Ingenieurarbeitsmarkt: Mit Re-skilling in die vorderste Reihe
Welche Fähigkeiten Ingenieurinnen und Ingenieure heute brauchen, um sich erfolgreich am Arbeitsmarkt zu positionieren, erläutern VDI-Direktor Adrian Willig und VDI-Referent Maximilian Stindt im Podcast „Prototyp“ – ein Auszug aus ihrem spannenden Gespräch mit ingenieur.de.
VDI-Direktor Adrian Willig rät jungen Leuten, das zu machen, woran sie Spaß haben. Gut wäre ein Ingenieurstudium.
Foto: VDI
Die wirtschaftliche Flaute und der Strukturwandel drücken auf den Arbeitsmarkt. Zeitgleich ergeben sich neue Möglichkeiten. Energie, Mobilität und Bau suchen nach technischen Fachleuten mit Kreativitätspotenzial. In der Bereitschaft zum „Re-skilling“, zum Erlernen neuer Kompetenzen, sieht VDI-Direktor Adrian Willig „den entscheidenden Schlüssel, ob Deutschland weiterhin ein führender Technologiestandort sein wird oder nicht“. Wie Ingenieurinnen und Ingenieure aufgestellt sein müssen, um sich am Arbeitsmarkt weit vorne einzureihen, schildern der VDI-Direktor und VDI-Referent Maximilian Stindt im neuen „Prototyp“.
ingenieur.de: Ein Hochschulabschluss ist inzwischen kein sicheres Jobticket mehr. Die Zahl der unter 30-Jährigen, die trotz Uni-Abschluss arbeitslos sind, hat sich laut Bundesagentur für Arbeit zwischen 2022 und 2025 fast verdoppelt. Betroffen sind auch die Ingenieurwissenschaften. Was überwiegt bei Ihnen: Sorge, Skepsis, Hoffnung, Aufbruchstimmung?
Adrian Willig: Wir stehen momentan vor einer strukturellen Paradoxie, wie ich es nennen möchte. Einerseits merken wir, dass die schleppende Konjunktur, aber auch der Strukturwandel auf die Ingenieurmärkte drücken. Das führt bedauerlicherweise in einzelnen Branchen zum Stellenabbau. Das besorgt mich. Andererseits steigt in anderen Branchen die Nachfrage nach Ingenieurinnen und Ingenieuren. Ich denke an die Bereiche Energie, Bau oder Digitalisierung. Das kennzeichnet auch die mittel- bis langfristige Entwicklung. Daher ist ein Hochschulabschluss allein noch kein Ticket für das gesamte Berufsleben. Das war in früheren Zeiten nicht anders. Es kommt aber heute mehr denn je darauf an, die Kompetenzen ein Leben lang auf dem jeweils aktuellen Niveau zu halten. Lebenslanges Lernen und Praxiserfahrung sind unabdingbare Voraussetzungen für künftige Karrieren.

Im Maschinenbau und Fahrzeugtechnik gibt es weiterhin auch Stellenlücken
In welchen Branchen ist derzeit wenig Bewegung?
Adrian Willig: Wir haben im Rahmen der VDI-Initiative „Zukunft Deutschland 2025“ eine Umfrage unter Ingenieurinnen und Ingenieuren gemacht. Die Befragten sehen etwa in der Fahrzeugindustrie Risiken, aber auch in der chemischen Industrie und der Metallerzeugung.
Maximilian Stindt: Unser aktueller Ingenieurmonitor, der Arbeitsmarktreport von VDI und vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW), bestätigt das. Es zeigt sich eine gewisse Gleichzeitigkeit, da wir einerseits einen starken Abwärtstrend im Maschinenbau und bei der Fahrzeugtechnik verzeichnen – vor allem in Bayern, wo es aktuell knapp 27 % weniger Stellen als im Vorjahr gibt -, gleichzeitig bestehen Stellenlücken fort, die es zu besetzen gilt.
Der Wandel durch KI ist nicht absehbar
Welche Einflüsse drücken besonders auf die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt?
Stindt: Man muss unterscheiden zwischen kurz-, mittel- und langfristigen Effekten. Kurzfristig wirkt die wirtschaftliche Lage auf den Arbeitsmarkt. Mittel- bis langfristig spielen die Transformationen in den einzelnen Branchen eine wichtige Rolle, insbesondere im Automobilbereich und der Chemie sieht man das. Digitalisierung bzw. künstliche Intelligenz trägt wesentlich zu Veränderungen bei. Welche Auswirkungen der dadurch erzeugte Wandel auf den Arbeitsmarkt haben wird, ist nicht zu 100 % vorherzusagen.

KI muss nicht zwangsläufig Stellenabbau bedeuten
Welche Entwicklungen sind denn zu erkennen?
Willig: Wir werden in den kommenden zehn Jahren erleben, dass rund 315.000 Ingenieurinnen und Ingenieure und IT-Fachkräfte altersbedingt aus dem Arbeitsleben ausscheiden. Hier gilt es, die Lücken mit neuen Fachkräften zu schließen. Zudem sind KI und Automation die wesentlichen technologischen Treiber des Wandels. Der Internationale Währungsfonds geht davon aus, dass in sogenannten fortgeschrittenen Volkswirtschaften bis zu 60 % der Arbeitsplätze von KI betroffen sein werden. Es wird zu einschneidenden Veränderungen kommen, was nicht zwangsläufig Stellenabbau heißen muss.
Re-skilling ist zentral, niemand wird um KI herumkommen
Ingenieurinnen und Ingenieure werden sich der Entwicklung aber anpassen müssen.
Adrian Willig: Auf jeden Fall. KI ist ein Strukturtreiber, denn sie wird die Produktivität erhöhen, Aufgaben und Jobprofile verändern. Insofern wird auch der Weiterbildungsdruck steigen. Das Schlagwort heißt Re-skilling. Rund 80 % der vom VDI befragten Ingenieurinnen und Ingenieure gehen davon aus, dass sie ihre Kompetenzen in den kommenden drei Jahren erweitern müssen. Niemand wird um KI herumkommen.
Gleichzeitig gibt es Standortfaktoren, die sich positiv auswirken könnten. In Deutschland stehen große Infrastrukturprojekte an. Es wird stärker in Verteidigung investiert, Zukunftstechnologien erfordern neues Wissen. Das sind zentrale Hebel, die dafür sorgen, dass Ingenieurinnen und Ingenieure weiterhin dringend benötigt werden.
Die Tiefe des Fachwissens ist nach wie vor ein Karrieremotor
Mit welchem Mindset sollten Absolventinnen und Absolventen ins Berufsleben starten? Sollten sie sich dem Arbeitsmarkt als Generalisten oder als Spezialisten anbieten?
Maximilian Stindt: Schwerpunkt sollte auf der Spezialisierung liegen, gerade im Bereich der Zukunftstechnologien, insbesondere der grünen Technologien. Und damit wären wir auch wieder bei der KI und dem Umgang mit ihr. Wichtig ist die Kompetenz, ein Grundverständnis für diese Technologie zu haben, sie auch kritisch zu hinterfragen. Je tiefer mein Fachwissen ist, desto eher kann ich mich abheben. Wer sein Fachwissen dann noch mit dem Blick über den Tellerrand kombiniert und in der Lage ist, Verknüpfungen herzustellen, sollte weiterhin gute Aussichten auf einen spannenden Job haben.
Soft Skills bleiben von großer Bedeutung – Teamgeist punktet
Rücken angesichts großer technologischer Sprünge die oft als Karrierekriterium genannten Soft Skills in den Hintergrund?
Adrian Willig: Nein! KI wird zwar eine Schlüsselqualifikation, wir wissen aus der Befragung, dass KI bereits jetzt von Ingenieurinnen und Ingenieuren in großem Umfang eingesetzt wird, überwiegend für Recherche, Dokumentation und Analyse. Es wird aber auch darum gehen, KI-Anwendungen weiterzuentwickeln und neue Einsatzmöglichkeiten zu entdecken. Entwicklungsproduktion und Serviceprozesse werden zunehmend datenbasiert und vernetzt sein. Es braucht aber darüber hinaus weiterhin Kommunikationsfähigkeit, interdisziplinären Teamgeist, Kompetenzen im Projektmanagement und Präsentationsgeschick. Was die Notwendigkeit, über den Tellerrand hinaus zu denken, betrifft: Das funktioniert auch weiterhin nicht ohne menschliche Kommunikation.
Ingenieurinnen und Ingenieure haben eine hohe Bereitschaft zur Weiterbildung
In welcher Verantwortung stehen die Unternehmen, wenn es um das lebenslange Lernen geht?
Adrian Willig: Es handelt sich um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Die Gesellschaft muss Technik und Innovation wieder stärker in ihrer DNA verankern. Es braucht ein neues Mindset, das Wissen darum, mit einem Bildungsabschluss die Hände nicht in den Schoß legen zu können. Es geht auch um die regulatorischen Rahmenbedingungen, etwa darum, Weiterbildung staatlich zu unterstützen. Aber natürlich müssen sich auch die unmittelbar Betroffenen fragen, was sie als Einzelne zum Wandel beitragen können und wie veränderungsbereit sie sind. Ich sehe unter Ingenieurinnen und Ingenieuren eine große Bereitschaft dazu.
Re-skilling ist der entscheidende Schlüssel für den Technologiestandort Deutschland
Ganz oben auf der To-do-Liste steht also der Wille, nicht still zu stehen und die Sinne für Trends und Tendenzen zu schärfen?
Adrian Willig: Der VDI sieht im Re-skilling den entscheidenden Schlüssel, ob Deutschland weiterhin ein führender Technologiestandort sein wird oder nicht. In den Unternehmen wird man sich fragen müssen: Leben wir die ständige Bereitschaft zum Wandel? Stellen wir unseren Mitarbeitenden die notwendigen Zeitkontingente zur Weiterbildung zur Verfügung? Geben wir ihnen die finanzielle Unterstützung, die Herausforderung stemmen zu können? Schauen wir bei Einstellungen ausreichend auf Kompetenzen und Profile?
Die Politik sollte Re-skilling zum Teil der Hightech-Agenda machen. Um das ganze Paket attraktiver zu gestalten, müssen die Bildungsangebote übersichtlicher werden. Vor allem der Mittelstand verfügt oft nicht über die Ressourcen, Angebote und deren Mehrwert durchschauen zu können.
Ingenieurinnen und Ingenieure sind aktive Gestalter
Der Generationenforscher Rüdiger Maas verzeichnet bei vielen Uni-Absolventen „Übersetzungsfehler“. So hätten etwa 62 % eine „völlig falsche Vorstellung“ von der Arbeitswelt.
Maximilian Stindt: Der VDI hat jüngst nachgehakt, welche Vorstellungen Jugendliche vom Ingenieurberuf haben. Da herrschen sehr unterschiedliche Ansichten. Das Studium wird oft für sehr anspruchsvoll, sehr abstrakt und langweilig gehalten. Da besteht Aufklärungsbedarf. Schließlich geht es doch um Kreativität und Innovationen. Ingenieurinnen und Ingenieure sind aktive Gestalter, etwa im Bereich der Mobilität und der Energie. Wie bereits gesagt: Hier aufzuklären, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, nicht nur eine der Schulen und Hochschulen. Der VDI setzt sich dafür stark ein.
In der Krise muss man sich der eigenen Kompetenzen bewusst werden
Angenommen, ich arbeite in einer kriselnden Branche, in der ich merke, dass die Einschläge näher kommen. Wie verhalte ich mich? Mich jetzt panisch in irgendetwas Neues zu stürzen, macht doch keinen Sinn.
Maximilian Stindt: Man sollte sich zunächst fragen: Über welche Kompetenzen verfüge ich? Wo könnten meine Fähigkeiten, die ich etwa im Automotive-Bereich erworben habe, sonst noch gefragt sein? Wo liegen meine Stärken und Anknüpfungspunkte für andere Branchen? Wie kann ich mich weiter weiterentwickeln? Wie sieht mein Netzwerk aus? Welche Möglichkeiten bietet es? Wo kann ich Verknüpfungen herstellen? Im VDI ist es uns wichtig, Kommunikationsbrücken zu bauen.
Adrian Willig: Als VDI können wir dazu beitragen, Beispiele von Menschen aufzuzeigen, die den Wechsel in eine andere Branche geschafft haben und nun in einem anderen Berufsfeld erfolgreich sein. Wie Herr Stindt bereits sagte: Der VDI bietet sich hier als Vermittler an, Ingenieurinnen und Ingenieure miteinander ins Gespräch zu bringen.
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Leistungswillen ist im Ingenieurberuf verankert
Herr Willig, wie bewerten Sie die Diskussionen rund um die „leistungsunwillige Jugend“? Und wie deren Forderungen nach attraktiven, weil sinnvollen Arbeitsverhältnissen?
Adrian Willig: Pauschalurteile helfen nie weiter. Mir begegnen in meinem beruflichen Alltag jede Menge motivierte junge Menschen, die für ihre Sache brennen, sei es, weil sie moderne Medizintechnik entwickeln, die Menschenleben rettet, sei es, weil sie im Bereich erneuerbare Energien oder beim automatisierten Fahren an der Zukunft arbeiten. Der Wunsch, etwas Sinnvolles zu tun, ist für mich kein Gegensatz zum Leistungswillen. Gerade der Ingenieurberuf ist ein sehr sinnstiftender Beruf. Wir machen mit nahezu allem, was wir tun, die Welt ein wenig besser, egal, ob wir den Klimawandel oder den Krebs bekämpfen.
Junge Menschen sollten das tun, wofür sie „brennen“
Was kann die VDI-Initiative „Zukunft Deutschland 2050“ bewirken?
Adrian Willig: Wir möchten ein positives Signal setzen und den Fragen nachgehen: Welchen Weg geht Deutschland innerhalb Europas? Wo tun sich Chancen auf? In welchen Technologien können wir uns als Vorreiter positionieren? Mit unseren handfesten Vorschlägen, die wir erarbeiten, wollen wir Zuversicht verbreiten und Orientierung geben. Wer an dem Projekt Zukunft mitarbeiten und den Weg, den Deutschland gehen sollte, mitgestalten möchte, ist beim VDI herzlich willkommen.
Würden Sie jungen Menschen ein Studium der Ingenieurwissenschaften oder Informatik empfehlen?
Adrian Willig: Ich empfehle ihnen, das zu machen, woran sie Spaß haben und wofür sie brennen. Das kann ein Handwerk sein, aber natürlich auch ein Studium. Und wenn es ein Ingenieurstudium ist, dann umso besser!
Zu den Personen
Adrian Willig ist seit drei Jahren Direktor des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI). Er studierte Luft- und Raumfahrttechnik und verfügt über langjährige Erfahrung in Industrieverbänden.
Maximilian Stindt ist Referent im Bereich Beruf, Bildung und Netzwerke beim VDI. Er beobachtet die Entwicklung des Arbeitsmarkts für Ingenieurinnen und Ingenieure.
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