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Textilien 11.02.2026, 11:00 Uhr

Flachs trifft Stahl: Nachhaltige Sitzmöbel neu gedacht

Mehrlagiges Flachsfasergewebe und eine steckbare Stahlkonstruktion bilden die Grundlage eines neuen Sitzmöbelkonzepts für den Indoor-Bereich. Im Forschungsprojekt LinumTube entwickelten Forschende des Fraunhofer WKI gemeinsam mit Partnern Möbel, die sich werkzeuglos montieren und demontieren lassen – mit dem Ziel, Materialkreisläufe konsequent mitzudenken.

Integrierte optionale LED-Beleuchtung im Gewebe. Foto: Fraunhofer WKI/Manuela Lingnau

Integrierte optionale LED-Beleuchtung im Gewebe.

Foto: Fraunhofer WKI/Manuela Lingnau

Wer heute Möbel kauft, achtet zunehmend auf Herkunft, Materialeinsatz und spätere Verwertbarkeit. Gerade Sitzmöbel stehen dabei exemplarisch für ein Problem: Sie sind häufig verklebt, verschraubt oder aus Verbundwerkstoffen gefertigt und lassen sich weder einfach reparieren noch sortenrein zerlegen. Oft überstehen sie nicht einmal den ersten Umzug unbeschadet.

Im Kooperationsprojekt LinumTube unter Leitung des Fraunhofer-Instituts für Holzforschung, Wilhelm-Klauditz-Institut WKI, wurde daher ein anderer Ansatz verfolgt. Ziel des Konsortiums war es, Sitzmöbel für den Innenraum zu entwickeln, die sich konsequent an den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft orientieren. Entstanden sind Bänke, Stühle und Hocker, die aus nur zwei Werkstoffen bestehen: Einer Unterkonstruktion aus Stahlrohren und einem tragenden Bezug aus mehrlagigem Flachsfasergewebe.

Beide Materialien lassen sich zerstörungsfrei voneinander trennen. Dadurch können sie nach der Nutzung entweder wiederverwendet, neu kombiniert oder in bestehende Stoffkreisläufe zurückgeführt werden. Verklebungen oder dauerhafte Verbindungen kommen nicht zum Einsatz. Die Tragfähigkeit ergibt sich aus der konstruktiven Kombination von Textil und Stahl.

Während der Projektpartner Studio Jonathan Radetz die Unterkonstruktion und das Design entwickelte, lag der Schwerpunkt der Arbeiten am Fraunhofer WKI auf der Entwicklung und Herstellung des textilen Tragwerks. Gefördert wurde das Vorhaben vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt.

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Stecksystem für flexible Nutzung

Ein zentrales Element des Konzepts ist das Stecksystem. Es erlaubt eine schnelle Montage und ebenso einfache Demontage der Möbelstücke. Werkzeuge sind dafür nicht erforderlich. „Unser Ansatz war es, die Sitzmöbel so einfach wie möglich zu gestalten, um sie schnell ab-, auf- und umbauen zu können, sodass sie auch problemlos bei Umzügen zerlegbar sind“, sagt Christina Haxter, Wissenschaftlerin am Fraunhofer WKI. „Unser Fokus lag zudem auf dem Aspekt Nachhaltigkeit, dem wir mit den verwendeten Materialien nachkommen. Durch Demontage lassen sich die Möbel in ihre Einzelkomponenten – Stahlrohre und Naturfasergewebe – zerlegen und so verschiedenen, teilweise langjährig fest etablierten Stoffkreisläufen zuführen.“

Die Konstruktion verzichtet vollständig auf Schrauben oder Klebstoffe. Stattdessen werden die Gewebeelemente über die Stahlrohre gezogen und durch ihre integrierten Strukturen form- und kraftschlüssig fixiert. Das Ergebnis ist eine stabile, tragfähige Gesamtkonstruktion, deren Einzelteile jederzeit wieder getrennt werden können.

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Mehrlagiges Flachsfasergewebe aus einem Stück

Das tragende Element der Sitzfläche ist ein mehrlagiges, dickes Flachsfasergewebe. Es wird am Fraunhofer WKI auf einer Doppelgreifer-Webmaschine gefertigt. Dabei entsteht das Gewebe in einem Stück, ohne nachträgliches Zuschneiden oder Vernähen. Lediglich die Ränder werden im Anschluss versäubert. Haxter beschreibt den Prozess so: „Man kann das Gewebe aus der Maschine nehmen und nach einer kurzen Versäuberung der Ränder direkt auf die Stahlrohre aufziehen.“

In das Gewebe sind Kanalstrukturen integriert, die das Aufziehen über die Rohre ermöglichen. Diese konstruktive Lösung ersetzt klassische Befestigungselemente. Die textile Struktur übernimmt zugleich die tragende Funktion und bildet die sichtbare Oberfläche des Möbels.

Variationen im Design sind dennoch möglich. Die Bezüge können naturfarben oder bunt gestaltet sein, mit oder ohne Fransen. Lamellenartige Strukturen erzeugen einen gerafften Polstereffekt, der zusätzlichen Sitzkomfort bietet. Bei der Entwicklung musste berücksichtigt werden, wie sich die Anordnung dieser Strukturen auf Montage und Demontage auswirkt.

Darüber hinaus lassen sich optionale Elemente integrieren. Durch zusätzliche Strukturen auf Ober- und Unterseite des Gewebes können herausnehmbare LED-Streifen eingezogen werden. So entsteht eine indirekte Beleuchtung, die das Möbelstück in ein gestalterisches Element im Raum verwandelt, ohne dessen Grundkonstruktion zu verändern.

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Stahl als tragende Basis

Die Unterkonstruktion besteht aus Stahlrohren, die in unterschiedlichen Geometrien ausgeführt werden können – etwa als Rund- oder Vierkantrohre. Verschiedene Fußvarianten sorgen für Stabilität. Auch hier steht die Modularität im Vordergrund. Die Rohre lassen sich in unterschiedlichen Anordnungen kombinieren und bilden das strukturelle Gerüst für die textile Sitzfläche.

Die Verbindung von Stahl und Naturfasertextil folgt einem klaren Prinzip: Beide Materialien bleiben als eigenständige Komponenten erkennbar und trennbar. Das erleichtert nicht nur die Wiederverwendung, sondern auch die sortenreine Rückführung in bestehende Recycling- oder Wiederverwertungssysteme.

Variables Gestaltungskonzept

Das LinumTube-Projekt versteht sich nicht nur als Materialstudie, sondern als variables Gestaltungskonzept. Unterschiedliche Gewebevarianten können mit verschiedenen Stahlunterkonstruktionen kombiniert werden. Dadurch entstehen Möbelstücke in unterschiedlichen Dimensionen und Formen, die aus denselben Basiskomponenten aufgebaut sind.

Die einzelnen Elemente lassen sich neu anordnen oder ergänzen. So können aus bestehenden Komponenten andere Sitzmöbel oder Gestaltungselemente entstehen. Das Konzept ermöglicht eine Anpassung an veränderte Raumsituationen oder Nutzungsanforderungen, ohne dass neue Materialien produziert werden müssen. Erste Prototypen wurden bereits auf internationalen Möbelmessen vorgestellt. Dort konnten sie einem Fachpublikum präsentiert werden, das sich zunehmend mit Fragen der Materialeffizienz, Reparierbarkeit und Kreislauffähigkeit im Möbeldesign auseinandersetzt.

Zwei Materialien, ein System

Mit LinumTube wurde ein Ansatz verfolgt, der konstruktive Einfachheit mit materialtechnischer Entwicklung verbindet. Die Reduktion auf zwei Werkstoffe – Naturfasertextil und Stahl – schafft klare Materialströme. Das mehrlagige Flachsfasergewebe übernimmt tragende und gestalterische Funktionen zugleich, während die Stahlkonstruktion Stabilität und Modularität gewährleistet.

Im Zusammenspiel entsteht ein System, das auf Demontierbarkeit, Wiederverwendbarkeit und Anpassungsfähigkeit ausgelegt ist. Die technische Umsetzung des textilen Elements am Fraunhofer WKI bildet dabei die Grundlage für die mechanische Leistungsfähigkeit und die konstruktive Integration in das Stecksystem.

Von Fraunhofer-Gesellschaft / Rolf Müller-Wondorf