Schlüsselperson Risiko: Wenn ein Ingenieur über Erfolg oder Scheitern entscheidet
Was passiert, wenn ein einziger Ingenieur ein ganzes Projekt zum Stillstand bringt? Das Schlüsselperson Risiko und die wachsende Expertenabhängigkeit im Unternehmen sind unsichtbare Gefahren – und viele sichern ihr Know-how erst, wenn es zu spät ist.
Schlüsselperson Risiko im Griff: Ingenieurteams verteilen Verantwortung und Know-how.
Foto: Smarterpix/Gajus-Images
Ein Großprojekt steht kurz vor der Inbetriebnahme. Die Anlage ist montiert, die Software aufgespielt, der Kunde reist zur Abnahme an. Dann fällt der leitende Ingenieur aus – plötzlich und unvorhergesehen. Niemand kennt die Logik hinter bestimmten Parametern. Das Projekt stoppt.
Inhaltsverzeichnis
- Warum gerade Ingenieurorganisationen besonders anfällig sind
- Das Schlüsselperson Risiko: Mehr als nur Personalausfall
- Typische Warnsignale in technischen Teams
- Wenn die Babyboomer in Rente gehen: Die stille Wissenslücke
- Know-how sichern: Eine strategische Führungsaufgabe
- Vom Einzelkämpfer zur resilienten Organisation
- Führung in technischen Organisationen
- Resilienz als Wettbewerbsvorteil im Ingenieurumfeld
- Vom Einzelkämpfer zum stabilen System
Solche Szenarien sind keine Ausnahme. Sie sind Ausdruck eines strukturellen Problems: der Expertenabhängigkeit im Unternehmen. Dabei sind nicht nur Ingenieure und ingenieurinnen betroffen – es kann jeden treffen. Wenn ein einzelner Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin das gesamte Projekt gefährden kann, liegt kein Zeichen von Exzellenz vor – sondern ein systemisches Risiko.
Warum gerade Ingenieurorganisationen besonders anfällig sind
Technische Unternehmen leben von Spezialisierung. In Entwicklungsabteilungen, im Maschinenbau, in der Automatisierungstechnik oder in der Softwareentwicklung arbeiten hochqualifizierte Fachkräfte an komplexen Systemen. Sie treffen Architekturentscheidungen, definieren Toleranzen, entwickeln Sonderlösungen und bauen über Jahre ein tiefes Systemverständnis auf.
Dieses Wissen entsteht oft iterativ: durch praktische Erfahrung, Tests, Fehleranalysen und kreative Problemlösungen. Es ist kontextabhängig und selten vollständig dokumentiert. Genau hier beginnt das Schlüsselperson Risiko. Die Erfahrung zählt.
Mit anderen Worten: Wenn nur ein Konstrukteur die Altanlage vollständig versteht, wenn nur ein Softwarearchitekt den Gesamtüberblick über eine Systemlandschaft besitzt oder wenn nur ein Entwicklungsingenieur sicherheitskritische Berechnungen validieren kann, entsteht eine gefährliche Abhängigkeit. Fällt diese Person aus, wird aus Spezialisierung eine operative Schwachstelle.
Das Schlüsselperson Risiko: Mehr als nur Personalausfall
Das sogenannte Schlüsselperson Risiko betrifft nicht nur den Verlust einer Arbeitskraft. Es betrifft das Herzstück der Wertschöpfung.
In technischen Projekten können die Folgen gravierend sein:
- Verzögerte Inbetriebnahmen
- Fehlerhafte Änderungen an bestehenden Systemen
- Sicherheitsrisiken durch fehlende Hintergrundinformationen
- Vertragsstrafen wegen Terminüberschreitungen
- Reputationsschäden beim Kunden
Besonders kritisch ist der Verlust impliziten Wissens. Dazu gehören Entscheidungslogiken, Erfahrungswerte, Kundenhistorien oder interne Abkürzungen, die nie offiziell dokumentiert wurden. In vielen Ingenieurteams existiert dieses Wissen ausschließlich in Gesprächen, E-Mails oder im Gedächtnis einzelner Experten.
Wird dieses Know-how nicht gesichert, entsteht ein strukturelles Risiko – unabhängig von Motivation oder Loyalität der Mitarbeitenden. Er oder sie können ja stundenlang arbeiten, immer präsent sein – aber wenn man plötzlich krank wird und unerreichbar ist…
Typische Warnsignale in technischen Teams
Expertenabhängigkeit kündigt sich selten laut an. Sie wächst schleichend.
Ein klares Indiz ist, wenn Projekte stillstehen, sobald eine bestimmte Person nicht verfügbar ist. Wenn Mitarbeitende im Urlaub regelmäßig angerufen werden, weil niemand sonst die Systemarchitektur versteht. Wenn neue Ingenieure Monate benötigen, um produktiv zu werden, weil Prozesse nicht transparent beschrieben sind.
Auch Aussagen wie „Das weiß nur er“ oder „Das hat sie damals entschieden“ oder „das hat doch er immer gemacht“ sind deutliche Hinweise auf eine ungesunde Wissenskonzentration.
Solche Situationen werden im Alltag oft toleriert, weil sie kurzfristig effizient erscheinen. Doch sie erhöhen langfristig die Verwundbarkeit des Unternehmens.
Wenn die Babyboomer in Rente gehen: Die stille Wissenslücke
Mit dem Eintritt der geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand verliert die Industrie nicht nur Arbeitskräfte, sondern jahrzehntelang gewachsenes Erfahrungswissen. darüber haben wir auch mehrmals geschrieben. Gerade in Ingenieurberufen sitzen zentrale Systemkenntnisse, Sonderlösungen und historische Projektentscheidungen häufig bei langjährigen Experten, die nun altersbedingt ausscheiden. Wird dieses Know-how nicht rechtzeitig gesichert, entsteht eine gefährliche Wissenslücke – mit direkten Folgen für Produktivität, Innovationsfähigkeit und Wettbewerbsstärke. Unternehmen, die das Schlüsselperson Risiko im Kontext der Babyboomer-Rente unterschätzen, stehen vor einer der größten strukturellen Herausforderungen der kommenden Jahre.
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Know-how sichern: Eine strategische Führungsaufgabe
Das Sichern von technischem Know-how ist keine administrative Pflichtübung. Es ist eine strategische Notwendigkeit.
Dabei geht es nicht darum, jede kreative Idee sofort in starre Prozesse zu pressen. Es geht darum, zentrale Entscheidungswege nachvollziehbar zu machen. Warum wurde eine bestimmte Materialwahl getroffen? Welche Annahmen liegen einer Berechnung zugrunde? Welche Risiken wurden bewusst akzeptiert?
Professionelles Wissensmanagement im Ingenieurumfeld umfasst unter anderem:
- Strukturierte Prozessbeschreibungen
- Dokumentierte Architekturentscheidungen
- Versionierte technische Dokumentationen
- Regelmäßige Design-Reviews
- Gelebte Stellvertretungsregelungen
Vom Einzelkämpfer zur resilienten Organisation
In vielen technischen Kulturen wird der brillante Problemlöser gefeiert. Der Ingenieur, der nachts den kritischen Fehler findet. Die Entwicklerin, der allein den komplexen Code versteht. Dieses Bild ist tief verankert.
Doch moderne Systeme sind zu komplex, um dauerhaft von Einzelpersonen getragen zu werden. Organisationale Resilienz entsteht nicht durch Helden, sondern durch Strukturen.
Der Perspektivwechsel lautet: Weg von der Personenzentrierung – hin zur Prozessorientierung.
In einer prozessorientierten Organisation sind Entwicklungsabläufe klar definiert. Verantwortlichkeiten sind transparent geregelt. Wissen ist dokumentiert und zugänglich. Stellvertretungen sind eingeplant und eingeübt. Entscheidungen werden nachvollziehbar festgehalten.
Dadurch sinkt nicht die Innovationskraft. Im Gegenteil: Teams können schneller skalieren, neue Ingenieure werden effizient integriert, und die Abhängigkeit von Einzelpersonen nimmt ab.
Führung in technischen Organisationen
Die Reduzierung von Expertenabhängigkeit ist eine klare Führungsaufgabe. Technische Leitung und Geschäftsführung müssen Transparenz über kritische Rollen schaffen und systematisch Single Points of Failure identifizieren.
Gleichzeitig braucht es eine Kultur, in der Wissen teilen nicht als Bedrohung, sondern als Qualitätsmerkmal gilt. Führungskräfte müssen deutlich machen: Unersetzbarkeit ist kein Karrierevorteil, sondern ein Risiko für das Unternehmen – und für die betreffende Person selbst.
Denn wer als „unverzichtbar“ gilt, trägt oft eine permanente Last. Permanente Erreichbarkeit, hoher Entscheidungsdruck und fehlende Vertretung erhöhen das Risiko von Überlastung und Burnout.
Resilienz als Wettbewerbsvorteil im Ingenieurumfeld
In technologiegetriebenen Märkten entscheiden Stabilität und Verlässlichkeit über langfristigen Erfolg. Kunden erwarten nicht nur Innovation, sondern auch Kontinuität.
Unternehmen, die ihre Expertenabhängigkeit reduzieren, erhöhen ihre Lieferfähigkeit, ihre Skalierbarkeit und ihre Attraktivität als Arbeitgeber. Sie sind besser vorbereitet auf demografischen Wandel, Fachkräftemangel und unerwartete Ausfälle.
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Vom Einzelkämpfer zum stabilen System
Der Mythos vom unersetzbaren Experten mag zunächst beeindruckend und sogar romantisch wirken – der geniale Ingenieur, der scheinbar jedes Problem im Alleingang löst, die Schlüsselperson, auf die alle Augen gerichtet sind. Doch strategisch betrachtet ist diese Abhängigkeit hochgradig gefährlich. Sie macht Unternehmen anfällig für Verzögerungen, Fehler und den Verlust von wertvollem Erfahrungswissen, sobald diese eine Person ausfällt.
Ein wirklich starkes Ingenieurunternehmen erkennt: Nicht der einzelne Spezialist ist entscheidend für den langfristigen Erfolg, sondern ein System, das Wissen konsequent strukturiert, Verantwortlichkeiten klar verteilt und Know-how nachhaltig sichert. Dokumentierte Prozesse, transparente Entscheidungswege und flexible Stellvertretungen sorgen dafür, dass Projekte auch dann reibungslos laufen, wenn ein Experte kurzfristig ausfällt.
Erst wenn ein Projekt nicht mehr von der Präsenz oder dem Gedächtnis einer einzelnen Person abhängt, kann es als professionell organisiert gelten. Dann wird aus individueller Exzellenz ein stabiles, skalierbares System, das Innovation, Effizienz und Sicherheit miteinander verbindet.
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