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Was auf den Dächern verloren geht 29.04.2026, 16:30 Uhr

Warum Hürden für Dach-Photovoltaik die Klimaziele ausbremsen könnten

Schlechtere Rahmenbedingungen für den Ausbau von Photovoltaik auf dem Dach zugunsten von Freiflächen-Solar könnten Investitionen bremsen und die deutschen Klimaziele gefährden.

Montage eine Photovoltaik-Anlage

Dach-Photovoltaik leistet einen wichtigen Beitrag zum Erreichen der deutschen Klimaziele.

Foto: Smarterpix/artalis

Freiflächen-Solar gilt als günstig, Dach-Photovoltaik oft als teurer und kleinteiliger. Doch wer den Ausbau auf Haus- und Gewerbedächern politisch abbremst, spart womöglich an der falschen Stelle. Das Wuppertal Institut warnt, dass schlechtere Rahmenbedingungen für Dachanlagen nicht nur Investitionen bremsen, sondern am Ende auch die deutschen Klimaziele gefährden könnten.

Auf den ersten Blick nachvollziehbar: Wenn Solarstrom auf Freiflächen deutlich günstiger erzeugt werden kann als auf Gebäudedächern, warum sollte die Politik dann nicht stärker auf genau diesen Ausbaupfad setzen? Diese Idee scheint hinter der geplanten Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes zu stehen, die nach Angaben des Wuppertal Instituts seit dem 21. April 2026 in der Ressortabstimmung ist. Demnach soll es für neue Dach-Solaranlagen spürbar schlechtere Bedingungen geben, während Freiflächenanlagen stärker im Fokus stehen sollen.

Was theoretisch nach Kosteneffizienz aussieht, könnte jedoch in der Praxis zentrale Säulen der Energiewende schwächen. Denn Dach-Photovoltaik ist in Deutschland kein Randthema. Laut Wuppertal Institut entfiel im vergangenen Jahr rund die Hälfte der neu errichteten Photovoltaik (PV)-Leistung auf Gebäude-Solaranlagen, in den Jahren zuvor sogar mehr als die Hälfte. Wer diesen Bereich ausbremst, könnte daher einen zentralen Wachstumspfad des gesamten PV-Ausbaus ausbremsen. Zugleich bleiben die Ausbauziele offenbar bestehen: Um sie zu erreichen, müsste der jährliche PV-Zubau in den kommenden Jahren auf durchschnittlich rund 20 GW anwachsen. Die vergangenen beiden Jahre lagen laut dem Institut bei 17 bis 18 GW.

Photovoltaik: Warum günstiger nicht automatisch besser ist

Hier sieht das Wuppertal Institut ein erhebliches Risiko. Die Forschenden des Instituts bestreiten nicht, dass eine stärkere Fokussierung auf Freiflächenanlagen zu moderaten Kosteneinsparungen im Stromsystem führen kann. Sie warnen jedoch davor, politische Entscheidungen ausschließlich an kurzfristigen Kostenkennzahlen auszurichten. Denn Dachanlagen erfüllen mehr als nur eine Stromerzeugungsfunktion. Sie erschließen bereits bebaute Flächen, stärken Eigenverbrauchsmodelle, stützen lokale Investitionen und machen die Energiewende sichtbarer und breiter verankert. Wenn dieser Bereich geschwächt wird, könnte das nicht nur die Ausbaugeschwindigkeit ausbremsen. Es könnte auch dafür sorgen, dass der gesamte Transformationspfad weniger robust ist.

Besonders heikel ist nach Einschätzung der Forschenden der geplante Wegfall der gesetzlichen Vergütung für eingespeisten Strom aus neuen Solaranlagen bis 25 kW(peak). Genau in dieser Größenordnung bewegen sich in der Regel PV-Anlagen auf Einfamilienhäusern. Für viele Betreiberinnen und Betreiber ist die Rechnung bislang relativ einfach. Einen Teil des Solarstroms nutzen die selbst, Überschüsse werden eingespeist und vergütet. Fällt dieser Vergütungsbaustein weg, verschlechtert sich die Wirtschaftlichkeit deutlich. Das gilt vor allem dann, wenn sich auch mit Speicher kein ausreichend hoher Eigenverbrauch erreichen lässt. Die Konsequenz könnte sein, dass diese Investitionen ganz unterbleiben oder Dächer nur noch teilweise belegt werden, obwohl technisch mehr möglich wäre.

Hinzu kommt noch die Direktvermarktung. Wer trotz wegfallender Einspeisevergütung für überschüssigen Strom noch marktnahe Erlöse erzielen will, müsste nach dem geschilderten Entwurf Verträge mit Direktvermarktern abschließen. Für große Anlagen ist das ein gängiger Weg. Für private oder kleine gewerbliche Dachanlagen ist er nach Einschätzung des Wuppertal Instituts aber kurzfristig kaum massentauglich. Zu hoch sind bislang die relativen Vermarktungskosten kleiner Strommengen, zu langsam verläuft der Rollout intelligenter Messsysteme. Das Institut erkennt zwar an, dass die Bundesregierung die Direktvermarktung auch für kleinere Anlagen ausbauen will, warnt aber vor einer Übergangslücke. Wenn neue Pfade politisch vorgesehen, praktisch aber noch nicht tragfähig sind, droht genau in dieser Zwischenphase ein Markteinbruch.

Die Energiewende braucht Photovoltaik auf Dach- und Freiflächen

Natürlich bleibt das Kostenargument, räumen auch die Forschenden ein. Freiflächenanlagen erzeugen Solarstrom typischerweise deutlich günstiger als Dachanlagen. Das Wuppertal Institut spricht von Stromgestehungskosten, die oft nur etwa halb so hoch liegen. Das hat mit Skaleneffekten, einfacherer Errichtung und standardisierten Projekten zu tun. In diesem Zusammenhang weisen die Forschenden allerdings darauf hin, dass sich die Energiewende nicht allein nach dem billigsten Kilowattstundenpreis organisieren lässt. Wer nur auf die günstigste Anlagenart setze, blende andere Systemwirkungen aus.

Dazu zählen zum Beispiel Flächenkonflikte, die Abhängigkeit von einzelnen Ausbaupfaden, Beschäftigungseffekte im Handwerk oder die Frage, wie resilient das Gesamtsystem aufgestellt ist. Gerade die Dach-Photovoltaik spielt dabei eine strategische Rolle. Sie nutzt vorhandene Gebäudehüllen statt zusätzlicher Flächen, verteilt den Ausbau auf viele Schultern und verbindet Energiewende mit konkreten Investitionsentscheidungen von Haushalten, Unternehmen und Immobilienbesitzern. Fällt diese Breite weg, steigt die Abhängigkeit davon, dass Freiflächenprojekte schnell genug in ausreichender Zahl entwickelt, genehmigt und realisiert werden können.

Klimaziele in Gefahr

Die Forschenden sehen aus diesen Gründen eine Gefahr für die deutschen Klimaziele. Sollte sich der Rückgang bei Dachanlagen nicht vollständig kompensieren lassen, wäre am Ende mehr Strom aus fossilen Kraftwerken notwendig. Dann hätte eine Politik, die eigentlich Kosten sparen wollte, den Transformationspfad insgesamt, also ökologisch und volkswirtschaftlich, verteuert.