Gefährlicher Trend: Präsentismus am Arbeitsplatz
Viele Mitarbeitende arbeiten trotz Krankheit weiter – aus Angst, den Job zu gefährden oder als Belastung für das Team zu gelten. Doch dieses Verhalten, bekannt als Präsentismus, kann langfristig Folgen haben.
Präsentismus: Pflichtbewusstsein auf Kosten der Gesundheit.
Foto: Smarterpix/ iakovenko123
Inhaltsverzeichnis
- Wenn der Schreibtisch ruft, obwohl der Körper streikt
- Erschöpfung, die bleibt
- Krank arbeiten ist mehr als nur ein schlechter Tag
- Arbeiten trotz Krankheit – was sagen die Zahlen?
- Ein Thema für Beschäftigte – und für Betriebe
- Corona hat Regeln verändert – doch Präsentismus kehrt zurück
- Wie Misstrauen Präsentismus verstärkt
Wenn der Schreibtisch ruft, obwohl der Körper streikt
Der Kopf dröhnt, die Nase läuft, der Kalender ist voll. Trotzdem sitzen viele morgens am Schreibtisch oder stehen in der Werkhalle. Krank zur Arbeit zu gehen, gilt für viele Beschäftigte als Zeichen von Pflichtbewusstsein. Schließlich will man Kolleginnen und Kollegen nicht im Stich lassen, Deadlines einhalten oder wichtige Termine nicht absagen. Doch was kurzfristig verantwortungsvoll wirkt, hat oft einen hohen Preis. Forschende der Technischen Universität Chemnitz, der Universität Groningen und der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg zeigen nun in einer Studie, dass Arbeiten trotz Krankheit deutlich länger nachwirkt als bislang angenommen.
Erschöpfung, die bleibt
Gerade in der kalten Jahreszeit steigt das Risiko für Erkältungen oder grippale Infekte – und damit auch für sogenanntes „Präsentismus“-Verhalten. Darunter verstehen Fachleute das Arbeiten trotz gesundheitlicher Beschwerden. Die Studie zeigt: Wer krank arbeitet, fühlt sich nicht nur in dieser Zeit erschöpft. Die Müdigkeit hält oft noch Wochen danach an.
Untersucht wurde das in einer 16-wöchigen Tagebuchstudie mit 123 Berufstätigen aus unterschiedlichen Branchen. Wöchentlich gaben die Teilnehmenden an, ob sie trotz Krankheit gearbeitet hatten und wie erschöpft sie sich fühlten. „Wer krank arbeitet, braucht also wesentlich länger, um sich zu regenerieren. Viele unterschätzen, wie lange der Körper braucht, um sich vom Arbeiten trotz Krankheit zu erholen“, erklärt Dr. Carolin Dietz von der Professur für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie der TU Chemnitz, Erstautorin der Studie.
Krank arbeiten ist mehr als nur ein schlechter Tag
Besonders deutlich wurde: In den Wochen mit Präsentismus stieg das Erschöpfungsniveau signifikant an – und blieb auch in den darauffolgenden Wochen erhöht. Zwei Drittel der Teilnehmenden berichteten mindestens einmal davon, krank gearbeitet zu haben, einige sogar mehrfach.
Co-Autor Dr. Oliver Weigelt von der Universität Groningen weist auch darauf hin: „Wer Präsentismus regelmäßig zeigt, läuft Gefahr, in eine Spirale aus Überforderung und dauerhafter Erschöpfung zu geraten.“
Um sicherzugehen, dass die Effekte nicht einfach auf die Krankheit selbst zurückzuführen sind, berücksichtigten die Forschenden Faktoren wie Krankheitssymptome, Arbeitsbelastung oder Zeitdruck. Das Ergebnis ist eindeutig: „Die Erschöpfung ist also nicht einfach eine Folge der Krankheit selbst, sondern vor allem eine Folge des Verhaltens, trotzdem weiterzuarbeiten“, erklärt Prof. Dr. Christine Syrek von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg.
Arbeiten trotz Krankheit – was sagen die Zahlen?
Viele Beschäftigte gehen trotz gesundheitlicher Beschwerden zur Arbeit. Andere melden sich hingegen auch krank, obwohl sie eigentlich arbeitsfähig wären. Das zeigt eine nach eigenen Angaben repräsentative Umfrage im Auftrag der Pronovia BKK.
Bei Rückenschmerzen arbeiten rund 45 % weiter. Einige davon nutzen das Homeoffice oder kehren zurück, sobald die stärksten Beschwerden nachlassen. 11 % bleiben zu Hause, bis sie wieder vollständig gesund sind.
Ähnliche Ergebnisse gibt es bei Allergien und psychosomatischen Beschwerden. Selbst bei einer leichten Erkältung geht noch etwa jeder Dritte zur Arbeit. Bei Bronchitis oder einem grippalen Infekt sind es immerhin noch 15 %.
Ein Thema für Beschäftigte – und für Betriebe
Die Ergebnisse sind auch für Unternehmen relevant. Präsentismus mag kurzfristig Produktivität sichern, führt aber mittelfristig zu Leistungsabfall und steigenden Belastungskosten. Nach Einschätzung von Prof. Dr. Bertolt Meyer von der TU Chemnitz wirkt Präsentismus aus Sicht vieler Beschäftigter zwar zunächst als pragmatische Lösung, ziehe jedoch auf mittlere Sicht Leistungseinbußen und steigende Belastungskosten nach sich.
Unternehmen seien daher gut beraten, ihre Mitarbeitenden ausdrücklich dazu zu ermutigen, bei Krankheit zu Hause zu bleiben. Dadurch könne nicht nur das Ansteckungsrisiko gesenkt werden, sondern vor allem auch langfristigen Folgekosten durch nachlassende Leistungsfähigkeit vorgebeugt werden. Für die Beschäftigten selbst gelte dabei eine klare Botschaft: Erholung sei kein Zeichen von Schwäche, sondern eine Voraussetzung für dauerhaftes Leistungsvermögen.
Die Studie mit dem Titel „It’s getting kind of heavy – Linking episodes of sickness presence to changes in fatigue over time“ (Dietz et al., 2025) ist im Journal of Occupational Health Psychology erschienen und gehört zu den ersten Untersuchungen, die Präsentismus als wiederkehrendes Verhalten über mehrere Wochen im Arbeitsalltag analysieren.
Corona hat Regeln verändert – doch Präsentismus kehrt zurück
Die Corona-Pandemie hat den Umgang mit Krankheit im Arbeitskontext nachhaltig beeinflusst. In vielen Betrieben wurde das Bewusstsein für Ansteckungsrisiken gestärkt, und Beschäftigte wurden stärker dazu angehalten, bei Krankheit nicht zur Arbeit zu erscheinen. Gleichzeitig gewann das Arbeiten im Homeoffice an Bedeutung, wodurch Präsentismus teilweise neue Formen annahm, etwa wenn Beschäftigte trotz gesundheitlicher Beschwerden weiterarbeiteten. Insgesamt hat die Pandemie bestehende Muster im Umgang mit Krankheit sichtbar gemacht und in Teilen verändert.
Mittlerweile weicht der Blick auf Krankheit am Arbeitsplatz jedoch wieder etwas. Während zu Beginn der Pandemie strikte Regeln und Homeoffice-Angebote das Krank-zu-Hause-bleiben erleichtert hatten, kehrt vielerorts langsam wieder die alte Erwartung zurück, auch bei leichten Beschwerden zu arbeiten. Gleichzeitig zeigt sich, dass nicht nur akute Infektionen eine Rolle spielen: Wer sich kaum Pausen gönnt und trotz Krankheit weiterarbeitet, belastet langfristig die eigene Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden.
Wie Misstrauen Präsentismus verstärkt
Ein entscheidender Faktor, der Präsentismus begünstigt, ist das Misstrauen am Arbeitsplatz. Wenn Beschäftigte das Gefühl haben, dass Krankheit als Schwäche ausgelegt wird oder dass Fehlzeiten negativ bewertet werden, entscheiden sie sich häufig trotzdem zu arbeiten – selbst wenn sie gesundheitlich angeschlagen sind. Dieses Misstrauen verstärkt nicht nur die kurzfristige Belastung, sondern kann langfristig zu chronischer Erschöpfung und sinkender Leistungsfähigkeit führen.
Ein erhöhtes Misstrauen am Arbeitsplatz kann Präsentismus – also das Arbeiten trotz Krankheit – noch verschärfen. Prof. Dr. Martin Lange von der IST-Hochschule für Management, ausgewiesener Experte für betriebliches Gesundheitsmanagement, warnte vor den langfristigen ökonomischen Folgen: Wenn Mitarbeitende krank zur Arbeit kommen, verschleppt sich die Krankheit, Ansteckungen nehmen zu, und über die Zeit steigen sowohl Ausfallzeiten als auch Kosten erheblich. Um dem entgegenzuwirken, betont Lange vor allem die Bedeutung offener Kommunikation: Beschäftigte müssen die Möglichkeit haben, ehrlich zu sagen, dass es ihnen nicht gut geht, ohne negative Konsequenzen fürchten zu müssen.
Eine zentrale Herausforderung liegt laut Lange zudem in der systematischen Prävention und Gesundheitsförderung. Pauschale Angebote reichen nicht aus; betriebliche Maßnahmen sollten gezielt auf die Bedürfnisse einzelner Gruppen zugeschnitten sein. Besonders gefährdete Mitarbeitende – etwa Menschen mit niedriger Bildung, geringem Einkommen oder befristeten Arbeitsverträgen – müssten stärker in den Blick genommen werden. Diese Gruppen verschleppen häufig Krankheiten aus Angst vor Arbeitsplatzverlust oder wegen fehlender Informationen über vorhandene Angebote, was langfristig zu besonders hohen Belastungen und längeren Ausfallzeiten führen kann.
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