Warum Chefs handeln, wie sie handeln: Die Rolle im System
Karriereberater Heiko Mell spricht von der oft unterschätzten Tatsache, dass Führungskräfte nicht frei agieren, sondern Rollen ausfüllen, die das System vorgibt.
Wie im Film: Führungskräfte spielen ihre Rolle im System.
Foto: Smarterpix/AndrewLozovyi
Wie in einem Film?
Frage: Ihre Rubrik in den VDI nachrichten hat mein gesamtes berufliches Leben begleitet; sie hat mir stets sehr geholfen!
Nach meiner Promotion (Chemieingenieur) habe ich bei einem Konzern in NRW meine berufliche Laufbahn als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich der Verfahrenstechnik begonnen. Danach folgten alle vier bis fünf Jahre berufliche Weiterentwicklungen vom technischen Leiter über den Werkleiter hin zum technischen Geschäftsführer zweier Standorte bis zum Vice President eines anderen internationalen Unternehmens.
Insofern konnte ich im Laufe der Jahre Ihre Hinweise und Empfehlungen von „beiden Seiten des Schreibtisches“ aus beurteilen. Sie haben stets vollständig und umfassend aus der Praxis berichtet; ich kann es nur bestätigen!
In diesem Zusammenhang hatte mir ein Kollege einmal ein nettes Gleichnis zum Thema Leitender Angestellter/Manager (in der Rolle als Geschäftsführer bzw. Vice President) erzählt:
Er verglich unsere Rolle als Manager mit der eines Schauspielers in einem Film. Der Produzent (als der Eigentümer/Aufsichtsrat) finanziert die gesamte Aktivität. Er kauft ein Drehbuch (Geschäftsmodell) und engagiert nun einen Regisseur zu dessen Umsetzung (Vorstand/CEO). Der Regisseur engagiert nun, entsprechend der Rollenbeschreibung durch das Drehbuch, die Schauspieler, die wiederum das Ganze mit Leben füllen sollen. Das nun sind im übertragenen Sinne die vielen Leitenden Angestellten/Manager. Wie schon der Schauspieler, so kann auch der Manager nur entscheiden, ob er die „Rolle“ annimmt oder nicht. Es ist nicht vorgesehen, dass er das Drehbuch ändert. Sein Gestaltungsspielraum besteht allein darin, wie er seine Rolle anlegt und mit Leben füllt. Falls dies nicht im Sinne des Regisseurs erfolgt, wird er ersetzt.
Wie immer sind solche Vergleiche nur bedingt belastbar. Sie zeigen aber doch den Kern, der allen Unternehmungen innewohnt.
Führung als Rolle mit Langzeitwirkung
Antwort: Manchmal liegt ein Thema offenbar direkt „in der Luft“ und regt aus unterschiedlichen Blickwinkeln zur Veröffentlichung an. So hatte ich hier unter Nr. 583 meiner „Notizen aus der Praxis“ einen Beitrag unter der Überschrift „Chefs spielen – auch – eine Rolle in einem großen Spiel“ veröffentlicht (bei Interesse über den „Leserservice“ in dieser Ausgabe noch einmal zu beziehen).
Damit kommen wir beide aus unserer jeweiligen Sicht zu der Erkenntnis: Wundern Sie sich nicht, wenn Sie Chefs und andere Manager nicht immer verstehen, ihre Aktionen und Reaktionen nicht immer spontan nachvollziehen können. Sie spielen, ich schränke das vorsichtshalber etwas ein durch „manchmal“ und „auch“, schlicht eine ihnen im und vom System vorgegebene Rolle.
Die wiederum prägt, wenn sie nicht nur wie im Film oder Theater über einen begrenzten Zeitraum hinweg, sondern im industriellen Rahmen 8 – 10 Stunden am Tag über 20 Jahre hinweg „gespielt“ wird, ganz sicher auch die Persönlichkeit dessen, der die Rolle übernommen hat.
Aber geben sich nicht auch altgediente Lehrer privat oft wie Lehrer – und Anwälte wie Anwälte usw.? Vielleicht, ich räume es ungern ein, trifft das sogar auf in der Wolle gefärbte Berater zu. Womit wir uns ein bisschen dem ewigen Rätsel nähern, ob etwa das Ei vor der Henne existent war oder umgekehrt …
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