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Mit Innovationen die Kunststoffbranche absichern 14.09.2026, 13:00 Uhr

Wettbewerbsfähig mit Hightech-Kunststoffen

Die deutsche Kunststoffbranche setzt auf ihr hohes Innovationspotenzial und blickt damit hoffnungsvoll in die Zukunft. Sie hofft aber auch, dass die Politik für klare und bessere Rahmenbedingungen zur Vermarktung von Innovationen sorgt - etwa durch den Abbau von Bürokratie.

Drei Menschen bei einer Podiumsdiskussion.

Dr. Christine Bunte, Hauptgeschäftsführerin von PlasticsEurope Deutschland, diskutiert mit Prof. Manfred Renner (Mitte), Leiter des Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik Umsicht, und Dr. Carsten Gerhardt (links), Partner bei der Unternehmensberatung EY, über die Zukunft der deutschen Kunststoffindustrie.

Foto: The Tailors Photography

Es ist bekannt: Auch Kunststoffhersteller hierzulande müssen im globalen Wettbewerb bestehen – und sie befinden sich in einem tiefgreifenden Wandel: Kreislaufwirtschaft, klimaneutrale Produktion, neue Rohstoffquellen und digitale Technologien verändern die Branche grundlegend. Doch die Branche mit rund 376.000 Beschäftigten in Deutschland sieht einen Silberstreif am Horizont: Innovationen mit Kunststoffen für Hightech-Produkte. Dies zeigte die Innovationspressekonferenz des Kunststoffverbands PlasticsEurope Deutschland, die am Freitag, 11. September 2026, in Berlin stattfand.

Zuversicht mit exzellenter Forschung

Zuversichtlich stimmte Dr. Christine Bunte, Hauptgeschäftsführerin von PlasticsEurope Deutschland, das große Potenzial: „Deutschland verfügt über exzellente Forschung, hochqualifizierte Fachkräfte, weltweit erfolgreiche Unternehmen und starke industrielle Netzwerke.“ So haben elf Unternehmen sowie das Fraunhofer Cluster of Excellence Circular Plastics Economy CCPE, Oberhausen, auf der Pressekonferenz zukunftsweisende Lösungen für globale Schlüsselthemen wie neue Mobilitätsformen, erneuerbare Energien und Energiesysteme, Gesundheitsversorgung, Kreislaufwirtschaft, Digitalisierung, industrielle Transformation, Sicherheitstechnologien sowie die Stadt der Zukunft vorgestellt.

Das sind alles Felder, in denen sich gut Geld verdienen lasse. Konkret wurde hier Dr. Jens Hamprecht, BASF-Vizepräsident für Nachhaltigkeit und Performance Materials. Er betonte, man solle auf die Kreislaufwirtschaft nicht nur mit der Brille der Ökologie, sondern auch mit der der Ökonomie schauen. Immerhin hat sich der Ludwigshafener Chemiekonzern zum Ziel gesetzt, bis 2030 rund 10 Mrd. € Umsatz mit „Loop Solutions“ zu erzielen. Diese umfassen Lösungen, die Kreislaufwirtschaft fördern, etwa durch recycelte oder nachwachsende Rohstoffe, Recyclingfähigkeit oder verlängerte Produktlebensdauer.

Die Chance: Kunststoffe für Hightech

„Deutschland muss sein Profil als Hightech-Standort weiter schärfen“, hob Dr. Thorsten Dreier, Technologie-Vorstand von Covestro, Leverkusen, hervor. Sein Punkt: Alle Zukunftsfelder der Hightech-Agenda würden ohne leistungsfähige Kunststoffe nicht funktionieren. „Wer Technologieführerschaft anstrebt, muss deshalb auch die dafür erforderlichen Material-, Produktions- und Wertschöpfungsketten im eigenen Land sichern“, sagte Dreyer und gab Beispiele für den Einsatz von Hochleistungskunststoffen.

Polycarbonate für die Mobilität

Ultraleichte und hochfeste Komponenten aus Polycarbonat ermöglichen etwa Sensor-, Radar- und Kamerasysteme für automatisiertes Fahren. Sie sind auch die Grundlage für Frachtdrohnen, Flugtaxis und autonome Luftfahrzeuge. Dreier denkt noch einen Schritt weiter: Autos können – dank mehr Selbststeuerung durch Hochleistungspolycarbonate – mit vernetzten Diensten, integrierten Displays und individualisierbaren Innenräumen immer mehr zu Lebens- und Arbeitsräumen werden.

Polyurethane für die digitale Gesundheitsvorsorge

Die Gesundheitsversorgung steht vor einem Dilemma: Einerseits wird ein Mangel an medizinischem Personal erwartet, andererseits steigt der Bedarf an medizinischer Versorgung, weil etwa die Zahl an Senioren und Seniorinnen steigt. Eine Lösung heißt „Digital Health“: also die Digitalisierung des Gesundheitswesens durch smarte Medizintechnik.

Zentral sind hier „Wearables“, also Geräte, die Gesundheitsdaten direkt am Körper erfassen, ohne den Alltag einzuschränken. Damit ein Sensor rund um die Uhr getragen werden kann, muss er leicht, robust und auch hautfreundlich sein. Kunststoffbasierte Gehäuse und flexible Folien aus Polyurethan haben genau diese Eigenschaften und ermöglichen damit dauerhafte Diagnostik außerhalb der Arztpraxis.

Polyurethane für den Kontakt zwischen Mensch und Roboter

Auch Industrieroboter sind ein Zukunftsmarkt. Der globale Markt kann sich Fachleuten zufolge von rund 50 Mrd. US-$ in 2025 bis 2030 auf mehr 110 Mrd. US-$ mehr als verdoppeln. Deutschland hat mit 449 solcher Roboter je 10.000 Beschäftigte im verarbeitenden Gewerbe bereits die höchste Dichte Europas. Damit Roboter den Anforderungen gerecht werden können, müssen sie schnell, geschickt, ausdauernd und robust sein. Das gelingt mit leichten Bauteilen aus Polycarbonat, die bis zu 50 % leichter sind als vergleichbare Metallteile ohne bei Schlagfestigkeit Kompromisse einzugehen.

Flexible Kunststofffolien aus thermoplastischem Polyurethan können helfen, damit Mensch und Roboter gut zusammenarbeiten. Solche Folien dienen als Substrat für eine elektronische Haut und können Robotergreifern ein feines Tastempfinden verleihen. Im direkten Kontakt mit Menschen sorgen solche Soft-Touch-Beschichtungen für eine angenehme und auch ungefährliche Oberfläche der Maschinen. Dies öffnet der Automatisierung nicht nur in der Industrie, sondern auch in der Pflege oder in privaten Haushalten Möglichkeiten, die bislang kaum erschlossen waren.

Innovation braucht gute Rahmenbedingungen

Bunte benannte auf der Pressekonferenz auch Schwächen: „Was uns zu oft fehlt, ist der Sprung von der Idee in den Markt.“ Doch Innovationen „Made in Germany“ dürfen nicht in Laboren oder Pilotanlagen steckenbleiben, sondern müssen im industriellen Maßstab Wirklichkeit werden. Wichtig sei, neue Produkte und Technologien schneller als bisher in die industrielle Wertschöpfung zu überführen. „Dafür braucht es verlässliche Rahmenbedingungen“, betonte Bunte. Ein konkretes Beispiel: Verpackungen sollen nach neuem Verpackungsrecht von 2030 an auch strengere Anforderungen an Recyclingfähigkeit und, bei Kunststoffverpackungen, an den Rezyklateinsatz erfüllen. Doch wie diese Anforderungen im Detail nachgewiesen, berechnet und bewertet werden, wurde noch nicht festgelegt. „Solche Unsicherheiten bremsen Investitionen, statt sie zu beschleunigen,“ sagt Bunte.

Vernetzen für alle Kunststoffe

In der folgenden Podiumsdiskussion betonte auch Dr. Carsten Gerhardt, Partner bei der Unternehmensberatung EY, wie wichtig die Zusammenarbeit von Wissenschaft, Industrie, Start-ups, Investoren und Politik für leistungsfähige Innovationsökosysteme sei. „Deutschland sollte insgesamt stärker entlang kompletter Wertschöpfungsketten und konkreter Skalierungsprojekte denken.“ Auch Prof. Manfred Renner, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik Umsicht in Oberhausen, unterstrich, das größte Risiko bestehe darin, dass andere Regionen neue Technologien schneller industrialisierten.

Und ein Gedanke, der auf der Pressekonferenz öfter aufkam: Werden deutsche Unternehmen globale Marktführer für Kunststoffe für Hightech-Produkte, stützt das die Kunststoffbranche insgesamt – nicht nur die Herstellung der Spezialprodukte.

Bürokratie abbauen mit Vertrauen

Regulatorik hält Renner jedoch grundsätzlich für berechtigt. „Denn es braucht Spielregeln!“ Und er betont, ausufernde Regulatorik sei ein Zeichen des Misstrauens von Seiten der Politik und der Gesellschaft. Angesichts der Größe der Verschärfung des internationalen Wettbewerbs sollten Politikerinnen und Politiker in Berlin und Brüssel aber jenen Menschen, die Unternehmen führen, und jenen, die dort arbeiten, mehr vertrauen. „Dies ist nicht blind, naiv oder unkritisch – aber von Vertrauen geprägt!“

Vertrauen hält Renner vor allem auch für die Phase, in der neue Technologien getestet und skaliert werden, für wichtig. Wer Pilotanlagen, Demonstrationsprojekte und industrielle Skalierung beherrscht, entscheidet am Ende darüber, wo Wertschöpfung und Arbeitsplätze entstehen und wer bei den Technologien von morgen führend ist.“ Die Transformation zu einer zirkulären und klimaneutralen Kunststoffwirtschaft könne nur gelingen, wenn bestehende Produktionsstrukturen erhalten, und gleichzeitig neue Technologien, Infrastrukturen und Geschäftsmodelle aufgebaut würden.

Bürokratie abbauen: unbürokratischer fördern

Ein konkretes Beispiel für einen sinnvollen Bürokratieabbau nannte Marcel Beerman, Geschäftsführer des Start-ups Arcus Greencycling aus Ludwigsburg, Baden-Württemberg. Öffentliche Förderung sollte stärker grundsätzlich darauf abzielen, innovative Lösungen mit Marktpotenzial schnell voranzubringen, und weniger darauf, formale Kriterienkataloge abzuprüfen. Aktuell sei diese Förderung aber umständlich und langwierig zu beantragen. „Gerade kleine Unternehmen müssen externe Berater einbinden, um bei der Erfüllung der formalen Kriterien keine Fehler zu machen“, so Beermann. Für wünschenswert hält er Dreierlei: Es sollte genügen, einen kurzern pragmatischen Antrag, in dem ein junges Unternehmen sein Konzept, den bislang erreichten Stand und seinen Förderbedarf vorstellt, einzureichen. Dann sollten bei grundsätzlicher Förderwürdigkeit erfahrene Fachleute das Unternehmen in einem persönlichen Austausch bewerten. Last but not least braucht es bei positiver Bewertung eine zügige Zusage.

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