DVGW: Branche warnt vor Panikmache angesichts halbeerer Gasspeicher
Deutschlands Gasspeicher sind zu 58,3 Prozent gefüllt. Der Verband DVGW fordert mehr Importe für eine resiliente Gasversorgung.
Technische Anlagen zur Speicherung von Erdgas in unterirdischen Kavernen stehen auf dem Gelände der Speicherstation Etzel ESE. Solche Erdgasspeicher dienen dazu, Erdgas zwischenzuspeichern und Schwankungen bei Verbrauch, Importen und Entwicklungen auf den internationalen Energiemärkten auszugleichen.
Foto: picture alliance/dpa | Hauke-Christian Dittrich
Morgen, am 1. Oktober, beginnt sie: die Heizsaison. Und? Sind die deutschen Erdgasspeichern voll genug, damit wir alle den kommenden Winter überstehen? „Wir haben derzeit einen Speicherstand von 58,3 %, also knapp unter 60 %“, weiß Gerald Linke, der Vorstandsvorsitzende des deutschen Verbandes des Gas- und Wasserfaches (DVGW). Linke sprach anlässlich des jährlichen Kongresses am heutigen 30. September in Bonn, vor der Presse.
Niedrige Speicherstände, so Linke, bedeuteten noch keinen Gasmangel. Die 58,3 %, sie würden wohl „bilanziell“ reichen, bei einem normalen Winter mit ein paar kalten Tagen. Eine wirklich resiliente Gasversorgung mit ausreichend Puffer sähe aber anders aus. Und erforderten Handeln und nicht Abwarten, macht Linke deutlich. Was also bräuchte es, um Deutschland resilienter aufzustellen, nicht nur für diesen Winter?
Wie uns die Gasvorräte tragen und wann ein Mangel gefährlich wird
80 % – so hoch muss laut Energiewirtschaftsgesetz zum 1. Oktober eines jeden Jahres die deutschen Gasspeicher sein. Das gilt für die Porenspeicher. 45 % sind es für die wesentlich flexibler befüllbaren Kavernenspeicher, wie der im ostfriesischen Etzel (s. Aufmacherbild). Als gewichteter Gesamtfüllstand gilt in der Branche ein Füllstand von rund 70 %. Von dem sind wir also noch gute 10 % entfernt.
Bliebe es beim jetzigen Füllstand, dann wäre diese Mangellage bei einem „normalen“ Winter mit einzelnen kalten Tagen verkraftbar. „Dann würden aber die Speicher im Frühjahr leer sein“, erklärt Linke. Halbleere Gasspeicher, das hatte der DVGW schon im Winter 2025 klargestellt, führten nicht automatisch in eine Gaskrise. Aber: Das Gesetz fordert, um Deutschland abzusichern für härtere Wetterlagen und andere Risiken, dass die Gasspeicher im Februar des kommenden Jahres immer noch zu 31 % gefüllt sein sollten. Davon könnte Stand heute keine Rede mehr sein. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir das unterschreiten, wenn wir jetzt nicht stärker importieren“, so Linke.
Der starre Blick auf den Gasspeicherfüllstand trägt aber nicht, um die Resilienz unserer Gasversorgung zu beurteilen. „Je niedriger die Speicherstände sind, desto wichtiger werden stabile Importe, ausreichende Transportkapazitäten und die technische Ausspeicherleistungsfähigkeit der Speicher“, erklärt Linke laut DVGW-Pressemitteilung. Seine Schlussfolgerung: „Versorgungssicherheit ist deshalb keine reine Füllstandsfrage, sondern eine Systemfrage.“
Jetzt müssten die Speicher stetig weiter gefüllt werden
Also müssten die verantwortlichen Unternehmen jetzt beginnen, die Speicher kontinuierlich etwas stärker zu befüllen, erklärt der DVGW-Chef: „Dazu müssen wir nicht nur im Oktober mehr importieren, sondern über den gesamten Winter hinweg“. Linke nennt einen Durchschnittswert von 2,25 TWh pro Tag. Und um vor allem am Ende noch Reserve zu haben, müsste dieser Durchschnittswert um 10 % bis zu 20 % übertroffen werden. „Je nachdem, wann diese Erhöhung einsetzt“, so Linke.
Auch wenn die Händler die Gasspeicher erst wesentlich später beginnen würden zu befüllen: „Technisch ist das alles machbar“, versichert Linke, „aber es belastet das Netz und es muss dann, je kürzer die Zeitspanne ist, mit höheren Lasten auf dem Transport realisiert werden“.
Abheben des Gaspreises nicht in Sicht
Linke schaut vielmehr darauf, dass ein spätes Einsteigen der Gashändler und ein Kauf um jeden Preis, die falschen Signale setzen würde. „Wir dürfen uns jetzt keinen Preiswettkampf mit den Asiaten leisten. Deshalb ist ein moderater Anstieg und eine Vergleichmäßigung der Importe die beste Strategie“, so Linke. Das würde kurzfristige Beschaffungsspitzen vermeiden.
Beim Kunden würden im Gassektor Spotmarktspitzen ohnehin nicht so ohne Weiteres ungefiltert ankommen – anders als im Bereich Öl oder Strom. Die Erdgaspreise entstünden nämlich immer aus einem Portfolio von Pipelinegas, den Lieferverträgen, und obendrauf den teureren Spotmarktscheiben.
Einzelpreiseffekte würden durch das Portfolio und die Menge weggedämpft und dadurch, dass es eine Zeit brauche, bis der Händler höhere Beschaffungskosten an den Verbraucher durchreichen dürfe. „Derzeit sehen wir daher nicht, dass die Erdgaspreise ähnlich wie beim Öl abheben, im Gegenteil“, so Linke.
Was bestimmt, wie viel uns die Versorgungssicherheit im Gasbereich kostet
Derzeit stehe die Energieversorgung erneut im Mittelpunkt des politischen Handelns und der öffentlichen Diskussion, so Jörg Höhler, der Präsident des DVGW anlässlich der Eröffnung des Kongresses in Bonn. Unternehmen wie Verbraucher spürten die Folgen der hohen Energiekosten permanent, täglich und deutlich. Höhler verknüpfte das direkt mit dem Sicherheitsgefühl, das nötig sei, um zu investieren. Kommunen, Netzbetreibern, Investoren stünden just in dieser Lage vor der anspruchsvollen Aufgabe, die notwendige Infrastruktur unter schwierigen Rahmenbedingungen auszubauen. Das schaffe Unsicherheit.
Insofern ist die stetige Debatte um den Füllstand der Gasspeicher Ausdruck der Unsicherheit. Technisch mögen die jetzigen 58,3 % Füllstand völlig in Ordnung sein, aber wenn eine Branche gesetzliche Vorgaben einfach ignoriert, erzeugt das Unsicherheit. „Der Krieg im Nahen Osten, die Störungen der Schifffahrt durch die Straße von Hormus und der fortdauernde russische Angriffskrieg gegen die Ukraine belasten die internationalen Energiemärkte“, so Linke.
Hanna Schumacher, Unterabteilungsleiterin für Wasserstoff- und Gasinfrastruktur im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, dämpfte in Bonn auch die Erwartung, nur mit Vorräten lasse sich jedes Preisrisiko abfangen. Erdgasspeicher und Erdölbevorratung schafften dennoch Sicherheit, auch wenn geopolitische Krisen dennoch größere Preisschocks auslösten. Ein gefüllter Speicher garantiert also noch keine preiswerte Energie – aber die nötige Flexibilität, um rein versorgungstechnisch reagieren zu können, wie Linke betonte.
Warum der Umbau der Industrie am Energiesystem hängt
Schumacher weitete den Blick auf die volkswirtschaftlcihe Resilienzdebatte. Es gebe nicht nur eine Energiewende, sondern: „Wir sehen gleichzeitig, dass in der Industrie sich gerade sehr viel verändert.“ Das habe einerseits mit den Veränderungen in der Energiepolitik zu tun, andererseits aber auch daran, dass es großer Veränderungen in der gesamten Welt gebebei der Frage: Wie funktioniert eigentlich industrielle Produktion? Schumacher betonte, Industrie- und Energietransformation hingen zusammen, daher Egelte es das Energiesystem so aufzustellen, dass es die Transformation der Industrie befördere und nicht hemme.
Schumacher verweist auf die Importabhängigkeit der deutschen Industrie und der Energiewirtschaft durch von fossilen Energieträgern. Der hohe fossile Anteil in Wärmeversorgung und Industrie erschwere auch das Erreichen der Klimaziele. Prozesswärme macht 2/3 des Energieverbrauchs der Industrie aus. Und nur 7 % davon stammen aus erneuerbaren Energien, vor allem aus den Bereichen Reststoffe und Biomasse.
Resilienz hat einen Kassenzettel
Mehr Resilienz im Gasbereich, dafür sorgen laut DVGW auch die LNG-Terminals, die seit dem Beginn des Ukrainekrieges in Deutschland gebaut wurden. „Nach Einschätzung des DVGW kann Deutschland einen erheblichen Teil seines Gasbedarfs stetig und mit kleinen Erfolgen besser über diversifizierte Importwege decken“, so der Verband. Es gibt da eine ganze Reihe von Erdgasbezugsquellen, die jetzt und in Zukunft für mehr Risikoverteilung im System sorgen sollen:
- Mehr Importe seitens europäischer Partner, wie Norwegen. Das Land begreift sich inzwischen auch als Back-up für die europäische Gasversorgung.
- Die LNG-Gasversorgung läuft zwar heute vor allem über die USA. In Zukunft aber sollen Kanada, Oman, Algerien, Quatar, die Vereinigten Arabischen Emirate und Argentinien hinzukommen.
- Zusätzlich erweitert der langfristige Liefervertrag zwischen SEFE und SOCAR den Zugang zu Pipelinegas aus Aserbaidschan über den Südlichen Gaskorridor und das europäische Gasnetz und diversifiziert damit das Bezugsportfolio.
Linke forderte, dass sich die Gesellschaft damit beschäftigen müsse, was sie und wie sie mehr Resilienz bezahlen wolle. „Resilienz“, so Linke, „steckt hinter der Debatte um die Erdgasspeicher. Resilienz heißt Absicherung und die Fähigkeit, sich in kurzer Zeit auch wieder zu erholen“. Aber am Ende koste resilienz Geld: „Daher müssen wir bei der Resilienz in einen gesellschaftlichen Dialog darüber gehen, was uns die Versorgungssicherheit – nicht nur beim Erdgas, sondern im gesamten Energiesystem – wert ist“.
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