
Eine aktuelle Analyse von McKinsey zeigt ein widersprüchliches Bild auf dem europäischen Arbeitsmarkt: Obwohl immer mehr Frauen einen Abschluss in MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) erwerben, spiegelt sich dieser Fortschritt kaum in der Beschäftigung wider. Im Gegenteil: der Anteil von Frauen in Tech-Berufen ist in den vergangenen drei Jahren sogar von 22 % auf 19 % gesunken. Gleichzeitig nimmt die Zahl der Einstiegspositionen in vielen Tech-Bereichen ab, was den Zugang zu diesen Berufen zusätzlich erschwert.
Besonders deutlich wird die Ungleichverteilung bei Zukunftsrollen rund um Künstliche Intelligenz, Daten und Analytics. Von der wachsenden Nachfrage in diesen Bereichen profitieren bislang vor allem Männer. Auch in Führungspositionen der Technologiebranche sind Frauen weiterhin stark unterrepräsentiert: Nur 13 % der Managementrollen im Tech-Sektor sind mit Frauen besetzt, auf Senior-Ebene liegt der Anteil sogar bei lediglich 8 %.
Der Bericht zeigt jedoch auch ungenutztes Potenzial. Durch gezielte Förderprogramme und bessere Karrierepfade könnten europaweit bis zu 200.000 Frauen mit MINT-Hintergrund zusätzlich für Tech-Jobs aktiviert werden. Laut Studie verändert künstliche Intelligenz derzeit Wertschöpfung und Wettbewerb in Europa schneller, als viele Unternehmen ihre Talentstrategien anpassen. Um dem Fachkräftemangel in der Tech-Branche zu begegnen, wird es daher entscheidend sein, mehr Frauen für IT-, KI- und Datenberufe zu gewinnen und langfristig zu halten.
„Europa steht vor einer strategischen Weggabelung: KI kann zum Wendepunkt werden, um Frauen gezielt in zukunftskritische Tech- und KI-Rollen zu entwickeln, wenn Unternehmen Qualifizierung, Karrierepfade und Führung entsprechend weiterentwickeln“, kommentiert Henning Soller, Co-Autor und Partner aus dem Frankfurter McKinsey-Büro.
Datengrundlage des Reports: Millionen Profile und europaweite Analysen
Für den Report haben die Autor:innen aktuelle Daten zur Tech-Arbeitswelt und Bildungssituation in den EU-27 ausgewertet. Zusätzlich analysierten sie umfangreiche Datensätze aus LinkedIn: Insgesamt wurden rund vier Millionen Profile aus mehr als 500 Unternehmen in 37 Ländern sowie verschiedene Tech-Jobkategorien untersucht.
Ergänzt wurde diese Analyse durch Workforce-Daten der Plattformen Getro und Findem, bei denen über 1,5 Millionen Profile gescannt wurden. Darüber hinaus flossen Interviews mit weiblichen Tech-Führungskräften aus ganz Europa in die Studie ein, um neben den quantitativen Daten auch persönliche Erfahrungen und Perspektiven aus der Branche zu berücksichtigen.
Drei strukturelle Hürden im Talent- und Karrieresystem der Tech-Branche
Der Report identifiziert drei zentrale strukturelle Entwicklungen, die erklären, warum sich die Geschlechterlücke im Tech-Sektor trotz steigender Qualifikation von Frauen nicht automatisch schließt.
- Der Berufseinstieg bleibt eine kritische Hürde
- Weniger Einstiegsjobs in wichtigen Tech-Bereichen
- Die Karriereleiter wird nach oben hin immer schmaler
„KI-Wertschöpfung entsteht nicht allein durch Technologie, sondern durch Menschen in Schlüsselrollen. Unternehmen, die Frauen systematisch in wachsende Tech- und KI-Funktionen entwickeln, stärken ihre Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig“, sagt Melanie Krawina, Co-Autorin und Associate Partnerin aus dem Wiener McKinsey-Büro.
Strukturelle Ursachen: Konzentration auf kleinere, weniger einflussreiche Rollen
- Hoher Frauenanteil in bestimmten Bereichen: Frauen sind im Tech-Sektor vergleichsweise häufig in Produktmanagement (39 %) und Design (53 %) vertreten.
- Geringerer Einfluss dieser Rollen: Beide Bereiche machen jedoch nur einen kleinen Teil der gesamten Tech-Belegschaft aus – etwa 10 % im Produktmanagement und rund 5 % im Design – und führen seltener zu klassischen C-Level-Positionen.
- Sinkende Nachfrage: Gleichzeitig geht die Gesamtnachfrage nach Produktrollen (-2 %) und Designrollen (-3 %) zurück. Besonders stark betroffen sind Einstiegspositionen mit Rückgängen von -17 % im Produktmanagement und -11 % im Design.
Handlungsagenda für Unternehmen: Drei zentrale Hebel für mehr Frauen in Tech und KI
Um das Wachstum rund um Künstliche Intelligenz und datengetriebene Geschäftsmodelle nachhaltig zu skalieren, müssen Unternehmen laut Report an drei strukturellen Stellschrauben gleichzeitig ansetzen.
- Reculture – Führung stärker in die Verantwortung nehmen:
- Realign Skills – KI- und Datenkompetenzen als Basiskompetenz etablieren:
- Reimagine Operations – Karrierewege transparenter und skalierbarer gestalten:






























