powered by Women 26.03.2026, 13:00 Uhr

Deutsche Bahn macht Frauen zu Game-Changern

Wie Frauen bei der Deutschen Bahn Technik, Karriere und Innovation neu definieren – Einblicke aus dem Weltfrauenmonat.

Porträt einer Bahn-Technikerin

Frauen in Technik bei der Deutschen Bahn: Kompetenz, Verantwortung und Innovation im Arbeitsalltag von Ingenieurinnen.

Foto: picture alliance / Zoonar/Wosunan Photostory

Der Weltfrauenmonat im März macht bei der Deutschen Bahn die Arbeit von Frauen in MINT-Berufen sichtbar. Initiiert vom Diversity Recruiting Team soll das Format eine Plattform bieten, um die Sichtbarkeit von Frauen in MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) zu erhöhen, weibliche Talente zu fördern und zu zeigen, dass technische Exzellenz nicht an Geschlecht gebunden ist. Im Jahr 2025 lief die Veranstaltung unter dem Motto „Einfach machen“

Unter dem diesjährigen Motto „Mach ich einfach“ zeigt der Konzern verschiedene Rollenbilder. Dabei liegt der Fokus auf authentischen Einblicken in den Arbeitsalltag von Ingenieurinnen, die bereits heute Milliardenprojekte verantworten.

Hiie-Mai Unger – Technologieführerin

Hiie-Mai Unger, Vorsitzende der Geschäftsführung der DB Systemtechnik GmbH, eröffnete die Veranstaltung mit einer Keynote, die fachliche Expertise und persönliche Resilienz miteinander verband.

Vom Automotive-Expertise zur Schienen-Technologie

Nach über 20 Jahren in der Automobilbranche bei Bosch wechselte die promovierte Maschinenbauerin vor zwei Jahren zur Deutschen Bahn. Für sie war der Wechsel mehr als ein Berufswechsel – es war eine Entdeckungsreise in eine bisher unbekannte technologische Welt:

„Ich dachte zunächst: Was soll ich bei der Bahn? Ich kenne Automotive in- und auswendig. Doch dann begegnete ich diesem gewaltigen Maschinenbau – ICE-Radsätze, deren metallurgische Eigenschaften wir mit KI-unterstützter Intelligenz prüfen, Sensorik, die Schräglagen im Gleis im Mikrometer-Bereich erfasst, Bremstechnik, Antriebsstrang, Energietechnik. Es ist alles dabei – Technik auf höchstem Niveau, die mich sofort fasziniert hat“, sagte Hiie-Mai Unger.

Der Kampf gegen das „Alien-Stigma“

Unger reflektierte auch ihre Erfahrungen als Frau in einem männlich dominierten Umfeld: „Im Studium war ich immer eine Art Alien. Wenige Frauen waren namentlich bekannt, Skeptiker fragten: ‚Kann die das mit den Zahlen?‘ Selbst bei exzellenten Prüfungsergebnissen blieb die Skepsis bestehen. Aber ich wollte meine Arbeitskraft in diesen Mobilitätsträger einbringen – damit unsere Kinder ein starkes System nutzen können.“

Ihre Worte verdeutlichen, dass Vorurteile und stereotype Erwartungen in technischen Berufen noch existieren, aber überwunden werden können, wenn Kompetenz, Leidenschaft und Durchhaltevermögen zusammenkommen.

Zur Einordnung aus einer anderen Branche zeigt sich ein ähnliches Bild: Obwohl die deutsche Wirtschaft den Fachkräftemangel z. B. in der IT ohne Frauen kaum bewältigen kann, halten sich überholte Rollenbilder hartnäckig. Laut einer aktuellen Studie des Bitkom anlässlich des Weltfrauentags ist in fast jedem zweiten Unternehmen noch immer die Überzeugung verbreitet, Männer seien grundsätzlich besser für Tech-Berufe geeignet.

„Ich habe mich nie gefragt, ob meine bisherigen Kompetenzen ausreichen. Mein Vorteil war, dass ich mit sehr unterschiedlichen technischen Systemen vertraut war – von Abgasnachbehandlung über Einspritzsysteme bis hin zu Wärmepumpen. Ein Bremsregelsystem im Pkw ist anders, aber technisch übertragbar. Was Zeit braucht, ist das Verständnis der branchenspezifischen Fachsprache – im Auto- oder Bahnquartett. Das ist wie eine neue Sprache, die man lernen muss. Als Frau in Technikdomänen steht man anfangs oft vor einem Fragezeichen: ‚Kann ich das?‘ – aber es ist machbar, wenn man die Systeme versteht“, erklärte Hiie-Mai Unger.

Der Vergleich mit der Sprache ist besonders treffend. So verdeutlichte auch der Karriereberater Bastian Hughes in einem ingenieur.de-Interview: „Ich sage meinen Klienten oft: Re-skilling ist wie Sprachenlernen. Du kannst das Gleiche sagen, aber mit anderen Worten – und plötzlich versteht dich eine ganz neue Branche“.

Lesen Sie auch passend dazu: Deutsche Bahn: „Re-skilling ist bei uns gelebte Praxis“

Mutterschaft und Karriere

Besonders eindrücklich berichtete Unger über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie: „Jeder hatte eine Meinung zu meinem Babybauch – meist unausgesprochen, aber im Gesicht abzulesen. Wir haben das als Familie organisiert, und ich bin direkt nach dem Mutterschutz in Vollzeit zurückgekehrt. Mein Rat an junge Ingenieurinnen: Macht euch nicht so viele Gedanken wie ich damals. Macht einfach euer Ding!“

Sie machte deutlich, dass sich eine technisch-fachliche Karriere und Familienplanung nicht ausschließen – sondern mit der richtigen Organisation und Unterstützung gut vereinbar sind. Wie relevant dieses Thema für viele Frauen ist, zeigte sich auch im Chat: Zahlreiche junge Ingenieurinnen richteten ihre Fragen an die DB, vor allem rund um Karrierewege und Entwicklungsmöglichkeiten. Besonders häufig ging es dabei um flexible Arbeitsmodelle wie Teilzeit.

Wie sieht es im Recruiting aus?

Im Recruiting für technische Fachkräfte legt die Deutsche Bahn Wert auf eine ausgewogene Geschlechterverteilung. Katrin Borovsky, Leiterin dieses Bereichs, erläuterte, wie das Unternehmen diese Ziele in der Praxis verfolgt:

„Wir haben festgestellt, dass Männer ihre Kompetenzen oft selbstbewusster darstellen, während Frauen ihre Eignung eher hinterfragen. Deshalb achten wir sehr stark darauf, dass unsere Stellenanzeigen klar formuliert sind: Wir listen die Anforderungen, die wirklich wichtig sind, deutlich auf. Optionale Punkte kennzeichnen wir als solche, damit Bewerberinnen und Bewerber ein realistisches Bild bekommen. Auch im gesamten Recruitingprozess wird darauf geachtet, dass wir den Anteil weiblicher Bewerbungen und Einstellungen erhöhen.“

Doch wie sehen diese ehrgeizigen Ziele und die Begeisterung für die Technik im harten Arbeitsalltag aus?

Marija Sunjevaric – Die Krisenmanagerin am Steilhang

Wenn die Natur die Infrastruktur der Deutschen Bahn herausfordert, schlägt die Stunde von Ingenieurinnen wie Marija Sunjevaric. Als Senior Projektingenieurin bei der DB InfraGO im Bereich Konstruktiver Ingenieurbau übernahm sie im Mai 2024 eines der technisch anspruchsvollsten und medial präsentesten Sanierungsprojekte des Jahres: die Beseitigung des massiven Hangrutschs bei Hösel.

Nach extremen Starkregenereignissen Ende 2023 geriet der Boden zwischen Duisburg, Düsseldorf und Essen in Bewegung. Ein ganzer Hang rutschte ab und begrub die Gleise der S6 – eine der wichtigsten Pendlerstrecken der Region – unter Schlamm und Geröll. Der Zugverkehr kam vollständig zum Erliegen, der Druck aus Politik und Öffentlichkeit war immens. Marija Sunjevaric trat an, um diesen Stillstand zu beenden.

Technische Höchstleistung im Gelände

Die Sanierung sei kein Standardprozess, sondern eine hochkomplexe Operation am offenen Herzen der Infrastruktur. Marija koordinierte Maßnahmen, die Statik, Geologie und modernste Technik vereinten:

  • Massive Bohrpfahlwand: Um den Hang dauerhaft gegen den enormen Erddruck zu sichern, wurden 32 gewaltige Betonpfähle bis zu 12 Meter tief in den Untergrund gebohrt. Diese Pfähle dienen als massives Fundament für eine Stützwand, die sogar Sonderkonstruktionen für die Oberleitungsmasten trägt – eine bauliche Meisterleistung, da die Masten nun direkt auf der Wand thronen.
  • Vernetzung und ökologische Stabilisierung: Auf einer Länge von 650 Metern wurde der Hang mit speziellen Stahlnetzen „vernäht“. Unter den Netzen wurden Kokosmatten ausgelegt, in die bereits Saatgut integriert war. Dies sorgt dafür, dass die technische Sicherung mit der Zeit hinter einer natürlichen Grünfläche verschwindet.
  • „Sonnencreme“ für den Wald: Ein besonderes Highlight der ökologischen Bauüberwachung war der Schutz der verbliebenen Bäume. Damit die Randbäume nach der Rodung der betroffenen Hangfläche nicht durch die plötzliche, direkte UV-Strahlung absterben, ließ Marija sie mit einem speziellen weißen Schutzanstrich versehen.

Persönliche Perspektive: „Marija macht das Projekt“

Auf der Baustelle war Marija oft die einzige Frau – und das in einem Umfeld, das traditionell von Männern geprägt ist. Doch für sie zählte allein die fachliche Kompetenz: „Ich bin 1,62 Meter groß und stand auf einer reinen Männerbaustelle. Aber ich habe mich zu keinem Zeitpunkt nicht ernst genommen gefühlt. Es gab keinen Unterschied.“

Marija Sunjevaric hat mit diesem Projekt bewiesen, dass Ingenieurwesen weit mehr ist als Büroarbeit: Es ist Krisenmanagement, technische Kreativität und die Fähigkeit, in einem harten Umfeld den Überblick zu behalten.

Svetlana Hinrichs – Die Infrastruktur-Architektin zwischen Tradition und Hightech

Während Marija Sunjevaric die unmittelbare Krise am Hang meisterte, weitete Svetlana Hinrichs, Leiterin Abnahmen und Inbetriebnahmen bei der DB InfraGO, den Blick auf die strategische und langfristige Dimension des Ingenieurwesens. Ihr Wirkungsfeld ist die entscheidende „Zielgerade“ eines jeden Projekts: Sie verantwortet die Schnittstelle, an der aus theoretischer Planung, rechtlichen Genehmigungen und tonnenschwerem Stahl eine rechtssichere, funktionierende Bahninfrastruktur wird.

Eine Generationenaufgabe: Ingenieurskunst im Blut

Svetlana Hinrichs Weg zur Bahn war nicht nur eine berufliche Entscheidung, sondern auch die Fortführung eines familiären Erbes. Besonders eindrücklich schilderte sie, wie sie diese Leidenschaft heute an die nächste Generation weitergibt:

„Ich bin mit der Bahn aufgewachsen. Wenn ich heute mit meiner eigenen Tochter unterwegs bin, kann ich auf ein Bauwerk zeigen und voller Stolz sagen: ‚Schau mal, diese Brücke hat Mama gebaut.‘ Es ist ein unglaubliches Gefühl von Beständigkeit, dieses Erbe über drei Generationen hinweg zu sehen. Heute ist es an mir, diese Infrastruktur für die Zukunft nicht nur zu erhalten, sondern sie grundlegend zu modernisieren.“

Karriereweg und Inspiration: „Mehr als nur Konstruktion“

Svetlana Hinrichs verkörpert das moderne Bild der Bahn-Ingenieurin: Sie ist Managerin, Strategin und Technikerin zugleich. Ihr Credo ist klar:

„Technische Karrierewege gehen heute oft weit über die reine Konstruktion hinaus. Sie beinhalten massive Projektverantwortung, regulatorische Weitsicht und strategische Planung. Wir verändern als Frauen in Führungspositionen die Perspektiven und tragen dazu bei, dass komplexe Projekte nicht nur technisch perfekt, sondern auch innovativ und nachhaltig umgesetzt werden.“

Impuls aus dem Weltfrauenmonat: „Mach ich einfach“

Jana Petersen aus dem Diversity Recruiting Team gab zum Schluss einen motivierenden Impuls:
„Das Motto ‚Mach ich einfach‘ ermutigt dazu, die nächsten Schritte zu gehen – egal, ob man direkt startet oder zunächst einen Plan schmiedet. Es geht darum, den eigenen Weg zu wählen, vorhandene Ressourcen zu prüfen und Schritt für Schritt voranzugehen.“

Die Veranstaltung machte deutlich, dass technische Karrierewege für Frauen genauso offenstehen wie für Männer – vorausgesetzt, sie bringen Kompetenz, Engagement und die Bereitschaft mit, neue Rollen auszuprobieren. Ein Beispiel dafür liefert auch die im April 2026 stattfindende Femworx, bei der herausragende Ingenieurinnen ausgezeichnet werden.

Ein Beitrag von:

  • Alexandra Ilina

    Alexandra Ilina ist Diplom-Journalistin (TU-Dortmund) und Diplom-Übersetzerin (SHU Smolensk) mit mehr als 20 Jahren Berufserfahrung im Journalismus, in der Kommunikation und im digitalen Content-Management. Sie schreibt über Karriere und Technik.

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