Ölkrise trifft Arbeitnehmer: Welche Entlastungen jetzt wirklich helfen
Die Energiekrise in Deutschland trifft Arbeitnehmer hart: Steigende Energiepreise setzen Beschäftigte unter Druck – wie reagieren sie und die Branchen darauf?
Ölpreisschock trifft Arbeitnehmer – Homeoffice als mögliche Entlastung?
Foto: Smarterpix/erstudio
Die steigenden Ölpreise und die anhaltende Energiekrise belasten Arbeitnehmer in Deutschland stark. Während Organisationen wie die Internationale Energieagentur (IEA) verstärkt mehr Homeoffice vorschlagen, zeigt eine aktuelle Umfrage der Jobplattform Indeed, dass Beschäftigte vor allem schnelle finanzielle Unterstützung wünschen.
Inhaltsverzeichnis
- Hat die Soforthilfe die höchste Priorität?
- Homeoffice für Remote-Arbeitende besonders wichtig
- Unterschiede beim Arbeitsweg
- Strukturreformen statt Soforthilfen: Die Perspektive der BDA
- Arbeitsmarkt in Deutschland verschlechtert sich
- Branchenanalyse: 38 von 43 Berufsgruppen betroffen
- Personalwesen als Frühindikator
- Arbeitsmarktanalyse mit dem Indeed Arbeitsmarkt Index
Hat die Soforthilfe die höchste Priorität?
Die Ergebnisse der Umfrage sind eindeutig: Finanzielle Entlastungen stehen für die Mehrheit der Beschäftigten an erster Stelle.
- 81 % sprechen sich für sofortige staatliche Maßnahmen aus, z. B. Tankrabatte oder niedrigere Steuern auf Kraftstoffe.
- 79,2 % wünschen sich zusätzlich direkte Zuschüsse zu Spritkosten durch den Arbeitgeber.
Im Vergleich dazu spielt die Ausweitung von Homeoffice eine untergeordnete Rolle: Sie landet im Gesamtranking nur auf Platz fünf. Zwar unterstützen 72 % der Befragten diese Option, doch andere Maßnahmen sind beliebter:
- 4-Tage-Woche bei gleichem Gehalt: 73,1 %
- Flexible Mobilitätsbudgets: 73,4 %
„Hohe Energie- und Kraftstoffpreise setzen Arbeitnehmer und Unternehmen zunehmend unter Druck – besonders in der Industrie. Entsprechend groß ist bei Beschäftigten der Wunsch nach finanzieller Entlastung und Unterstützung. Die Politik reagiert zwar mit dem geplanten Kraftstoffmaßnahmenpaket auf diese Entwicklung, setzt dabei jedoch zunächst vor allem auf mehr Markttransparenz und eine Verschärfung des Kartellrechts statt auf direkte staatliche Subventionen“, kommentiert Virginia Sondergeld, Ökonomin der Jobseite Indeed.
Homeoffice für Remote-Arbeitende besonders wichtig
Für Beschäftigte, die bereits im Homeoffice arbeiten, ist die Ausweitung der Heimarbeit die wichtigste Maßnahme gegen die Energiekrise: 85 % wünschen sich mehr Homeoffice-Tage.
Finanzielle Hilfen sind zwar relevant, aber weniger prioritär:
- Zuschuss zu Spritkosten: 74,9 %
- Staatlicher Tankrabatt: 74,1 %
Bei Arbeitnehmern, die nicht im Homeoffice arbeiten können, ist der Tankrabatt die wichtigste Entlastung (80,7 %).
Unterschiede beim Arbeitsweg
Die Zufriedenheit mit dem Arbeitsweg variiert stark:
- Remote-Arbeitende: 84 % zufrieden, möchten keine Änderungen.
- Andere Beschäftigte: Nur 21,9 % zufrieden mit ihrer Situation.
„Arbeitgeber können jetzt als verlässlicher Partner auftreten und die Belegschaft beispielsweise mit Tankgutscheinen als Soforthilfe entlasten. Dafür benötigen sie natürlich etwas finanziellen Spielraum, was bei vielen Betrieben derzeit allerdings seltener der Fall ist. Umso attraktiver ist die Einführung oder die Ausweitung von Homeoffice-Tagen für die Belegschaft, sofern dies technisch umsetzbar ist. Diese Maßnahme ist für Arbeitgeber kostenfrei und würde die Arbeitswege und damit verbundenen Kosten für die Arbeitnehmer sofort reduzieren. Wie unsere Umfrage zeigt, gibt es hier auch noch unausgeschöpfte Potenziale: 15 % der befragten Erwerbstätigen müssen pendeln, weil ihr Arbeitgeber keine Heimarbeit erlaubt, obwohl dies möglich wäre“, resümiert Sondergeld.
Strukturreformen statt Soforthilfen: Die Perspektive der BDA
Nach Einschätzung der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) müssen die Rahmenbedingungen für Unternehmen und Arbeitnehmer langfristig gestärkt werden, um Inflation und schwaches Wachstum auszugleichen.
„Die aktuelle Entwicklung mit einer Inflation von 2,7 % bei gleichzeitig minimalem Wirtschaftswachstum von voraussichtlich deutlich unter einem Prozent ist besorgniserregend. Umso wichtiger ist es, jetzt die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu stärken: Echte Strukturreformen und gezielte Investitionsanreize sind notwendig, um die Konjunktur nachhaltig anzukurbeln. Bei den steigenden Spritpreisen gilt: Preise entstehen am Markt und spiegeln Knappheiten wider. Pauschale staatliche Entlastungen wie Tankrabatte haben sich als wenig zielgenau und nicht nachhaltig erwiesen. Die Verantwortung für funktionierenden Wettbewerb liegt hier insbesondere beim Bundeskartellamt“, ordnet die BDA die Entwicklungen ein.
„Entscheidend ist, die Einkommen der Beschäftigten strukturell zu stärken. Eine Entlastung bei Steuern und Abgaben sorgt dafür, dass mehr Netto vom Brutto bleibt. Das wirkt nachhaltiger als eine kurzfristige Subvention“, so die BDA.
Über die Umfrage
Im März 2026 wurden insgesamt 1.000 Personen in Deutschland befragt, davon 804 erwerbstätig. Die Umfrage wurde vom Marktforschungsunternehmen Appinio durchgeführt und ist repräsentativ.
Arbeitsmarkt in Deutschland verschlechtert sich
Der deutsche Stellenmarkt zeigt weiter Rückgänge:
- Rückgang im März: -2,97 %
- Rückgang seit Januar: -5,23 %
- Aktueller Indeed Arbeitsmarkt Index: 109 Punkte
„Ursprünglich war für das Frühjahr 2026 eine wirtschaftliche Erholung erwartet worden. Diese Aussichten sind jedoch durch die geopolitische Eskalation im Nahen Osten vorerst deutlich gedämpft worden. Der Konflikt lässt die ohnehin hohen Kosten für Energie und Rohstoffe weiter steigen und sorgt für Unsicherheit bei Lieferketten und Exporten. Das belastet die Konjunktur spürbar. Solange sich die Lage nicht entspannt, bleiben viele Unternehmen bei Neueinstellungen zurückhaltend“, erklärt Virginia Sondergeld.
Branchenanalyse: 38 von 43 Berufsgruppen betroffen
Fast alle Branchen sind vom Abschwung betroffen:
Starke Rückgänge:
- Kundenservice: -29,33 %
- Immobilienbranche: -23,79 %
- Beherbergung, Tourismus & Veranstaltungen: -22,57 %
- Maschinenbau: über -20 %
- Private & öffentliche Sicherheit: über -20 %
Wachstumsbranchen:
- Sozialdienst & Sozialarbeit: +13,86 %
- Zahnmedizin: +10,32 %
- Bauwesen: +4,41 %
- Gesundheits- & Krankenpflege: +2,98 %
- Altenpflege: +2,98 %
- Therapie: +0,97 %
„Die positive Entwicklung im Bauwesen der letzten Monate ist kein Zufall, sondern auch auf das Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität zurückzuführen. Solche Investitionen sind wichtig, um Deutschland nachhaltig auf Wachstumskurs zu bringen. Allerdings zeigt der leichte Stellenrückgang seit Anfang März, dass auch die Baubranche von den geopolitischen Entwicklungen betroffen ist. Der Effekt des Sondervermögens könnte leicht verpuffen, wenn nicht echte zusätzliche Infrastrukturprojekte initiiert werden. Gerade jetzt, da die Baubranche in den kommenden Monaten zusätzlich mit erhöhten Energie- und Rohstoffkosten konfrontiert sein wird“, erläutert die Expertin.
Personalwesen als Frühindikator
Der Indeed Arbeitsmarkt Index zeigt gemischte Signale für das Personalwesen:
- Monatsvergleich: +0,75 %
- Wachstum seit Jahresbeginn: +7,07 %
„Das Personalwesen gilt als wichtiger Frühindikator für den Arbeitsmarkt, da Unternehmen in der Regel zuerst ihre HR-Abteilungen ausbauen, bevor sie neue Mitarbeiter einstellen. Gleichzeitig gibt es seit Anfang des Monats leichte Rückgänge im HR-Bereich. Deshalb ist unklar, ob sich der positive Trend fortsetzt. Die anhaltende Zurückhaltung bei Neueinstellungen könnte künftig auch die Personalabteilungen selbst stärker betreffen“, erklärt Sondergeld.
Arbeitsmarktanalyse mit dem Indeed Arbeitsmarkt Index
Die Entwicklung des deutschen Stellenmarkts wird von Virginia Sondergeld anhand des Indeed Arbeitsmarkt Index ausgewertet. Der Index basiert auf Millionen Stellenanzeigen aus sieben Ländern, entweder direkt von Indeed oder von Unternehmens-Webseiten gesammelt. So lässt sich die Personalnachfrage nahezu in Echtzeit beobachten.
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