01.03.2019, 00:00 Uhr

Stadt und Lärm im 19. und frühen 20. Jahrhundert

Zusammenfassung Die Entstehung der modernen europäischen Großstadt führte zu einer Intensivierung des Lärmdiskurses. Anhand der sich radikal wandelnden Lautsphäre wurden paradigmatisch Fragen der Stadtentwicklung, der Kultur- und Zivilisationskritik, aber auch soziale und ökonomische Konflikte diskutiert.

„Das Geräusch des neunzehnten Jahrhunderts, das wir zuerst hören, wenn wir uns seelisch darauf konzentrieren, ist kein Schlachtendonner und kein Feldgeschrei irgend welcher weltlichen oder geistlichen Art: es ist das Donnern eines Eisenbahnzuges, der das Granitmassiv eines Schneegebirges im Tunnel durchquert, das Pfeifen von Dampfmaschinen, das Singen des Windes in Telegraphendrähten und der sonderbare heulende Laut, mit dem der elektrische Straßenbahnwagen an seiner Leitung hängend daherkommt [1].“

Die auralen Eindrücke des Berliner Schriftstellers Wilhelm Bölsche fokussieren paradigmatisch die einschneidenden akustischen Veränderungen, denen die europäische Zivilisation im Gefolge von Industrialisierung und Technisierung unterworfen war. Es waren insbesondere die Fabriken sowie die neuen Verkehrsmittel Eisenbahn, Straßenbahn und Automobil, die eine allerorts wahrnehmbare neue Geräuschkulisse entstehen ließen, deren Zusammensetzung und Qualität sich völlig anders als bisher darstellte. Nach einer Schätzung des kanadischen Komponisten und Akustikforschers Murray R. Schafer setzte sich die industrielle Lautsphäre nur mehr zu einem Drittel aus Natur- und Menschenlauten und zu zwei Drittel aus Werkzeug- und Maschinengeräuschen zusammen [2].

Die maschinell erzeugten Laute waren monoton und kontinuierlich, ohne Individualität und die in der Natur üblicherweise ausgeprägten Phasen des Entstehens, Anschwillens und Verklingens. Schafer spricht in diesem Zusammenhang von flach verlaufenden Schall- oder Wanderwellen. Anstelle der Kirchenglocken, die bisher den Rhythmus des Lebens bestimmt hatten, gaben nunmehr Dampfpfeifen und Sirenen den Takt an. Die anhaltenden, abrupt beginnenden und endenden Laute, von der industriellen Revolution eingeführt und der Elektrotechnik ausgeweitet, verkörpert im Rhythmus der Dampfmaschinen wie im Brummen der Motoren, gerieten zum dauerhaften Grundton der Zivilisation. Neue Modalitäten der Aufmerksamkeit bildeten sich heraus, die gesamte auditive Kultur begann sich zu wandeln.

Zentrum und Brennpunkt dieser Auseinandersetzung waren die rapide anwachsenden Städte, die sich – materiell wie akustisch – immer weiter in ihr Umland ausdehnten. Die Intensivierung des Verkehrs, die generelle Vervielfachung und Verdichtung der Aktivitäten im öffentlichen Raum, verstärkte den akustischen Gegensatz zwischen Stadt und Land. Waren in den ländlichen Gebieten die einzelnen Geräusche noch relativ deutlich zu unterscheiden, so entstand in den Städten ein typischer „Großstadtwirbel“ (Felix Salten), eine dichte, undurchdringliche Lautkulisse aus sich ständig überlagernden Einzelgeräuschen. Der renommierte deutsche Musikritiker Richard Batka sprach 1908 treffend von einem fortwährenden „Tohuwabohu“, das sich überall auf den Straßen bemerkbar mache: „Stelle dich einmal gegen Mittag an eine belebte Straßenkreuzung der Großstadt: da poltert, kollert, knarrt, läutet, pfeift, schreit, tollt es oft durcheinander, daß man den Lärm als körperlichen Schmerz empfindet. Und weil sich jeder einzelne über die andern zu Gehör bringen will, lizitieren einander die Krawallmacher immer mehr in ein Tohuwabohu hinauf, ohne doch ihren eigentlichen Zweck zu erreichen [3].“

Die „Brandung der Großstadt“

Die Opulenz und Vielfalt der Großstadt ließ sich immer schwerer mit den Sinnen fassen. Ihre bislang möglichst vollständige topographische Beschreibung wurde abgelöst von einer kompetenten Selektion, einer Schilderung subjektiv ausgewählter Eindrücke und Szenerien, wie sie erstmals der französische Schriftsteller Louis Sébastien Mercier in seinem berühmten zwölfbändigen Monumentalwerk „Tableau de Paris“ (1782–88) vorlegte.

Nur mehr aus der Distanz, von einem Turm oder Berg aus, war die Totalität der Stadt einigermaßen fassbar, ihre Physiognomie somit erkenn- und darstellbar. In Wien sprach Adalbert Stifter angesichts der sich ins schier Unendliche ausdehnenden Masse an Häusern euphorisch vom „Häusermeer“, das sich zu seinen Füßen erstrecke, und von der „Riesenscheibe, die da wogt und wallt und kocht und sprüht und sich ewig rührt in allen ihren Teilen (Bild 1) [4].“

Bild 1 Das „Häusermeer“ von Wien, Panorama von Gustav Veith, um 1873 Quelle: Wien Museum

Bild 1 Das „Häusermeer“ von Wien, Panorama von Gustav Veith, um 1873

Foto: Wien Museum

Mit dem Bild vom „Häusermeer“ war eine zentrale Metapher für die neue, panoramatische Wahrnehmung der Großstadt gefunden, in der sich die Erfahrung der Entgrenzung des Raumes ebenso ausdrückt wie das Aufgehen individueller Befindlichkeit in einer homogenen, amorphen Masse. Der einzelne Mensch erschien in der Großstadt, so empfanden es viele, nur mehr wie ein „Tropfen im Ozean“, fortgerissen vom Strom der Massen. Er wurde von der ausufernden urbanen Umwelt beherrscht und überwältigt, hatte sich ihr mehr oder weniger angstvoll zu ergeben.

Die optische Nivellierung der Wahrnehmung und ihre Bezugnahme zur Metapher des Meeres und des Ozeans fand auch auf der akustischen Ebene ihre Entsprechung. Die Bezeichnung von der „Brandung der Großstadt“ tauchte auf, von einem deutlich vernehmbaren „Brausen“ und „Rauschen“, das den Eindruck einer andauernden, diffusen, scheinbar unaufhaltsam hin und her wogenden Geräuschkulisse vermittelte.

Eine steinerne Stadtlandschaft war entstanden, mit zum Zentrum hin immer tiefer werdenden Straßenschluchten und einer eigenen Raumakustik, bei der sich die Schallimpulse von den Begrenzungswänden der Straßenräume vielfach brachen und reflektierten. So war neben dem Direktschall stets auch ein diffuses Schallfeld wahrnehmbar, dessen Intensität nach oben hin zunahm, ehe es über die Stadtoberkante entwich. Ein relativ hoher Grundgeräuschpegel und ein Verlust an akustischer Orientierung waren die Folgen, beides Wahrnehmungen, die bereits von den ZeitgenossInnen des 19. Jahrhunderts gemacht wurden und die belegen, dass in der Bevölkerung schon bald Erklärungen für die veränderte Akustik in der Großstadt gesucht wurden. So entwarf die weitgereiste Schriftstellerin und Journalistin Emmy von Dincklage das treffende Bild vom schwer entrinnbaren Gefängnis, das mehr oder weniger jede Stadt in akustischer Hinsicht darstelle: „Die wild erregten Luftwellen toben und branden gegen die Hausmauern, jagen vor- und rückwärts, einen Ausweg suchend, wie die Gewässer in einem Canal und erlauben niemandem, ihnen zu entgehen, der nicht etwa in einem Luftballon in stillere Regionen aufsteigt [5].“

Die alle Sinne überwältigende Metropole, ob um 1800 London und Paris oder um 1900 Berlin und Wien, wirkte stets wie ein Schock, der erst einmal bewältigt werden musste. Es war eine völlig neue Erfahrung des Einzelmenschen mit der Masse, eine Erfahrung der Aufhebung der Grenzen der Person, des Körpers gegenüber dem vielstimmigen, vielarmigen Wesen großstädtischer Menge [6].

Verunsicherung und Orientierungslosigkeit, aber auch Staunen und Bewunderung prägten die Auseinandersetzung mit einer Lautsphäre, deren Dichte und Intensität man bisher nur aus dem Bereich der Natur, der wogenden, überschäumenden Gewalt der Elemente, gekannt hatte.

Der Kampf gegen den Lärm

Es war vor allem die rasant wachsende Zahl unterschiedlichster Verkehrsteilnehmer – von den Fußgängern und Fuhrwerken, den Einspännern, Fiakern und Omnibussen über die Pferde-, Dampf- und Elektrotramways bis hin zu den Radfahrern, Motorrädern und Automobilen –, die die Straße der Großstadt zum paradigmatischen Schau- und Hör-Platz der Moderne machte. Wenngleich die Stadt von jeher ein Hort der Hektik und Betriebsamkeit, der lauten Menschenansammlungen und ständig wiederkehrenden Verkehrsgeräusche war, so erlangte der Lärm doch im ausgehenden 19. Jahrhundert eine neue Dimension und Qualität, die ihn zum Signum der Zeit werden ließ.

Immer entschiedener wurde auf die gesundheitlichen Folgen des Lärms aufmerksam gemacht. Medizinische Fachblätter und führende Tageszeitungen brachten ausführliche Berichte über die neuen akustischen Verhältnisse in den Großstädten. Ärzte und Psychiater sahen sich mit den Auswirkungen der Lärmüberflutung ebenso konfrontiert wie städtische Gesundheitsbeamte und Hygieneinspektoren, die eine deutliche Zunahme an diesbezüglichen Beschwerden registrierten. Ingenieure, Architekten und Städtebauer suchten nach Möglichkeiten der Lärmreduk­tion, bei Vorträgen und Tagungen über Hygiene und Gesundheitspflege wurde der Lärm bzw. dessen Vermeidung zum wichtigen Thema.

In der Hierarchie der städtischen Umweltbelastungen nahm der Lärm hinter den (unangefochten an der Spitze stehenden) Gerüchen schon bald den zweiten Platz ein [7]. Dabei stellte er charakteristischerweise eine Querschnittsmaterie dar, die sich in allen Lebensbereichen manifestierte: vom Wohnalltag über den Straßenlärm bis hin zur Arbeitswelt.

In Europa wie in Amerika entstanden gesellschaftliche Bewegungen, die sich dem Kampf gegen den Lärm verschrieben [8]. In Deutschland veröffentlichte der Publizist und Kulturphilosoph Theodor Lessing 1908 ein Buch mit dem provokanten Titel „Der Lärm. Eine Kampfschrift gegen die Geräusche unseres Lebens“, und noch im selben Jahr gründete er in Hannover einen „Antilärmverein“. Die zunehmende Lärmbelästigung war für Lessing eine Degenerationserscheinung unserer Kultur, ein Narkotikum, mit dem der moderne Mensch sich zu betäuben und die Nichtigkeit seiner eigenen Existenz zu verdrängen suche. Besonders betroffen davon seien die geistigen Arbeiter in den Lärmhöllen der Großstädte, den Zentren des Kulturlebens, weshalb der Kampf gegen Lärm stets „ein Kampf des Geistigen gegen die Verpöbelung des Lebens“ sei [9].

Mit der Vereinszeitschrift „Der Antirüpel. Das Recht auf Stille“ erhielten Lärmgeplagte eine mediale Plattform, die ihre Beschwerden veröffentlichte und ausführlich über mögliche rechtliche Schritte informierte. Zudem bot der Verein bei Eingaben an amtliche Stellen seine Unterstützung an, Beschwerdekarten mit der Aufschrift „Ruhe ist vornehm“ wurden verbreitet, „Blaue Listen“ erstellt, die auf ruhige Unterkünfte hinwiesen, sowie „Schwarze Listen“, die unverbesserliche Lärmsünder anprangerten.

Lessing selbst entfaltete in zahlreichen Zeitungsartikeln und Vortragsreisen eine breite Agitationtätigkeit. In mehreren in- und ausländischen Städten konnte er Verbündete für seinen Kampf gewinnen. Die an ihn herangetragenen Beschwerden bezogen sich in erster Linie auf den alles übertönenden Straßenlärm: das Getrappel der eisenbeschlagenen Hufe auf dem Kopfsteinpflaster, das Gerassel der Pferdegeschirre, das Poltern der Wagenräder, das Knarren und Quietschen der Kutschen, das Peitschengeknalle der Fiaker, das Wimmergeheul der Elektrischen, das Klingeln der Fahrräder, das Geschrei der Warenausrufer, das Geknatter und Gehupe der Automobile …. (Bild 2).

Bild 2 Scherzkarte, um 1900 Quelle: Sammlung Peter Payer

Bild 2 Scherzkarte, um 1900

Foto: Sammlung Peter Payer

Doch trotz der vielen Sympathiekundgebungen und der hohen medialen Resonanz, die der Verein in kurzer Zeit erlangt hatte, musste er bereits 1911 seine Tätigkeit einstellen. Notorische Geldnot und die zu geringe Anzahl an aktiven Mitgliedern waren die unmittelbaren Gründe dafür. Mobilisiert werden konnte in Wahrheit nur eine Minderheit, in erster Linie bürgerlich-liberale Schichten, Schriftsteller, Künstler, Intellektuelle [10]. Eine Verankerung in der Arbeiterschaft war so gut wie nirgends gelungen, obwohl gerade sie in ihrem Fabriksalltag de facto weitaus größeren Lärmbelästigungen ausgesetzt war. Zu unterschiedlich waren hier jedoch – gezwungenermaßen – die Hörgewohnheiten und damit Toleranzschwellen, aber auch die konkreten Handlungsspielräume für den einzelnen. Der ganze Bereich der Ökonomie war zudem auf symbolischer Ebene erfüllt von der beinahe uneingeschränkt positiven Konnotation des Lärms mit Kraft und Stärke, Fortschritt und Modernität – ein Umstand, gegen den nur schwer anzukommen war.

Dennoch blieb die Auseinandersetzung mit dem Lärm zentraler Bestandteil des zeitgenössischen Großstadtdiskurses, in dem sich Momente der Kultur- und Zivilisationskritik ebenso trafen wie jene des Klassenkampfes und der vielfach empfundenen Überreizung der Sinne. Letzteres fand nicht zuletzt in der Entdeckung der Nervosität und Identifizierung der „Neurasthenie“ als, wie man meinte, typische Krankheit des modernen Stadtmenschen ihren Ausdruck. Eine urbane Wahrnehmungskultur bildete sich heraus, in der „Ruhe“ zur sprichwörtlich ersten Bürgerpflicht erhoben wurde.

Überlaute Signalgeräusche wie das nervende Peitschenknallen, das Schreien, Klingeln, Musizieren und Hupen wurden sukzessive eingeschränkt und schließlich verboten, das Verhalten im öffentlichen Raum generell reglementiert und diszipliniert, bis sich schließlich weite Bereiche der Stadt gleichermaßen akustisch wie sozial gereinigt präsentierten. Eine Vorgehens­weise, die u. a. zum fast völligen Verschwinden der einst unzähligen Straßenhändler und –musiker führte.

Als eine der wirksamsten lärmdämpfenden Maßnahmen wurde die Befestigung des Straßenuntergrundes mit so genanntem „geräuschlosem Pflaster“ (Asphalt- bzw. Holzstöckelpflaster) anstelle des holprigen Kopfsteinpflasters vorangetrieben. Internationales Vorbild war Paris, wo um 1900 bereits 1.800.000 m² derart lärmberuhigter Verkehrsflächen existierten (zum Vergleich: Berlin 842.000 m², Wien 93.000 m²). An besonders ruhebedüftigen Orten, vor Spitälern und Schulen, streute man zur Dämpfung der Geräusche Stroh auf die Straße.

Da mit diesen und noch zahlreichen anderen Maßnahmen vor allem technischer Natur der Straßenlärm bestenfalls verringert, keinesfalls aber völlig vermieden werden konnte, wurden daneben auch individuelle Schutzstrategien ersonnen. Seit 1885 gab es das „Antiphon“ auf dem Markt, eine kleine Hartgummikugel mit Metallbügel, die sich jedoch – wenngleich relativ effizient – in der Handhabung als äußerst unpraktisch erwies. Der entscheidende Durchbruch gelang erst dem Berliner Apotheker Maximilian Negwer, der 1907 das „Ohropax“ erfand. Die geschmeidigen und anpassungsfähigen Wachs-Watte-Kügelchen entpuppten sich als geniales Produkt, das schon bald mit größtem Erfolg weltweit vertrieben wurde.

Zur Phänomenologie des Lärms

„Unerwünschtes und unnützes Geräusch“, „unangenehmes Geräusch“, „überflüssiges Geräusch“, „lauter Gestank“, „akustischer Schmutz“: Mit diesen Worten um- und beschrieb man Lärm zur vorvorigen Jahrhundertwende. Als psychologisches Phänomen, geformt von sozialen und kulturellen Kräften, erfuhr der Lärm in der westlichen Kultur eine spezifische Ausprägung, eine enge Konnotation – so der kanadische Kulturwissenschaftler Peter Bailey – mit Unordnung und Unsinn [11]. Lärm verweist also stets auf etwas „Außer-Ordentliches“, auf das Überschreiten einer gewohnten Grenze, die Infragestellung einer bestehenden Ordnung.

Unbestritten ist jedoch, dass es in unseren kulturellen Deutungsmustern auch wichtige positive Assoziationen mit Lärm gibt, wie Stärke, Aktivität, Kontrolle oder Männlichkeit. Diese heben sich dann auch deutlich von jenen des akustischen Gegenbilds – der Stille – ab, die traditionellerweise eher als Ausdruck von Respekt, Passivität, Weisheit und Weiblichkeit gilt. Die niederländische Technikhistorikerin Karin Bijsterfeld fasst das vielschichtige symbolische Bedeutungsfeld der Klänge und Geräusche, das bei der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit Lärm stets wirkungsmächtig mitschwingt, folgendermaßen zusammen: „Das Grundmuster dieser Symbolik besteht darin, dass, wie Anthropologen und Historiker gezeigt haben, laute Geräusche im Falle einer positiven Bewertung mit Eigenschaften versehen wurden wie Macht, Stärke, Fortschritt, Wohlstand, Energie, Dynamik, Männlichkeit und Kontrolle. Doch die gleichen Geräusche wurden, wenn sie unerwünscht waren und man sie somit als ‚Lärm’ bezeichnete, als absichtliche Störung der sozialen Ordnung angesehen, verursacht oft von jenen, die in der Hierarchie tiefer standen (Bild 3) [12].“

Bild 3 Lärm als Form des Protests, Karikatur von William Hogarth, 1741 Quelle: Hogarth, W.: Hogarth Moralized. London: J. Major (1831), S. 138

Bild 3 Lärm als Form des Protests, Karikatur von William Hogarth, 1741

Foto: Hogarth, W.: Hogarth Moralized. London: J. Major (1831), S. 138

Diese tief verwurzelten kulturellen Zuschreibungen und Hierarchien spiegelt auch die Etymologie des Wortes Lärm wider: Das seit frühneuhochdeutscher Zeit als „lerman“ oder „larman“ bezeugte Substantiv leitet sich von „Alarm“ ab, das seinerseits auf das italienische „allarme“ zurückgeht, entstanden durch Zusammenziehung aus dem Ruf „all’arme!“, d. h. „zu den Waffen!“ (lat. arma=Waffe). Lärm war somit zunächst ein Ausdruck aus dem militärischen Bereich. Erst im Lauf des 19. Jahrhunderts wanderte der Begriff in die zivile Welt mit „Unerwünschtheit“ bzw. „Lästigkeit“ als entscheidende Definitionskriterien. Ein stark von bürgerlichen Moral- und Wertvorstellungen geprägter Lärmbegriff entstand, der nicht zuletzt der Identitätsstiftung und Abgrenzung, insbesondere unteren Bevölkerungsschichten gegenüber, diente. „Lärm ist das Geräusch der anderen“, notierte der Schriftsteller Kurt Tucholsky später einmal, und brachte damit diesen zentralen Aspekt der Lärmrezeption auf den Punkt.

Als ein erster Versuch, Lärm als Gesamtes in den Griff zu bekommen, gleichsam Ordnung in die Unordnung zu bringen, kann dessen Zerlegung in Einzelphänomene, benannt nach den jeweiligen Verursachern, gewertet werden. Bereits Emmy von Dincklage unterschied den „Straßen-, Natur-, Massen- und Gewohnheitslärm“ streng vom „Hauslärm“, den sie seinerseits in „Vocal-Lärm“ und „Instrumental-Lärm“ unterteilte. Insbesondere der Straßenlärm stellte mit der zunehmenden Diversifizierung der Verkehrsmittel ein immer komplexer werdendes akustisches Gebilde dar, das es zunächst einmal analytisch zu fassen galt. Eine Ende der 1920er Jahre in New York, der damals wohl lautesten Stadt der Welt, eingesetzte Kommission zur Lärmbekämpfung verzeichnete insgesamt acht verschiedene Quellen des Stadtlärms, denen auf unterschiedlichste Weise zu Leibe gerückt werden sollte. Heute spricht man im Allgemeinen von fünf Hauptkategorien: Verkehrslärm, Gewerbe- und Industrielärm, Nachbarschaftslärm, Freizeitlärm, Baulärm.

Lärmmessung

Die per se äußerst schwierige quantitative Erfassung des Lärms – auch dies letztlich ein Versuch seiner „Domestizierung“ – gelang erst mit der Erfindung geeigneter technischer Geräte. 1882 baute der englische Gelehrte und Naturforscher Baron Rayleigh das erste praktikable Präzisionsinstrument zur Messung der akustischen Intensität, mit dem nunmehr nachvollziehbar überprüft werden konnte, ob ein subjektiver Höreindruck eine objektive Grundlage besaß. Doch erst die Entwicklung der Telefontechnologie, die die Trennung verschiedener Frequenzen ermöglichte, und der Radioröhre, mit der man leise Signale verstärken konnte, machten es möglich, verschiedene Geräusche und damit Lärm halbwegs adäquat zu messen.

Mitte der 1920er Jahre wurden in den USA die ersten modernen Apparate entwickelt: Zunächst das noch relativ subjektive „audiometer“, bei dem eine Testperson in einem Ohr den Umgebungsgeräuschen, im anderen einem Standardsignal lauschte, dessen Intensität man so lange variierte bis es von den Umgebungsgeräuschen überlagert wurde. Eine weit objektivere Lärmmessung war mit einem „acousti-meter“ oder „noise-meter“ möglich. Dabei wurden die Geräusche mit einem Mikrophon aufgenommen, in ein elektrisches Signal umgewandelt, verstärkt und das Ergebnis sodann auf einer Messskala angezeigt. Von 1926 bis 1930 führte man mit derartigen Geräten erstmals flächendeckende Lärmmessungen in New York, London und Chicago durch.

Als Maßeinheit diente ab 1925 „Dezibel“ (deci-Bell), benannt nach Alexander Graham Bell, dem Erfinder des Telefons und Begründer der Elektroakustik. Dabei handelt es sich um einen relativen Wert – der Schalldruck eines Schallereignisses wird verglichen mit dem Schalldruck des leisesten Schalls, den ein junger „durchschnittlicher“ Mensch bei 1000 Hz wahrnimmt – , jedoch im Maßstab des dekadischen Logarithmus, um die große Bandbreite des menschlichen Hörvermögens mit zu berücksichtigen.

Da die neue Lärmeinheit auf Grund ihrer komplizierten Berechnung für Laien relativ schwer nachvollziehbar war – bis heute ein wesentlicher Kritikpunkt daran –, wurden bereits kurz nach dessen Einführung in einigen amerikanischen Städten Informationskampagnen gestartet. In New York machten renommierte Tageszeitungen wie die „New York Times“ die Bevölkerung mit der Bedeutung von „Dezibel“ vertraut; die Kommission zur Lärmbekämpfung verschickte aufklärende Fragebögen, die gemeinsam mit hunderten Messdaten die Grundlage zur Erstellung der weltweit ersten Lärmkarten bildeten [13].

Einen Sonderweg beschritt Deutschland, wo man zunächst lange Zeit nicht den Schalldruck, sondern die Lautstärke, ausgedrückt in der Einheit „Phon“ zur Lärmmessung verwendete. Der Dresdner Physiker und Elektroakustiker Heinrich Barkhausen hatte 1926 einen nach amerikanischem Vorbild konstruierten „Schallmesser“ entwickelt, der später von anderen, verbesserten Geräten abgelöst wurde.

Für die Zeit bis zum Ersten Weltkrieg bleibt jedenfalls das Fehlen einer exakten Lärmmessung festzuhalten, ein Umstand, der die Beurteilung der psychischen und sozialen Auswirkungen des Lärms entscheidend mitbestimmte und auch seine kulturelle und ökonomische Bewertung prägte.

Literatur

[1] Bölsche, W.: Hinter der Weltstadt. Friedrichshagener Gedanken zur ästhetischen Kultur. Leipzig: Diederichs (1901), S. 5–6.

[2] Schafer, M. R.: Die Schallwelt in der wir leben. Wien: Universal Edition (1971), S. 13.

[3] Batka, R.: Lärm, in: Der Kunstwart. Halbmonatsschau für Ausdruckskultur auf allen Lebensgebieten. Heft 13 (1986), S. 46-48, hier S. 47.

[4] Stifter, A.: Aussicht und Betrachtungen von der Spitze des St. Stephansturmes, in: Ders.: Aus dem alten Wien. Zwölf Erzählungen. Frankfurt a. Main: Fischer Taschenbuch Verlag (1986), S. 11–39, hier S. 11.

[5] Zit. nach Saul, K.: Wider die „Lärmpest“. Lärmkritik und Lärmbekämpfung im Deutschen Kaiserreich, in: Machule, D./Mischer, O./Sywottek, A. (Hg.): Macht Stadt krank? Vom Umgang mit Gesundheit und Krankheit. Hamburg: Dölling und Galitz Verlag (1996), S. 151-192, hier S. 154.

[6] Vgl. Brüggemann, H.: „Aber schickt keinen Poeten nach London!“ Großstadt und literarische Wahrnehmung im 18. und 19. Jahrhundert. Texte und Interpretationen. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag (1985).

[7] Vgl. Massard-Guilbaud, G.: Einspruch! Stadtbürger und Umweltverschmutzung im Frankreich des 19. Jahrhunderts, in: Bernhardt, Ch. (Hg.): Umweltprobleme in europäischen Städten des 19. und 20. Jahrhunderts. Münster u.a.: Waxmann (2001), S. 67–85.

[8] Vgl. Smilor, R. W.: Toward an Environmental Perspective. The Anti-Noise Campaign, 1893–1932, in: Melosi, M. V. (Hg.): Pollution and Reform in American Cities, 1870–1930. Austin/London: (1980), S. 135–151; Baron, L.: Noise and Degeneration. Theodor Lessing’s Crusade for Quiet, in: Journal of Contemporary History. Vol. 17 (1982), Nr. 1, S. 165–178.

[9] Lessing, T.: Der Lärm. Eine Kampfschrift gegen die Geräusche unseres Lebens. Wiesbaden: Verlag von J.F. Bergmann (1908), S. 3.

[10] Vgl. Lentz, M.: „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht.“ Lärm, Großstadt und Nervosität im Spiegel von Theodor Lessings „Antilärmverein“, in: Medizin, Gesellschaft und Geschichte. Bd. 13 (1994), S. 81-105.

[11] Bailey, P.: Breaking the Sound Barrier. A Historian Listens to Noise., in: Body & Society. Vol. 2 (1996), Nr. 2, S. 49-66.

[12] Bijsterveld, K.: The Diabolical Symphony of the Mechanical Age. Technology and Symbolism of Sound in European and North American Noise Abatement Campaigns, 1900-40, in: Social Studies of Science. Nr. 31/1 (2001), S. 37-70, hier S. 44.

[13] Thompson, E.: The Soundscape of Modernity. Architectural Acoustics and the Culture of Listening in America, 1900-1933. Massachusetts: MIT Press (2002), S. 158-168.

Von Peter Payer

Peter Payer, MMag. Dr. phil, Historiker und Stadtforscher sowie Kurator im Technischen Museum Wien. Literaturtipp: Payer, P.: „Der Klang der Großstadt. Eine Geschichte des Hörens, Wien 1850–1914“, Böhlau Verlag, 2018. www.stadt-forschung.at

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