Fristen, Risiken und typischen Praxisfälle 15.01.2026, 15:09 Uhr

Kündigungsarten im Überblick: Was Ingenieure wissen müssen

Welche Kündigungsarten gibt es und was gilt speziell für Ingenieurinnen und Ingenieure? Überblick zu Fristen, Risiken und typischen Praxisfällen im Ingenieurjob.

trauriger Mann nach Kündigung

Kündigung im Ingenieurberuf: Diese Arten sollten Sie kennen. Rechtliche Unterschiede, Praxisfallen und strategische Hinweise kompakt erklärt.

Foto: Smarterpix / khosrork

Das Wichtigste in Kürze
  • Ingenieure sind arbeitsrechtlich seltener leicht kündbar, als viele annehmen.
  • Projektende oder Umstrukturierung allein rechtfertigen keine Kündigung.
  • Betriebs- und verhaltensbedingte Kündigungen scheitern häufig an formalen Fehlern.
  • Änderungskündigungen sind im Ingenieurumfeld verbreitet – Ablehnung kann sinnvoll sein.
  • Kündigungsfristen ergeben sich oft aus Vertrag oder Tarif, nicht nur aus dem Gesetz.

Kündigungen gehören auch in technisch geprägten Arbeitsmärkten zur Realität. Projektabbrüche, Standortentscheidungen, Umstrukturierungen oder strategische Neuausrichtungen treffen Ingenieurinnen und Ingenieure oft anders als andere Berufsgruppen. Der Grund: Viele arbeiten hoch spezialisiert, projektbezogen oder in Schlüsselpositionen. Genau das verändert die rechtliche Bewertung von Kündigungen. Dieser Beitrag ordnet die wichtigsten Kündigungsarten ein – mit Fokus auf typische Konstellationen im Ingenieurberuf.

Ordentliche Kündigung: Der Regelfall mit Tücken

Die ordentliche Kündigung beendet das Arbeitsverhältnis unter Einhaltung einer Frist. Für Ingenieurinnen und Ingenieuren liegt die Besonderheit weniger im Gesetz als im Vertrag. AT-Verträge, verlängerte Kündigungsfristen oder Tarifbindungen (z. B. IG Metall, TVöD) sind verbreitet.

Wichtig ist die Hierarchie der Regeln: Es gilt immer die für Arbeitnehmer*innen günstigste Frist aus Gesetz, Tarif oder Vertrag. Ein häufiger Fehler: Projektende wird als Kündigungsgrund angeführt. Das reicht nicht. Der Arbeitgeber muss darlegen, dass der Arbeitsplatz dauerhaft entfällt – nicht nur temporär.

Gerade bei Ingenieurinnen und Ingenieuren prüfen Gerichte, ob Know-how an anderer Stelle weiter genutzt werden kann. Wer mehrere Projekte betreut oder übertragbare Qualifikationen hat, ist schwerer kündbar als oft angenommen.

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Außerordentliche (fristlose) Kündigung: Hohe Hürden

Die fristlose Kündigung setzt einen schwerwiegenden Grund voraus, der eine Weiterbeschäftigung unzumutbar macht. In Ingenieurberufen geht es dabei häufig um Vorwürfe wie Geheimnisverrat, Manipulation von Prüfdaten oder gravierende Compliance-Verstöße.

In der Praxis scheitern solche Kündigungen oft. Technische Fehler sind nicht automatisch Pflichtverletzungen. Komplexe Systeme, Zeitdruck oder unklare Vorgaben wirken zugunsten der Beschäftigten. Zudem ist fast immer eine vorherige Abmahnung erforderlich. Ohne sie trägt der Arbeitgeber ein hohes Prozessrisiko.

Betriebsbedingte Kündigung: Besonders strenge Prüfung

Betriebsbedingte Kündigungen sind in der Industrie verbreitet – etwa bei Auftragsrückgang, Standortschließungen oder Outsourcing. Für Ingenieur*innen gelten hier jedoch besonders strenge Maßstäbe.

Zentrale Fragen vor Gericht sind:

  • Entfällt der Arbeitsplatz wirklich dauerhaft?
  • Gibt es alternative Projekte oder Einsatzmöglichkeiten?
  • Ist eine Umschulung oder Versetzung zumutbar?

Die Sozialauswahl ist bei hoch spezialisierten Profilen häufig angreifbar. Wer über seltenes Know-how verfügt, lässt sich nicht einfach mit formalen Kriterien „wegwählen“. Deshalb scheitern betriebsbedingte Kündigungen von Ingenieur*innen überdurchschnittlich oft.

Verhaltensbedingte Kündigung: Technikfehler sind kein Fehlverhalten

Verhaltensbedingte Kündigungen setzen schuldhafte Pflichtverletzungen voraus. Für Ingenieurinnen und Ingenieure ist die Abgrenzung zentral: Schlechte Ergebnisse, Fehlkalkulationen oder Projektverzögerungen sind kein Kündigungsgrund, solange sie nicht auf vorsätzliches oder grob fahrlässiges Verhalten zurückgehen.

Typische Konflikte entstehen bei Dokumentationsmängeln oder Terminüberschreitungen. Auch hier gilt: Ohne vorherige Abmahnung ist eine Kündigung meist unwirksam. Arbeitgeber unterschätzen regelmäßig, wie schwer es ist, „Schlechtleistung“ bei komplexer Entwicklungsarbeit rechtssicher nachzuweisen.

Personenbedingte Kündigung: Hohe Beweislast

Die personenbedingte Kündigung knüpft an persönliche Eigenschaften an, häufig an eine langanhaltende Erkrankung. Für Ingenieurinnen und Ingenieure in Schlüsselpositionen ist sie besonders relevant, aber rechtlich anspruchsvoll.

Der Arbeitgeber muss drei Punkte belegen: eine negative Gesundheitsprognose, erhebliche betriebliche Beeinträchtigungen und das Fehlen milderer Mittel. Gerade in wissensintensiven Berufen ist letzteres problematisch. Homeoffice, angepasste Aufgaben oder projektbezogene Entlastung sprechen oft gegen eine Kündigung.

Änderungskündigung: Der unterschätzte Klassiker

Die Änderungskündigung kombiniert Kündigung und neues Vertragsangebot. Sie spielt im Ingenieurumfeld eine große Rolle, etwa bei Standortverlagerungen, dem Wechsel von Entwicklung in Supportfunktionen oder beim Abbau von Führungsverantwortung.

Wichtig: Ingenieurinnen oder Ingenieure müssen das Angebot nicht akzeptieren. Eine Ablehnung kann sinnvoll sein, insbesondere wenn die neuen Bedingungen eine deutliche Verschlechterung darstellen. Die gerichtliche Überprüfung ist oft erfolgversprechender, als viele Betroffene denken.

Typische Fehler von Arbeitgebern bei Ingenieur-Kündigungen

  • Projektende als Kündigungsgrund:
    Das bloße Auslaufen eines Projekts reicht nicht aus, solange alternative Einsatzmöglichkeiten bestehen.
  • Technische Fehler als Pflichtverletzung gewertet:
    Komplexe Entwicklungs- oder Planungsfehler werden fälschlich als persönliches Fehlverhalten interpretiert.
  • Fehlende oder unzureichende Abmahnung:
    Verhaltensbedingte Kündigungen scheitern häufig, weil vorherige Abmahnungen fehlen oder zu unkonkret sind.
  • Sozialauswahl ohne fachliche Tiefe:
    Bei betriebsbedingten Kündigungen wird spezialisiertes Know-how nicht ausreichend berücksichtigt.
  • Änderungskündigungen falsch eingesetzt:
    Deutlich verschlechterte Bedingungen werden ohne tragfähige Begründung angeboten.
  • Kündigungsfristen falsch berechnet:
    Vertrags- oder tarifliche Fristen werden übersehen oder fehlerhaft angewendet.

 

Eigenkündigung: Mehr Fallstricke als gedacht

Die Eigenkündigung wirkt einfach, ist es aber nicht. Viele Ingenieur*innen haben verlängerte Kündigungsfristen oder Wettbewerbsverbote im Vertrag. Auch Bonuszahlungen, Projektabschlussprämien oder Aktienprogramme können an den Verbleib bis zu einem Stichtag geknüpft sein.

Wer kündigt, sollte zudem die Auswirkungen auf das Arbeitslosengeld prüfen. Eine Sperrzeit ist möglich, wenn kein wichtiger Grund vorliegt. Gerade bei strategischen Jobwechseln lohnt sich eine saubere Vorbereitung.

Aufhebungsvertrag: Keine Kündigung, aber relevant

Der Aufhebungsvertrag ist kein Kündigungstyp, gehört aber in jede Einordnung. In der Praxis betrifft er vor allem Ingenieurinnen und Ingenieure in Führungs- oder Spezialistenrollen. Er bietet Verhandlungsspielraum, birgt aber Risiken – insbesondere beim Arbeitslosengeld.

Entscheidend ist die strategische Bewertung: Abfindung, Zeugnis, Freistellung und Wettbewerbsfragen lassen sich gestalten. Pauschale Empfehlungen verbieten sich.

Kündigungsarten im Vergleich

Kündigungsart Kündigungsfrist Typisch im Ingenieurjob Risiko für Arbeitgeber
Ordentliche Kündigung Ja Umstrukturierung, Projektende Mittel
Fristlose Kündigung Nein Compliance-, Datenvorwürfe Sehr hoch
Betriebsbedingte Kündigung Ja Auftragsrückgang, Standortfragen Hoch
Verhaltensbedingte Kündigung Ja Dokumentations- oder Terminfragen Hoch
Personenbedingte Kündigung Ja Langzeiterkrankung Hoch
Änderungskündigung Ja Standort- oder Aufgabenwechsel Mittel
Eigenkündigung Ja Jobwechsel

 

FAQ: Kündigungsarten im Ingenieurjob

1) Reicht das Ende eines Projekts für eine Kündigung aus?

Nein. Ein Projektende rechtfertigt eine Kündigung nur, wenn der Arbeitsplatz dauerhaft entfällt und keine anderweitige Einsatzmöglichkeit besteht. Gerade bei Ingenieuren prüfen Gerichte das sehr genau.

2) Können technische Fehler zu einer Kündigung führen?

In der Regel nicht. Fehlentscheidungen oder Projektverzögerungen gelten nicht automatisch als Pflichtverletzung. Für eine verhaltensbedingte Kündigung braucht es schuldhaftes Verhalten und meist eine Abmahnung.

3) Sind Ingenieure bei betriebsbedingten Kündigungen besonders geschützt?

Nicht formal, aber faktisch oft ja. Hoch spezialisiertes Know-how, alternative Projekte und Umschulungsmöglichkeiten erschweren betriebsbedingte Kündigungen erheblich.

4) Muss ich eine Änderungskündigung akzeptieren?

Nein. Ingenieur*innen können das Angebot ablehnen. Ob das sinnvoll ist, hängt von der Verschlechterung der Bedingungen und der rechtlichen Angreifbarkeit ab.

5) Gelten für Ingenieure andere Kündigungsfristen?

Häufig ja. AT-Verträge und Tarifverträge sehen oft längere Fristen vor als das Gesetz.

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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