Aktionsplan der Länder, eine Liste geprüfter Anwendungen und ein jährliches Budget von 15 € je Schülerin und Schüler. Damit sollen Schulen geeignete KI-Werkzeuge und Weiterbildungen eigenständig finanzieren können.
Wie der Einsatz von KI geregelt ist
Der Einsatz von künstlicher Intelligenz im Schulunterricht unterliegt in Deutschland einer mehrstufigen Reglementierung zwischen Bundesland, Schule und Lehrkraft. Die grundsätzlichen Leitlinien und datenschutzrechtlichen Rahmenbedingungen geben die Kultusministerien der Länder vor – teilweise gestützt durch Handlungsempfehlungen der Kultusministerkonferenz (KMK) oder bereitgestellte Positivlisten für zugelassene Bildungssoftware.
Auf Schulebene legen Schulleitung und Schulkonferenz fest, welche digitalen Tools im Rahmen der DSGVO genutzt werden dürfen. Innerhalb dieses abgesteckten Feldes greift die pädagogische Freiheit der einzelnen Lehrkraft: Sie entscheidet eigenverantwortlich über die Methodik und den konkreten didaktischen Einsatz von KI-Anwendungen im Unterricht.
Bundesländer setzen auf eigene Schnittstellen
Der Einsatz von KI im Schulunterricht scheiterte bislang oft an den strengen Vorgaben der DSGVO, da Schülerinnen und Schüler keine Konten bei US-Anbietern wie OpenAI führen dürfen. Um Rechtssicherheit im Klassenzimmer zu schaffen, setzen die Bundesländer auf datenschutzkonforme Schnittstellen und geprüfte Bildungsplattformen.
Diese Systeme agieren als Datenschutz-Schleuse: Sie filtern personenbezogene Daten und IP-Adressen heraus, bevor Prompts an die Sprachmodelle übermittelt werden, und ermöglichen so eine rechtssichere digitale Transformation an deutschen Schulen.
Digitale Ausstattung deutscher Schulen bleibt lückenhaft
Die Voraussetzungen für KI-gestützten Unterricht unterscheiden sich stark. Nur 48 % der Lehrkräfte beurteilen die technische Ausstattung und Infrastruktur ihrer Schule als gut, 49 % dagegen als schlecht. Bei der Verfügbarkeit und dem Einsatz digitaler Bildungsmedien fällt die Bewertung etwas besser aus: 61 % beurteilen sie als gut, 35 % als schlecht.
Auch die digitalen Kompetenzen des Kollegiums werden unterschiedlich eingeschätzt. 58 % der Befragten bewerten sie an ihrer Schule als gut, 39 % als schlecht. 80 % fühlen sich bei der digitalen Bildung von der Politik nicht ausreichend unterstützt. Bei 52 % hängt die Digitalisierung nach eigener Aussage häufig vom persönlichen Engagement einzelner Lehrkräfte ab.
Berufsschulen werden zum Testfeld für künstliche Intelligenz
Besondere Bedeutung gewinnt der KI-Einsatz an beruflichen Schulen. Nach dem Deutschen Schulbarometer verwenden deren Lehrkräfte KI häufiger als Kolleginnen und Kollegen anderer Schularten. Berufsschulen könnten deshalb zu einem Testfeld für eine Ausbildung werden, die KI-Kompetenz mit technischem Grundlagenwissen verbindet.
Rund 300 Fachleute aus Politik, Wissenschaft, Bildung und Praxis haben im Juni 2026 auf einer Fachtagung des Paktes für berufliche Schulen über digitale Lernkonzepte, Kompetenzen für die zukünftige Arbeitswelt und die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Betrieben beraten.
„Digitale Kompetenzen sind heute ein prägender Bestandteil beruflicher Qualifizierung. Berufliche Schulen sind dabei Innovationsräume und wichtige Brückenbauer zwischen Theorie und Praxis“, erklärte Jessica Heide, Staatssekretärin im saarländischen Bildungsministerium. Ergebnisse aus der Konferenz sollen im September vorliegen.
Wie sich Prüfungen und Leistungsbewertung durch KI verändern müssen
Für Unterricht und Prüfungen bedeutet die Verbreitung von KI, dass künftig stärker der Weg zu einer Lösung bewertet werden sollte. Lernende müssen erklären können, wie sie zu einem Ergebnis gekommen sind, welche Teile sie selbst erarbeitet und an welchen Stellen sie KI eingesetzt haben.
Auch die Prüfung der KI-Ergebnisse wird zur Kompetenz. Schülerinnen und Schüler sollten falsche Berechnungen, ungeeignete Annahmen und erfundene Quellen erkennen können. Die Bedienung eines KI-Tools allein ist noch keine technische Kompetenz.
VDI fordert KI-Kompetenz für angehende Ingenieure
Auch der VDI verlangt, technische Bildung an die digitale Transformation anzupassen. Der Verband fordert, pädagogisches Personal in technologiegestützter Didaktik aus- und weiterzubilden. Eine ausdrücklich auf generative KI zugeschnittene Forderung für Lehrkräfte formuliert er an dieser Stelle allerdings nicht. Zugleich betont der VDI, schulische Bildung müsse neben fachlichen Grundlagen kreatives und kritisches Denken sowie die Bearbeitung komplexer Probleme fördern. Quelle: VDI – Technische Bildung
Für die spätere Ingenieurpraxis lautet die Position des Verbandes: „KI soll unterstützen – nicht ersetzen. Der Mensch bleibt entscheidende Instanz.“ Der Umgang mit generativer KI müsse fester Bestandteil der ingenieurwissenschaftlichen Ausbildung werden. Angehende Ingenieurinnen und Ingenieure sollten lernen, die Technik sinnvoll, kritisch und verantwortungsvoll einzusetzen.
VDI sieht Weiterbildungsbedarf
Wie hoch der Qualifizierungsdruck in technischen Berufen bereits ist, zeigt eine weitere VDI-Untersuchung: Rund 80 % der befragten Ingenieurinnen und Ingenieure gehen davon aus, ihre Kompetenzen innerhalb der kommenden drei Jahre erweitern zu müssen, um beruflich erfolgreich zu bleiben. Die Zahl bezieht sich auf den allgemeinen technologischen und wirtschaftlichen Wandel; sie darf nicht ausschließlich der generativen KI zugeschrieben werden.
Für die Hochschulausbildung fordert VDI-Direktor Adrian Willig eine Modernisierung der Studieninhalte: „Die Ingenieurausbildung ist auf einem hohen Niveau in Deutschland. Wir dürfen jedoch nicht an alten Curricula festhalten.“ Nach Auffassung des VDI müssen unter anderem KI, Digitalisierung und interdisziplinäres Arbeiten stärker in der Hochschullehre verankert werden.
Future Skills 2030: AI Literacy und Data Literacy werden Kernkompetenzen
Das Future-Skills-Framework 2030 des Stifterverbandes unterstreicht diese Verbindung. Es zählt AI Literacy und Data Literacy zu den digitalen Zukunftskompetenzen, die grundsätzlich für alle wichtig werden. Gleichzeitig bleiben kritisches Denken, Verantwortungsübernahme und Problemlösefähigkeit zentrale Grundlagen. Für bestimmte Tätigkeiten ist darüber hinaus spezialisierte KI-Expertise erforderlich.
Schulen müssen KI-Nutzung und eigenständiges Denken verbinden
Die entscheidende Bildungsaufgabe besteht daher laut allen Experten nicht darin, sich zwischen KI und eigenständigem Denken zu entscheiden. Schulen müssten beides vermitteln: den souveränen Umgang mit den Werkzeugen und die Fähigkeit, ihre Ergebnisse zu hinterfragen.
Für künftige Ingenieurinnen und Ingenieure ist genau diese Verbindung entscheidend. Unternehmen brauchen keine Nachwuchskräfte, die lediglich Prompts formulieren können, sondern Menschen, die technische Zusammenhänge verstehen, Fehler erkennen und Verantwortung für Entscheidungen übernehmen.
Methodik: So wurden die Lehrkräfte für die Studien befragt
Für die Bitkom-Studie befragte Bitkom Research zwischen der 22. und 26. Kalenderwoche 2026 telefonisch 501 Lehrkräfte der Sekundarstufen I und II. Berücksichtigt wurden Hauptschulen, Schulen mit mehreren Bildungsgängen, Realschulen, Gymnasien, integrierte Gesamtschulen und Waldorfschulen. Unter den Befragten waren 294 Lehrkräfte, die KI für schulische Zwecke nutzen. Die Umfrage ist nach Angaben des Bitkom repräsentativ.
Das Deutsche Schulbarometer beruht auf einer Befragung von 1547 Lehrkräften einschließlich Schulleitungen an allgemein- und berufsbildenden Schulen. Forsa führte sie vom 11. November bis zum 2. Dezember 2025 durch. Wegen der unterschiedlichen Befragungszeiträume, Schularten und Fragestellungen sind die Prozentwerte beider Untersuchungen nur eingeschränkt direkt vergleichbar.
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