01.10.2021, 10:00 Uhr

Optimierte Akustik fördert konzentriertes Arbeiten

Es sind weniger die technischen Geräusche – Vielmehr ist die Sprachverständlichkeit das Kernproblem. Im Interview: Noemi Martin vom Fraunhofer IBP über die Steigerung der Lebensqualität durch optimierte Akustik. Sie arbeitet seit 2013 am Fraunhofer IBP, wo sie die interdisziplinäre Arbeitsgruppe Psychoakustik und kognitive Ergonomie leitet.

Konzentriertes Arbeiten funktioniert am besten in ruhigen Räumen. Foto: PantherMedia/Wavebreakmedia

Konzentriertes Arbeiten funktioniert am besten in ruhigen Räumen.

Foto: PantherMedia/Wavebreakmedia

Welche neuen Erkenntnisse hat das Fraunhofer-Institut für Bauphysik IBP zur akustischen Gestaltung von Lebens- und Arbeitsräumen?

Die dritte Ausgabe der acoustex, der Fachmesse für akustische Lösungen, wird voraussichtlich erst wieder im Juni 2022 ihre Türen am Messestandort Dortmund öffnen und stellt ein abwechslungsreiches Portfolio von Ausstellern sowie geballte akustische Fachkompetenz in den Mittelpunkt. Unter dem Motto „the innovation of silence“ bietet die zweitägige Kommunikations- und Handelsplattform erstmalig die neuen Themenwelten Silent Living & Working sowie Silent City in der Messe Dortmund an. Die Fachmesse acoustex sprach im Vorfeld mit Akustik-Expertin Noemi Martin vom Fraunhofer-Institut für Bauphysik IBP, das auf der Fachmesse ebenfalls im Bereich Silent Living & Working vertreten sein wird.

Wie sieht die Zukunft der Akustikforschung aus?

Wir möchten in Zukunft nicht nur darauf schauen, wie man bestehende lästige Anteile des Sounds reduzieren kann, sondern fördern, dass die Umgebung oder Geräte ganz bewusst akustisch gestaltet werden. Etwa bei einem Haushaltsgerät das Geräusch aktiv zu gestalten, sodass es attraktiv ist. Wir möchten weg von der Reduktion störender Komponenten hin zur aktiven Gestaltung positiven Sound Designs. Zudem sollte in Zukunft mehr Wert auf die Wirkung psychoakustischer Parameter gelegt werden und nicht nur die Lautstärke im Fokus steht. Gut geplante bauphysikalische Maßnahmen tragen nicht nur zum Wohlbefinden und zur Leistungsfähigkeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei, sondern amortisieren sich auch binnen kürzester Zeit. Wirtschaftlich ist nicht, am Gebäude oder der Einrichtung zu sparen – wirtschaftlich ist, auf gesunde, motivierte und leistungsfähige Arbeitskräfte zu setzen.

Sie arbeiten derzeit auch an einem akustisch wirksamen Fenster?

Bei der akustischen Fenstersteuerung ist das Fenster mit einem Mikrofon im Außenbereich versehen, das Lärmquellen wie ankommende Züge registriert. Das Fenster kann dann aufgrund eines intelligenten Algorithmus das Geräusch analysieren und entscheiden, ob es sich lohnt, das Fenster zu schließen, um akustische Störung zu vermeiden. Es muss je nach Kontext abgewogen werden, weil das Schließen einen Moment dauert und selbst Geräusche verursacht. Auch die gemessene CO2-Belastung im Innenraum kann ein Hinweis darauf sein, dass sich das Fenster öffnet. Es geht dabei also nicht nur um Akustik.

Welche Probleme bringen akustische Belastungen mit sich?

Wir können belegen, dass es weniger die technischen Geräusche wie Druckergeräusche oder Telefonklingeln sind, die als störend empfunden werden. Vielmehr ist die Sprachverständlichkeit das Kernproblem. Das heißt, wenn Kollegen telefonieren oder etwas besprechen, ist dies besonders störend, weil Sprache von unserem Gehirn besonders gut und vorrangig verarbeitet wird und damit Aufmerksamkeit bindet. Unser Gehirn ist spezialisiert darauf, Sprache zu verarbeiten und wir nehmen sehr viel unterbewusst wahr, was uns die Ressourcen dafür raubt, was wir eigentlich tun möchten. Das äußert sich in schlechter Leistungsfähigkeit, es löst Stress aus, führt zu Erschöpfung oder Kopfschmerzen. Dauerhafte akustische Störungen und damit zusammenhängende Unterbrechungen bei der Arbeit beeinträchtigen früher oder später jeden, auch wenn es vielen vielleicht gar nicht bewusst ist.

Sie beschäftigen sich auch mit der Akustik von Einfamilienhäusern in Holzbauweise. Welche Erkenntnisse haben Sie hier erlangt?

Hier untersuchen wir die akustische Wirkung der Holzdecken zwischen den Geschossen und wie hier die Geräusche übertragen werden. Wir vermessen etwa unterschiedliche Deckenkonstruktionen in Verbindung mit verschiedenen Bodenbelägen, um herauszufinden, wie Gehgeräusche von verschiedenen Personen mit unterschiedlichem Schuhwerk durch diese Decke hindurch im Gebäude wahrgenommen wird. Weiterhin entwickeln wir eine Datenbank, über welche Bauherren schon vor oder im Bauprozess Hörbeispiele dazu bekommen wie sich eine bestimmte Holzdecke im geplanten Gebäude später akustisch auswirkt. Aufnahmen, die wir in mehrgeschossigen Holzbauten machen, fließen nicht nur in die Datenbank, sondern werden auch in unseren Akustiklabors durch Versuchspersonen bewertet, um besonders lästige oder ungünstige Konstruktionen identifizieren zu können. Denn häufig wird nur Wert auf den Lautstärkepegel gelegt. Wichtig ist aber auch die Charakteristik eines Geräuschs. Ein leises Pfeifen oder Dröhnen kann störender sein als ein angenehmes Geräusch, das dafür ein bisschen lauter ist.

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