Interview 11.03.2026, 11:30 Uhr

Dachdeckermeister mit Ingenieurabschluss: So sieht der Fachkräfte-Mix der Zukunft aus

Karrierewege im Handwerk bieten neue Chancen: Innovation, Re‑skilling und Aufstieg vom Azubi bis zum Meister oder Unternehmer im Zukunftssektor.

Jörg Dittrich, Präsident des Zentralverband des Deutschen Handwerks, über neue Karrierewege, Innovation und die Zukunft der Fachkräfte im Handwerk. Foto: ZDH/Henning Schacht

Jörg Dittrich, Präsident des Zentralverband des Deutschen Handwerks, über neue Karrierewege, Innovation und die Zukunft der Fachkräfte im Handwerk.

Foto: ZDH/Henning Schacht

Herr Dittrich, Sie sind Dachdeckermeister, Bauingenieur und Unternehmer – steht Ihr eigener Werdegang exemplarisch für den Fachkräftetyp, den Deutschland künftig braucht?
Mein Weg ist ein Beispiel von vielen im Handwerk, das zeigt, was im Handwerk möglich ist. Wir brauchen Fachkräfte, die Praxis und Theorie verbinden, Verantwortung übernehmen und unternehmerisch denken. Dafür ist ein Hochschulstudium nicht zwingend nötig, sondern die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen.

Ob Energiewende, Wohnungsbau oder Digitalisierung: Es ist das Handwerk, dass vieles davon maßgeblich umsetzt. Wenn wir mehr junge Menschen dafür begeistern wollen, müssen wir genau diese Perspektiven sichtbar machen und die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung nicht nur gesetzlich verankern, sondern auch gesellschaftlich selbstbewusst vermitteln, indem wir die Chancen und Aufstiegsmöglichkeiten beruflicher Bildung klar in den Mittelpunkt stellen.

Ihr Lebenslauf verbindet berufliche und akademische Bildung. Warum gelingt es Deutschland seit Jahrzehnten nicht, diese beiden Bildungswege gesellschaftlich wirklich gleichwertig zu behandeln?
Es ist weniger eine Frage der Qualität als eine Frage tradierter Denkmuster. Noch immer gilt der Weg über Abitur und Studium vielen als der einzig richtige und Erfolg versprechende. Dabei führen Meisterinnen und Meister Betriebe, schaffen Arbeits- und Ausbildungsplätze, treiben Innovationen voran.

Die berufliche Bildung ist ganz und gar nicht ein Bildungsweg zweiter Klasse. Ein sehr wichtiges Instrument hin zu mehr Transparenz und Gleichwertigkeit ist der Deutsche Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen (DQR). Seit seiner Einführung 2013 hat er dazu beigetragen, sichtbar zu machen, welche beruflichen und akademischen Abschlüsse auf vergleichbaren Niveaus sind, etwa der des Meisters und der des Bachelors. Das war ein wichtiger Schritt. Allerdings fehlt es dem DQR bis heute an ausreichender Bekanntheit und Verbindlichkeit. Deshalb brauchen wir eine klare gesetzliche Verankerung.

Das Handwerk als Innovations- und Re-skillingbranche

In welchen Bereichen sehen Sie die größten Innovationsfelder für diese hybriden Qualifikationen: Energiewende, Bau, Robotik, KI oder industrielle Vorfertigung?
Die größten Chancen liegen überall dort, wo handwerkliches Können auf neue Technologien trifft. Wer beides verbindet, kann Innovationen direkt in die Praxis bringen. Das Handwerk arbeitet eng mit Hochschulen und Forschungsinstituten zusammen, testet neue Materialien und digitale Lösungen und setzt sie unmittelbar um. Genau diese Nähe zur Anwendung macht das Handwerk zu einem starken Innovationsmotor.

Der Arbeitsmarkt diskutiert intensiv über Re-skilling. Ist das Handwerk bereits heute eine zentrale Branche für berufliche Neuorientierung – auch für Akademiker?
Ja, wir sehen seit Jahren mehr Abiturientinnen und Abiturienten im Handwerk, ihre Zahl hat sich deutlich erhöht. 2008 waren es rund 10.000 junge Menschen mit Abitur, die eine Ausbildung im Handwerk begonnen haben, 2024 waren es über 20.000 und damit doppelt so viele.

Das zeigt die zunehmende Attraktivität von beruflicher Ausbildung im Handwerk. Das gilt auch für Studienaussteigerinnen und -aussteiger, denen das Handwerk gute Perspektiven bietet. 2024 begannen knapp 900 junge Menschen mit Hochschulabschluss und über 1200 mit abgebrochenem Studium eine Ausbildung im Handwerk. Sie suchen oft mehr Sinnhaftigkeit, mehr Sichtbarkeit ihrer Arbeit, mehr Eigenverantwortung. Natürlich ist der Anteil von Hochschulabsolventinnen und -absolventen im Handwerk insgesamt noch vergleichsweise gering. Aber die Durchlässigkeit ist da, und mit flexiblen Qualifizierungswegen bauen wir diese Brücken weiter aus.

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Quereinsteiger im Handwerk: Chancen und Herausforderungen

Wie offen sind Handwerksbetriebe strukturell für Quereinsteiger aus Industrie, IT oder anderen Berufen – und wo liegen noch Hürden?
Die Tür zum Handwerk steht weit offen. Wir brauchen jede qualifizierte Fachkraft, die anpacken will. Gerade Beschäftigte aus der Industrie bringen wertvolle Erfahrungen mit und sind herzlich willkommen. Instrumente wie sogenannte Arbeitsmarktdrehscheiben zeigen, wie Personaltransfer gehen kann: Industriebeschäftigte werden gezielt in aufnehmende Handwerksbetriebe vermittelt. Das ist praxisnah, unbürokratisch und angesichts des hohen Fachkräftebedarfs im Handwerk sinnvoll. Gleichzeitig sollten wir die Bedeutung dieser Drehscheiben nicht überschätzen.

Trotz einzelner erfolgreicher Vermittlungen gibt es auch Herausforderungen. Wechsel von einem Industrieunternehmen ins andere sind häufig einfacher, weil Tätigkeiten und Strukturen vergleichbarer sind. Im Handwerk sieht der Arbeitsalltag oft anders aus, vieles ist individueller, weniger standardisiert, oft mit mehr Eigenverantwortung. Jede Baustelle, jede Kundin und jeder Kunde ist anders. Das verlangt Flexibilität, Entscheidungsfreude und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Umschulungen sind möglich, aber es braucht die Bereitschaft, sich bewusst auf diese neue Arbeitsweise einzulassen.

Im Wettbewerb um Talente konkurriert das Handwerk zunehmend mit Tech-Unternehmen und Industrie. Womit kann es im Kampf um junge Fachkräfte punkten und womit nicht?
Wir sollten nicht so tun, als könnten wir in jeder Kategorie mithalten. Was wir in der Regel nicht bieten können, sind Einstiegsgehälter wie bei einem DAX-Konzern, internationale Konzernkarrieren oder Aktienoptionen. Aber: Das Handwerk hat Stärken, die kein Großkonzern bieten kann. Im Handwerk findet man Sinnhaftigkeit und unmittelbare Wirkung. Wer im Handwerk arbeitet, sieht am Ende des Tages, was er oder sie geschaffen hat: sei es ein saniertes Dach, eine moderne Wärmepumpe, ein funktionierendes Hörgerät oder ein maßgefertigtes Möbelstück.

Gerade in Zeiten von Klimawandel und Energiewende wissen viele junge Menschen zu schätzen, dass sie konkret zur Lösung großer gesellschaftlicher Aufgaben beitragen. Das Handwerk bietet außerdem Verantwortung von Anfang an. In unseren Betrieben sind die Wege kurz, die Hierarchien flach. Wer Engagement zeigt, bekommt schnell eigene Projektverantwortung, Kundenkontakt und Gestaltungsspielraum. Das ist für viele attraktiver als eine klar abgegrenzte Rolle in einem Großunternehmen. Hinzu kommen echte Aufstiegschancen: vom Auszubildenden über den Meister bis hin zur Selbstständigkeit. Ein eigener Betrieb ist kein abstraktes Karriereziel, sondern im Handwerk eine realistische Perspektive. Und nicht zuletzt punktet das Handwerk mit Stabilität. Unsere Leistungen werden immer gebraucht und können durch keine KI ersetzt werden.

Warum Praxisnähe in der Politik entscheidend ist

Und persönlich gefragt: Welche Erfahrung aus Ihrer eigenen Laufbahn als Ingenieur und Unternehmer prägt heute Ihre Entscheidungen als Präsident am stärksten?
Mich prägt bis heute am stärksten der eigene Betriebsalltag. Wer selbst Verantwortung trägt, weiß, was politische Entscheidungen vor Ort bedeuten: für Löhne, Investitionen, Ausbildung und Wettbewerbsfähigkeit.

Theorie ist das eine, aber im Betrieb entscheidet sich, ob etwas wirklich funktioniert. Ich habe gelernt, dass gute Ideen nur dann tragen, wenn sie praxistauglich sind. Diese Erfahrung prägt auch meine Arbeit als Präsident. Ich denke immer vom Betrieb aus und versuche, diesen Blickwinkel auch der Politik zu vermitteln. Sich zu fragen: Ist das umsetzbar? Ist es wirtschaftlich tragfähig? Hilft es Unternehmerinnen, Betriebsinhabern und Beschäftigten? Oder schafft es zusätzliche Belastungen? Genau diese Praxisnähe halte ich in meinem Amt für besonders wichtig, aber die sollten politische Entscheidungsträgerinnen und -träger auch immer haben und in ihre Entscheidungen einfließen lassen.

Ein Beitrag von:

  • Alexandra Ilina

    Alexandra Ilina ist Diplom-Journalistin (TU-Dortmund) und Diplom-Übersetzerin (SHU Smolensk) mit mehr als 20 Jahren Berufserfahrung im Journalismus, in der Kommunikation und im digitalen Content-Management. Sie schreibt über Karriere und Technik.

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