70 Prozent günstiger als neu: Die unterschätzte Macht der Kreislaufwirtschaft
Kreislaufwirtschaft ist mehr als Recycling. Den größten Hebel bietet die Gebrauchsphase eines Produkts: Wer Maschinen und Anlagen repariert, aufarbeitet und weiternutzt, spart Ressourcen – und oft viel Geld.
Panel auf der Innovation Stage zu „Circular Economy in Plant Engineering and Operations: Re-use, Re-pair and Re-furbishment of Industrial Equipment“ (v.l.n.r. Laura Wollny (VDI), Volker Buchta (Emerson), Daniel Grosse (Leser), Eckhard Alles (Centrimax Winkelhorst Trenntechnik), Torsten Wagner (Covestro)).
Foto: Laura Wollny
Wir benötigen weitaus mehr Ressourcen als biologisch nachwachsen oder als langfristig aus endlichen Quellen abgebaut und gefördert werden könnten. Und auch aus geopolitischer Sicht wird es immer schwieriger, bestimmte Ressourcen, die für den Wohlstand in Deutschland nötig sind, zu importieren. Dies können spezielle Metalle wie Seltene Erden sein, aber auch scheinbar triviale Brennstoffe, wie Erdgas und Erdöl – wie wir gerade wieder zu spüren bekommen.
Ein Lösungsansatz, um weniger natürliche Ressourcen zu brauchen, ist die Kreislaufwirtschaft. Während das vorherrschende lineare Wirtschaftsmodell in den Schritten Produktion, Gebrauch und Entsorgung funktioniert, geht es in der Kreislaufwirtschaft darum, Produkte und Ressourcen möglichst lang in Wertschöpfungskreisläufen zu halten. Dies spart nicht nur natürliche Ressourcen, sondern macht Deutschland auch weniger abhängig von Importen.
Inhaltsverzeichnis
Doppeltes Potenzial für Kreislaufwirtschaft im Anlagenbau
Im für Deutschland so wichtigen Anlagen- und Maschinenbau entfaltet die Kreislaufwirtschaft gleich doppeltes Potenzial. Zum einen können die Unternehmen mit ihren Anlagen beziehungsweise Maschinen dabei helfen Endprodukte herzustellen, die kreislauffähig sind. Zum anderen können auch die Anlagen und Maschinen selbst kreislauffähig sein.
Wichtig ist dabei, dass Kreislaufwirtschaft weit mehr ist als effizientes Recycling am Lebensende eines Produktes. Aus diesem Grund hatte Torsten Wagner von Covestro bei der Circular Valley Convention zu einer Diskussionsrunde mit dem Titel „Circular Economy in Plant Engineering and Operations: Re-use, Re-pair and Re-furbishment of Industrial Equipment“ eingeladen. Wagner und seine Gäste sprachen darüber, wie die wichtige Lebensmitte, die Gebrauchsphase eines Produktes, möglichst lang gestaltet werden kann. Denn durch diese Stellschraube ließen sich erhebliche Ressourcen einsparen.
Die R-Strategien der Kreislaufwirtschaft
Re-use (Weitergebrauch von Produkten), Re-pair (Reparatur von Produkten) und Re-furbish (Aufarbeiten von Produkten) sind dabei drei der neun sogenannten R-Strategien der Kreislaufwirtschaft. Viele dieser Strategien haben eine lange Tradition im Anlagenbau. Bestandteile von industriellen Anlagen sind sehr teuer und die Nutzenden haben ein Interesse daran, ihre Investitionen lange zu nutzen. Gleichzeitig stellen sich einige Fragen: Wie lassen sich Qualitäts- und Sicherheitsanforderungen über zum Teil Jahrzehnte aufrechterhalten? Wie lassen sich Maschinen in neue digitale Steuerungsprozesse einbinden und wie können Unternehmen abseits von der Herstellung und dem Verkauf von Neuprodukten Geld verdienen?
Chancen für Unternehmen
Centrimax Winkelhorst Trenntechnik aus Köln ist seit 60 Jahren erfolgreich im Bereich Reuse, Repair und Refurbishment tätig. Eckhard Alles, Sales Manager Chemistry und Biotechnology, berichtete, dass seine Firma gar keine Neuwaren produziert, sondern Geräte, wie Separatoren und Zentrifugen ankauft, demontiert und reinigt. Verschleißteile, defekte Komponenten und Schmiermittel werden ausgetauscht. Zur Steuerung der Geräte werden sie mit einer neuen, prozess- und kundenspezifisch konfigurierten Steuerung versehen. Die Käufer erhalten so ein neuwertiges Produkt inklusive Garantie. Trotz der ganzen Handarbeit kosten die Produkte am Ende bis zu 70 % weniger als Neuware. Eine nachhaltigere Lösung ist in diesem Fall sogar günstiger als der Standardweg des Neukaufs.
Dass Herstellerfirmen von Industrieprodukten die Gewinne im Bereich der Lebenswegverlängerung nicht unbedingt nachgelagerten Firmen wie Centrimax überlassen müssen, zeigen zwei Beispiele. Die Firmen Emerson und Leser stellen Ventile für den Anlagenbau her. Während Emerson Prozessventile produziert, liegt der Fokus bei Leser auf Sicherheitsventilen. Sicherheitsventile kommen im besten Fall jahrzehntelang nicht zum Einsatz. Sie müssen im Falle eines Sicherheitsvorfalls aber reibungslos funktionieren, um Überdruck und im schlimmsten Fall Explosionen zu verhindern.
Volker Buchta, Sales Director DACH Flow Controls bei Emerson, und Daniel Grosse, Division Manager Americas bei Leser, waren sich einig darin, dass das nachhaltigste Ventil oft das ist, das man nicht ersetzt. Langlebigkeit auch schon im Design zu verankern, ist demnach sehr wichtig. Beide Unternehmen bieten auch Lösungen im Bereich Repair und Refurbishment an, damit ihre Kunden langfristig auf die verbauten Ventile vertrauen können.
Bei Emerson setzt man dabei auf die digitalisierte Überwachung von Bauteilen. So lassen sich Ventile bei echtem Bedarf warten und nicht, wenn der Prüfkalender es vorsieht. Verschleiß wird frühzeitig erkannt, um Stillstände der Anlagen zu minimieren und Kosten zu sparen.
Unterstützung vom VDI
Richtlinien, Normen und Standards können zweifellos dabei helfen, dass Kunden auch im Bereich Reuse, Repair und Refurbish auf gute und verlässliche Qualität vertrauen können. Der VDI unterstützt den Weg hin zur Kreislaufwirtschaft mit seiner praxisnahen und anwenderorientierten Regelsetzung. Darüber hinaus bietet das Kompetenzzentrum für Ressourceneffizienz (VDI ZRE) kleinen und mittleren Unternehmen konkrete Hilfestellungen beim Weg in die Kreislaufwirtschaft an. Ein Beispiel dafür ist das Kurzpapier „Kreislaufwirtschaft im Maschinen- und Anlagenbau“ des VDI ZRE. Es gibt Interessierten einen Überblick über neue Geschäftsmodelle in der Kreislaufwirtschaft und bietet zudem weitere Beispiele aus Unternehmen.
Gerade in Zeiten, in denen das Überschreiten der planetaren Grenzen immer sichtbarer wird, und gleichzeitig Handelswege immer unsicherer werden, ist es wichtig, dass die Diskussionen und der Austausch um Kreislaufwirtschaft vorangehen.
Die nächste Circular Valley Convention ist für den 4. und 5. Mai 2027 geplant.
(Dr. Laura Wollny, Wissenschaftliche Mitarbeiterin der VDI-Gesellschaft Energie und Umwelt)




