Windkraft wächst kräftig, doch Deutschland verfehlt sein Ausbauziel
Windenergie an Land und auf See gewinnt an Kraft, Verbände sehen die Ausbauziele jedoch trotzdem langfristig gefährdet.
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Der Windenergieausbau in Deutschland hat im ersten Halbjahr 2026 zugelegt. An Land gingen neue Anlagen mit 2 363 MW in Betrieb, auf See 1 077 MW. Die Halbjahreszahlen zeigen eine Branche im Aufwind. Die regulatorischen Risiken nehmen jedoch zu. Streitpunkte sind vor allem das EEG 2027, das Netzanschlusspaket und die Reform des Windenergie-auf-See-Gesetzes.
Zum 30. Juni 2026 waren in Deutschland an Land 29 248 Windenergieanlagen mit 69 952 MW installiert. In der deutschen Nord- und Ostsee liefen 1 764 Offshore-Anlagen mit zusammen 10,8 GW. Grundlage sind Auswertungen der Fachagentur Wind und Solar im Auftrag des Bundesverbands WindEnergie (BWE) beziehungsweise von VDMA Power Systems sowie der Deutschen WindGuard im Auftrag von BWE, Bundesverband Windenergie Offshore, VDMA Power Systems, WAB, WindEnergy Network und Stiftung Offshore-Windenergie.
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Zubau an Land wächst um 7 Prozent
Im ersten Halbjahr wurden 423 neue Windenergieanlagen an Land mit 2 363 MW in Betrieb genommen. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum entspricht das einem Plus von 7 %. 135 Anlagen mit 770 MW entfielen auf Repowering-Projekte. Gleichzeitig wurden 307 Altanlagen mit 436 MW stillgelegt. Unter dem Strich kamen 116 Anlagen und 1 927 MW netto hinzu. Im ersten Halbjahr wurden Projekte mit 9,15 GW genehmigt. Das ist so viel wie nie zuvor in einem ersten Halbjahr. Das gesamte genehmigte Volumen stieg auf 48,1 GW. Rund 19 GW warten allerdings weiterhin auf einen Ausschreibungszuschlag.
Trotz der hohen Projektzahl bleibt der Ausbau hinter dem gesetzlichen Zielpfad von 10 GW/a zurück. Nach Berechnungen der Fachagentur Wind und Solar ist auch das Ziel von 84 GW installierter Onshore-Leistung bis Ende 2026 nicht mehr erreichbar. Rechnerisch müssten dafür im zweiten Halbjahr rund 14 GW netto ans Netz gehen. Auch die zu Jahresbeginn ausgegebene Prognose von 8 GW Bruttozubau scheint inzwischen kaum noch haltbar. Sie wäre nur noch möglich, wenn der Zubau im zweiten Halbjahr deutlich zunimmt. „Die Pläne des Bundeswirtschaftsministeriums drohen, den Ausbau der Windenergie empfindlich auszubremsen und so Deutschlands fossile Abhängigkeit zu zementieren. Das ist angesichts wiederkehrender Energiekrisen und steigendem Strombedarf Politik gegen die Interessen des Industriestandorts und der Bevölkerung“, warnt Bärbel Heidebroek, Präsidentin des BWE.
Netzanschluss und Transporte bremsen Projekte
Mit dem EEG 2027 und dem Netzanschlusspaket steht die Energiepolitik nach Einschätzung von BWE und VDMA vor einer entscheidenden Weichenstellung. „Wir fordern umfassende Korrekturen an den Gesetzesvorhaben, damit die Windenergie auch über 2026 hinaus einen starken Beitrag für das Erreichen der deutschen Energie- und Klimaziele leisten kann“, sagt Heidebroek. Dennis Rendschmidt, Geschäftsführer von VDMA Power Systems, betont: „Die Windindustrie liefert – sie verfügt über die erforderlichen Produktionskapazitäten, um flexibel auf eine steigende Nachfrage zu reagieren, und baut diese bedarfsgerecht weiter aus.“ Dafür brauchte es jedoch langfristige Investitionssicherheit statt neuer Unsicherheiten.
Das Netzanschlusspaket soll den Netzausbau beschleunigen, die Steuerung intelligenter machen und vorhandene Flexibilität besser nutzbar machen. Die Verbände sehen diese Ziele im Entwurf nicht ausreichend umgesetzt. Sie kritisieren vor allem die Regeln für Engpassgebiete, Redispatch und eine mögliche Wirkleistungsbegrenzung. In kapazitätslimitierten Gebieten könnten Projekte dadurch wirtschaftlich schwerer darstellbar werden, so ihre Warnung.
Hinzu kommen praktische Verzögerungen. Nach Angaben der Fachagentur vergehen von der Erstgenehmigung bis zur Inbetriebnahme inzwischen durchschnittlich 31 Monate. Die eigentlichen Genehmigungsverfahren dauern im Mittel knapp 17 Monate. Darüber büßen Projekte durch verspätete Netzanschlüsse, Änderungsverfahren und langwierige Genehmigungen für Schwerlasttransporte unnötig Zeit ein. „Mit verlässlichen politischen Rahmenbedingungen sowie Verbesserungen bei Netzanschlüssen und Transportbedingungen für Anlagen kann der entstandene Rückstand im Zubau aufgeholt werden“, so Rendschmidt.
Zusatzvolumen und wachsender Projektstau
Der BWE und der VDMA unterstützen das im Klimaschutzprogramm beschlossene Zusatzvolumen von 12 GW Windenergie an Land. Damit könnten mehr genehmigte Projekte einen Zuschlag erhalten. Besonders in der Südregion sollen zusätzliche Ausschreibungsvolumina nach Angaben der Verbände die Systemstabilität verbessern und die Systemkosten senken.
Allerdings ist es für die Verbände noch fraglich, ob das Zusatzvolumen seine Wirkung überhaupt entfalte kann. Ein Redispatch-Vorbehalt, Resilienzausschreibungen zulasten regulärer Volumina oder Änderungen am Referenzertragsmodell könnten die Zahl realisierbarer Projekte begrenzen. Die hohe Genehmigungszahl allein löst den Rückstand daher nicht.
Offshore-Wind überschreitet 10-GW-Marke
Auch auf See fiel der Zubau im ersten Halbjahr kräftig aus. 84 neue Anlagen mit 1 077 MW gingen ans Netz. Weitere 22 Anlagen mit 323 MW sind in den Offshore-Windparks Borkum Riffgrund 3 und He Dreiht sowie im Nordseecluster A errichtet, aber noch nicht in Betrieb.
Für Projekte mit 2,6 GW liegt eine finale Investitionsentscheidung vor. Weitere Vorhaben mit 17,5 GW wurden bezuschlagt, haben diesen Schritt aber noch nicht erreicht. Bis 2032 sollen in Deutschland 30 GW Offshore-Windenergie installiert sein.
Die Branche drängt deshalb auf eine rasche Reform des Windenergie-auf-See-Gesetzes. Die ausgebliebenen Gebote im August 2025 sind nach Ansicht der Branchenvertretet ein Zeichen dafür, dass das bestehende Ausschreibungssystem nicht mehr zu den Marktbedingungen passt. Solange Rechtsrahmen und Finanzierung offenbleiben, fehlt Projektentwicklern, Herstellern und Zulieferern die nötige Planungssicherheit.
CfDs statt negativer Gebote
Im Zentrum der geforderten Reform stehen indexierte, zweiseitige Contracts for Difference (CfDs). Sie könnten nach Einschätzung der Verbände Finanzierungsrisiken senken. Außerdem ließen sich so die Realisierungschancen erhöhen und langfristig wettbewerbsfähige Stromkosten ermöglichen. Das System negativer Gebote halten die Expertinnen und Experten hingegen für gescheitert.
Auch langfristige Stromabnahmeverträge, sogenannte Power Purchase Agreements, sollen leichter finanzierbar werden. Dafür verlangen die Verbände einen Absicherungsmechanismus, der sowohl Banken als auch dem industriellen Mittelstand tragfähige Modelle eröffnet.
Für die zwischen 2023 und 2025 bezuschlagten Projekte wird zudem eine Rückgabeoption diskutiert. „Wo Projekte unter negativ veränderten Rahmenbedingungen und gestiegenen Risiken multipler Krisen nicht mehr umgesetzt werden können, ist die Bundesregierung gefordert, gesetzlich verankerte Kriterien für eine Rückgabeoption zu prüfen sowie einen damit verbundenen Mechanismus, um die betroffenen Flächen unverzüglich neu auszuschreiben“, heißt es.
Windenergie-Branche mit rund 179 000 Beschäftigten
Nach Angaben der Verbände sichert die Windenergie an Land mehr als 130 000 Arbeitsplätze. In der Offshore-Windenergie haben rund 49 000 Menschen in Deutschland einen Arbeitsplatz gefunden. Ein kontinuierlicher Ausbau soll Investitionen in Produktionskapazitäten, Lieferketten und Hafeninfrastruktur absichern.
Das Thema Sicherheit gewinnt an Bedeutung
Darüber hinaus wächst der Handlungsdruck bei der Sicherheit der Energieinfrastruktur. Für Anlagen an Land sollen Regelungslücken bei Fernzugriff und Kontrolle geschlossen werden. Bei Windanlagen auf See sind es physische und digitale Risiken entlang der Lieferketten.




