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Länger arbeitslos, weniger Chancen? Eine Zahl überrascht

02. Juli 2026

Ein Mann schaut nach Jobangeboten bei der Arbeitsagentur
Mit jeder Woche ohne Job sinken die Chancen auf den Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt. Foto: picture alliance / dpa Themendienst | Markus Scholz
Langzeitarbeitslose werden seltener eingeladen. Doch wer es ins Gespräch schafft, hat überraschend gute Chancen auf ein Angebot.
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Warum sinken die Chancen auf einen Job mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit so stark? Eine aktuelle Studie aus der Schweiz zeigt: Der Rückgang liegt nicht nur daran, dass Menschen mit ohnehin schlechteren Aussichten länger arbeitslos bleiben. Ein großer Teil entsteht während der Arbeitslosigkeit selbst – durch Verhaltensänderungen auf beiden Seiten des Arbeitsmarkts.

Die Forschenden haben dafür rund 600.000 Bewerbungen von etwa 15.000 Arbeitslosen in der Schweiz ausgewertet. Das Ergebnis: Mehr als die Hälfte des Rückgangs der Jobchancen lässt sich auf sogenannte „Duration Dependence“ zurückführen. Gemeint ist damit, dass sich die Chancen im Verlauf der Arbeitslosigkeit verändern, weil Bewerber und Arbeitgeber anders reagieren.

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„Da Personaler zögern, Langzeitarbeitslose zu einem Vorstellungsgespräch einzuladen, reagieren die Arbeitnehmer nach und nach mit weniger Bewerbungen – wodurch ein sich selbst verstärkender Kreislauf der Entmutigung entsteht“, sagt Josef Zweimüller, Projektleiter bei RFBerlin und Professor an der Universität Zürich.

Jobchancen sinken mit der Dauer der Arbeitslosigkeit deutlich

Die Wahrscheinlichkeit, eine Stelle zu finden, fällt laut Studie von rund 7 % pro Monat zu Beginn der Arbeitslosigkeit auf etwa 4,5 % nach einem Jahr. Parallel dazu nimmt die Zahl der Bewerbungen ab: Nach zwölf Monaten schicken Arbeitssuchende im Schnitt nur noch 8 statt 11 Bewerbungen pro Monat.

Auch die Einladung zu Vorstellungsgesprächen wird seltener. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Bewerbung zu einem Interview führt, sinkt im Verlauf der Arbeitslosigkeit von etwa 5 % auf 3,5 %.

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Lesen Sie auch: Vom Jobabbau zur Jobchance: Wie Arbeitsmarktdrehscheiben den Wandel steuern

Eine Zahl überrascht: Nach dem Interview steigen die Chancen

Trotz der schlechteren Ausgangslage zeigt sich ein auffälliger Befund: Wenn es zu einem Vorstellungsgespräch kommt, steigen die Chancen auf ein Jobangebot. Die Wahrscheinlichkeit erhöht sich von rund 20 % zu Beginn der Arbeitslosigkeit auf über 25 % nach etwa einem Jahr.

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Das bedeutet nicht, dass Langzeitarbeitslose grundsätzlich bessere Chancen haben. Es zeigt aber: Wer trotz längerer Arbeitslosigkeit zu einem Gespräch eingeladen wird, wird offenbar genauer ausgewählt und passt häufig besser auf die jeweilige Stelle.

Mehr als die Hälfte des Rückgangs entsteht während der Arbeitslosigkeit

Die Studie zeigt unterscheidet zwischen zwei Effekten. Ein Teil des Rückgangs erklärt sich durch die Zusammensetzung der Gruppe: Personen mit schlechteren Aussichten bleiben im Durchschnitt länger arbeitslos.

Der größere Teil entsteht jedoch laut Modellrechnung während der Arbeitslosigkeit selbst. Entscheidend ist dabei der Rückgang der Bewerbungsaktivität. Wenn die Aussicht auf Einladungen sinkt, schreiben Arbeitssuchende weniger Bewerbungen. Dadurch verringern sich wiederum ihre Chancen, eine Stelle zu finden.

Gleichzeitig nutzen Arbeitgeber die Dauer der Arbeitslosigkeit häufig als negatives Signal. Wer länger ohne Job ist, wird seltener eingeladen. Damit verstärkt sich der Effekt von beiden Seiten.

Informationsproblem am Arbeitsmarkt

Ein zentraler Mechanismus ist die Informationslücke zwischen Arbeitgebern und Bewerbern. Unternehmen haben häufig nur begrenzte Informationen darüber, warum jemand länger arbeitslos ist. Deshalb kann die Dauer der Arbeitslosigkeit als Hinweis auf geringere Produktivität oder schlechtere Passung interpretiert werden.

Ökonomen sprechen hier von statistischer Diskriminierung. Arbeitgeber bewerten nicht nur die konkrete Bewerbung, sondern ziehen aus der Dauer der Arbeitslosigkeit zusätzliche Rückschlüsse. Das kann problematisch sein, weil die Dauer allein wenig darüber sagt, ob jemand fachlich geeignet ist.

Aderonke Osikominu, RFBerlin-Fellow und Professorin an der Universität Hohenheim, empfiehlt deshalb zusätzliche Unterstützung bei der Jobsuche: „Der übliche politische Ansatz, der Umschulungen für Arbeitnehmer fördert, reicht nicht aus. Zusätzliche Hilfe bei der Arbeitssuche könnte bessere Vermittlungsergebnisse bringen.“

Informationsproblem am Arbeitsmarkt

Die Studie legt nahe, dass Umschulungen und Weiterbildung allein nicht ausreichen. Entscheidend ist auch, wie Bewerber schneller passende Stellen finden und wie Arbeitgeber bessere Informationen über ihre tatsächlichen Fähigkeiten erhalten.

Gezielte Unterstützung bei Bewerbungen, realistische Stellenprofile, bessere Vermittlung und passgenauere Vorschläge könnten helfen, den Kreislauf zu durchbrechen. Wichtig wäre vor allem, früh einzugreifen – bevor sinkende Einladungschancen zu weniger Bewerbungen und weiterer Entmutigung führen.

Längere Arbeitslosigkeit bleibt damit nicht nur ein individuelles Problem. Sie ist auch ein Matching-Problem am Arbeitsmarkt. Je länger eine Jobsuche dauert, desto stärker können Signale, Erwartungen und Reaktionen beider Seiten die Chancen zusätzlich verschlechtern.

Lesen Sie auch:Arbeitslos, aber gefragt: Die paradoxe Lage der Ingenieurberufe



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