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Gewitter auf dem Zeltplatz: Die Physik hinter gefährlichen Schrittspannungen

20. Juni 2026

Zelte am Rande eines Sportplatzes in Rastatt
Zelte am Rande eines Sportplatzes in Rastatt: Bei einem Gewitter schlug ein Blitz in unmittelbarer Nähe des Veranstaltungsgeländes ein. Neun Menschen wurden verletzt, sechs von ihnen mussten zur Behandlung ins Krankenhaus gebracht werden. Foto: picture alliance/dpa/EinsatzReport24 | Henry Mungenast
Blitze treffen nicht nur direkt. Warum Schrittspannungen auf Zeltplätzen und Festivals zur Gefahr werden und wie moderne Blitzwarnsysteme schützen sollen.
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Als am 19. Juni 2026 bei einem Handballturnier im baden-württembergischen Rastatt ein Blitz in unmittelbarer Nähe eines Zeltlagers einschlug, wurden neun Menschen verletzt, einer davon schwer. Dieser Vorfall rückt ein physikalisches Risiko in den Fokus, das im Freien häufig unterschätzt wird: Die Gefährdung durch indirekte Blitzeinwirkungen. Ein Großteil aller Blitzverletzungen entsteht nicht durch den direkten Treffer, sondern durch die elektrische Ausbreitung im Erdreich – die sogenannte Schrittspannung.

Inhaltsverzeichnis

Ein Blitz endet nicht mit dem Einschlag

Ein Blitz ist eine gewaltige elektrische Entladung zwischen unterschiedlich geladenen Bereichen einer Gewitterwolke oder zwischen Wolke und Erdboden. Dabei fließen für wenige Millisekunden Ströme von mehreren zehntausend Ampere. Im Blitzkanal können kurzzeitig Temperaturen von rund 30.000 °C entstehen.

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Trifft die Entladung den Boden, wird die elektrische Energie nicht schlagartig „abgeschaltet“. Stattdessen verteilt sich der Strom im Erdreich und sucht sich verschiedene Wege, um abzufließen. Genau dabei entstehen elektrische Spannungsunterschiede, die für Menschen gefährlich werden können.

Wie stark diese Spannungen ausfallen, hängt von zahlreichen Faktoren ab. Dazu gehören die Stromstärke des Blitzes, die Bodenbeschaffenheit, die Feuchtigkeit des Untergrunds und die Entfernung zum Einschlagspunkt.

Wenn der Boden unter Spannung steht

Nach einem Blitzeinschlag breitet sich der Strom radial im Boden aus. Direkt am Einschlagspunkt sind die elektrischen Potentiale am höchsten. Mit zunehmender Entfernung sinken sie.

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Dadurch entsteht ein Spannungsgefälle. Zwei Punkte auf dem Boden können unterschiedliche elektrische Potentiale besitzen, obwohl sie nur wenige Meter voneinander entfernt liegen.

Steht eine Person in diesem Bereich, befinden sich ihre Füße möglicherweise auf unterschiedlichen Potentialen. Zwischen den Beinen entsteht dann eine Spannung, durch die Strom durch den Körper fließen kann. Dieser Effekt wird als Schrittspannung bezeichnet.

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Je größer der Abstand zwischen den Füßen ist, desto größer kann auch die Potentialdifferenz werden. Deshalb empfehlen Blitzschutzfachleute, bei unmittelbarer Gewittergefahr die Füße möglichst eng zusammenzustellen und sich mit geschlossenen Beinen klein zu machen.

Warum Tiere besonders häufig betroffen sind

Die Wirkung von Schrittspannungen lässt sich bei Nutztieren besonders gut beobachten. Nach Blitzeinschlägen sterben immer wieder Kühe oder Pferde auf Weiden, obwohl kein Tier direkt getroffen wurde.

Der Grund liegt in ihrer Anatomie. Zwischen Vorder- und Hinterbeinen besteht ein deutlich größerer Abstand als zwischen den Füßen eines Menschen. Dadurch können wesentlich höhere Spannungsunterschiede über den Körper wirken.

Der gleiche physikalische Mechanismus kann grundsätzlich auch Menschen betreffen, insbesondere auf offenen Flächen in unmittelbarer Nähe eines Einschlags.

Ein Campingzelt bietet kaum Schutz

Viele Menschen verbinden ein Zelt mit einem geschützten Rückzugsort. Bei Gewittern trifft das jedoch nicht zu. Normale Campingzelte bestehen aus Stoff oder Kunststoff und besitzen weder eine leitfähige Hülle noch eine Erdung. Sie können einen Blitzstrom daher nicht kontrolliert ableiten.

Anders verhält es sich bei einem geschlossenen Fahrzeug. Dessen metallische Karosserie wirkt wie ein Faradayscher Käfig. Wird das Fahrzeug von einem Blitz getroffen, fließt der Strom überwiegend über die Außenhaut ab und gelangt von dort in den Boden.

Ein Campingzelt verfügt über keinen vergleichbaren Schutzmechanismus. Wer sich während eines Gewitters darin aufhält, ist gegenüber den Auswirkungen eines nahen Einschlags weitgehend ungeschützt.

Nicht nur Schrittspannungen können gefährlich werden

Schrittspannungen sind nur eine von mehreren Gefahren, die nach einem Blitzeinschlag auftreten können. Eine wichtige Rolle spielen außerdem sogenannte Berührungsspannungen. Sie entstehen, wenn eine Person ein leitfähiges Objekt berührt, das durch den Blitzstrom unter Spannung geraten ist.

Auf Zeltplätzen oder Veranstaltungsflächen können dies beispielsweise Metallmasten, Geländer, Absperrungen oder technische Anlagen sein.

Hinzu kommen Seitenblitze. Dabei springt ein Teil der Entladung von einem bereits getroffenen Objekt auf eine Person oder ein benachbartes Objekt über. Besonders riskant sind deshalb einzelne Bäume, Flutlichtmasten oder andere hohe Strukturen auf offenen Flächen.

Warum Festivals und Zeltlager besonders kritisch sind

Große Veranstaltungen im Freien vereinen mehrere Risikofaktoren. Viele Menschen halten sich auf engem Raum auf. Gleichzeitig befinden sie sich oft auf offenen Wiesen oder Sportplätzen, die nur wenige natürliche Schutzmöglichkeiten bieten. Metallkonstruktionen, feuchter Boden und begrenzte Ausweichmöglichkeiten können die Situation zusätzlich verschärfen.

Deshalb spielen Wetterüberwachung und Evakuierungskonzepte bei Großveranstaltungen eine zentrale Rolle. Veranstalter müssen festlegen, wann Veranstaltungen unterbrochen werden und welche Schutzräume im Ernstfall zur Verfügung stehen.

Die Ereignisse in Rastatt zeigen, wie schnell eine Wetterlage umschlagen kann und wie schwierig es sein kann, viele Menschen rechtzeitig in Sicherheit zu bringen.

Moderne Technik erkennt Gewitter frühzeitig

Heute lassen sich Gewitter deutlich präziser überwachen als noch vor wenigen Jahrzehnten. Blitzortungssysteme registrieren die elektromagnetischen Signale von Entladungen und bestimmen deren Position innerhalb weniger Sekunden. Ergänzt werden diese Daten durch Wetterradare, die Gewitterzellen, Niederschlagsintensitäten und Zugrichtungen erfassen.

Auf dieser Grundlage können Wetterdienste und Veranstalter frühzeitig Warnungen ausgeben. Trotzdem bleibt Zeit ein kritischer Faktor. Zwischen einer ersten Warnung und dem Eintreffen eines Gewitters liegen mitunter nur wenige Minuten.

Was bei Gewitter im Freien hilft

Der sicherste Aufenthaltsort bei Gewitter ist ein Gebäude oder ein geschlossenes Fahrzeug.

Wer sich im Freien befindet und keinen Schutz erreichen kann, sollte einige Grundregeln beachten:

  • Abstand zu einzelnen Bäumen, Masten und Metallkonstruktionen halten.
  • Keine großen Schritte machen.
  • Füße möglichst eng zusammenstellen.
  • Sich klein machen und den Bodenkontakt minimieren.
  • Abstand zu anderen Personen halten.

Nicht empfohlen wird es, sich flach auf den Boden zu legen. Dadurch vergrößert sich die Kontaktfläche zum Erdreich erheblich.

Als Orientierung dient häufig die sogenannte 30/30-Regel. Liegen zwischen Blitz und Donner weniger als 30 Sekunden, sollte sofort Schutz gesucht werden. Erst wenn nach dem letzten Donner 30 Minuten vergangen sind, gilt die unmittelbare Gefahr als deutlich reduziert.

Die eigentliche Gefahr liegt oft im Umfeld des Einschlags

Der Vorfall in Rastatt macht deutlich, dass die Gefährdung durch Blitze weit über den eigentlichen Einschlagspunkt hinausreichen kann. Sobald die elektrische Energie in den Boden eingeleitet wird, entstehen Spannungsfelder, die Menschen in der Umgebung gefährden können.

Schrittspannungen, Berührungsspannungen und Seitenblitze gehören deshalb zu den wichtigsten Ursachen von Blitzverletzungen im Freien. Gerade auf Zeltplätzen, Festivals oder Sportveranstaltungen können sie mehrere Personen gleichzeitig betreffen.

Wer die zugrunde liegende Physik versteht, erkennt auch, warum Wetterwarnungen, Schutzräume und klare Sicherheitskonzepte bei Gewittern keine Vorsichtsmaßnahme aus übertriebener Vorsicht sind, sondern eine technische Notwendigkeit.



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