Warum die telefonische Krankschreibung abgeschafft werden könnte
In Deutschland sind die Krankmeldungen auf einem Rekordniveau, was nicht nur die Arbeitnehmer betrifft, sondern auch die Wirtschaft stark belastet. Während verschiedene Akteure kontroverse Vorschläge zur Senkung des Krankenstands unterbreiten, zeigt sich, dass sowohl die Ursachen als auch mögliche Lösungen komplexer sind, als es zunächst scheint.
Rekord-Krankenstand bremst Deutschlands Wirtschaft.
Foto: PantherMedia / Stefan Kassal
Inhaltsverzeichnis
- Mehr Schaden als Nutzen
- Wie Teilzeit-AU die Produktivität steigern könnte
- Anwesenheitsprämien: Motivation oder Risiko für Präsentismus?
- Überlastung der Sozialsysteme
- Krankschreibungen in Deutschland
- Neue Ansätze bei Krankmeldungen geplant
- Häufigste Krankheitsgründe und Fehltage
- Warum "Präsentismus" so gefährlich ist
- Auf Prävention setzen
- Problem für den Wirtschaftsstandort Deutschland
- Telefonische Krankschreibung in der Kritik
Mehr Schaden als Nutzen
Deutschland hat weltweit besonders viele krankheitsbedingte Fehlzeiten. Ein Grund dafür ist die großzügige Lohnfortzahlung, wie Studien zeigen. Aus Politik und Wirtschaft gibt es daher Vorschläge, entweder unbezahlte Krankheitstage („Karenztage“) einzuführen oder das Gehalt während der Arbeitsunfähigkeit auf etwa 80 % zu kürzen („Lohnersatzrate“). Eine Studie des ZEW Mannheim, veröffentlicht im Fehlzeiten-Report 2025 des AOK-WidO, zeigt jedoch, dass solche Maßnahmen eher schädlich wären.
„Die Deutschen empfinden es als sozial ungerecht, wenn man für das Kranksein bestraft würde. Zwar zeigen Studien, dass Maßnahmen wie Karenztage oder das Senken der Lohnersatzrate durchaus wirken. Würde etwa die Lohnersatzrate um 20 % sinken, ginge die Anzahl der AU-Tage etwa um denselben Wert zurück, allerdings nur bei gut einem Drittel aller Beschäftigten in der Privatwirtschaft, die von der Maßnahme effektiv betroffen wären. Auf der anderen Seite würden eine Kürzung der Lohnfortzahlung sowie Karenztage zu mehr Präsentismus führen, also dem Verhalten, dass Menschen arbeiten, auch wenn sie infektiös sind – und dann andere Beschäftigte anstecken. Außerdem zeigt eine Studie aus Schweden, dass Karenztage zu einer unnötigen Ausweitung von langen Krankheitsdauern führen würden“, kommentierte Prof. Dr. Nicolas Ziebarth, Leiter des ZEW-Forschungsbereichs „Arbeitsmärkte und Sozialversicherungen“ diese Entwicklungen in einer Pressemitteilung.
Wie Teilzeit-AU die Produktivität steigern könnte
Ziebarth schlug noch 2025 vor, Teilzeitkrankschreibungen einzuführen, wie sie bereits in skandinavischen Ländern erfolgreich praktiziert werden. Seiner Meinung nach sei es je nach Krankheitsbild und Beruf in manchen Fällen möglich, nur einen halben Tag statt eines ganzen Arbeitstages zu arbeiten, zum Beispiel bei leichter Erkältung im Homeoffice, Rückenschmerzen oder psychischen Erkrankungen.
Voraussetzung dafür sei allerdings, dass die Ärzte, die die Arbeitsunfähigkeit ausstellen, entsprechend geschult werden. Er schätzt, dass schon wenn zehn Prozent der rund 900 Millionen AU-Tage auf Halbtagskrankschreibungen umgestellt würden, dies der deutschen Wirtschaft etwa 45 Millionen zusätzliche Arbeitstage bringen könnte – ungefähr so viel, wie ein nationaler Feiertag erbringt.
Anwesenheitsprämien: Motivation oder Risiko für Präsentismus?
Unternehmen könnten selbst Maßnahmen ergreifen, um Fehlzeiten zu senken. Studien aus Psychologie und Verhaltensökonomie zeigen, dass Belohnungen wirksamer sind als Strafen. So könnten Firmen „Anwesenheitsprämien“ einführen und Mitarbeitende mit weniger Fehltagen belohnen. Da Fehlzeiten auch etwas über die Arbeitszufriedenheit aussagen, lohnt es sich, gezielt Maßnahmen zur Senkung zu entwickeln. In Deutschland sind die Grippeimpfquoten mit nur einem Drittel der Erwachsenen im internationalen Vergleich sehr niedrig, obwohl Erkältungskrankheiten die Fehlzeiten deutlich erhöhen. Über betriebliche Gesundheitsangebote ließen sich Mitarbeitende motivieren, sich impfen zu lassen.
Doch stellt sich die Frage: Fördern solche Belohnungen wirklich Gesundheit und Motivation – oder führen sie eher zu Präsentismus?
Überlastung der Sozialsysteme
Im Handelsblatt-Interview hatte Allianz-CEO Oliver Bäte noch vor einem Jahr (Januar 2025) vor einer Überlastung der Sozialsysteme gewarnt. Der Krankenstand in Deutschland ist deutlich angestiegen. Der Allianz-Chef betrachtet die steigenden Fehltage als ein erhebliches Kostenproblem und unterbreitet einen kontroversen Vorschlag. „Ich schlage vor, den Karenztag wieder einzuführen. Damit würden die Arbeitnehmer die Kosten für den ersten Krankheitstag selbst tragen“, sagte er gegenüber dem „Handelsblatt“.
„Arbeitgeber zahlen in Deutschland pro Jahr 77 Mrd. € Gehälter für kranke Mitarbeiter. Von den Krankenkassen kommen noch mal 19 Mrd. € hinzu. Das entspricht rund 6 % der gesamten Sozialausgaben“, erklärte Oliver Bäte.
Die IG Metall nannte es unverschämt und fatal, den Beschäftigten vorzuwerfen, sie würden absichtlich krank machen. „Wer Karenztage aus der Mottenkiste holt, greift die soziale Sicherheit an und fördert verschleppte Krankheiten“, warnte Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Urban. „Die deutsche Wirtschaft gesundet nicht mit kranken Beschäftigten, sondern im Gegenteil mit besseren Arbeitsbedingungen.“
Krankschreibungen in Deutschland
Krankheitsbedingte Fehltage bei der Arbeit bleiben auf hohem Niveau. Laut der Krankenkasse DAK-Gesundheit waren Beschäftigte im vergangenen Jahr im Durchschnitt 19,5 Tage krankgeschrieben – fast genauso viele wie 2024 (19,7 Tage). Häufigste Gründe waren Atemwegserkrankungen, psychische Probleme und Rücken- oder Gelenkbeschwerden. Gesundheitsministerin Nina Warken will die Regeln für die telefonische Krankschreibung überprüfen.
„Deswegen ist es richtig und notwendig, eine fundierte Ursachenforschung voranzutreiben“, kommentierte DAK-Chef Andreas Storm gegenüber der Deutschen Presse-Agentur.
Neue Ansätze bei Krankmeldungen geplant
Die Krankenkassen prüfen neue Wege, um Arbeitsausfälle zu reduzieren. Der Chef der Kasse betonte, es gehe darum, neue Lösungen zu entwickeln, und dass eine Teilkrankschreibung für bestimmte Erkrankungen ein wichtiger Baustein sein könne. Dabei sollen Beschäftigte nur für einen Teil ihrer Arbeitszeit krankgeschrieben werden.
Auch Gesundheitsministerin Warken kündigte an, die Regeln für die telefonische Krankschreibung zu überprüfen. Sie verwies auf den Koalitionsvertrag, in dem die Regierungsparteien vereinbart hätten, Missbrauch zu verhindern, und betonte, dass praktikable Lösungen gefunden werden müssten. Zuvor hatte Bundeskanzler Merz kritisiert, der Krankenstand sei zu hoch, und die Möglichkeit, bei leichten Erkrankungen telefonisch krankgeschrieben zu werden, infrage gestellt.
Laut einer Auswertung der DAK blieb der Krankenstand im vergangenen Jahr mit 5,4 % hoch und stabil. Im Durchschnitt waren damit an jedem Tag 54 von 1.000 Beschäftigten krankgeschrieben. Für die Analyse nutzte das Berliner Iges-Institut Daten von rund 2,4 Millionen Versicherten der Kasse.
Häufigste Krankheitsgründe und Fehltage
- Atemwegserkrankungen (Erkältungen, Infekte): 378,3 Fehltage je 100 Versicherte (2024: 381,7)
- Psychische Erkrankungen (z. B. Depressionen): Anstieg von 341,8 auf 365,5 Fehltage je 100 Versicherte
- Muskel-Skelett-Probleme (z. B. Rückenbeschwerden): fast stabil bei 346,9 Fehltagen je 100 Versicherte
- Durchschnittliche Krankschreibungsdauer: 9,8 Tage (2024: 9,7)
- Ältere Beschäftigte über 60 Jahre: ca. 20 Tage, seltener krank, aber länger
Warum „Präsentismus“ so gefährlich ist
Vorschläge von Unternehmern und Ökonomen zur Reduzierung des hohen Krankenstands sorgen immer wieder für heftige Diskussionen, wie etwa eine Kürzung der Lohnfortzahlung zu Beginn einer Krankheit oder die Wiedereinführung des Karenztages. Solche Maßnahmen könnten dazu führen, dass Beschäftigte aus Angst vor finanziellen Verlusten trotz Krankheit zur Arbeit gehen.
Deshalb warnt der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) davor, dass immer mehr Beschäftigte in Deutschland trotz Krankheit arbeiten.
„‚Präsentismus‘, also krank bei der Arbeit zu erscheinen, ist branchenübergreifend weit verbreitet“, wird Anja Piel von der DGB-Führung von der dpa zitiert. Piel betonte, dass die Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall ein wichtiges Gut sei, gerade angesichts der Tatsache, dass immer mehr Menschen trotz Krankheit arbeiten.
Antje Judick rät davon ab: „Wer krank arbeitet, gefährdet nicht nur die Kolleg*innen, sondern auch die eigene Gesundheit, indem er andere ansteckt, Erkrankungen verschleppt und am Ende viel länger im Job ausfällt.“
Die zunehmende Misstrauenskultur in Unternehmen, wie die oft diskutierte mögliche Missnutzung der telefonischen Krankschreibung, kann die Gesundheit beeinträchtigen. Laut Judick führt sie bei Mitarbeitenden zu einem Gefühl des Misstrauens, was sich negativ auf ihre Motivation und Psyche auswirken kann. Eine vertrauensvolle und wertschätzende Unternehmenskultur sei jedoch entscheidend für zufriedene und gesunde Mitarbeiter.
Anja Piel von der DGB-Führung widersprach dem Vorschlag von Oliver Bäte und sah keinen Handlungsbedarf bei Krankschreibungen. Sie verwies auf Daten der OECD, die keinen deutlichen Anstieg der Fehlzeiten in Deutschland zeigen – weder im Vergleich mit anderen EU-Ländern noch im Laufe der Zeit.
Piel verwies auf eine repräsentative Umfrage, wonach bereits vor der Coronapandemie etwa 70 % der Beschäftigten mindestens einmal im Jahr krank zur Arbeit gegangen seien und im Schnitt fast neun Arbeitstage pro Jahr trotz Krankheit gearbeitet hätten. Sie betonte, dass Präsentismus der eigenen Gesundheit schade und zudem zu Ansteckungen unter Kolleginnen und Kollegen oder zu Unfällen führen könne, was hohe Folgekosten nach sich ziehe.
Lesen Sie dazu: Gefährlicher Trend: Präsentismus am Arbeitsplatz
Auf Prävention setzen
Die KKH-Arbeitspsychologin Antje Judick empfiehlt Unternehmen, verstärkt auf Prävention zu setzen, um hohe Krankenstände zu verringern. Bei Infektionskrankheiten sollten Mitarbeitende weiterhin geschützt werden, etwa durch Hygieneregeln und Impfungen. Mit dem Ende der Coronapandemie seien Maßnahmen wie gründliches Händewaschen oft in Vergessenheit geraten. Auch bei der Grippeschutzimpfung gebe es noch Nachholbedarf, da laut KKH-Daten die Impfquote in der Saison 2023/2024 nur bei 16,7 % lag.
Problem für den Wirtschaftsstandort Deutschland
Der hohe Krankenstand in Deutschland sorgt immer wieder für Diskussionen. Denn: Das Ausmaß wird in der Studie „Hoher Krankenstand drückt Deutschland in die Rezession“ deutlich aufgezeigt. Deutschland verzeichnete im vergangenen Jahr mit einem Rückgang von 0,3 % bei der Wirtschaftsleistung das schlechteste Ergebnis im Euroraum und gehört auch weltweit zu den Schlusslichtern. Die Industrie hat Schwierigkeiten, mit den stark gestiegenen Kosten und den Veränderungen im globalen Umfeld zurechtzukommen. Zusätzlich liegt der Krankenstand auf Rekordniveau: Hohe Arbeitsausfälle führten zu großen Produktionsverlusten. Wäre der Krankenstand nicht so hoch gewesen, wäre die deutsche Wirtschaft um fast 0,5 % gewachsen. Durch den hohen Krankenstand verliert Deutschland rund 26 Mrd. € an Einkommen – auch für die Krankenversicherung und Steuereinnahmen gehen Milliarden verloren.
Telefonische Krankschreibung in der Kritik
Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger drängt die Bundesregierung zu schnellen Reformen und kritisiert, dass der Koalitionsvertrag dafür nicht ausreiche. Besonders scharf fordert er Änderungen bei Krankschreibungen: Die telefonische Krankschreibung solle abgeschafft und die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall neu geregelt werden.
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken will prüfen, wie die telefonische Krankschreibung geregelt ist. Laut der CDU-Politikerin haben sich die Regierungsparteien im Koalitionsvertrag darauf verständigt, Missbrauch zu verhindern. „Genau das werden wir angehen und die aktuellen Regelungen auf den Prüfstand stellen. Wir brauchen praktikable Lösungen“, sagte Warken.
Bundeskanzler Friedrich Merz kritisierte ebenso erneut den hohen Krankenstand in Deutschland. Die von ihm genannten durchschnittlich 14,5 Krankentage pro Beschäftigten berücksichtigen laut ihm noch nicht die kurzen Krankmeldungen von ein oder zwei Tagen, sagte er nach einer Sitzung des CDU-Bundesvorstandes. „Wenn die einbezogen würden, dann läge die Zahl noch deutlich höher. Und damit ist der Krankenstand im Durchschnitt in den Unternehmen in Deutschland zu hoch“, zitiert die dpa seine Worte.
Der CDU-Vorsitzende Merz betonte, dass dies auch für den öffentlichen Dienst gelte. Er habe erklärt, man suche nach den Ursachen für die hohen Krankenstände und nach möglichen Lösungen. Eine der Ursachen sei seiner Ansicht nach die leichte Krankschreibung über das Telefon. Ärzte hätten zudem angegeben, dass sie die Arbeitsfähigkeit von Patienten nicht zuverlässig beurteilen könnten, wenn sie diese nicht persönlich gesehen hätten.
Bei einer Wahlkampfveranstaltung in Bad Rappenau habe Merz außerdem gesagt, dass die Beschäftigten in Deutschland im Durchschnitt auf 14,5 Krankentage kämen. „Das sind fast drei Wochen in denen die Menschen in Deutschland aus Krankheitsgründen nicht arbeiten. Ist das wirklich richtig? Ist das wirklich notwendig?“
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