Neue Chancen für die Energiewirtschaft 10.06.2022, 08:00 Uhr

Warum genau jetzt der richtige Zeitpunkt für den Einstieg in das Submetering ist

Momentan ist in der Bevölkerung die Bereitschaft, energiebewusster und nachhaltiger zu leben, so groß wie nie zuvor. Für Stadtwerke entstehen neue Geschäftsfelder, deren Erschließung aus betriebswirtschaftlicher und aus strategischer Sicht Sinn macht. Submetering ist hier das Mittel zum Zweck. Aber bei der Umsetzung gibt es einiges zu beachten.

Die Perspektive für EVU ist jetzt intelligente Produkte zu entwickeln, die der Situation aller Kleinkundinnen und -kunden bestmöglich gerecht werden.Foto: PantherMedia /AndrewLozovyi

Die Perspektive für EVU ist jetzt intelligente Produkte zu entwickeln, die der Situation aller Kleinkundinnen und -kunden bestmöglich gerecht werden.

Foto: PantherMedia /AndrewLozovyi

Dass die immens steigenden Energiepreise spätestens seit dem Ukraine-Krieg auch für Privathaushalte deutlich spürbar sind, sorgt für eine höhere Bereitschaft (oder auch höheren Druck) zum Energiesparen. Die Kosten zur Versorgung eines Einfamilienhauses mit Strom und Gas können leicht um mehrere Hundert Euro pro Jahr steigen. Die eigenen Ausgaben sind für Viele greifbarer – und somit eine bessere Motivation – als abstrakte übergeordnete Ziele wie der Klimaschutz und das Abbremsen der globalen Erwärmung. Hinzu kommen die Bedenken hinsichtlich der Versorgungssicherheit der gesamten Gesellschaft und die Auswirkungen für jede Einzelne und jeden Einzelnen. So steigt aktuell die Motivation vieler Menschen, energieeffizienter zu leben und sich mit energiesparenden Verhaltensweisen auseinanderzusetzen.

Das Einsparpotenzial einzelner Haushalte mag gering erscheinen – verglichen mit dem der Sektoren Industrie, Gewerbe und Verkehr –, aber die Masse macht den Unterschied. Alle gemeinsam können viel erreichen; jede und jeder kann individuell einen sinnvollen Beitrag zur Versorgungssicherheit und -unabhängigkeit beziehungsweise zum volkswirtschaftlichen Nutzen leisten. Es kommt Bewegung in die Gesellschaft. Diesen Schub für sich zu nutzen ist für Stadtwerke eher ein „Muss“ als ein „Kann“.

Individuelle Leistungen anbieten

Längst reicht es nicht mehr aus, alle Haushaltskundinnen und -kunden über einen Kamm zu scheren und pauschale Tipps zum Energiesparen zu geben. Viele Menschen hinterfragen nun ihre persönlichen Verhaltensweisen und Angewohnheiten im Speziellen und möchten individuell beraten werden, mit welchen kleinen Stellschrauben sie viel erreichen können. Häufig ist es sicher ihr Ziel, mit möglichst geringem Komfortverlust möglichst viel zu erreichen.

Hinzu kommt, dass die individuellen Situationen einzelner Kundinnen und Kunden sich aufgrund der Vielfalt an Möglichkeiten inzwischen viel stärker unterscheiden, das heißt ob eine Person beispielsweise eine Photovoltaik-Anlage, ein Elektroauto oder einen Wärmespeicher besitzt, mit welcher Art von Heizung ihre/seine Wohnung geheizt wird, wie hoch ihr/sein Jahresstromverbrauch ist, wie sich der Verbrauch über die Monate und sogar innerhalb eines Tages verteilt, an welchen Tarif sie/er gegebenenfalls gebunden ist und eine ganze Menge weitere individuelle Faktoren.

Intelligente individuelle Produkte

Die Perspektive für Energieversorgungsunternehmen (EVU) ist jetzt nicht nur, individuelle Beratungsservices für Haushaltskundinnen und -kunden anzubieten, sondern auch intelligente Produkte zu entwickeln, die der Situation jedes einzelnen Kleinkunden und jeder einzelnen Kleinkundin bestmöglich gerecht werden. Für beides gilt: Je mehr man über den individuellen Kunden oder die individuelle Kundin weiß, desto passgenauer und damit attraktiver kann das Angebot sein.

Hierbei sollte man über den Bereich „Energie“ hinaus denken und die Situation im Gebäude ganzheitlich inklusive der unregulierten Sparten betrachten: Kombiniert man beispielsweise Daten zu Temperatur und Luftfeuchtigkeit mit Daten zum Energieverbrauch, kann man Rückschlüsse auf das Heiz- und Lüftungsverhalten ziehen und die Kundinnen und Kunden diesbezüglich individueller beraten. Über den reinen Messstellenbetrieb (MSB) hinaus kann hier eine zentrale Wertschöpfungsstelle mit hoher Kundinnen- und Kundenkontaktfläche entstehen.

Photovoltaik-Anlage, Elektroauto oder Wärmespeicher: Kundinnen und Kunden haben heute viele Möglichkeiten sich energiebewusst und nachhaltig zu verhalten.

Foto: PantherMedia /Smileus

Massendaten automatisiert erfassen und verarbeiten

Basis für jegliche individuelle Angebote und Leistungen ist eine möglichst genaue und eng getaktete Erfassung möglichst vieler unterschiedlicher spartenübergreifender Daten in der Wohnung jedes einzelnen Endverbrauchers und jeder einzelnen Endverbraucherin. Viertelstundenscharfe Werte statt Monats- oder Jahreswerte; wohnungs- oder gar gerätescharfe Werte statt Summen für gesamte Gebäude mit mehreren Parteien. Nur über ein Submetering unterhalb des Hauptzählers lassen sich die passenden Antworten auf die individuellen Fragen der Haushaltskundinnen und -kunden ableiten.

Intelligente und gegebenenfalls steuerbare Haushaltsgeräte können bereits heute über „Controllable Local System“ (CLS)-Schnittstellen Messdaten an die EVU weitergeben. Deren IT-Systeme sollten erstens dafür ausgerüstet sein, große Datenmengen zu verarbeiten und diese auszuwerten sowie zweitens, die Massendaten aller Sparten und mögliche zusätzliche Daten, etwa von Rauchmeldern, gemeinsam zu verwalten.

Regeln der MaKo 2022 beachten

Datenverwaltung und Prozesse müssen regelkonform zur Marktkommunikation 2022 (MaKo 2022), die am 1. Oktober 2022 in Kraft treten wird und einige Neuerungen hinsichtlich intelligenter Messsysteme enthält, ablaufen. Mit einem eigenständigen MSB-Cockpit müssen EVU sich hinsichtlich der MaKo 2022- und allgemeinen Regelkonformität sowie hinsichtlich der Massendatenfähigkeit keine Sorgen machen.

In puncto Datenauswertungen stehen zwei Aspekte im Mittelpunkt des Interesses: Zunächst sollte ein MSB-Cockpit Analysen des Verhaltens jeder einzelnen Kundin und jedes einzelnen Kunden bereitstellen können, damit man ihr/ihm dazu passende Zusatzleistungen, Tarife und Beratungen anbieten kann. Zusätzlich interessant sind Auswertungen der Gesamtheit aller Kundinnen und Kunden sowie einzelner Segmente, um damit neue Produkte und Dienstleistungen entwickeln zu können, die sich für das EVU rechnen.

Wettbewerblicher Messstellenbetrieb fast ein Muss

Den Kosten zum Aufbau einer solchen Submetering-Infrastruktur stehen mögliche Mehreinnahmen aus individuellen Angeboten sowie durch den Erhalt eines großen Kundinnen- und Kundenstamms entgegen, denn individuelle Services stärken die Kundinnen- und Kundenbindung.

Eine wichtige und naheliegende Quelle für zusätzliche Einnahmen ist der wettbewerbliche Messstellenbetrieb (wMSB). Dieser ist auch aus strategischer Sicht fast schon ein Muss, wenn es darum geht, Marktanteile gegen neue Player wie branchenfremde wMSB zu verteidigen oder zu behalten. Diese kommen bereits seit einigen Jahren langsam aber kontinuierlich in den Markt, und ab dem 1. Oktober wird sich die Lage durch die MaKo 2022 weiter verschärfen.

Neue Marktrolle ESA verschärft Wettbewerb

Denn mit der Einführung der neuen Marktrolle Energieserviceanbieter (ESA) wird der Markteintritt für branchenfremde Unternehmen weiter vereinfacht. Diese werden den Kundinnen und Kunden Mehrwerte basierend auf deren individuellen Messdaten anbieten und sich auch als wMSB aufstellen.

Noch sind momentan vielerorts die Stadtwerke aufgrund ihrer traditionellen Rolle in einer günstigeren Position nah an den Kundinnen und Kunden. Nun gilt es, diese Position zu stärken und wechselfreudige Kundinnen und Kunden mit attraktiven Angeboten zu binden. Zugriff auf die Messwerte haben die Stadtwerke ohnehin, solange sie die Grundzuständigkeit der Messstelle innehaben (grundzuständiger Messstellenbetreiber, gMSB).

Auf dieser Basis können sie wettbewerbliche Leistungen entwickeln und dabei – wie oben erwähnt – nicht nur an energienahe Services denken, sondern spartenübergreifend und ganzheitlicher vorgehen. Die Vermarktung erfolgt dann über den konzerneigenen Lieferanten, der diese Services im Unternehmen umsetzt.

Rollenspezifische IT-Lösung für Messstellenbetreiber

Folglich empfiehlt es sich als langfristige Strategie, die Rolle des Messstellenbetreibers innerhalb des eigenen Unternehmens zu stärken und aktiv einen wMSB auszuprägen, statt nur auf der Pflichterfüllung des gMSB zu verharren. Dabei lässt sich der Zusatzaufwand vergleichsweise gering halten, wenn man auf eine rollenspezifische IT-Lösung für MSB setzt, in der gMSB und wMSB mit dem gleichen Personal abgewickelt werden können.

Wichtig, damit die IT-Lösung auch für die absehbaren zukünftigen Entwicklungen der Marktrolle MSB geeignet ist, sind darüber hinaus erstens Massendatenfähigkeit sowie zweitens die Unabhängigkeit vom IT-System des Verteilnetzbetreibers (VNB).

Wenn sowohl MSB als auch VNB eine eigenständige spezialisierte IT-Lösung benutzen können, ist fokussierteres und reibungsloseres Arbeiten möglich: Der Netzbetreiber übernimmt vorrangig netzdienliche Aufgaben wie den Redispatch, während der Messstellenbetreiber sich voll auf Aufgaben rund um die Messdaten konzentrieren kann. Neben den Pflichtaufgaben wie den sternförmigen Datenversand muss er insbesondere wettbewerbliche Angebote, Submetering, individuelle Dienstleistungen und mehr abwickeln – also kurz: für Erlöse basierend auf den Messdaten sorgen.

Christoph Braun, Product Owner und Marktexperte für MSB-Lösungen, Danny Frech, Vertrieb Metering-Lösungen, Astrid Beckers, Leitung Marketing, alle Kisters AG

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