Allein unter 50 Kollegen: Eine Ingenieurin im Audi-F1-Projekt
Anne-Lise Aubert ist Fahrzeugtechnk-Ingenieurin und eine von über 400 Mitarbeitenden der Audi Formula Racing GmbH. Sie arbeitet an verschiedenen Prüfständen.
Anne-Lise Aubert liebt die Verbindung von Sport und Technik. Motorsport begeistert sie seit der Kindheit.
Foto: Audi Formula Racing GmbH
Der kleine beschauliche Ort Auray im Süden der Bretagne lohnt einen Besuch. Die Oberstadt und das Hafenviertel sind beliebte Touristenziele, ohne ständig überlaufen zu sein. Die rund 14.000 Einwohner zählende Gemeinde kann aber mit mehr punkten als „nur“ mit Blickfängen, Beschaulichkeit und Historie. Auch kleine und große Sportler kommen auf ihre Kosten, etwa beim Volkslauf von Auray ins knapp 20 km entfernte Vannes, beim Tennisturnier Open Super 12 für Kinder bis zwölf Jahre, zu dem Teilnehmende aus bis zu 40 Ländern anreisen, oder bei der Spi Ouest France, einer der größten Segelregatten Frankreichs.
Nicht weit von Auray entfernt liegen die Segel- und Surf-Hochburgen La Trinité-sur-Mer und Quiberon. Hinweise auf Motorsport findet man indes vergebens. Wer sich dem Faszinosum Power auf vier Rädern hingeben möchte, muss von der Atlantikküste aus rund 280 km weiter ins Landesinnere fahren.
Die Familie Aubert aus Auray nahm die knapp dreistündige Reise zum 24-Stunden-Rennen von Le Mans gerne und immer wieder auf sich. Der Vater, ein motorsportverrückter Technikliebhaber, vererbte seiner Tochter Anne-Lise die Leidenschaft für hochgetunte Pferdestärken. „Meine Mutter hat mir erzählt, dass ich schon als Baby dabei war.“ Mit der Muttermilch sog die Kleine auch die Begeisterung für die Technik in Autos und Motorrädern ein.
Ein Master in Fahrzeugtechnik brachte sie zu Audi
Da war der Berufswunsch naheliegend. Nach der Schule startete Anne-Lise Aubert durch. An der Universität von Le Mans studierte sie Motorsport und sammelte erste Erfahrungen an der Rennstrecke. Aubert arbeitete als Datenanalystin und Mechanikerin der Le Mans Series, bei der Formula Ford und beim Porsche Carrera Cup.
Fasziniert vom Treiben in den Boxen und Werkstätten und mit dem Bachelor im Gepäck ging es mit dem Master Fahrzeugtechnik an der Ecole d‘Ingénieurs in Laval weiter. Bei Audi in England absolvierte Aubert ein Praktikum. „Da will ich hin!“, sagte sich die ehrgeizige Ingenieurin. „Die Fahrzeuge von Audi sind top, die Arbeitskultur ist toll.“ Das Ziel war also bereits gesteckt, als Aubert der Berufseinstieg bei einer Zuliefererfirma gelang. Als Bauteil-Entwicklerin war sie für das Interieur von Autos zuständig.
2015 konnte sie bei ihrer Traummarke Audi in Neckarsulm anfangen. Als das Unternehmen im August 2022 mit dem Vorhaben, in die Formel 1 einzusteigen, in die Öffentlichkeit trat und dafür dank neuem Reglement einen Motor mit nachhaltigem Kraftstoff und mit einem hohen Anteil elektrischer Leistung entwickeln musste, ging die Fahrzeugexpertin in Habachtstellung. Das Ziel war in Sichtweite: „Das ist meine Chance!“ Und die packte sie beim Schopf. „Mein Vorstellungsgespräch lief super. Audi gab mir 2023 die Chance, mich an dem spannenden Projekt Formel 1 zu beteiligen.“
Männderdomäne? Kein Problem. Alle teilen die Leidenschaft für Technik und Sport
In einer vermeintlichen Männerdomäne zu arbeiten, war für Anne-Lise noch nie ein Problem. Auch in ihrem heutigen Job im Bereich Prüffeld ist das nicht anders. Unter rund 50 Kollegen ist sie die einzige Frau. „Für mich ist das überhaupt kein Thema. Ich habe den Motorsport immer als eine Szene wahrgenommen, in der es um Leistung geht, nicht um das Geschlecht“, sagt Aubert. „Meine Kollegen teilen meine Leidenschaft für Technik und Sport, das verbindet uns.“
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Jetzt ist die 39-Jährige eine von über 400 Mitarbeitenden der Audi Formula Racing GmbH, einer eigenständigen Gesellschaft, die im bayerischen Neuburg den Formel-1-Antrieb von Audi entwickelt. Aubert stellt das auf den Prüfstand, was die dortigen Ingenieure entwickelt und gebaut haben. „Wir haben im Bereich Prüfstand wenig Einfluss darauf, wie Audi das neue Reglement mit erhöhter Elektrifizierung und nachhaltigen Kraftstoffen umsetzt.“
Dennoch müssen Kommunikation und Kooperation Hand in Hand gehen. „Wir stimmen uns kontinuierlich mit Versuchsingenieuren, Mechanikern und Sicherheitstechnikern ab.“ Aubert arbeitet an drei verschiedenartigen Prüfständen. „Wir sind für die Automatisierung, also für die Prüfstandentwicklung zuständig und müssen mit unseren Simulationen und der Messtechnik sicherstellen, dass wir die Bauteile so nahe wie möglich an der Realität betreiben.“ Das Spannende: „Wir sind die Ersten, die die neue Technik im Betrieb erleben.“
Ein komplett neues Produkt zu entwickeln, das dem brandneuen und umweltbetonten Reglement entspricht, war für alle Beteiligten Herausforderung und Abenteuer zugleich. Die Technikfachleute bewegten sich permanent in einer komplex-virtuellen Simulationswelt, die man mit der realen Rennsportwelt und deren Unwägbarkeiten in Einklang bringen musste.
Sie kennt die 22 Prüfstände bis ins DetailNach der Ankündigung des Einstiegs in die Formel 1 wurde in Neuburg ein neues Prüfstandgebäude gebaut und das Prüffeld umfassend erweitert. Eine hektische Zeit, in der jeder Tag zählte. „Wir standen immer unter Zeitdruck, sind jetzt aber froh, es rechtzeitig geschafft zu haben.
Da wir alles von Beginn an konzipiert und den Bau fachlich begleitet haben, kennen wir die 22 Prüfstände bis ins Detail.“ Bei allem Stress, den Aubert mit Squash spielen, Mountainbike fahren und auf dem Snowboard abbaut: „Das Ganze war und ist eine einzigartige Erfahrung für mich.“ Das sagt die Französin mit einem Strahlen in den Augen, das keiner Worte bedarf.
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Das Audi-Team sei stolz auf das bislang Geleistete, betont sie. „Wenn wir jetzt noch bei der größten Herausforderung im Motorsport vorne mitfahren, wäre das ein Grund, noch stolzer zu sein.“ Aber die Ingenieurin tritt auf die Euphoriebremse: „Wir sind Außenseiter. Wir starten im Gegensatz zur Konkurrenz bei null. Anfangs waren wir ,blind‘, nach den ersten Praxiserfahrungen fangen wir an zu sehen und uns mit den anderen zu vergleichen. Das ist ein ständiger Prozess, der nie ein Ende hat.“ Eine Tatsache, die Anne-Lise Aubert nicht schockt, sondern motiviert. Und wieder strahlt die Französin. Diesmal aus Vorfreude auf das Abenteuer Formel 1.
Die Premiere verlief einerseits erfreulich, andererseits „sehr unglücklich“, wie Nico Hülkenberg seinen Einstand beim neuen Arbeitgeber formuliert. Der Fahrer konnte aus technischen Gründen mit seinem Boliden in Australien nicht an den Start gehen, während sein Teamkollege Gabriel Bortoleto als Neunter die ersten WM-Punkte für Audi einfuhr.
Mit neuer Powerunit
Mit dem Audi Revolut F1 Team startet die Audi AG mit eigenen Werksmotoren und den Fahrern Nico Hülkenberg und Gabriel Bortoleto erstmals in der Formel-1-Weltmeisterschaft. Der Rennstall nutzt großenteils die Infrastruktur des traditionsreichen Schweizer Unternehmens Sauber Motorsport in Hinwil. Weitere Technikzentren sind im britischen Bicester sowie das neue Motorenwerk von Audi Sport im bayerischen Neuburg an der Donau beheimatet.
Die Formel 1 bleibt in der Saison 2026 beim V6-Turbo-Hybrid, doch die Kraftverteilung verschiebt sich enorm. Die neue Antriebstechnologie aus rund 50 % Elektromotorleistung und 100 % nachhaltigem Kraftstoff (synthetische E-Fuels oder Kraftstoffe aus Bio-Abfällen), die im Reglement ab sofort gilt, stellt einen der größten Wandel in der Geschichte der Formel 1 dar. Die neue Power-Unit (Antriebseinheit) bedeutet für die Teams enorme Herausforderungen in Sachen Technik- und Entwicklungsaufwand sowie Kosten.
Frauen am Steuer
In der Geschichte von Audi gab es immer wieder Frauen, die Erfolge einfuhren, sei es am Lenkrad oder hinter den Kulissen. So war die Renningenieurin Leena Gade für die Siege der vier Ringe in Le Mans zwischen 2011 und 2014 und mehrere WM-Titel hauptverantwortlich.
Michèle Mouton gilt als die erfolgreichste Rallyefahrerin der Motorsport-Geschichte. Im Audi quattro gelang ihr 1981 als erster Frau der Gesamtsieg bei einem Rallye-Weltmeisterschaftslauf. Es folgten Triumphe bei der Rallye Portugal, der Rallye Griechenland und der Rallye Brasilien.
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