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„Was passiert, wenn morgen keine Batterien mehr kommen?“

19. Februar 2026

Prof. Holger Kaßner, Leiter des fem Forschungsinstituts, hat eine klare Meinung zu wirtschaftlichen Abhängigkeiten und der fortschreitenden De-Industrialisierung Deutschlands.
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Wir haben uns in Europa an ein trügerisches Sicherheitsgefühl gewöhnt: dass am Ende schon jemand liefert. Energie. Batterien. Chips. Software. Sicherheit. 2026 ist das Jahr, in dem diese Annahme unbequem wird. Die zentrale Frage dieses Jahres lautet: Haben wir Schlüsselkompetenzen im Land und in Europa so organisiert, dass sie auch dann funktionieren, wenn Partnerschaften sich verändern? Denn wer elementare Technologien nicht beherrscht, verliert nicht nur Märkte – er verliert Handlungsspielraum und Unabhängigkeit.

Wir brauchen einen neuen Grundrealismus, denn wir können nicht verlässlich vorhersagen, wie stabil strategische Partnerschaften bleiben. Die Welt ordnet sich neu. Schneller, konfliktreicher und weniger berechenbar als noch vor wenigen Jahren. Es gibt Fähigkeiten, die eine Gesellschaft zum Funktionieren braucht. Diese müssen zumindest als Basis im Land oder in Europa verfügbar sein. Dazu zählen neben vielen anderen Themen auch Energie, Batterien, KI und Robotik, Kommunikation, Halbleiter, Materialforschung, Produktionstechnologien, Luft- und Raumfahrt sowie weitere sicherheitsrelevante Bereiche.

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Gerade die Energiewirtschaft zeigt, wie rasch sich Abhängigkeiten verschieben können

Gerade die Energiewirtschaft zeigt, wie rasch sich Abhängigkeiten verschieben können und wie schnell geopolitische Stabilität zur Variable wird. Die eigentliche Frage lautet daher: Können wir es uns leisten, elementare Systeme so zu organisieren, dass sie im Krisenfall nicht mehr verfügbar sind?

Autonomie entscheidet sich an der Technologie- und Fertigungsfähigkeit. Wer sie besitzt, kann Abhängigkeiten managen und Märkte dominieren. Ein Unternehmen, das all seine Produkte auf einem Setup aufbaut, das es selbst nicht mehr beherrscht, wird scheitern. Nicht einzelne Leuchtturmprojekte sichern Souveränität, sondern die Lern-, Entwicklungs- und Produktionskompetenzen dahinter – in Forschung wie in Industrie.

Diese Perspektive verändert auch den Blick auf den Standort. In vielen Unternehmen wird längst nicht mehr gefragt, ob man verlagert, sondern unter welchen Bedingungen. Abwanderung ist selten reversibel. Produktionsketten, die einmal verlagert sind, kommen nicht mit dem nächsten Förderprogramm zurück. Die Deindustrialisierung ist ein gravierender Verlust für den Wirtschaftsstandort. Genau deshalb entscheidet sich Standortpolitik nicht an Symbolprojekten, sondern an verlässlichen Rahmenbedingungen: wettbewerbsfähige Energiepreise, planbare Regulierung über Legislaturperioden hinweg, realistische Genehmigungszeiten und ein Innovationsumfeld, das Geschwindigkeit zulässt.

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Zur Standortattraktivität gehört auch, Strukturen zu hinterfragen, die sich zwar über Jahre hinweg etabliert haben, heute jedoch nicht mehr zur Dynamik des globalen Marktes passen.

Das Problem ist weniger mangelnde Exzellenz als mangelnde Reaktionsfähigkeit

Dazu zählen Forschungs- und Innovationsstrukturen. Innovationszyklen verkürzen sich dramatisch. In vielen Technologiefeldern geht es nicht mehr um Jahrzehnte, sondern um Jahre oder Monate. Forschung, Förderung und Transfer sind darauf oft nicht ausgerichtet. Das Problem ist weniger mangelnde Exzellenz als mangelnde Reaktionsfähigkeit. Wer Innovation noch in linearen Stufen denkt, verliert Tempo. Erfolgreich sind nicht die größten Einheiten, sondern die beweglichsten.

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Lesetipp: Batterieproduktion der nächsten Generation in NRW

Vor diesem Hintergrund verdient auch die Clusterlogik eine nüchterne Prüfung. Cluster können Kompetenz bündeln und Sichtbarkeit schaffen. Aber sie dürfen nicht zur Monostruktur werden. Wer alles an einem Standort konzentriert, erhöht Effizienz und Verwundbarkeit gleichermaßen. Wie klug ist es, in einer Zeit hybrider Risiken, sämtliches Know-how und Kompetenz an einer Stelle zu bündeln? Systeme, die nur an einem Punkt funktionieren, sind keine resilienten Systeme.

Monostrukturen funktionieren somit weder im Sicherheits- noch im Innovationskontext. Je schneller sich der Markt dreht, desto geringer wird die Überlebensdauer von Großstrukturen. Resilienz braucht Breite und Vielfalt. Innovation lebt von Dynamik und Konkurrenz.

Die Frage ist also: Unterstützen wir Forschung und Förderung zum Erhalt großer Einheiten – oder schaffen wir Voraussetzungen, damit möglichst agil immer wieder Neues entstehen kann?

Innovations- und Förderlogiken, die primär auf wenige große Einheiten zielen, verfehlen die industrielle Realität Deutschlands.

Das gilt besonders in einer KMU-geprägten Volkswirtschaft. Innovations- und Förderlogiken, die primär auf wenige große Einheiten zielen, verfehlen die industrielle Realität Deutschlands. Ein High-End-Cluster in der Batterieforschung operiert in anderen Dimensionen als ein Zulieferer, in der Batterieproduktion. Beide brauchen Kompetenz – aber in unterschiedlicher Form. Der Zulieferer benötigt anwendbares Know-how, kurze Wege, Unterstützung bei Adaption statt bei Vision. Er muss seine Probleme überhaupt verstehen. Wer Innovationsfähigkeit in der Breite sichern will, muss Strukturen schaffen, die nah am Bedarf arbeiten.

Lesetipp: Batteriestandorte Deutschland und Europa in Gefahr

Jedes Unternehmen und jeder Akteur ist auch selbst dazu aufgefordert, bedürfnisgerechte Strukturen aufzubauen. Die regulatorische Dimension auf EU- oder nationaler Ebene darf nicht als Ausrede dienen, um sich aus der unternehmerischen Verantwortung zu ziehen. Letztendlich ist jeder auch selbst verantwortlich. Die Hoffnung, dass andere für einen selbst sorgen und alles regeln, ist Wunschdenken.

Daraus folgen sechs Leitgedanken

Was folgt daraus? Sechs Leitgedanken sollten das Jahr prägen: Technologie- und Fertigungsfähigkeit als Kernziel definieren. Deindustrialisierung ernst nehmen, bevor sie irreversibel wird. Forschung und Transfer beschleunigen. Cluster nutzen, aber Vielfalt und Dezentralität sichern. Innovationspolitik an der KMU-Realität ausrichten. Europäisch denken – und zugleich unternehmerisch handeln.

2026 wird kein Jahr der einfachen Antworten. Aber es kann ein Jahr der klaren Entscheidungen werden: für Geschwindigkeit statt Behäbigkeit, für Breite statt Monostrukturen, für Kompetenz statt Abhängigkeit. Nicht als Abschottung, sondern als Voraussetzung für Handlungsspielräume.



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