1 + 1 = 3: Ferchau stärkt Freelancing
In diesem Interview spricht Christoph Sedlmeir, COO der Division Contract, über die strategischen Hintergründe der Bündelung, den Ausbau der IT-Kompetenz für diese Zukunftsbranchen und seinen Ausblick auf die Entwicklungen im Jahr 2026. Ein Gespräch, das zeigt, wie Ferchau Technologie, Menschen und Prozesse zusammenführt – und warum „1 + 1 mehr als 2“ sein kann.
Christoph Sedlmeir im Interview: Warum Bündelung der Schlüssel für FERCHAUs Zukunft ist.
Foto: Ferchau GmbH
Zum 1. Januar hat Ferchau mit der Integration der top itservices AG seine Kompetenzen im Bereich Freelancing gebündelt. Damit ist ein bundesweites Netzwerk spezialisierter IT- und Engineering-Expert*innen entstanden, das Unternehmen flexibler bei technologiegetriebenen Projekten unterstützt – sei es bei Digitalisierungsvorhaben, IT-Security-Themen oder temporären Kapazitätsengpässen.
Ingenieur.de: Herr Sedlmeir, Ferchau bündelte zum Jahresbeginn seine Aktivitäten im Bereich Contracting. Welche strukturellen Veränderungen im Markt haben Sie zu diesem Schritt bewogen?
Christoph Sedlmeir: Bislang haben wir den Einsatz freiberuflicher Spezialistinnen und Spezialisten in unseren beiden Unternehmen – Ferchau und die top itservices AG – unterschiedlich organisiert. Bei der topit services waren wir stark prozessorientiert. Das heißt unsere Spezialistinnen und Spezialisten wurden direkt in den IT-Organisationen der Kunden eingesetzt – während bei Ferchau stärker auf produktbezogener Entwicklung in enger Kundennähe, etwa in der Automobil-, Luftfahrt- oder Medizintechnik, gearbeitet wird.
Damit wir aber in einer sehr schnelllebigen Welt weiterhin effizient und schnell auf Kundenanforderungen reagieren können, bündeln wir das Contracting-Geschäft nun unter einer starken Marke, nämlich Ferchau: Heute arbeiten wir intern mit rund 1.600 Expertinnen und Experten und verfügen über ein Netzwerk von etwa 130.000 Freelancerinnen und Freelancern.
Sie haben von „Anforderungen“ gesprochen. Welche genau sind das? Stichwort Compliance: Wie stellen Sie das sicher, gerade im Umgang mit externen Mitarbeitenden?
Besonders in Deutschland gibt es im Compliance-Umfeld große Herausforderungen bei Freelancerinnen und Freelancern: Sie dürfen nicht in Kundenteams integriert werden, da sie selbstständig sind und über spezielles Expertenwissen verfügen, das sie gezielt beim Kunden einsetzen.
Wichtig ist auch, dass wir prozessoral klar abgrenzen: externe Mitarbeitende dürfen nicht wie Angestellte behandelt werden. Hinzu kommt, dass Nachweise für die Selbstständigkeit vorliegen müssen. In der Vergangenheit haben wir technische Tools und Prozesse entwickelt, die genau diese Anforderungen sichern. So können wir unsere hohe Compliance-Qualität gewährleisten, die über die Zusammenführung nun zentral für alle Kunden bereitgestellt wird.
Haben Sie ein konkretes Beispiel für eine Anforderung, um das etwas plakativer darzustellen? Wie sieht das in der Praxis aus?
Es gibt zahlreiche kritische Momente für Unternehmen, wenn sie Freelancerinnen und Freelancer rechtskonform einsetzen wollen. Zwar lässt sich sagen, dass das Risiko einer Scheinselbstständigkeit bei sehr kurzen Einsätzen geringer ist – dennoch spielt auch die Art der Aufgabe eine entscheidende Rolle. Weil die Übergänge fließend sind und im Projektalltag schnell unbemerkt überschritten werden können, bieten wir Auftraggebern Prozesse und Tools, die alle Compliance Vorgaben erfüllen – einschließlich Daten- und Arbeitsschutz, Vertragsrecht und IT Sicherheit.
Von Industrie zu Multi-Sektor-Player: Ferchau heute
Was kann man noch über die Ferchau-Organisation sagen, gerade nach der Integration von top itservices?
Ferchau war bislang sehr industrieorientiert, jetzt sind wir – auch durch die Integration der top itservices – ein großer Player im Public Sektor, Handel, Banken, Versicherungen, Retail und der Energiewirtschaft. Hier beraten, entwickeln und transformieren wir Konzern-IT-Abteilungen.
Letztes Jahr haben wir die vier Angebotsstränge für unsere Kunden neu gefasst:
- SUPPORT: stark technisch orientiert, mit Arbeitnehmerüberlassung, Dienst- und Werkverträgen in Projektgruppen, Fokus auf den technischen Mitarbeitenden.
- CONTRACTFokus auf freiberufliche Mitarbeitende, um mit diesen Expertinnen und Experten in den Kundenmarkt zu gehen.
- COMPETENCE: Erstellung von Entwicklungspaketen, Übernahme von Verantwortung für deren Erfolg und ganzheitliche Projektführung – z. B. Steuergeräteentwicklung, Industrieplanung oder Planungsleistungen.
- DIRECT: Personalberatung; Unterstützung der Kunden bei internen Festanstellungen, Beratung und dauerhafte Talentplatzierung.
So liefern wir jedem Kunden genau das Paket an technologischem Know-how, das seine Projekte erfolgreich macht.
In Summe sind wir ein Technologiedienstleister. Die Divisionen stellen sicher, dass wir in jedem Segment mit den besten Spezialistinnen und Spezialisten unsere Kunden gezielt unterstützen. Die internen Herausforderungen unterscheiden sich dementsprechend: In der Division Competence geht es um die Projektführung und Erfolgssicherung – und in der Division Contract um die Orchestrierung der Zusammenarbeit, damit keine Scheinselbständigkeit entsteht und der Kunde einen verlässlichen Lieferpartner hat.
Freelancer-Netzwerk, internationale Präsenz und rechtssichere Lösungen
Welche besonderen Vorteile haben Kunden durch die Fusion und die neue Struktur der Ferchau Group?
Durch die neue Struktur kann die Ferchau Group deutlich flexibler auf unterschiedliche Kundenbedürfnisse reagieren. Kunden profitieren von einem zentral gebündelten Zugriff auf ein Netzwerk von über 130.000 Freelancerinnen und Freelancern in Deutschland, inklusive Near- und Offshore-Fachkräfte. So können sie je nach Projektanforderung zwischen verschiedenen Vertrags- und Einsatzmodellen wählen, von Dienst- und Werkverträgen über projektbefristete Anstellungen nach dem Schweizer Modell bis hin zu Master Vendor und MSP-Lösungen.
Zugleich ermöglicht die neue Aufstellung eine europaweite und perspektivisch weltweite Betreuung von Kunden. Derzeit bauen wir unseren Markt in Polen, Österreich, Spanien, Frankreich und dem Vereinigten Königreich aus, um gemeinsam mit unseren Kunden Projekte auch über Ländergrenzen hinweg zu realisieren.
Darüber hinaus können unsere Kunden von der fachlichen Kompetenz der Ferchau Group in zentralen Transformationsmärkten wie Energiewirtschaft, IT, Defence, Public-Sektor, Infrastruktur sowie Banken und Versicherungen profitieren – das heißt, wir sind überall dort, wo Technologien und Menschen zusammenkommen. Die neue Aufstellung ermöglicht es nicht nur, diese Expertise strukturierter und wirksamer in Kundenprojekten einzubringen, sondern auch den Fachkräftemangel abzufedern.
Aus 1 + 1 wird 3: Kunden, KI und Mitarbeitende im Fokus
Sie arbeiten sowohl im operativen als auch im strategischen Bereich. Welche Herausforderung ist aus Ihrer Sicht aktuell die größte?
Die größte Herausforderung ist, zwei Unternehmen mit eigener DNA – Ferchau und top itservices – auf einen gemeinsamen Weg zu führen. Letztes Jahr haben wir Prozesse angeglichen und Strukturen zusammengeführt. Jetzt geht es darum, dass beide Bereiche unter einer Marke erfolgreich zusammenarbeiten.
Das betrifft sowohl kulturelle Aspekte als auch die Zusammenführung von Systemen und Datenbanken. Wir zeigen intern und extern, dass aus 1 + 1 mehr als 2 wird: zwei Welten schaffen zusammen etwas Besseres. Ich bin stolz, dass der Jahresstart mit nur minimalen Störungen sehr gelungen ist und unser Team bereits viele Integrationen erfolgreich umgesetzt hat.
Wie reagieren die Mitarbeitenden auf die Zusammenführung und Integration der beiden Bereiche?
Jeder Change-Prozess ist herausfordernd, und genauso wird auch diese Zusammenführung erlebt. Die Mitarbeitenden reagieren jedoch sehr konstruktiv darauf, nicht zuletzt, weil sie darin Chancen sehen, Know-how zu bündeln und Projekte schneller voranzubringen. Gleichzeitig tauchen viele Fragen auf: zu Rollen, Standorten und Workflows. Uns ist wichtig, all das offen zu adressieren und den Veränderungsprozess in jeder Phase transparent zu machen – in Meetings, in der Gesamtorganisation und im Intranet.
Ist es dann die Rolle der Führungskräfte, die Mitarbeitenden mitzunehmen und die Veränderungen zu erklären, oder wie sehen Sie das?
Absolut. Für die Integrationsphase haben wir uns bewusst breit aufgestellt: An jedem Standort arbeitet ein Führungsteam aus dem Bereich Contracting, dazu kommen fünf Regionalleiter sowie ein Management-Team, das alle Mitarbeitenden einbindet. Gleichzeitig sind gemeinsame Teamerfahrungen entscheidend. Deshalb sorgen unsere Leader in Workshops dafür, dass jede und jeder ein Teil des Ganzen wird, mit dem klaren Ziel, das Beste aus zwei Welten zu generieren.
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Skills, Re-skilling und die Zukunft der Kompetenzanforderungen
Sie arbeiten viel mit Menschen. Wir berichten aktuell viel über Kündigungswellen. Spüren Sie das in Ihrem Geschäft? Wie wirkt sich das auf die Nachfrage aus, gerade im Bereich der Vermittlung von Freelancern?
Die Nachfrage bleibt hoch. Kunden müssen Entwicklungs- und IT-Abteilungen up- oder re-skillen, während die Anforderungen immer spezieller werden, da sich die Welt rasant verändert. Ich zitiere gern einen Menschen, der mich sehr prägt, Aneesh Raman, Chief Economic Opportunity Officer von LinkedIn: „Die Veränderung ist niemals langsamer als heute.“ Gerade bei KI oder neuen Technologien fällt es vielen Kunden schwer, Schritt zu halten. Die Anfragen bleiben hoch, nur spezialisierter, da schnelle Anpassungen nötig sind.
Wenn Sie ein bisschen zurückblicken: Wie haben sich die Kompetenzanforderungen im Ingenieurwesen und in der IT in den letzten Jahren verändert, und wie sehen Sie diese Entwicklung in der Zukunft?
In allen Bereichen – Maschinenbau, Automatisierung, Elektrotechnik bis IT – geht es zunehmend darum, digitalisiert und KI-unterstützt zu arbeiten. Daher wird kontinuierliches Re-skilling immer wichtiger. Wir haben eigene Akademien, um Mitarbeitende gezielt weiterzubilden. Im IT-Umfeld setzen wir auf Code-Automatisierung und KI-gestützte Tools. Gerade dort müssen Spezialistinnen und Spezialisten früh Wissen aufbauen, das später am Markt gefragt ist.
In der Zukunft werden sich die Kompetenzanforderungen weiter in Richtung Systemverständnis, Automation und KI verschieben. Rollen, die heute noch klar getrennt sind – etwa Entwicklung, Betrieb und Datenanalyse – wachsen stärker zusammen. Gleichzeitig entstehen komplett neue Aufgabenprofile rund um KI Governance, Cybersecurity, Datenethik und automatisierte Engineering Prozesse.
Entscheidend wird bei all dem sein, wie schnell Menschen bereit sind, sich auf diese neuen Anforderungen einzulassen und sich immer wieder weiterzuentwickeln. Genau dort unterstützen wir mit unseren technologischen Services.
Wie reagieren die Mitarbeitenden, wenn sie plötzlich vor die Tatsache gestellt werden, eine Weiterbildung zu machen? Sind sie bereit dafür oder sagen sie eher: „Ich bin ausgebildeter Spezialist, ich habe studiert, wozu noch einmal?“
Ingenieurinnen und Ingenieure ebenso wie Softwareentwicklerinnen und Softwareentwickler hören nie auf zu lernen. Ein Studium ist der Eintritt in den Markt, aber in der Praxis – besonders in unseren hochspezialisierten Projekten – hat noch nie jemand gesagt: „Ich bin fertig mit dem, was ich kann.“
Sie haben schon das Wort Re-skilling genannt, aber wir haben noch nicht über den Fachkräftemangel gesprochen. Meinen Sie, es fehlen heute wirklich Menschen oder vor allem die passenden Kompetenzen?
Heute geht es vor allem um Skills. Entscheidend sind Kompetenzen in Datenanalyse, Automatisierung, Cloud-Architektur oder KI-Integration. Viele Organisationen spüren Fachkräftemangel und fehlende digitale Expertise. In unserem IT-Freelancer-Business organisieren wir genau diese Kompetenzen schnell am Markt und bringen sie in Projekte.
Contracting und Freelancer als Antwort auf den Fachkräftemangel
Wie begegnen Sie generell dem Fachkräftemangel im IT- und Engineering-Bereich?
Skills sind entscheidend. Unternehmen brauchen nicht beliebige IT-Fachkräfte, sondern Spezialistinnen und Spezialisten – Datenkompetenz, Automatisierung, Cloud-Architektur, KI-Integration. Viele Unternehmen kämpfen mit Fachkräftemangel und fehlenden digitalen Kompetenzen. Wir setzen auf IT-Freelancerinnen und -Freelancer, deren Wissen besonders ist:
- Sie arbeiten an wechselnden, hochspezialisierten Projekten, vertiefen ihr Nischenwissen und werden begehrter für das nächste Projekt.
- Sie sind frühzeitig an technologischen Wendepunkten beteiligt, bevor diese zum Standard werden.
- Permanenter Innovationsdruck fördert Lern- und Anpassungsfähigkeit, macht sie attraktiv auf dem Digitalisierungsmarkt.
- Ihre Ressourcen sind kurzfristig und aufgabengenau für Unternehmen kalkulierbar – ohne Onboarding-Prozesse.
Der Fachkräftemangel bleibt das größte Risiko: 85 % der Unternehmen beklagen fehlende Technologie-Talente; über 100.000 IT-Stellen sind unbesetzt – das hat Bitkom in seiner Arbeitsmarktstudie letztes Jahr ermittelt. Besonders kritisch ist der Mangel an Expertinnen und Experten in spezifischen Tech Stacks. Contracting kann den Bedarf abfedern, aber nicht vollständig kompensieren.
Warum der Blick über den Tellerrand zeigt, dass Regulatorik neu justiert werden muss
Sie wurden in die „Top 100 European Leaders“ aufgenommen. Was bedeutet diese Anerkennung für Sie?
Die Anerkennung der Staffing Industry Analysts ehrt mich sehr, ist aber keineswegs nur mein persönlicher Verdienst. Sie steht ebenso für das Engagement der Teams, mit denen ich über viele Jahre zusammenarbeiten durfte.
Ich bin seit langem in der Branche tätig und habe mir angewöhnt, über den Tellerrand zu schauen – auf den deutschen Markt, in Unternehmen und auf die internationale Entwicklung der Branche. Mich treibt dabei besonders an, wie sich Märkte, Arbeitsmodelle und Anforderungen verändern und wie wir dies sinnvoll und zukunftsorientiert in unsere Organisationen integrieren können.
Dass ich nun international als jemand wahrgenommen werde, der den Markt aktiv mitgestaltet, bestätigt diesen Ansatz und freut mich sehr. Ein zentraler Schwerpunkt meiner Arbeit war dabei das Thema Managed Service Providing (MSP): die Beratung von Kunden, wie sie ihre externe Workforce zentral, neutral und strategisch steuern können.
Gerade in Deutschland ist das aufgrund komplexer arbeitsrechtlicher Rahmenbedingungen und hoher Compliance-Anforderungen besonders anspruchsvoll. Umso stolzer macht es mich, dass wir hier erfolgreich sind und für diese Arbeit auch internationale Anerkennung erhalten.
Was würden Sie sich wünschen für die Zukunft, für die Entwicklung des deutschen Arbeitsmarktes, insbesondere im Bereich IT und Engineering?
Der Abbau der Regulatorik ist entscheidend, besonders in Deutschland. Zum einen im Bereich der flexiblen Arbeitsmodelle – von der Arbeitnehmerüberlassung bis zum Einsatz von Freelancern – zum anderen auch im Umgang mit KI und Datenschutz. Denn die aktuelle Rechtslage schafft Unsicherheiten. Im Bereich der Scheinselbständigkeit führen diese zum Beispiel dazu, dass Unternehmen selbst bei klar projektbezogenen Experteneinsätzen Risiken fürchten – und innovative Entwicklungen gebremst werden. International stellen sich diese Probleme kaum. Daher: Ich wünsche mir, dass die Regulatorik abgebaut wird und wir uns stärker auf technologische Herausforderungen konzentrieren – um mit der Entwicklung weltweit Schritt zu halten.
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