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Zürich und Graz: Diese Erfindungen gehen Probleme an, die die Medizintechnik übersieht

20. September 2026

Person sitzt auf einem Bett, am Oberarm ein Glukosesensor, in den Händen ein Smartphone
Glukosesensor, Smartphone, Insulinpen: Wer mit Typ-1-Diabetes lebt, steuert seine Therapie selbst. Ein Grazer Designkonzept will Kinder Schritt für Schritt dorthin führen (Symbolbild). Foto: picture alliance / Westend61
Noch liest die Mutter den Sensor ab – ein Grazer Designkonzept will Kindern mit Diabetes die Insulintherapie Stück für Stück selbst übertragen. In Zürich soll ein Reiz am Ohr das Gehirn nach dem Schlaganfall beim Neulernen unterstützen. Beide Ideen gewinnen den James Dyson Award.
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Beim James Dyson Award 2026 gehen die nationalen Auszeichnungen in der Schweiz und in Österreich an zwei Projekte aus der Medizintechnik. In der Schweiz gewinnt SmartVNS von Max Quast von der ETH Zürich. Das System erkennt Bewegungen während der Schlaganfall-Rehabilitation und stimmt sie zeitlich auf eine nicht-invasive Stimulation des Vagusnervs ab.

In Österreich setzt sich Tower of Power von Simon Hattinger von der FH Joanneum Graz durch. Der Designentwurf verteilt Funktionen zur Steuerung einer Insulinpumpe auf mehrere Module. Kinder mit Typ-1-Diabetes sollen damit nach und nach mehr Verantwortung für ihre Therapie übernehmen können.

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Mit „CARU“, einem Notfallset für Kinder mit schwerer Malaria, wurde in der Schweiz ein weiteres Medizintechnik-Projekt als Runner-up ausgezeichnet. Alle nationalen Gewinner und Runner-ups qualifizieren sich für die internationale Runde des Wettbewerbs.

Inhaltsverzeichnis

SmartVNS verbindet Bewegungstraining und Vagusnervstimulation

SmartVNS richtet sich an Menschen mit Einschränkungen der Armfunktion nach Schlaganfällen und anderen neurologischen Verletzungen. Im Zentrum der Entwicklung steht die zeitliche Kopplung von Bewegung und Neurostimulation. Ein Sensor am Handgelenk erkennt bestimmte Bewegungen während der Rehabilitation. Darauf abgestimmt gibt der Stimulator elektrische Impulse am Ohr ab und reizt dort durch die Haut den Ohr-Ast des Vagusnervs.

Die Idee dahinter: Neuroplastische Prozesse sollen genau dann angeregt werden, wenn eine therapeutisch relevante Bewegung erfolgt. Ob sich damit die motorische Erholung klinisch relevant verbessert, ist noch nicht abschließend belegt. Eine 2026 veröffentlichte Machbarkeitsstudie untersuchte die Technik über vier Wochen und 20 Therapiesitzungen bei neun Personen mit Schlaganfall oder Rückenmarksverletzung. Geprüft wurden vor allem Bedienbarkeit, technische Zuverlässigkeit und praktische Einsetzbarkeit. Wegen der kleinen Teilnehmerzahl und der fehlenden Kontrollgruppe erlaubt die Untersuchung keine belastbare Aussage zur klinischen Wirksamkeit.

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Aufbau in weniger als zwei Minuten

Neben der Stimulation spielte bei der Entwicklung auch die einfache Handhabung des Systems eine wichtige Rolle. Nach einem Schlaganfall ist häufig eine Körperseite geschwächt. Deshalb wurde SmartVNS so ausgelegt, dass sich die Komponenten mit der weniger beeinträchtigten Hand einrichten lassen. In der Machbarkeitsstudie dauerten Aufbau und Kalibrierung im Mittel weniger als 2 min. Sieben der neun Teilnehmenden konnten die Technik selbstständig vorbereiten. Bei zwei Personen mit stärkeren beidseitigen Einschränkungen übernahmen Therapeuten diese Aufgabe.

Zur Entwicklung gehört außerdem eine Datenplattform, die Informationen aus Therapie und Alltag erfassen und eine individuellere Anpassung der Rehabilitation ermöglichen soll. Nach Angaben des Projektteams wird SmartVNS auch für Anwendungen außerhalb der Klinik weiterentwickelt und erprobt. Die bislang veröffentlichte Machbarkeitsstudie bezog sich auf den Einsatz während konventioneller Therapiesitzungen.

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Alexandra Ilina, Redakteurin bei VDI Media und Jurorin des James Dyson Award, hebt vor allem die Verbindung von Funktion und Bedienbarkeit hervor: „SmartVNS ist mir aufgefallen, weil es genau dort ansetzt, wo Menschen nach einem Schlaganfall Unterstützung brauchen: bei der Wiedererlangung ihrer Bewegungsfähigkeit. Besonders beeindruckend finde ich, dass die Stimulation exakt dann ausgelöst wird, wenn eine Bewegung erkannt wird, sodass sie sich nahtlos in die Therapie integrieren lässt.“ Gleichzeitig sei das System so gestaltet, dass Patientinnen und Patienten es einfach und eigenständig nutzen könnten.

Als Schweizer Gewinner des James Dyson Award erhält SmartVNS 5000 £. Das Projektteam will die Entwicklung weiter validieren, zusätzliche klinische Studien durchführen und medizinische Zulassungen anstreben.

Tower of Power verteilt Therapieaufgaben auf Module

Beim österreichischen Sieger Tower of Power steht weniger die Therapie selbst als deren Bedienung im Vordergrund. Tower of Power soll Kindern mit Typ-1-Diabetes helfen, schrittweise Verantwortung für die eigene Insulintherapie zu übernehmen.

Simon Hattinger entwickelte das Medizintechnik-Konzept an der FH Joanneum Graz im Rahmen seiner Bachelorarbeit. Statt alle Funktionen einer Insulinpumpe in einem Gerät oder einer Smartphone-Oberfläche zu bündeln, verteilt sein Entwurf sie auf einzelne physische Module. Mit zunehmendem Alter und damit verbundenem, besserem Verständnis der Kinder sollen weitere Funktionen hinzukommen.

Das erste Modul ist für Kinder ab etwa drei Jahren gedacht. Es soll zunächst helfen, das eigene Befinden mit dem gemessenen Blutzuckerwert in Verbindung zu bringen, ohne dass das Kind bereits selbst in die Therapie eingreift. Spätere Module erweitern die Möglichkeiten und übertragen nach und nach weitere Aufgaben.

Aus dem Designentwurf soll ein Medizinprodukt werden

Ergänzt wird das Konzept durch eine stationäre Basisstation. Vorgesehen sind unter anderem Ladefunktionen, Antworten auf Fragen sowie Empfehlungen und wöchentliche Zusammenfassungen für die Familie.

Tower of Power ist bislang kein klinisch erprobtes Medizinprodukt, sondern ein Designkonzept. Hattinger möchte es Herstellern von Insulinpumpen vorstellen. Technische Details, Nutzertests und eine mögliche Weiterentwicklung könnten dann gemeinsam mit Partnern erfolgen. Für den österreichischen Sieg erhält das Projekt ebenfalls 5.000 £.

Malaria: „CARU“ soll die Zeit bis zur Klinik überbrücken

Mit „CARU“ gehört ein weiteres ausgezeichnetes Projekt zum Bereich Medizin und Technik. Miranda Mbetse von der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel FHNW entwickelte ein pädiatrisches Notfallset für Gesundheitshelfer, die Kinder unter fünf Jahren mit schwerer Malaria versorgen. Die Lösung soll die kritische Phase zwischen positivem Testergebnis und Ankunft im Krankenhaus überbrücken.

Ein durchgängiges Farbsystem soll helfen, Dosierungsfehler unter Zeitdruck zu vermeiden. Zum Set gehören ein gewichtskalibriertes MUAC-Band zur schnellen Beurteilung des Ernährungszustands, ein Nasenspray-Applikator, austauschbare Nasenaufsätze sowie Hilfsmittel für den Transport zur Klinik.

Internationale Entscheidung im November

SmartVNS, Tower of Power sowie die vier Runner-up-Projekte ziehen in die internationale Runde des James Dyson Award 2026 ein. Ein internationales Team aus Dyson-Ingenieuren soll am 14. Oktober 2026 die Top-20-Shortlist auswählen. Die globalen Gewinner sollen am 4. November 2026 feststehen.



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