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Hochtemperatursupraleitung: Warum kalter Strom Wissenschaft bewegt

17. Juni 2025

Supraleiter
Der Traum vom kalten Strom: Wie neue Methoden helfen, die Hochtemperatursupraleitung zu berechnen – und was noch fehlt. Foto: Smarterpix / blazinek28
Wie Strom bei minus 200 °C ohne Widerstand fließt – Forschende kommen dem Rätsel der Hochtemperatursupraleitung langsam auf die Spur.
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Die Hochtemperatursupraleitung ist ein physikalisches Phänomen, bei dem elektrische Energie ohne Widerstand transportiert wird – selbst bei vergleichsweise „warmen“ Temperaturen von rund –200 °C. Doch wie dieser Zustand in bestimmten Materialien zustande kommt, bleibt bis heute ungeklärt.

Während die konventionelle Supraleitung durch die BCS-Theorie beschrieben werden kann, stoßen Forschende bei sogenannten Hochtemperatursupraleitern an theoretische Grenzen. Neue Berechnungsmethoden und moderne Streuexperimente sollen nun helfen, die geheimnisvolle Dynamik der Elektronen besser zu verstehen und neue Materialien gezielt zu entwickeln.

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Inhaltsverzeichnis

Strom ganz ohne Widerstand?

In der Schulphysik lernen wir, dass ein elektrischer Leiter immer einen gewissen Widerstand besitzt. Je länger ein Kabel ist, desto mehr Energie verliert der Strom auf dem Weg – etwa in Form von Wärme. Supraleitung stellt dieses Prinzip infrage: Hier fließt Strom völlig verlustfrei.

Doch dieser Zustand tritt nur unter extremen Bedingungen ein. Die klassische Supraleitung wurde Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckt – und zwar bei Temperaturen nahe dem absoluten Nullpunkt, also bei –273 °C. In den 1980er-Jahren jedoch entdeckten Wissenschaftler*innen neue Materialien, die bei wesentlich höheren Temperaturen – immerhin bei rund –200 °C – supraleitend wurden. Diese sogenannten Hochtemperatursupraleiter stellen die Forschung bis heute vor große Rätsel.

Was passiert im Inneren?

In herkömmlichen Supraleitern ist das Verhalten der Elektronen gut verstanden. Die sogenannte BCS-Theorie aus dem Jahr 1957 erklärt, warum unterhalb einer kritischen Temperatur der elektrische Widerstand verschwindet. Dabei schließen sich zwei Elektronen zu einem sogenannten Cooper-Paar zusammen. Diese Paare bewegen sich durch das Kristallgitter, ohne von einzelnen Atomen gestört zu werden – der Strom fließt ohne Energieverlust.

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Das funktioniert deshalb, weil sich die Elektronen mit dem Gitter aus positiv geladenen Atomrümpfen abstimmen und gemeinsam einen neuen quantenphysikalischen Zustand einnehmen. Diese Vielteilcheneffekte lassen sich bei klassischen Metallen gut berechnen. In Hochtemperatursupraleitern jedoch greifen andere Mechanismen – und die bisherigen Theorien reichen nicht mehr aus.

Supraleitung – kurz erklärt:

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• Zustand ohne elektrischen Widerstand

• Strom fließt verlustfrei durch das Material

• Tritt unterhalb einer sogenannten Sprungtemperatur auf

• Bei klassischen Supraleitern nahe –273 °C

• Hochtemperatursupraleiter: supraleitend bereits bei –200 °C

• Magnetfeld wird beim Übergang vollständig verdrängt (Meißner-Ochsenfeld-Effekt)

 

Neue Materialien, neue Fragen

Die Hochtemperatursupraleiter der letzten Jahrzehnte zeigen Eigenschaften, die im Widerspruch zur klassischen Theorie stehen. Statt gute elektrische Leiter zu sein, verhalten sie sich eher wie Isolatoren. Sie enthalten Elemente wie Sauerstoff oder Nickel, die in klassischen Supraleitern keine Rolle spielen. Und doch treten auch in ihnen bei bestimmten Temperaturen supraleitende Zustände auf.

Für den Experimentalphysiker Matthieu Le Tacon vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist klar: „Das kollektive Verhalten von 10²³ Elektronen ist nicht ohne Weiteres zu verstehen. Es bewirkt etwas, was das einzelne Elektron alleine nicht kann.“ In diesen komplexen Materialien verändert eine minimale Veränderung der Kristallstruktur oder der Druckverhältnisse das makroskopische Verhalten drastisch. Plötzlich beginnt ein schlechter Leiter, supraleitend zu werden.

Berechnung trotz Quantenchaos

Ein zentrales Problem bei der Erforschung ist die theoretische Beschreibung. Die Wechselwirkungen zwischen vielen Elektronen lassen sich mit klassischen Methoden nicht mehr exakt berechnen. Selbst Supercomputer stoßen hier an ihre Grenzen. Genau deshalb hat Karsten Held von der TU Wien eine neue Berechnungsmethode entwickelt: die Dynamische Vertex-Approximation. Sie basiert auf sogenannten Feynman-Diagrammen, die ursprünglich für die Teilchenphysik entwickelt wurden.

Mit dieser Methode kann Held quantenphysikalische Effekte besser darstellen – insbesondere das Zusammenspiel der Elektronen in Hochtemperatursupraleitern. So konnte er beispielsweise für Nickelate, eine neue Klasse solcher Materialien, supraleitende Zustände rechnerisch vorhersagen. Die späteren Messungen bestätigten seine Berechnungen. „Damit sind wir in der einzigartigen Position, realistische, material-spezifische Rechnungen durchführen zu können“, erklärt Held. Ziel sei es, neue Supraleiter am Computer zu designen.

Warum ist Hochtemperatursupraleitung so schwer zu verstehen?

• Neue Materialien widersprechen der klassischen Theorie

• Konventionelle Modelle wie die BCS-Theorie greifen nicht

• Elektronen zeigen kollektives Verhalten („Emergenz“)

• Viele physikalische Freiheitsgrade: Ladung, Spin, Gitterstruktur, Magnetismus

• Theoretische Berechnung extrem rechenaufwendig

• Notwendig: neue Methoden wie die Dynamische Vertex-Approximation

 

Der Weg zur Raumtemperatur

Trotz aller Fortschritte ist das Ziel noch fern: ein Supraleiter, der bei Raumtemperatur funktioniert. Das wäre ein Quantensprung für die Energietechnik. Stromnetze könnten verlustfrei arbeiten, Motoren effizienter werden, leistungsfähige Quantencomputer Realität. Doch bislang bleibt dieses Ziel unerreicht.

Einen Beitrag zur Lösung leisten auch aufwendige Experimente mit Neutronen- und Synchrotronstrahlung. Diese hochenergetischen Licht- und Teilchenstrahlen ermöglichen es, das Verhalten von Elektronen in Materialien präzise zu untersuchen. „Wir brauchen unterschiedliche Messmethoden, um auf die verschiedenen Freiheitsgrade der Elektronen einzugehen“, sagt Sebastian Schmidt vom Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf. Denn nicht nur die elektrische Ladung zählt. Auch Spin, Gitterstruktur und orbitaler Magnetismus spielen eine Rolle.

Vielversprechende Perspektiven

Das Zusammenspiel all dieser Parameter macht das Phänomen so komplex – aber auch so spannend. Dank moderner Analyseverfahren und theoretischer Modelle kommen Forschende dem Geheimnis der Hochtemperatursupraleitung allmählich näher. Noch fehlt das umfassende Modell, das alle bekannten Effekte erklärt. Doch mit jedem neuen Material, jeder Berechnung und jeder Messung wächst das Verständnis.

Vielleicht gelingt es schon bald, die physikalischen Bedingungen zu entschlüsseln, unter denen Supraleitung bei Raumtemperatur möglich ist. Bis dahin bleibt die Suche nach dem perfekten Material eine der größten Herausforderungen der modernen Festkörperphysik.

Wo kommt Supraleitung zum Einsatz – heute und morgen?

• Medizintechnik: MRT-Geräte mit supraleitenden Magneten

• Teilchenphysik: Beschleunigermagnete (z. B. im CERN)

• Energietechnik: verlustfreie Stromleitungen, Superkabel

• Mobilität: Magnetschwebebahnen (Maglev)

• Quantencomputer: Schaltkreise mit Supraleitern als Qubits

• Zukunftsvision: Raumtemperatursupraleiter für globale Energienetze



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