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Antike Alltagschats: Was Pompejis Wände erzählen

20. Januar 2026

Graffiti Pompeji
Diese Botschaft in Pompeji lässt sich noch vergleichsweise einfach lesen. Mit Hilfe modernster Technik haben Archäologen nun 79 neue Graffiti entziffert. Foto: picture alliance / SZ Photo | Sepp Spiegl
RTI und 3D-Modelle entschlüsseln Graffiti im Theaterviertel von Pompeji. Technik eröffnet neue Blicke auf die Antike.
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Das Wichtigste in Kürze
  • Im Theaterviertel von Pompeji wurden fast 300 Graffiti neu ausgewertet.
  • 79 Inschriften galten zuvor als unlesbar oder unbekannt.
  • Grundlage sind RTI und photogrammetrische 3D-Modelle.
  • Die Texte zeigen Alltagskommunikation im öffentlichen Raum.
  • Eine digitale Plattform soll Forschung und Vermittlung bündeln.

In Pompeji galt vieles als bekannt. Ausgegraben seit dem 18. Jahrhundert, dokumentiert, katalogisiert, interpretiert. Gerade deshalb überrascht der Befund aus einem unscheinbaren Korridor im Theaterviertel. Er verbindet das Areal mit der Via Stabiana. Millionen Besucherinnen und Besucher gehen hier jedes Jahr vorbei. Archäologisch schien der Ort erledigt. Doch moderne Bildgebung zeigt: Die Wand spricht noch – und zwar laut.

Fast 300 Graffiti lassen sich heute sicher identifizieren. Rund 200 waren bereits bekannt. 79 wurden neu erkannt. Nicht, weil jemand tiefer grub. Sondern weil Forschende genauer hinsahen – technisch präziser als je zuvor.

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Inhaltsverzeichnis

Wenn Mauern reden könnten – sie tun es

Die Inhalte sind überraschend nahbar. Keine großen politischen Botschaften, keine offiziellen Inschriften. Stattdessen kurze Sätze aus dem Leben. Liebe, Sorge, Spott, Obszönes, Alltägliches. Dinge, die man schnell festhält, bevor man weitergeht.

„Ich habe es eilig; pass auf dich auf, mein Sava, liebe mich!“ „Miccio-cio-cio, dein Vater hat sich beim Stuhlgang den Bauch aufgerissen; schau, wie es ihm geht, Miccio!“ „Methe, (Sklavin) von Cominia, aus Atella, liebt Cresto in ihrem Herzen. Möge die Venus von Pompeji beiden wohlgesonnen sein und mögen sie immer in Harmonie leben.“

Solche Sätze wirken heute fast wie Chatnachrichten. Direkt. Persönlich. Man rechnet mit Mitlesenden. Genau das macht sie so wertvoll. Die Graffiti zeigen, wie Menschen im antiken Pompeji miteinander umgingen, wenn sie nicht für Monumente oder Inschriften schrieben – sondern für den Moment.

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Das Projekt „Bruits de couloir“

Neu gelesen wurden diese Texte im Rahmen des Projekts „Bruits de couloir“ („Gerüchte“). Initiiert wurde es von Louis Autin und Éloïse Letellier-Taillefer von der Sorbonne sowie Marie-Adeline Le Guennec von der Université du Québec à Montréal. Partner ist der Archäologischer Park von Pompeji.

Zwei Untersuchungskampagnen in den Jahren 2022 und 2025 bildeten die Grundlage. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse im E-Journal der Ausgrabungen von Pompeji. Der Ansatz ist bewusst breit angelegt. Epigraphik trifft auf Archäologie, Philologie auf digitale Methoden. Ziel war nicht, Bekanntes neu abzuschreiben, sondern Zusammenhänge sichtbar zu machen.

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Technik ersetzt hier den Spaten

Der entscheidende Fortschritt kommt nicht aus der Erde, sondern aus der Kamera. Zum Einsatz kam unter anderem RTI – Reflectance Transformation Imaging. Dabei wird dieselbe Oberfläche viele Male fotografiert, jeweils mit Licht aus einer anderen Richtung. Aus diesen Daten berechnet eine Software eine interaktive Darstellung der Wand.

Feine Ritzungen, die im Streiflicht verschwinden, lassen sich so gezielt hervorheben. Buchstaben, die überlagert oder beschädigt sind, werden wieder lesbar. Ergänzt wird das Verfahren durch Photogrammetrie. Aus hunderten Fotos entsteht ein präzises 3D-Modell des Korridors.

Beides zusammen erlaubt etwas Neues: Text, Bild und räumliche Lage lassen sich gleichzeitig analysieren. Die Forschenden arbeiteten mit einem virtuellen Raster. Jede Inschrift bekam Koordinaten, Themenzuordnungen und Metadaten. So wird sichtbar, wo sich Inhalte ballen – und wo Menschen offenbar aufeinander reagierten.

Die Wand als sozialer Raum

Das verändert den Blick auf die Graffiti grundlegend. Sie erscheinen nicht mehr als zufällige Kritzeleien. Vielmehr zeigen sich Muster. Liebesbotschaften häufen sich in bestimmten Abschnitten. Derbe Kommentare in anderen. Manche Namen tauchen mehrfach auf. Offenbar las man, was andere schrieben – und antwortete.

Der Korridor war damit mehr als ein Durchgang. Er funktionierte als sozialer Raum. Als Ort der Kommunikation. Vergleichbar mit heutigen Pinnwänden, Kommentarspalten oder Chatverläufen. Wer hier schrieb, wusste: Jemand wird es lesen.

Digitale Plattform statt Karteikasten

Das Projekt endet nicht mit der Dokumentation. Geplant ist eine digitale 3D-Plattform, die Photogrammetrie, RTI-Daten und epigraphische Informationen zusammenführt. Forschende sollen Inschriften gemeinsam betrachten, vergleichen und kommentieren können. Auch für die Öffentlichkeit eröffnen sich neue Zugänge.

„Die Technologie ist der Schlüssel, der neues Licht auf die antike Welt wirft, und wir müssen die Öffentlichkeit über diese neuen Entdeckungen informieren“, sagt Gabriel Zuchtriegel, Direktor des Parks von Pompeji. „Wir arbeiten an einem Projekt zum Schutz und besseren Verständnis der Graffiti, von denen es in ganz Pompeji über 10.000 gibt – ein immenses Erbe. Nur der Einsatz von Technologie kann die Zukunft all dieser Erinnerungen an das Leben in Pompeji sichern.“

Erhalten durch Entlasten

Mit der neuen Lesbarkeit wächst auch der Schutzbedarf. Die Inschriften liegen in empfindlichem Putz. Sonne, Feuchte und Temperaturschwankungen setzen ihm zu. Deshalb plant der Archäologische Park ein Dachsystem für den Korridor. Es soll die Wand schützen und zugleich Führungen ermöglichen, die stärker auf digitale Visualisierungen setzen.

Der Ansatz ist bekannt: Nicht alles muss dauerhaft sichtbar bleiben. Digitale Reproduktionen übernehmen einen Teil der Vermittlung. Das Original wird geschont. Für Ingenieur*innen ist dieses Prinzip Alltag – hier findet es Anwendung im Kulturerbe.

Warum das über Pompeji hinaus wichtig ist

Der Fund ist kein einzelner Glückstreffer. Er zeigt, wie sich Archäologie verändert. Alte Bestände gewinnen durch neue Technik an Wert. Methoden aus der industriellen Bildverarbeitung, der 3D-Messtechnik und der Datenanalyse eröffnen neue Fragen – ohne neue Grabungen.

Pompeji dient dabei als Testfeld. Doch das Prinzip ist übertragbar. Auf andere Städte. Auf Inschriften, die man für zerstört hielt. Auf Oberflächen, die lange als leer galten. Die Wand im Theaterviertel war nie stumm. Man hatte nur nicht die richtigen Mittel, ihr zuzuhören.

Hier geht es zur Originalpublikation (PDF)

 



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